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Kleine AnfrageWahlperiode 19Beantwortet
Legale und illegale Müllexporte nach Polen und in die Tschechische Republik
Fraktion
DIE LINKE
Ressort
Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit
Datum
03.08.2020
Aktualisiert
26.07.2022
BT19/2112917.07.2020
Legale und illegale Müllexporte nach Polen und in die Tschechische Republik
Kleine Anfrage
Volltext (unformatiert)
[Kleine Anfrage
der Abgeordneten Zaklin Nastic, Brigitte Freihold, Andrej Hunko, Victor Perli,
Eva-Maria Schreiber, Dr. Kirsten Tackmann, Andreas Wagner, Hubertus Zdebel
und der Fraktion DIE LINKE.
Legale und illegale Müllexporte nach Polen und in die Tschechische Republik
Der legale und illegale Müllexport nach Polen und in die Tschechische
Republik geht unvermindert weiter. Laut dem Naturschutzbund Deutschland e. V.
landen ungefähr 6 Millionen Tonnen Plastik jedes Jahr in Deutschland im Müll.
Davon exportieren deutsche Abfallexporteure etwa 1 Million Tonnen Plastik
ins Ausland. Innerhalb der EU gelten Polen und Tschechien zu den
Hauptexportzielen (deutschlandfunknova.de/beitrag/plastikmuell-wir-machen-andere-la
ender-zu-unserer-muellkippe).
Auch der illegale Müllexport floriert weiterhin. Wie die „Potsdamer Neuesten
Nachrichten“ im Februar 2020 berichteten, verstößt eine Reihe von deutschen
Firmen absichtlich gegen Gesetze beim Müllexport nach Polen. In einem
veröffentlichten Dokument kritisierte die Sonderabfallgesellschaft Brandenburg/
Berlin (SBB), die für die Länder Brandenburg und Berlin den internationalen
Müllverkehr überwacht, im Januar das Polen-Geschäft von Abfallexporteuren
aus diesen beiden Bundesländern. Deutsche Firmen deklarierten laut der SBB
Material oft fälschlicherweise als verwertbares Material, welches innerhalb der
EU frei gehandelt werden darf. Es handelt sich „Unternehmen, die willentlich
gegen geltendes Recht verstoßen“, so der SBB-Geschäftsführer Berend
Wilkens (pnn.de/brandenburg/minderwertige-gemische-werden-entsorgt-illegal
e-muelltransporte-nach-polen-boomen-weiter/25555764.html). Dieser illegal
exportierte Müll wird dann oft in Polen absichtlich verbrannt. So gab es im Jahr
2018 134 Deponiebrände in Polen und von Januar 2019 bis November 2019
noch einmal 80 Brände (muellrausch.de/2019/11/27/interview-mit-lka-ermittle
r-harry-jaekel-wir-erleben-eine-fortsetzung-der-abfallverschiebung/).
Auch die illegale Ausfuhr von Müll in die Tschechische Republik hat eine
lange Geschichte. Bereits im Jahr 2006 sagte der damalige Bundesminister für
Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit Sigmar Gabriel (SPD) der
tschechischen Regierung zu, dass die Bundesrepublik „illegale Müll-Exporte nach
Tschechien verhindern“ will (deutsch.radio.cz/deutsche-regierung-will-
illegalemuell-exporte-nach-tschechien-verhindern-8496898). Damals bemühte sich die
tschechische Regierung darum, dass 15 000 bis 20 000 Tonnen illegal
exportierten Mülls von der Republik Tschechien nach Deutschland zurückexportiert
werden sollten (deutsch.radio.cz/tschechien-und-deutschland-suchen-nach-polit
ischer-loesung-fuer-muell-tourismus-8622287).
Deutscher Bundestag Drucksache 19/21129
19. Wahlperiode 17.07.2020
Trotz damaliger Bekundungen ging der illegale Müllexport in die Tschechische
Republik weiter und erlebte in den vergangenen Jahren anscheinend einen
Aufschwung. Im Jahr 2019 gab es nach Angaben des tschechischen Zolls 50 Fälle
von illegalem Müllexport aus Deutschland in die Republik Tschechien. In den
ersten fünf Monaten des Jahres 2020 waren es bereits 18 Fälle. „Der illegale
grenzüberschreitende Abfallhandel hat in den letzten Jahren zugenommen“,
erklärte die tschechische Umweltinspektion ČIŽP gegenüber der deutschen
Presse (muellrausch.de/2020/06/16/zoll-in-tschechien-stoppt-illegale-
abfallexporteaus-deutschland-18-faelle-in-den-ersten-fuenf-monaten-2020/). Ebenso wie in
Polen gab es in Tschechien in den vergangenen Jahren auch Deponiebrände (fre
iepresse.de/erzgebirge/marienberg/deponiebrand-in-tschechien-rauchwolke-ang
eblich-harmlos-artikel9987152).
