BundestagKleine Anfragen
Zurück zur Übersicht
Kleine AnfrageWahlperiode 13Beantwortet

Folgen der geplanten Stillegung des schottischen Nuklearzentrums Dounreay für Lieferungen von Nuklearmaterial aus Deutschland (G-SIG: 13013348)

Umfang der Lieferungen von abgebrannten Brennelementen aus deutschen Forschungs- und Prototypreaktoren in das britische Nuklearzentrum Dounreay, Aufarbeitung und Rücklieferung nach Deutschland, Kosten, mögliche Kontaminationen bei Transporten, technische Sicherheit der Anlagen in Dounreay

Fraktion

BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Ressort

Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie

Datum

14.08.1998

Aktualisiert

26.07.2022

Deutscher BundestagDrucksache 13/1123430.06.98

Folgen der geplanten Stillegung des schottischen Nuklearzentrums Dounreay für Lieferungen von Nuklearmaterial aus Deutschland

der Abgeordneten Simone Probst, Ursula Schönberger und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Vorbemerkung

Am 5. Juni 1998 hat die britische Regierung bekannt gegeben, daß sie die Wiederaufarbeitung im schottischen Dounreay aufgeben will. Die Anlage macht seit langem Negativ-Schlagzeilen:

  • In den sechziger und siebziger Jahren wurde Atommüll in einen Schacht an der Küste abgekippt, darunter mehr als 100 Kilogramm waffenfähiges Uran und 2,2 Kilogramm Plutonium. Eine genaue Buchführung über den Inhalt des Schachtes existiert nicht. Im Laufe der Jahre drang Wasser in den Schacht ein. 1977 explodierte das Gemisch (Spiegel, 29. Dezember 1997). Die Unfallfolgen wurden vertuscht. Auch die heutige Praxis der Abfallagerung in Dounreay ist kaum besser. Hochradioaktive Abfälle werden in ein wassergefülltes Betonsilo gekippt, das selbst von Betreibern und Aufsichtsbehörden als weit unterhalb moderner Sicherheitsstandards eingestuft wird.
  • An mehr als 100 Punkten am Strand sind hochradioaktive Partikel gefunden worden, manche davon so gefährlich, daß sie tödlich sein könnten. Wie diese Partikel dorthin gelangen, ist unklar. Im Umkreis von zwei Kilometern um die Anlage wurde ein Fischfangverbot verhängt. Die Kinderleukämierate in der Umgebung liegt höher als der Landesdurchschnitt. Für die Zukunft ist geplant, die radioaktiven Emissionen der Anlagen in die Umwelt noch weiter zu erhöhen.
  • Wiederholt kam es in Dounreay zu Ungereimtheiten bei der Kontrolle über atomwaffenfähige Spaltstoffe. 1991 entdeckten Inspektoren der Euratom den Verlust von ca. 10 kg hochangereichertem Uran. Die Betreiber von Dounreay, die United Kingdom Atomic Energy Authority (UKAEA) erklärte dies mit Buchführungsfehlern. Anfang dieses Monats wurde erneut ein Bericht veröffentlicht, wonach in den sechziger Jahren 170 Kilogramm hochangereichertes Uran in Dounreay verschwunden sind (AFP, 3. Juni 1998). Ende April 1998 trat auch noch der Sicherheitschef der UKAEA zurück, mit der Begründung, er könne wegen Personalmangels die Sicherheit der Anlagen nicht mehr garantieren.
  • Störfälle sind in Dounreay an der Tagesordnung. Die Mischoxyd-Aufarbeitungsanlage liegt seit zwei Jahren still, nachdem im Abwasser erhöhte Radioaktivität festgestellt wurde (taz, 2. Oktober 1996). Die Natrium-Behandlungsanlage mußte vor einem Jahr auf Weisung der Aufsichtsbehörde den Betrieb einstellen, weil die Meßsysteme die radioaktiven Abgaben nicht ausreichend kontrollieren konnten (taz, 10. Mai 1997). Im Mai 1998 wurde bei Bauarbeiten ein Stromkabel durchtrennt, an dem sowohl die Strom- als auch die Notstromversorgung hingen. Das führte zu einem Totalausfall der Stromversorgung (www.greenpeace.de, 8. Mai 1998).

Die britische Atombehörde „Nuclear Installations Inspectorate" hat Anfang dieses Jahres einen Bericht vorgelegt, nach dem die beiden Wiederaufarbeitungsanlagen nicht wieder in Betrieb gehen können, bevor nicht grundlegende Sicherheitsverbesserungen sowohl in den Anlagen als auch bei der Abfallbehandlung umgesetzt sind.

