Illegale Medikamentenversuche an Schwangeren, Minderjährigen und politischen Gefangenen in der DDR
der Abgeordneten Dr. Götz Frömming, Martin Erwin Renner, Ronald Gläser, Matthias Helferich, Nicole Hess, Sven Wendorf, Dr. Alexander Gauland, Tobias Teich und der Fraktion der AfD
Vorbemerkung
Mit Schreiben vom 13. August 2025 hat die Initiative für Gerechtigkeit der Opfer der kommunistischen Diktatur e. V. (IGOKD) die Bundesregierung, den Deutschen Bundestag sowie internationale Institutionen über mutmaßliche schwere Menschenrechtsverletzungen im Gesundheitswesen der ehemaligen DDR informiert (https://www.initiative-fuer-gerechtigkeit-von-sed-opfern.de/aktuelles/medikamentenopfer/). Nach Darstellung der IGOKD kam es in den 1970er- und 1980er-Jahren zu geheimen und teils illegalen Medikamentenversuchen an ahnungslosen Patienten, darunter auch an schwangeren Frauen, Minderjährigen und politischen Häftlingen. Diese Versuche sollen insbesondere in der Berliner Charité sowie weiteren Kliniken der DDR im Auftrag oder mit Wissen westlicher Pharmaunternehmen durchgeführt worden sein.
Die IGOKD weist darauf hin, dass insbesondere schwangere Frauen – teils mit Vorerkrankungen oder Suchtproblemen – zu Testzwecken westdeutscher Präparate herangezogen worden seien, was in einzelnen Fällen zu schweren gesundheitlichen Schäden bei Müttern und Kindern geführt habe. Trotz wiederholter Hinweise und Zeugenaussagen sei bis heute keine umfassende strafrechtliche oder wissenschaftliche Aufarbeitung erfolgt (ebd.).
Medienberichte, u. a. von „Der Spiegel“, „Die Zeit“, „Die Welt“, „MDR“, „SWR“ und „Deutschlandfunk“, bestätigen, dass zwischen 1983 und 1989 mehr als 600 Medikamentenstudien mit etwa 50 000 Probanden in rund 50 DDR-Kliniken durchgeführt wurden. Diese Forschungen sollen dem Devisenerwerb des SED-Staates gedient haben und wurden häufig ohne ausreichende Aufklärung der Beteiligten durchgeführt. Besonders erschütternd sind Berichte über Medikamentenversuche an Schwangeren und Neugeborenen, etwa mit Präparaten zur Blutbildung oder Hormonregulation (vgl. https://www.swr.de/swr-kultur/doku-und-feature/ich-bin-doch-keine-traechtige-ratte-medikamentenversuche-an-schwangeren-in-der-charite-swr2-feature-2022-12-16-100.html; https://www.deutschlandfunk.de/charite-studie-keine-menschenversuche-in-der-ddr-100.html; https://www.mdr.de/geschichte/ddr/politik-gesellschaft/gesundheit/probanden-geheime-medikamententests-100.html; https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2013-05/DDR-Medikamentenstudien-Menschenversuche; https://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/west-pharmakonzerne-betrieben-menschenversuche-in-der-ddr-a-899306.html; https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/politik/ddr-impfskandal-hepatitis-schwangere-sed-unrecht-100.html; https://www.welt.de/geschichte/article153314774/Fuer-Devisen-liess-die-DDR-Medikamente-an-Patienten-testen.html, letzter Zugriff am 21. Oktober 2025).
Vor diesem Hintergrund stellt sich den Fragestellern die Frage, ob und ggf. inwieweit die Bundesregierung Erkenntnisse über Umfang, Verantwortlichkeiten und Folgen dieser Versuche besitzt, welche Maßnahmen sie ggf. zur weiteren Aufklärung unterstützt und ob eine Entschädigung der betroffenen Personen bzw. ihrer Nachkommen beabsichtigt ist.
Wir fragen die Bundesregierung:
Fragen23
Welche Kenntnisse liegen der Bundesregierung über den Umfang und die Art von Medikamentenversuchen in der DDR ggf. vor, insbesondere im Zeitraum zwischen 1970 und 1989?
An welchen medizinischen Einrichtungen der DDR, insbesondere an der Charité in Berlin, wurden nach Kenntnis der Bundesregierung klinische Studien mit westdeutschen oder internationalen Pharmaunternehmen durchgeführt (bitte ggf. nach Einrichtung, Pharmaunternehmen und Art der Medikamentenversuche differenziert auflisten), und welche finanziellen Vereinbarungen wurden getroffen?
Welche dieser medizinischen DDR-Einrichtungen bzw. ihrer Rechtsnachfolger haben nach Kenntnis der Bundesregierung nach der politischen Wende bis zum heutigen Tage eigene Anstrengungen unternommen, um das von ihnen begangene Unrecht aufzuklären (bitte mit kurzer Beschreibung der Art der Anstrengung auflisten)?
Hat sich die Bundesregierung zu der Darstellung der Initiative für Gerechtigkeit der Opfer der kommunistischen Diktatur e. V., wonach insbesondere schwangere Frauen, Minderjährige und politische Häftlinge in der DDR ohne ausreichende Aufklärung als Probanden eingesetzt worden seien (siehe Vorbemerkung der Fragesteller), eine eigene Auffassung erarbeitet, und wenn ja, wie lautet diese?
