Volltext (unformatiert)
[Deutscher Bundestag
12. Wahlperiode
Drucksache 12/1083
27.08.91
Sachgebiet 931
Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage des Abgeordneten Dr. Klaus-Dieter Feige und der Gruppe
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
— Drucksache 12/839 —
Schienenverkehrsplan der Deutschen Bundesbahn
Vorbemerkung
Der Deutschen Bundesbahn wurde mit Erlaß vom 20. Dezember
1983 der dauernde Übergang vom zwei- zum eingleisigen Betrieb
auf den Abschnitten Ottbergen—Wehrden und Lauenförde—
Northeim genehmigt. Die Realisierung dieser Maßnahme für den
Abschnitt Ottbergen—Wehrden erfolgte zum 2. Juni 1985; für den
anderen Streckenabschnitt war die Realisierung in Teilstrecken
für die Jahre 1989 bis 1992 in Abhängigkeit von notwendigen
Erneuerungsmaßnahmen an Gleisen und Bauwerken vorgesehen.
Mit Schreiben vom 10. Ap ril 1990 wurde der Deutschen
Bundesbahn nahegelegt, die Realisierung der genehmigten Maßnahme
so lange auszusetzen, bis gesicherte Ergebnisse über die
zukünftige Verkehrsentwicklung in Ost-West-Richtung vorliegen. Am
18. Oktober 1990 wurde die Deutsche Bundesbahn beauftragt, die
künftig erforderliche Zahl der Streckengleise im Hinblick auf den
Güterverkehr im Korridor Ruhrgebiet—Sachsen sowie die
Auswirkungen auf den Schienenpersonennahverkehr zu überprüfen.
Diese Untersuchungen, die im Zusammenhang mit der
Aufstellung des Gesamtdeutschen Verkehrswegeplans stehen, sind noch
nicht abgeschlossen. Die Deutsche Bundesbahn hat zugesichert,
die Realisierung der Planungen zum Übergang von zwei- auf
eingleisige Betriebsführung nicht vor Abschluß der Arbeiten zum
Gesamtdeutschen Verkehrswegeplan weiterzuverfolgen.
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministers für Verkehr vom 21. August
1991 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich — in kleinerer Schrifttype — den Fragetext.
1. Ist der Bundesregierung bekannt, aus welchen Gründen die
Deutsche Bundesbahn plant, den ca. 50 km langen und z. Z. noch
zweigleisigen Streckenabschnitt Lauenförde—Northeim im Verlauf der
kürzesten Eisenbahnverbindung zwischen dem Ruhrgebiet und
dem Industriegebiet Halle/Leipzig (Strecke 245) eingleisig zurück
-
zubauen?
Unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten muß die Deutsche
Bundesbahn zur Wahrung ihrer Chancen am Verkehrsmarkt ihre
Infrastruktur dem Bedarf anpassen. Aus bisheriger Sicht ist eine
durchgehend zweigleisige Strecke im Abschnitt Ottbergen—
Northeim überdimensioniert. Die Vorhaltung überflüssiger Anlagen
kostet unnötig Geld (s. auch Antwort zu Frage 14).
2. Ist der Bundesregierung bekannt, ob seitens der Bundesbahn
Stellungnahmen der Landesregierungen Niedersachsen, Nordrhein
Westfalen und Hessen zu diesem Vorhaben eingeholt worden sind?
Wenn ja, wird der Rückbau befürwortet oder abgelehnt?
Das Land Niedersachsen, auf dessen Gebiet der weitaus größte
Streckenteil (44 km) verläuft, wurde um Stellungnahme gebeten.
In seiner Stellungnahme wies das Land Niedersachsen seinerzeit
auf die wichtige regionale Bedeutung hin, die trotz der
Zonengrenzziehung noch bestünde und führt aus:
„Die vorgesehene Umwandlung auf eingleisigen Betrieb steht zu
dieser Zielsetzung der Raumordnung im Widerspruch. Sie kann
nur hingenommen werden, wenn sichergestellt wird, daß die jetzt
vorgesehene Reduzierung durch Abbau eines Gleises nicht als
Beginn oder Begründung für eine spätere Einstellung auch des
restlichen Betriebes angesehen wird. "
Das Land Nordrhein-Westfalen, auf dessen Gebiet lediglich 3 km
der Strecke verlaufen, hatte nicht Stellung genommen.