Die Bundesrepublik Deutschland gehört laut der „Süddeutschen Zeitung“
neben den USA, Japan und dem Vereinigten Königreich zu den größten
Exporteuren von Plastikmüll weltweit. „Jährlich werden gut eine Million Tonnen von
hier aus ins Ausland exportiert, dies entspricht einem Sechstel des insgesamt
erzeugten Plastikabfalls“ (sueddeutsche.de/wirtschaft/abfallproblem-der-expor
t-von-plastikmuell-muss-endlich-aufhoeren-1.4418422).
Die Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit Svenja
Schulze (SPD) sagte Mai 2019, dass „Europa und Deutschland […] in der
Verantwortung [seien], ihren Plastikmüll selbst zu sortieren und möglichst auch
selbst zu recyceln (tagesspiegel.de/wirtschaft/neue-regeln-fuer-export-
globalerpakt-gegen-plastikmuell-ohne-die-usa/24331988.html). Bis heute scheint die
Bundesrepublik Deutschland davon allerdings noch weit entfernt zu sein.
In ihrem vergangenen Abfallvermeidungsprogramm
(„Abfallvermeidungsprogramm des Bundes unter Beteiligung der Länder“) hat die Bundesregierung
sich gegen quantitative Abfallvermeidungsziele entschieden (bmu.de/fileadmin/
Daten_BMU/Pools/Broschueren/abfallvermeidungsprogramm_bf.pdf). Die
Fragestellerinnen und Fragesteller streben an, dass die Bundesregierung im
nächsten Abfallvermeidungsprogramm quantitative Abfallvermeidungsziele
einführt.
Im Dezember 2019 mahnten die Fragestellerinnen und Fragesteller die
Bundesregierung an, dass ein „entschlossenes und mit den Ländern koordiniertes
Vorgehen der Bundesregierung“ in der Frage der illegalen Müllexporte nach Polen
geboten sei (muellrausch.de/2019/12/03/bundesregierung-antwortet-
linksparteimuellexporte-nach-polen-auf-rekordniveau/).
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Welche Hinweise hat die Bundesregierung über Vorfälle von illegalem
Müllexport aus der Bundesrepublik Deutschland in die Republik
Tschechien seit dem 3. Oktober 1990 (bis 31. Dezember 1992 Teil der
Tschechoslowakei; bitte nach Datum, Ursprungsort des Exports, Zielort und Abfallart
auflisten)?
2. Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung das jährliche Volumen
der Transporte von Müll aus der Bundesrepublik Deutschland in die
Republik Tschechien seit dem 3. Oktober 1990 (bis 31. Dezember 1992 Teil
der Tschechoslowakei; bitte nach Jahr und Volumen und deklarierter
Abfallart prozentual auflisten)?
3. Wie viele Fälle von illegalem Müllexport aus der Bundesrepublik
Deutschland in die Republik Tschechien in den Jahren 2013 bis 2019 sind
der Bundesregierung bekannt (bitte nach Datum, Ursprungsort des
Exports, Zielort und Inhalt auflisten)?
a) In wie vielen von diesen Fällen kam es nach Kenntnis der
Bundesregierung in der Bundesrepublik Deutschland zu strafrechtlichen
Konsequenzen für deutsche Firmen oder gegen deutsche Staatsbürger (bitte
nach Jahren und Tatvorwurf clustern)?
b) In wie vielen Fällen mussten nach Kenntnis der Bundesregierung
deutsche Firmen oder deutsche Staatsbürger illegal exportierten Müll
wieder zurück in die Bundesrepublik Deutschland re-importieren (bitte
Datum, Ursprungsort des Exports, Zielort und Abfallart auflisten)?
4. Welche Hinweise hat die Bundesregierung über bisher eingeleitete
Maßnahmen zur strafrechtlichen Verfolgung der Verantwortlichen und
Aufklärung über die Beteiligten durch tschechische und deutsche Behörden in
allen bislang bekannten Fällen illegalen Müllexports in die Republik
Tschechien seit dem 3. Oktober 1990?
5. Welche Einigung fanden die deutschen und tschechischen Behörden in der
Causa des illegalen Müllexports in die Republik Tschechien im Jahr 2006
(deutsch.radio.cz/deutsche-regierung-will-illegale-muell-exporte-nach-tsch
echien-verhindern-8496898; deutsch.radio.cz/tschechien-und-
deutschlandsuchen-nach-politischer-loesung-fuer-muell-tourismus-8622287)?
6. Was hat die Bundesregierung seit 2006 konkret unternommen, um den
illegalen Müllexport in die Republik Tschechien zu unterbinden (deutsch.radi
o.cz/tschechien-und-deutschland-suchen-nach-politischer-loesung-fuer-mu
ell-tourismus-8622287)?