Deutsche Forschungsreaktorbetreiber und Prototyp-Reaktoren aus dem Verantwortungsbereich der Bundesregierung haben - trotz des bekanntermaßen schlechten Sicherheitsniveaus der Anlagen - in den neunziger Jahren eine Vielzahl von Verträgen (Wiederaufarbeitung, Atommüllbehandlung, Atommüll-Lagerung, Brennelementfertigung) mit Dounreay geschlossen. Weitere Lieferungen von Nuklearmaterial aus Deutschland nach Dounreay sind geplant.

Vor diesem Hintergrund fragen wir die Bundesregierung:

Fragen10

1

Schneller Brüter Kalkar:

a) Was soll angesichts der absehbaren Stillegung von Dounreay mit den 82 frischen Brüter-Brennelementen geschehen, die bereits seit Beginn der neunziger Jahre in Dounreay lagern?

b) Was soll mit den 123 Brüter-Brennelementen geschehen, die noch in Hanau lagern, für die die Schnell-Brüter-Kernkraftwerksgesellschaft jedoch eine Herausgabe aus der staatlichen Verwahrung beantragt hat?

Gibt es noch Pläne, diese Brennelemente ebenfalls nach Dounreay zu liefern?

2

Thorium-Hochtemperatur-Reaktor (THTR):

a) Wann wurden die ca. 350 000 frischen Brennelement-Kugeln, die Anfang der neunziger Jahre nach Dounreay angeliefert worden waren, aufgearbeitet?

b) Was geschah mit dem hochangereicherten Uran?

Was geschah mit dem Thorium?

c) Wo lagert der entstandene Abfall?

Wann soll er nach Deutschland zurückgeliefert werden und wohin?

d) Wie hoch sind die Kosten dieses Vertrags?

3

Technische Universität München:

a) Wie viele abgebrannte Brennelemente (Stückzahl und Tonnen Schwermetall/t SM) wurden insgesamt nach Dounreay geliefert?

b) Wurde das Material bereits wieder aufgearbeitet?

Wenn ja, wann?

Wenn nein, warum nicht?

c) Was geschah mit dem hochangereicherten Uran?

d) Wo lagert der entstandene Abfall?

Wann soll er nach Deutschland zurückgeliefert werden und wohin?

e) Wie hoch sind die Kosten dieses Vertrags, und wer zahlt sie?

4

Verträge der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt:

a) Wie viele abgebrannte Brennelemente (Stückzahl und t SM) wurden insgesamt nach Dounreay geliefert?

b) Wurde das Material bereits wieder aufgearbeitet?

Wenn ja, wann?

Wenn nein, warum nicht?

c) Was geschah mit dem hochangereicherten Uran?

d) Wo lagert der entstandene Abfall?

Wann soll er nach Deutschland zurückgeliefert werden und wohin?

e) Wie hoch sind die Kosten dieser Verträge?

5

Verträge des Forschungszentrum GKSS:

a) Wie viele abgebrannte Brennelemente (Stückzahl und t SM) wurden insgesamt nach Dounreay geliefert?

b) Wurde das Material bereits wieder aufgearbeitet?

Wenn ja, wann?

Wenn nein, warum nicht?

c) Was geschah mit dem hochangereicherten Uran?

d) Wo lagert der entstandene Abfall?

Wann soll er nach Deutschland zurückgeliefert werden und wohin?

e) Wie hoch sind die Kosten dieser Verträge?

f) Gibt es über die Wiederaufarbeitungsverträge hinaus weitere Verträge, und wenn ja, welche?

6

Verträge des Hahn-Meitner-Instituts:

a) Wie viele abgebrannte Brennelemente (Stückzahl und t SM) wurden insgesamt nach Dounreay geliefert?

b) Wurde das Material bereits wieder aufgearbeitet?

Wenn ja, wann?

Wenn nein, warum nicht?

c) Was geschah mit dem hochangereicherten Uran?

d) Wo lagert der entstandene Abfall?

Wann soll er nach Deutschland zurückgeliefert werden und wohin?

e) Wie hoch sind die Kosten dieser Verträge?

f) Gibt es über die Wiederaufarbeitungsverträge hinaus weitere Verträge, und wenn ja, welche?

7

Verträge des Forschungszentrums Jülich:

a) Wie viele abgebrannte Brennelemente (Stückzahl und t SM) wurden insgesamt nach Dounreay geliefert?

b) Wurde das Material bereits wieder aufgearbeitet?

