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Kleine AnfrageWahlperiode 13Beantwortet

Maßnahmen gegen chemische Stoffe mit östrogener Wirkung in Oberflächengewässern und Trinkwasser (G-SIG: 13011312)

Überblick über östrogenwirksame Stoffe in Ökosystemen und in der Nahrungskette, östrogenwirksame Stoffe im Roh- und Trinkwasser, Auswirkungen auf die Umwelt, auf Mensch und Tier, Untersuchung der Belastung des Trinkwassers aus Uferfiltrat, Produktions- und Anwendungsverbot für Stoffe mit östrogener Wirkung bzw. Maßnahmen zu deren Erfassung und Eliminierung, Einfuhrstopp für solche Stoffe

Ressort

Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit

Datum

14.03.1996

Aktualisiert

26.07.2022

Deutscher BundestagDrucksache 13/382513. 02. 96

Maßnahmen gegen chemische Stoffe mit östrogener Wirkung in Oberflächengewässern und Trinkwasser

der Abgeordneten Klaus Lennartz, Dr. Marliese Dobberthien, Michael Müller (Düsseldorf), Doris Barnett, Klaus Barthel, Friedhelm Julius Beucher, Wolfgang Behrendt, Tilo Braune, Ursula Burchardt, Marion Caspers-Merk, Christel Deichmann, Peter Enders, Lothar Fischer (Homburg), Günter Gloser, Iris Gleicke, Manfred Hampel, Christel Hanewinckel, Klaus Hagemann, Dr. Liesel Hartenstein, Eike Hovermann, Brunhilde Irber, Volker Jung (Düsseldorf), Susanne Kastner, Horst Kubatschka, Eckart Kuhlwein, Fritz Rudolf Körper, Dr. Elke Leonhard, Dr. Christine Lucyga, Siegmar Mosdorf, Christoph Matschie, Ursula Mogg, Ulrike Mehl, Jutta Müller (Völklingen), Dr. Willfried Penner, Karin Rehbock-Zureich, Erika Simm, Johannes Singer, Ursula. Schmidt (Aachen), Dr. Hansjörg Schäfer, Heinz Schmitt (Berg) . Dr. Hermann Scheer, Reinhard Schultz (Everswinkel), Günter Schluckebier, Dr. Angelica Schwall-Düren, Dr. Bodo Teichmann, Dr. Gerald Thalheim, Jella Teuchner, Reinhard Weis (Stendal), Lydia Westrich, Hans Georg Wagner, Dr. Wolfgang Wodarg, Dr. Christoph Zöpel

Vorbemerkung

Die Aufgabe von Hormonen ist es, selbst in geringsten Dosierungen im lebenden Organismus steuernd einzugreifen. Diese Aufgabe erfüllt z. B. auch das Sexualhormon Östrogen und seine Abkömmlinge. In der Natur vorkommende bzw. vom Menschen erzeugte Verbindungen, die bisher nicht als Hormone charakterisiert wurden, können jedoch auch mehr oder minder stark ausgeprägte östrogene Wirkungen entfalten.

Aus verschiedenen Ländern liegen Erkenntnisse über Fruchtbarkeitsstörungen einer Reihe von wildlebenden Arten wie Wasserschnecken, Fische, Reptilien und Vögel vor. Beobachtet wurde u. a. die Verweiblichung von Männchen, eine Verringerung der Fruchtbarkeit und die Veränderung des Sexualverhaltens. Die Aufnahme von Stoffen mit hormoneller Wirkung erfolgt im wesentlichen über die Nahrung und über das Wasser.

Vor dem Hintergrund, daß in einigen Flüssen Englands die Fischpopulation verweiblicht ist, konnte durch eingehende Untersuchungen bewiesen werden, daß der Grund hierfür in den Einleitungen von Kläranlagenabläufen, die Nonylphenole (NP) mit Gehalten im µg/L-Bereich enthielten, zu suchen war. Für einige andere Stoffe wie z. B. das Dichlordiphenyltrichloräthan (DDT) und auch einige Pestizide konnten, mehr oder minder ausgeprägt, ähnliche Wirkungen nachgewiesen werden.

Es ist bekannt, daß in den letzten 30 bis 50 Jahren vermehrt Störungen in der Entwicklung und Funktion der männlichen Fortpflanzungsorgane zu beobachten sind. Daher liegt es auf der Hand, auch den Grund hierfür in der Exposition des Menschen gegenüber solchen, östrogen wirkenden Verbindungen zu suchen. Denn die zuvor genannten Stoffe sind das Ergebnis der organischen Synthesechemie, die erst in den letzten 50 Jahren solche Stoffe im großtechnischen Maßstab hergestellt hat.

Das Pestizid DDT steht auf dem Index und wird bei uns nicht mehr angewendet. Das Nonylphenol (NP), welches als biochemisches Abbauprodukt der als nichtionische Tenside genutzten Nonylphenolethoxylate (NPEO) auffällig wurde, weil es als ,,Sackgassenmetabolit" den Belebtschlamm schädigte, konnte merklich im Abwasser reduziert werden. Durch eine freiwillige Selbstverpflichtungserklärung der Produzenten wurden die Vorläuferverbindungen, die NPEOs, weitgehend, aber nicht vollständig aus dem deutschen Markt genommen. Ergebnisse aus dem Bereich der Elbe bestätigen, daß nach wie vor diese Stoffe gefunden werden können, so sie denn gezielt gesucht werden.

Ein erheblicher Anteil des Trinkwassers in der Bundesrepublik Deutschland wird aus Oberflächenwasser nach Uferfiltration und aufwendigen Aufbereitungsschritten gewonnen. Obwohl die Uferfiltration und andere Aufbereitungsschritte Alkylphenole wie das NP im Rohwasser bzw. im Trinkwasser reduzieren, scheint aber eine vollständige Elimination nur bedingt möglich zu sein.

