Die Abwanderung deutscher Fachkräfte und ihre Auswirkung auf den Fachkräftemangel in der deutschen Wirtschaft
des Abgeordneten Dr. Malte Kaufmann und der Fraktion AfD
Vorbemerkung
Die Konjunkturumfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) im Frühsommer 2024 kommt zu dem Ergebnis, dass 20 Prozent der Unternehmen vor dem Hintergrund der weiter eingetrübten Konjunktur beabsichtigen, weniger Personal zu beschäftigen. Energieintensive Unternehmen, „die aufgrund der nach wie vor hohen Energiekosten einen besonderen Standortnachteil hierzulande haben“, sehen sich gezwungen, sogar 30 Prozent der Arbeitsstellen streichen zu müssen (www.dihk.de/rsource/blob/117416/1ede98a3a22f9f6b22d3901488821f7d/konjunktur-dihk-konjunkturumfrage-fruehsommer-2024-data.pdf). Überdurchschnittlich hoher Verzicht auf Personal zeigt nach Auffassung der Fragesteller, dass in der Branche kein Fachkräftemangel besteht, sondern vielmehr eine Perspektivlosigkeit für qualifizierte Mitarbeiter, die in dieser Branche tätig sind.
Das Statistische Bundesamt erklärt „Fachkräfte- und Arbeitskräftemangel“ als „zunehmend wichtige Faktoren für die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland“ (www.destatis.de/DE/Im-Fokus/Fachkraefte/_inhalt.html). Neben wichtigen Faktoren, wie etwa dem demographischen Wandel oder Versäumnissen im Bildungssystem, die zum Fachkräftemangel führen, erwähnt das Statistische Bundesamt die Abwanderung qualifizierter Fachkräfte ins Ausland hingegen an keiner Stelle im Kapitel über die Fachkräfte in Deutschland.
Die Zuwanderung steht oft im Fokus des politischen Diskurses. Die Abwanderung von Fachkräften aus Deutschland ist hingegen nur selten ein Thema, bemängeln Wirtschaftsexperten (www.agrarheute.com/management/recht/fachkraefte-hunderttausende-deutsche-wandern-gruende-608481). Dabei besteht die Mehrheit der Auswanderer aus qualifizierten Akademikern: Fast drei Viertel von ihnen haben einen Studienabschluss erworben (www.mdr.de/nachrichten/deutschland/wirtschaft/arbeitsmarkt-fachkraefte-abwanderung-100.html).
Die deutschen Wirtschaftsnachrichten verwiesen bereits 2019 auf Ergebnisse einer Studie, nach der jedes Jahr „rund 180 000 gut ausgebildete Fachkräfte oder Akademiker Deutschland“ verlassen (deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/501278/Waehrend-Ungelernte-kommen-180000-Akademiker-und-Fachkraefteverlassen-Deutschland-jedes-Jahr). Diese Studie zeigt, dass solche Erhebungen sehr wohl möglich sind. Die Studie selbst untersuchte den Zeitraum zwischen 2017 und 2018. Somit sind diese Daten nicht mehr aktuell. Die Auswanderung deutscher Fachkräfte in der sogenannten Corona-Zeit oder die Auswirkungen der aktuellen Wirtschaftskrise sind darin nicht abgebildet. Bereits 2022 wanderten 1,2 Millionen Menschen aus Deutschland aus, davon 270 000 deutsche Staatsangehörige (arbeits-abc.de/tschuess-deutschland-hochqualifizierte-fachkraefte-wandern-aus/).
Den Fragestellern ist bekannt, dass gerade im Rahmen der akademischen Aus- und Weiterbildung ein reger internationaler Austausch stattfindet. Insofern als es sich hierbei nur um ein oder mehrere Auslandssemester oder befristete Auslandsaufenthalte handelt, ist dies nur im untergeordneten Interesse der Fragesteller. Vielmehr geht es ihnen um Berufstätige, die Deutschland dauerhaft oder zeitlich unbegrenzt, verlassen.
Die vorliegende parlamentarische Anfrage hat das Ziel, zu ermitteln, in welchem Maße die Auswanderung Deutscher zum Fachkräftemangel in Deutschland beiträgt und warum durch hohe Migration nach Deutschland seit 2015 das Problem des Fachkräftemangels nicht gelöst, sondern noch akuter wurde.