Das Land Hessen, von der Maßnahme nicht betroffen, wurde nach
§ 44 BbG nicht beteiligt.
3. Ist der Bundesregierung bekannt, ob diese Stellungnahmen aus der
Zeit vor der Öffnung der innerdeutschen Grenze stammen?
Die Stellungnahme des Landes Niedersachsen datiert vom 8. April
1983.
4. Ist der Bundesregierung bekannt, ob angesichts der völlig neuen
(verkehrs-)politischen Situation nach der Grenzöffnung erneut
Stellungnahmen eingeholt wurden?
Auf die Vorbemerkung wird Bezug genommen.
Die Länder werden in einem planungsbegleitenden Arbeitskreis
an der Bundesverkehrswegeplanung beteiligt. Hier hat das Land
Niedersachsen den Wunsch geäußert, in die Untersuchung des
Schienenverkehrs im Korridor Ruhr—Sachsen auch den Südharz
einzubeziehen.
5. Teilt die Bundesregierung die Auffassung, daß insbesondere in der
Relation Rhein/Ruhr—Halle/Leipzig mit einem erhöhten
Schienenverkehrsaufkommen zu rechnen ist, da es keine leistungsfähige
und direkte Straßenverbindung gibt?
Die Bundesregierung geht davon aus, daß mit der
Wiedervereinigung Deutschlands auch im Korridor Rhein/Ruhr—Leipzig/Halle
die Verkehrserwartungen zunehmen werden. Sie trägt dem
Rechnung durch den Ausbau der Eisenbahnstrecke Dortmund—Kassel
und im Maßnahmenpaket Deutsche Einheit durch den Ausbau
und die Elektrifizierung der Strecke Eichenberg—Halle. Inwieweit
zusätzliche Maßnahmen erforderlich werden können, wird zur
Zeit im Rahmen der Arbeiten für den ersten Gesamtdeutschen
Verkehrswegeplan geprüft.
6. Ist es zutreffend, daß auf der Strecke 245 jahrzehntelang — noch bis
1988 — schwere Güterzüge in der genannten Relation verkehrten
und diese Strecke somit für den Durchgangsgüterverkehr geeignet
ist?
Es ist zutreffend, daß auf der Strecke 245 bis 1988 schwere
Güterzüge in der Relation Rhein/Ruhr—Halle/Leipzig verkehrten.
Zu dieser Zeit war der Streckenabschnitt Eichenberg—
Arenshausen unterbrochen und der Streckenabschnitt Gerstungen-
Eisenach nicht mehr aufnahmefähig.
Bereits seit Jahren treten zwischen Schwarzfeld und Walkenried
in einem Bereich von rd. 200 m Länge unterirdische
Gesteinsverschiebungen auf. Diese führen zu Gleisabsenkungen, die sich im
Laufe der Zeit derart verstärkt haben, daß seit dem 2. Oktober
1990 aus Sicherheitsgründen keine Güterzüge mit hohen Achs
-
lasten über diese Strecke geleitet werden.
Untersuchungen haben ergeben, daß die grundlegende
Sanierung der Senkstelle nach Abschluß der Gebirgsbewegungen
Ausgaben von 20 bis 30 Mio. DM verursachen würde.
Die gleichen geologischen Probleme treten auf dieser Strecke im
Bereich der Deutschen Reichsbahn bei Niedersachswerfen auf.
Die Strecke 245 ist daher derzeit nicht für einen freizügigen
Verkehr mit Durchgangsgüterzügen geeignet.
7. Plant die Bundesregierung für einen späteren Zeitpunkt den
durchgehenden zweigleisigen Ausbau und die Elektrifizierung der
Strecke 245, wie in Pressemeldungen des
Bundesverkehrsministeriums in der Zeitschrift „Schiene", Heft 2/90, S. 44/45, angekündigt
wurde?
8. Wenn ja, warum hat die Deutsche Bundesbahn dann nichts unter
nommen, um diese Strecke weiterhin zweigleisig zu betreiben?
Auf die Vorbemerkung und die Antwort zu Frage 5 wird
verwiesen.