Wenn ja, wann?

Wenn nein, warum nicht?

c) Was geschah mit dem hochangereicherten Uran?

d) Wo lagert der entstandene Abfall?

Wann soll er nach Deutschland zurückgeliefert werden und wohin?

e) Wie hoch sind die Kosten dieser Verträge?

f) Welche weiteren Verträge gibt es darüber hinaus mit Dounreay (z. B. Versorgungsverträge)?

Was ist Stand der Dinge bei diesen Verträgen?

8

Forschungszentrum Karlsruhe:

a) Welchen Brennstoff genau umfassen jeweils die Wiederaufarbeitungsverträge mit Dounreay (vgl. Drucksache 12/ 4925)?

b) Wieviel dieses Materials wurde bereits nach Dounreay geliefert?

c) Wieviel lagert noch in Deutschland?

Soll dieses Material trotz der unklaren Zukunft noch nach Dounreay geliefert werden?

Wenn ja, warum?

d) Wurde bereits Material aufgearbeitet?

Wenn ja, welches Material und wann?

e) Kann die Bundesregierung Angaben von schottischen Umweltschützern bestätigen, daß Material aus Karlsruhe seit über sechs Jahren unaufgearbeitet in Dounreay lagert?

Was sind die Gründe für diese lange Lagerzeit?

Was soll nach Auffassung der Bundesregierung mit dem Material geschehen?

f) Wieviel Uran (Anreicherungsgrade), Plutonium und Thorium wurde bereits zurückgewonnen?

Was geschah mit dem Material?

g) Wo lagert der entstandene Abfall?

Wann soll er nach Deutschland zurückgeliefert werden und wohin?

h) Was umfassen die zwei Verarbeitungsverträge mit Dounreay (vgl. Drucksache 12/4925) im Detail?

i) Wieviel zu verarbeitendes Material wurde bereits nach Dounreay angeliefert?

j) Wieviel lagert noch in Deutschland?

Soll dieses Material ebenfalls noch nach Dounreay geliefert werden?

Wenn ja, warum?

k) Was sind die Endprodukte der Verarbeitung?

Wo sollen sie verwendet, gelagert oder entsorgt werden?

m) Gibt es über die fünf Verträge hinaus weitere Verträge des FZK mit Dounreay?

Wenn ja, welche?

9

Möglicherweise kontaminierte Transporte:

a) Gab es bei den Transporten in die Wiederaufarbeitungsanlagen in Dounreay Probleme mit kontaminierten Behältern und Transportwaggons?

Wenn ja, welche Reaktoren und welche Behälter waren betroffen?

b) Hat die Bundesregierung bei den Betreibern bzw. bei den zuständigen Landesaufsichtsbehörden Informationen über mögliche Kontaminationen im Forschungsreaktorbereich eingeholt?

Wenn ja, mit welchem Ergebnis?

Wenn nein, warum nicht?

c) Hat die Bundesregierung bei den Betreibern von Dounreay bzw. bei den zuständigen Aufsichtsbehörden im Ausland Informationen über mögliche Kontaminationen im Forschungsreaktorbereich eingeholt?

Wenn ja, mit welchem Ergebnis?

Wenn nein, warum nicht?

10

Gesamteinschätzung:

a) Welche Informationen hat die Bundesregierung zum Niveau der technischen Sicherheit der Atomanlagen in Dounreay?

Hält die Bundesregierung die Sicherheit der Anlagen für ausreichend und mit deutschem Standard vergleichbar?

Wenn ja, wie begründet sie dies?

b) Welche Informationen hat die Bundesregierung zum Standard der physischen Sicherheit und der Spaltstoffflußkontrolle in Dounreay?

Hält die Bundesregierung die Sicherheitsstandards für ausreichend?

c) Hält die Bundesregierung es im Hinblick auf die Sicherheitsstandards für verantwortbar, weiter Nuklearmaterial nach Dounreay zu liefern und dort verarbeiten bzw. wieder aufarbeiten zu lassen?

Wie begründet die Bundesregierung ihre Auffassung?

d) Hält die Bundesregierung es trotz der absehbaren Schließung der Atomanlagen in Dounreay für verantwortbar, deutsches Nuklearmaterial quer durch Europa nach Schottland anzuliefern?

Bonn, den 30. Juni 1998

Simone Probst Ursula Schönberger Joseph Fischer (Frankfurt), Kerstin Müller (Köln) und Fraktion

Ähnliche Kleine Anfragen