Wir fragen die Bundesregierung:
Fragen15
Sind der Bundesregierung die beruflichen Qualifikationen der Auswanderer aus Deutschland bekannt, und wenn ja, welche sind dies?
Hat die Bundesregierung Kenntnis darüber, wie viele qualifizierte Fachkräfte Deutschland jährlich seit 2006 verlassen haben (wenn ja, bitte nach Jahren und, sofern möglich, nach beruflicher Qualifikation aufschlüsseln)?
Hat die Bundesregierung Erkenntnisse darüber, aus welchen Gründen qualifizierte Fachkräfte Deutschland verlassen (wenn ja, bitte ausführen)?
Hat die Bundesregierung Kenntnis darüber, welche Länder die beliebtesten Zielländer für Fachkräfte aus Deutschland sind (wenn ja, bitte ausführen)?
Hat die Bundesregierung Informationen, Berechnungen oder Durchschnittswerte dazu,
a) wie viele Jahre nach der Auswanderung und
b) unter welchen Umständen die ausgewanderten Fachkräfte nach Deutschland zurückkehren?
Liegen der Bundesregierung Informationen dazu vor, wie viele Auswanderer im berufstüchtigen Alter zurückkehren?
Hat die Bundesregierung Informationen dazu, wie hoch die Nettoauswanderung von Fachkräften aus Deutschland ist?
Unterscheidet die Bundesregierung bei Berechnung der Nettoauswanderung von Fachkräften aus Deutschland zwischen Rückkehrern und neu Zugewanderten?
Liegen der Bundesregierung die Zahlen dazu vor, wie viele ausländische Studenten ihren Abschluss in Deutschland absolviert und wie viele davon Deutschland wieder verlassen hatten (wenn ja, bitte die jährlichen Angaben seit 2006 aufschlüsseln)?
Liegen der Bundesregierung Zahlen darüber vor, wie viele in den deutschen Arbeitsmarkt integrierte ausländische Fachkräfte Deutschland wieder verlassen?
Hat die Bundesregierung Informationen dazu, warum ausländische hochqualifizierte Fachkräfte Deutschland wieder verlassen (www.wiwo.de/erfolg/beruf/fachkraeftemangel-wieso-auslaendische-arbeitskraefte-deutschland-wieder-verlassen/29243532.html)?
Sind der Bundesregierung die beruflichen Qualifikationen der Zuwanderer, die seit 2015 nach Deutschland kamen, bekannt, und wenn ja, welche sind dies?
Wie hoch ist der Akademisierungsgrad der Zuwanderer, die seit 2015 nach Deutschland kamen, angesichts der Erhebungen, dass die Mehrheit der Auswanderer aus Deutschland qualifizierte Akademiker sind und fast drei Viertel von ihnen einen Studienabschluss erworben haben (siehe MDR-Artikel in der Vorbemerkung der Fragesteller)?
Warum schafft die Bundesregierung es nicht, gezielt im durch sie publizierten Maße hochqualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland für die deutsche Wirtschaft zu gewinnen, wie die damalige Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel in ihrer Rede beim Festakt zum 40-jährigen Bestehen des Amtes der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration verkündete (www.bundeskanzler.de/bk-de/aktuelles/rede-von-bundeskanzlerin-merkel-beim-festakt-zum-40-jaehrigen-bestehendes-amtes-der-beauftragten-der-bundesregierung-fuer-migration-fluechtlinge-und-integration-1560794), denn trotz der Masseneinwanderung seit 2015 wurde der Fachkräftemangel nicht gelöst, sondern hat sich nur noch verschärft (www.manpowergroup.de/de/insights/studien-und-research/studien/2024/01/08/14/07/mpg-studie-fachkraeftemangel-2024)?
Kann die Bundesregierung eine Entspannung des Fachkräftemangels feststellen, welche durch das am 23. Juni 2023 beschlossenen Fachkräfteeinwanderungsgesetzes erreicht werden konnte (www.bmi.bund.de/SharedDocs/kurzmeldungen/DE/2023/06/fachkraefteeinwanderungsgesetz-bt.html), und kann sie dies an konkreten Zahlen festmachen (wenn ja, bitte ausführen)?