H��lt die Bundesregierung es nach heutigem Stand für erwiesen, dass bei Medikamentenstudien in der DDR medizinisch-ethische Grundsätze oder internationale Menschenrechtsnormen verletzt wurden (bitte Einschätzung erläutern)?
Welche Kenntnisse liegen der Bundesregierung ggf. darüber vor, ob bei diesen Studien auch Todesfälle oder schwere gesundheitliche Folgeschäden auftraten?
In welcher Weise wurden die Medikamentenstudien in der DDR nach Kenntnisstand der Bundesregierung von staatlichen Stellen (z. B. dem Ministerium für Staatssicherheit, dem Gesundheitsministerium oder den Außenhandelsgesellschaften der DDR) kontrolliert oder begleitet?
Welche Informationen liegen der Bundesregierung darüber vor, ob westdeutsche Behörden, insbesondere das damalige Bundesgesundheitsamt, über diese Studien informiert oder an deren Genehmigung beteiligt waren?
Hält die Bundesregierung es nach ihrer Bewertung für notwendig, die Rolle westdeutscher oder internationaler Unternehmen im Rahmen dieser Studien weiter aufzuklären oder deren mögliche Mitverantwortung zu prüfen, und wenn nein, warum nicht?
Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung ggf. über den Anteil schwangerer Frauen, Minderjähriger und politischer Häftlinge unter den damaligen Probanden in der DDR?
Existieren in Bundesarchiven oder nach Kenntnis der Bundesregierung in Landesarchiven noch Unterlagen über Medikamentenversuche an Schwangeren, insbesondere an der Charité in Berlin?
Hat sich die Bundesregierung zur Forderung der IGOKD nach einer umfassenden unabhängigen Untersuchungskommission zur Aufarbeitung dieser Medikamentenversuche eine Positionierung erarbeitet, und wenn ja, wie lautet diese?
Welche Maßnahmen wurden seit 1990 von der Bundesregierung oder nachgeordneten Behörden ggf. ergriffen, um diese Versuche wissenschaftlich oder juristisch aufzuarbeiten?
Inwieweit könnte nach Ansicht der Bundesregierung eine mögliche erneute Überprüfung der bisherigen Aufarbeitung zu mehr Transparenz und einer besseren Anerkennung der Opfer beitragen?
Wurden die betroffenen Personen oder ihre Nachkommen durch die Bundesregierung als Opfer des SED-Regimes anerkannt oder entschädigt, und wenn ja, wie hoch waren diese Entschädigungen?
Wurden die betroffenen Personen oder ihre Nachkommen nach Kenntnis der Bundesregierung durch die beteiligten medizinischen DDR-Einrichtungen bzw. ihre Rechtsnachfolger als Opfer des SED-Regimes anerkannt oder entschädigt, und wenn ja, wie hoch waren diese Entschädigungen (bitte nach medizinischer Einrichtung und Zahl der Entschädigten aufschlüsseln)?
Wurden die betroffenen Personen oder ihre Nachkommen nach Kenntnis der Bundesregierung durch die beteiligten westdeutschen Unternehmen als Opfer des SED-Regimes anerkannt oder entschädigt, und wenn ja, wie hoch waren diese Entschädigungen (bitte nach Unternehmen und Zahl der Entschädigten aufschlüsseln)?
Wurden die betroffenen Personen oder ihre Nachkommen nach Kenntnis der Bundesregierung durch die beteiligten ausländischen Pharmaunternehmen entschädigt, und wenn ja, wie hoch waren diese Entschädigungen (bitte nach Unternehmen und Zahl der Entschädigten aufschlüsseln)?
Waren an den Medikamentenversuchen nach Kenntnis der Bundesregierung auch DDR-Unternehmen beteiligt, die Rechtsvorgänger heute existierender Unternehmen sind?
a) Wenn ja, um welche handelt es sich?
b) Wenn ja, haben diese Unternehmen nach Kenntnis der Bundesregierung die betroffenen Personen oder ihre Nachkommen als Opfer des SED-Regimes anerkannt oder entschädigt (bitte ggf. Zahl der Entschädigten und Höhe der Entschädigung angeben)?
Plant die Bundesregierung, die bestehenden Entschädigungsregelungen für Opfer der SED-Diktatur um die Gruppe der Betroffenen von Medikamentenversuchen, insbesondere schwangere Frauen und deren Kinder, zu erweitern, wenn ja, welche Maßnahmen sind geplant, und wenn nein, warum gibt es keine Planungen?
Plant die Bundesregierung, betroffene Personen zu ermitteln, zu beraten und über mögliche Entschädigungsansprüche zu informieren, wenn ja, wie, und wenn nein, warum nicht, und welche Rolle könnten die SED-Opferbeauftragte des Deutschen Bundestages und die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur nach Ansicht der Bundesregierung bei einer solchen Initiative ggf. spielen?
Wurden die Medikamentenversuche in der DDR nach Kenntnis der Bundesregierung bereits in internationalen Gremien wie dem Europarat, der Weltgesundheitsorganisation (WHO) oder den Vereinten Nationen behandelt, und wenn ja, wann, und wo?
Hat sich die Bundesregierung zu der im Schreiben der IGOKD formulierte Forderung, die Vorgänge als schwere Menschenrechtsverletzungen einzustufen und gegebenenfalls vor internationalen Institutionen aufzuarbeiten, eine Positionierung erarbeitet, und wenn ja, wie lautet diese?