7. Welche Hinweise hat die Bundesregierung darauf, dass die illegalen
Müllexporte in die Republik Tschechien seit jenem Importstopp durch die
Volksrepublik China im Jahr 2018 (nationalgeographic.com/magazine/201
9/06/china-plastic-waste-ban-impacting-countries-worldwide/) gestiegen
sind?
8. Welche Maßnahmen haben Behörden der Länder nach Kenntnis der
Bundesregierung seit Dezember 2019 ergriffen, um die Bekämpfung des
illegalen Müllexports nach Polen auf EU-Ebene zu forcieren (muellrausc
h.de/2019/11/27/interview-mit-lka-ermittler-harry-jaekel-wir-erleben-
einefortsetzung-der-abfallverschiebung/)?
9. Welche Kosten sind dem deutschen Fiskus durch den Rücktransport von
illegal nach Polen exportiertem Müll in den Jahren 2014 bis 2019
entstanden (muellrausch.de/2019/11/27/illegale-muellexporte-polen-schickt-deuts
chen-abfall-zurueck/)?
10. Welche politischen Konzepte verfolgt die Bundesregierung, damit die
Bundesrepublik Deutschland in der Lage sein wird, den in der
Bundesrepublik Deutschland entstandenen Plastikmüll innerhalb der
Bundesrepublik Deutschland zu sortieren und zu recyceln?
11. Wann wird nach Einschätzung der Bundesregierung die Bundesrepublik
Deutschland in der Lage sein, den gesamten im Land verursachten Müll zu
recyceln, bedarfsgerecht weiterzuverarbeiten und zu lagern?
12. Welche Maßnahmen hat die Bundesregierung seit Dezember 2019
ergriffen, um zukünftig zu vermeiden, dass die Bundesrepublik Deutschland zu
den vier größten Exporteuren von Plastikmüll weltweit gehört?
13. Welche konkreten Maßnahmen wurden seitens der Bundesregierung seit
Dezember 2019 initiiert, um sowohl in der schulischen als auch der
außerschulischen Bildung entsprechende Curricula zu entwickeln, welche die
Bevölkerung im Rahmen der Bildung für nachhaltige Entwicklung für eine
geringere Müllproduktion sensibilisieren?
14. Welche konkreten Maßnahmen wurden seitens der Bundesregierung seit
Dezember 2019 initiiert, um sowohl in der schulischen als auch der
außerschulischen Bildung über die Folgen deutscher Müllexporte in den
jeweiligen Importländern aufzuklären?
15. Wann konkret plant die Bundesregierung die Veröffentlichung des
Abfallvermeidungsprogramms dieses Jahr?
a) Welche Maßnahmen aus Anhang IV und IVa der
Abfallrahmenrichtlinie (Richtlinie 2008/98/EG und EU-Richtlinie 2018/851) werden
geprüft und für eine Umsetzung in Betracht gezogen?
b) Hat die Bundesregierung (wie in Anhang IVa Nummer 8 empfohlen)
sich Kenntnis darüber verschafft, welche Subventionen nicht mit der
Abfallhierarchie vereinbar sind (wenn ja, bitte als Liste angeben und
jeweils darauf eingehen, welche dieser Subventionen abgeschafft
werden sollen, welche nicht, und weshalb diese nicht abgeschafft werden
sollten)?
16. Wie bewertet die Bundesregierung die quantitativen
Abfallvermeidungsziele von Schweden (Anteil der Secondhand-Textilien im Vergleich zu
2014 erhöhen), Flandern (Sammlung und Verkauf von 5 kg
widerverwendbarer Güter pro Einwohner und Jahr bis 2015) und Spanien (Vorbereitung
von 3 bzw. 4 Prozent der gesammelten großen EEE (Electrical and
Electronic Equipment) und kleinen IT- und Telekommunikationsgeräte zur
Wiederverwendung bis 15. August 2018) und deren Übertragung auf
Deutschland (eea.europa.eu/publications/waste-prevention-in-europe-2017, S. 17)?
a) Wie steht die Bundesregierung inzwischen zu quantitativen
Abfallvermeidungszielen?
b) Strebt die Bundesregierung an, im nächsten
„Abfallvermeidungsprogramm des Bundes unter Beteiligung der Länder“ quantitative
Abfallvermeidungsziele einzuführen?
17. Hat die Bundesregierung ein „entschlossenes und mit den Ländern
koordiniertes Vorgehen der Bundesregierung“ in der Frage der illegalen
Müllexporte nach Polen und in die Tschechische Republik in den vergangenen
sechs Monaten forciert, wie von den Fragestellerinnen und Fragestellern
gefordert (muellrausch.de/2019/12/03/bundesregierung-antwortet-linkspart
ei-muellexporte-nach-polen-auf-rekordniveau/)?
Berlin, den 14. Juli 2020
Amira Mohamed Ali, Dr. Dietmar Bartsch und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
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ISSN 0722-8333]
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