Besonders schwierig gestalten sich die Anreicherung und der analytische Nachweis, weil die Konzentrationen dieser Stoffe im sub-Mikrogrammbereich liegen. Da aber das Trinkwasser für den Menschen das wichtigste Lebensmittel darstellt, sollten Stoffe, die aufgrund ihrer Wirksamkeit selbst in geringsten Mengen durch ständige Einnahme die Fortpflanzungsfähigkeit der männlichen Bevölkerung zu beeinflussen vermögen, nicht im Trinkwasser vorhanden sein. Entsprechende Produktions-, Verkaufs- und Anwendungsverbo te sollten unverzüglich geregelt werden.

Wir fragen die Bundesregierung:

Fragen10

1

Mit welchen östrogenwirksamen Stoffen ist nach Ansicht der Bundesregierung in Ökosystemen und damit in der Nahrungskette zu rechnen? Welche Anstrengungen unternimmt die Bundesregierung, um einen Überblick über die in Frage kommenden Stoffe zu erhalten und welche konkreten Ergebnisse liegen bereits vor?

2

Welche Erkenntnisse liegen über Auswirkungen von Stoffen mit östrogener Wirkung auf die Umwelt und auf die menschliche Gesundheit vor, und welche Konsequenzen zieht die Bundesregierung aus diesen Erkenntnissen?

3

Welche. Stoffe mit östrogener Wirkung sind im Rohwasser und im Trinkwasser gefunden worden, und welche Kenntnisse hat man über die Verursacher dieser Stoffe und die speziellen Auswirkungen auf Mensch und Tier?

4

Wie beurteilt die Bundesregierung aufgrund der ihr bisher vorliegenden Daten über die Gehalte der zur Trinkwassergewinnung genutzten Oberflächengewässer mit Octylphenolen (OPs) und Nonylphenolen (NPs) und ihren Vorläuferverbindungen, den Octyl- bzw. Nonylphenolethoxylaten (NPEOs), die Belastungssituation allgemein?

5

Welche Schritte hat die Bundesregierung unternommen, um die Belastung des Trinkwassers, welches aus Uferfiltrat hergestellt wird, durch systematische Analysen auf das Vorhandensein der Alkylphenole (APs) hin untersuchen zu lassen?

6

Liegen der Bundesregierung Erkenntnisse vor, ob in Gebieten mit problematischen Uferfiltrationsstrecken wie z. B. am Oberlauf der Elbe mit sandig/kiesigen Böden und, dadurch bedingt, geringem Rückhaltevermögen und, dadurch bedingt, vermindertem biochemischem Abbau während der Uferpassage die Trinkwässer regelmäßig auf derartige Schadstoffe hin untersucht werden?

Wenn ja, welche Erkenntnisse liegen vor?

Welche Maßnahmen sind ergriffen worden, falls derartige Stoffe nachgewiesen werden konnten?

7

Befürwortet die Bundesregierung ein gänzliches Produktions- und Anwendungsverbot für Stoffe mit östrogener Wirkung wie z. B. die als nichtionischen Tenside genutzten Alkylphenolethoxylate (APEO), die Vorläuferverbindungen der östrogen wirkenden Alkylphenole (AP)?

Wenn nein, hat die Bundesregierung entsprechende Maßnahmen ergriffen, um empfindliche, verläßliche und validierbare Anreicherungs-, Nachweis- und Quantifizierungsmethoden für diese Schadstoffe entwickeln zu lassen?

Wenn ja, welche Erfassungsgrenzen sind mit dieser Methode zu erreichen?

8

Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung vor, inwieweit physikalisch-chemische Methoden wie z. B. die Ozonbzw. Ozon/UV-Behandlung zusätzlich zu den biochemischen Eliminationsmethoden eingesetzt werden können, um derartige Stoffe im Trinkwasser weitestgehend zu eliminieren?

9

Wie beabsichtigt die Bundesregierung sicherzustellen, daß zukünftig über den Import von Stoffen mit östrogener Wirkung wie z. B. Tensidformulierungen, die in ihrem Abbau sich in APs oder APEOs umwandeln, nicht auf den deutschen Markt gelangen?

10

Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung vor über die Verwendung von APs als Antioxidantien in Kunststoffen?

Bonn, den 13. Februar 1996

Klaus Lennartz Dr. Marliese Dobberthien Michael Müller (Düsseldorf) Doris Barnett Klaus Barthel Friedhelm Julius Beucher Wolfgang Behrendt Tilo Braune Ursula Burchardt Marion Caspers-Merk Christel Deichmann Peter Enders Lothar Fischer (Homburg) Günter Gloser Iris Gleicke Manfred Hampel, Christel Hanewinckel Klaus Hagemann Dr. Liesel Hartenstein Eike Hovermann Brunhilde Irber Volker Jung (Düsseldorf), Susanne Kastner Horst Kubatschka Eckart Kuhlwein Fritz Rudolf Körper Dr. Elke Leonhard Dr. Christine Lucyga Siegmar Mosdorf Christoph Matschie Ursula Mogg Ulrike Mehl Jutta Müller (Völklingen) Dr. Willfried Penner Karin Rehbock-Zureich Erika Simm Johannes Singer Ursula Schmidt (Aachen) Dr. Hansjörg Schäfer Heinz Schmitt (Berg) Dr. Hermann Scheer Reinhard Schultz (Everswinkel) Günter Schluckebier Dr. Angelica Schwall-Düren Dr. Bodo Teichmann Dr. Gerald Thalheim Jella Teuchner Reinhard Weis (Stendal) Lydia Westrich Hans Georg Wagner Dr. Wolfgang Wodarg Dr. Christoph Zöpel

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