9. Ist bei künftigen zusätzlichen Güterzugläufen zwischen dem
Ruhrgebiet und dem südlichen Teil der ehemaligen DDR nicht die
Strecke 245 zu bevorzugen, weil
— bei einer Fortsetzung des zweigleisigen Bet riebs wegen der
noch vorhandenen Kapazitätsreserven eine freizügige, d. h. den
Erfordernissen des Marktes und den Wünschen der Kunden
entsprechende Fahrplangestaltung möglich ist,
— der heute schon stark frequentie rte Eisenbahnknoten Kassel,
dessen Belastung durch den ICE-Verkehr ab Juni 1991 noch
zunehmen wird, weiträumig umfahren werden kann,
— ein zeitraubender Fahrtrichtungswechsel entfällt, der bei einem
Zuglauf über die neue Strecke Eichenberg—Arenshausen wegen
eines fehlenden Verbindungsgleises in Kassel erforderlich
wäre?
Auf die Antworten zu den Fragen 5 und 6 wird verwiesen.
10. Sind die langen Aufenthaltszeiten der Personenzüge, insbesondere
im Bahnhof Bodenfelde, von bis zu 20 Minuten nach Ansicht der
Bundesregierung eine Folge der Auslegung des Fahrplans für die
beabsichtigte eingleisige Betriebsführung, und ist daraus zu
folgern, daß die Streckenkapazität bei eingleisigem Bet rieb bereits
durch die derzeitige Zugzahl ausgeschöpft ist und zusätzliche Züge
nur mit großen fahrplantechnischen Schwierigkeiten eingelegt
werden können?
Nach Angaben der Deutschen Bundesbahn sind die längeren
Halte vorwiegend bei den Zügen der Relation Ottbergen—
Göttingen bedingt durch die schon immer vorhandene Eingleisigkeit der
Nebenbahn Bodenfelde—Göttingen. Beim Übergang auf den
Fahrplan 1991/92 konnte sie den Umfang der Haltezeiten in den
Bahnhöfen der Kursbuchstrecke 245 sogar verringern.
Die Streckenkapazität ergibt über die Betriebszeit eines ganzen
Tages gesehen Leistungsreserven von 50 v. H. bei 24 Stunden und
30 v. H. bei 17 Stunden Bet riebszeit.
11. Ist zu befürchten, daß wegen der durch die langen Auf
enthaltszeiten drastisch absinkenden Reisegeschwindigkeit Bahnkunden auf
das Auto umsteigen, wodurch sich das Wirtschaftsergebnis dieser
Strecke verschlechtern würde?
Gemäß der zwischen dem Land Niedersachsen und der
Deutschen Bundesbahn am 21. Februar 1989 geschlossenen
Rahmenvereinbarung zur künftigen Ausgestaltung des öffentlichen
Personennahverkehrs sind für die Strecken Altenbeken—Bodenfelde,
Bodenfelde—Northeim und Bodenfelde—Göttingen
Untersuchungen zu Angebotsverbesserungen vorgesehen, die zu einer
Steigerung der Attraktivität und damit zur langfristigen Sicherung der
Strecke führen sollen. Mit Fahrplanwechsel im Juni 1991 wurde
eine rhythmische Bedienung mit günstigen Anschlüssen in Ott
-
bergen, Northeim und Göttingen sowie eine Verkürzung der
Haltezeiten realisiert. Die in der Frage genannten Befürchtungen
sind unbegründet.
12. Kann die Bundesregierung bestätigen, daß seit der Auslegung des
Fahrplans für eingleisigen Bet rieb am 29. Mai 1988 bereits
besonders starke Fahrgastrückgänge zu verzeichnen sind?
Eine nachhaltige Verringerung des Verkehrsaufkommens
entsprechend der Definition in der genannten Rahmenvereinbarung
ist nicht zu verzeichnen.
13. Warum wurde der Personenzugfahrplan bereits am 29. Mai 1988 für
eingleisige Betriebsführung ausgelegt, obwohl die Strecke noch
heute zweigleisig befahren wird?
Auf Absatz 1 der Vorbemerkung wird verwiesen. Im Vorlauf für
die ursprünglich ab 1989 vorgesehene Realisierung wurde der
Fahrplan zum davorliegenden Fahrplanwechsel in einigen
Abschnitten durch die Deutsche Bundesbahn auf die eingleisige
Betriebsführung ausgelegt.
14. Welche Kosteneinsparungen sind für die Deutsche Bundesbahn
nach einem eingleisigen Rückbau zu erwarten?
Durch den Wegfall des zweiten Gleises auf der Strecke zwischen
Ottbergen und Northeim verbessert sich das Wirtschaftsergebnis
der Deutschen Bundesbahn um jährlich rd. 590 000 DM.
15. Wie hoch beziffert die Deutsche Bundesbahn demgegenüber die
Mehrkosten bzw. Einnahmeausfälle durch
— zusätzliches Stellwerkpersonal, um die Zugbegegnungen in den
Bahnhöfen Uslar und Hardegsen abzuwickeln,
— unproduktive Stillstandzeiten von Personal und Fahrzeugen bei
den Zugbegegnungen (z. Z. mehr als zwei Stunden täglich),
— sinkende Fahrgeldeinnahmen wegen zurückgehender Fahr
-
gastzahlen als Folge der sinkenden Reisegeschwindigkeit?
Bei Herstellung der Eingleisigkeit müssen Stellwerke in Uslar und
Hardegsen zusätzlich besetzt werden. Der dadurch bedingte
Mehraufwand (rd. 400 000 DM/Jahr) entfällt aber beim Einsatz
moderner Signaltechnik.
In Anbetracht der zum Fahrplanwechsel vorgenommenen
Angebotsverbesserungen und der Verkehrszunahme infolge des
Wegfalls der innerdeutschen Grenze kann die Deutsche Bundesbahn
keinen Rückgang der Fahrgeldeinnahmen feststellen. Auf die
Antwort zu Frage 10 wird im übrigen Bezug genommen.
16. Wie beurteilt die Bundesregierung die Chance, durch einen
qualitativ und quantitativ leistungsfähigen, d. h. aus den Strecken über
Kassel und über Northeim bestehenden Schienenkorridor Rhein/
Ruhr—Sachsen/Thüringen die ökologisch bedenkliche Fortführung
der Autobahn 4 von Olpe durch den Naturpark Rothaargebirge
nach Bad Hersfeld, den sechsspurigen Ausbau der A 44 von Do rt
-mund nach Kassel oder den Autobahnneubau von Göttingen nach
Halle überflüssig zu machen?
Im Rahmen der Aufstellung des Gesamtdeutschen Verkehrs
wegeplanes werden auch diese Strecken zur Zeit hinsichtlich
Bedarf und Dringlichkeit überprüft. Die endgültige Entscheidung
über den Bedarfsplan für die Bundesfernstraßen wird in der ersten
Jahreshälfte 1992 vom Deutschen Bundestag getroffen.
Die geplante Maßnahme Göttingen—Halle wurde bereits als
„Verkehrsprojekt Deutsche Einheit" vom Bundeskabinett zustimmend
zur Kenntnis genommen, jedoch bleibt auch hierfür die
endgültige Entscheidung dem Deutschen Bundestag vorbehalten.
17. Kann die Bundesregierung den Inhalt einer Notiz in der Zeitschrift
„Eisenbahnkurier" (Heft 5/91, S. 10) bestätigen, der zufolge wegen
eines punktuellen Mangels im Untergrund des Abschnitts Herzberg
(Harz)—Walkenried die zulässigen Achslasten vor kurzem
herabgesetzt wurden?
Wenn ja, welche Auswirkungen hat dies auf den Güterzugverkehr
zwischen dem Rangierbahnhof Herzberg (Harz) und Halle/Leipzig,
und wie sollen diese Probleme behoben werden?
Auf die Antwort zu Frage 6 wird verwiesen.
Mit dem Wegfall der innerdeutschen Grenze besteht für
Zugbildungsaufgaben in sogenannten Grenzrangierbahnhöfen kein
Bedarf. Die Zugbildung aus dem Netz der Deutschen Bundesbahn in
Richtung Halle/Leipzig und umgekehrt wurde zum
Fahrplanwechsel 1991 auf größere, leistungsfähigere Rangierbahnhöfe
übertragen, z. B. Seelze und Bebra.
Der Bahnhof Herzberg hat lediglich die Aufgabe eines
Knotenpunktbahnhofs zur Güterverkehrsbedienung im Nahbereich. Die
geotechnischen Probleme im Streckenabschnitt Scharzfeld—
Walkenried haben hierauf keine Auswirkungen.]