Pyrethroide
der Abgeordneten Dr. Angelica Schwall-Düren, Michael Müller (Düsseldorf), Brigitte Adler, Hermann Bachmaier, Ingrid Becker-Inglau, Hans-Werner Bertl, Friedhelm Julius Beucher, Dr. Herta Däubler-Gmelin, Dr. Marliese Dobberthien, Elke Ferner, Dagmar Freitag, Dr. Liesel Hartenstein, Dieter Heistermann, Dr. Barbara Hendricks, Klaus Kirschner, Nicolette Kressl, Klaus Lennartz, Christoph Matschie, Ulrike Mehl, Jutta Müller (Völklingen), Georg Pfannenstein, Bernd Reuter, Dagmar Schmidt (Meschede), Regina Schmidt-Zadel, Walter Schöler, Dietmar Schütz (Oldenburg), Volkmar Schultz (Köln), Lisa Seuster, Wolfgang Spanier, Dr. Bodo Teichmann, Siegfried Vergin, Ute Vogt (Pforzheim), Matthias Weisheit, Gert Weisskirchen (Wiesloch), Hildegard Wester, Dr. Christoph Zöpel
Vorbemerkung
Der unkontrollierte und daher oft nicht bestimmungsgemäße Gebrauch von Pyrethroiden in Innenräumen hat sich als problematisch erwiesen. Es reicht nicht aus, auf pyrethroidhaltigen Insektiziden nur Warnhinweise anzubringen. Vorliegende wissenschaftliche Untersuchungen weisen eindeutig einen Zusammenhang zwischen Gesundheitsschäden und dem Einsatz von Pyrethroiden in Innenräumen nach. Auch wenn die langfristigen Wirkungen unter Wissenschaftlern noch umstritten sind, verdichten sich die Hinweise darauf. Eine vorsorgende Gesundheitspolitik gebietet daher, langfristige Wirkungen zu berücksichtigen.
Wichtig sind die Ergebnisse des Biochemikers und Mediziners Friedhelm Diehl, Fulda, der 1995 zeigte, daß Pyrethroide das menschliche Immunsystem schädigen können.
Wissenschaftlern der University of Texas, Dallas, ist der Durchbruch beim Verständnis des Golfkrieg-Syndroms der amerikanischen Golfkriegsveteranen gelungen, die verschiedenen Chemikalien, darunter auch Pyrethroiden, ausgesetzt waren. Die Gehirn-, Rückenmarks- und Nervenschäden der Golfkriegsveteranen lassen sich plausibel durch die Wirkungen verschiedener chemischer Stoffe erklären, denen sie ausgesetzt waren. Esterasen (wichtige Körperenzyme) werden durch das Antinervengasmittel PB (Pyridostigminbromid) geschützt, indem es sich schützend um diese legt und sie damit gleichzeitig blockiert. Dadurch fallen diese Enzyme für eine bestimmte Zeit für eine ihrer wichtigsten Aufgaben aus, den Abbau von Giften wie Pyrethroiden (z. B. Permithrin). Mit Permithrin wurden die Uniformen der Golfkriegsoldaten imprägniert. Durch die Blockade der Esterasen konnten Pyrethroide ungehindert in die Nervenzellen und ins Gehirn gelangen mit entsprechenden Folgewirkungen.
Nach diesen Erkenntnissen sind Mischungen verschiedener Insektizide, wie sie in der Praxis meist eingesetzt werden, völlig neu zu bewerten.
Es ist möglich, daß diese Kombipräparate neben Pyrethroiden auch Stoffe enthalten, die den Abbau von Pyrethroiden im menschlichen Körper hemmen, oder zeitweise verhindern. Dadurch können Langzeitschäden durch Pyrethroide entstehen.
Dieses Zusammenspiel verschiedener Chemikalien zeigt die Schwere des Problems, die mit dem Einsatz von Insektiziden speziell von Kombipräparaten verbunden sind. Es zeigt auch, daß es unfair ist, den Geschädigten und durch Insektizide chemisch verletzten Personen die Beweislast aufzubürden.
Eine Studie im Auftrag des niedersächsischen Sozialministeriums vom April 1997 über „Biozidanwendungen im Haushalt als möglicher Risikofaktor für die Gesundheit der Raumnutzer" zeigt, daß die Anwendung von Pestiziden im Haushalt in sehr vielen Fällen nicht bestimmungsgemäß ist. Eine wesentliche Ursache hierfür dürfte in der verharmlosenden Werbung, insbesondere für Pyrethroide liegen. In über 50 % der repräsentativ ausgewählten Haushalte werden Schädlingsbekämpfungsmittel benutzt. Langlebige Pyrethroide wie Permithrin werden besonders häufig verwendet. In mehr als jedem zweiten Fall gefährden die Anwender dabei ihre Gesundheit.
Am 23. Mai 1995 wurde von der Fraktion der SPD der Antrag „Verbot des Einsatzes von Pyrethroiden in Textilien und Innenräumen" in den Deutschen Bundestag eingebracht (Drucksache 13/1478). Am 28. Februar 1996 wurde der Antrag der Fraktion der SPD bei Stimmengleichheit im Ausschuß für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit durch die Regierungskoalition abgelehnt. Dabei führten die Vertreter der Bundesregierung aus, daß hinreichend Fälle bekanntgeworden seien, die den Schluß nahelegen, daß Pyrethroide nachteilige Auswirkungen auf den Menschen haben können. Daher beabsichtige die Bundesregierung, daß in Schädlingsbekämpfungsmitteln, die an private Verbraucher abgegeben und in Lebensmittelbetrieben eingesetzt werden, nur bestimmte Wirkstoffe eingesetzt werden dürfen. Die Vertreter der Bundesregierung haben im Ausschuß den diesbezüglichen Entwurf für eine Verordnung vorgelegt und erklärt, daß dieser Entwurf derzeit beraten werde. Seitdem herrscht Funkstille.
Vor diesem Hintergrund fragen wir die Bundesregierung:
Fragen11
Wie ist der Stand der von der Bundesregierung angekündigten Schädlingsbekämpfungsmittelverordnung, und warum wurde diese Verordnung bisher nicht erlassen, obwohl bereits seit 1994 daran gearbeitet wird und obwohl der Verordnungsentwurf bereits im Februar 1996 dem Ausschuß für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit vorgelegt wurde?
Teilt die Bundesregierung die Auffassung, daß insbesondere aufgrund der in der Einleitung dargestellten neuen Erkenntnisse eine nationale Schädlingsbekämpfungsmittelverordnung zum Schutz der Verbraucher dringend notwendig ist?
Wie will die Bundesregierung Fehlanwendungen im Haushaltsbereich vermeiden, insbesondere vor dem Hintergrund der niedersächsischen Studie „Biozidanwendungen im Haushalt", die aufzeigt, daß Fehlanwendungen häufig der Normalfall sind?
Teilt die Bundesregierung die Einschätzung, daß die nationale Umsetzung einer europäischen Biozidrichtlinie frühestens in zwei bis drei Jahren erfolgen wird, insbesondere vor dem Hintergrund, daß der gemeinsame Standpunkt zur Biozidrichtlinie noch zwischen dem Rat und dem Parlament der EU umstritten ist?
Teilt die Bundesregierung die Einschätzung, daß ein vorsorgender Umwelt- und Gesundheitsschutz nach dem oben Gesagten die rasche Verabschiedung einer Schädlingsbekämpfungsmittelverordnung gebietet?
Wird die Bundesregierung bei der Schädlingsbekämpfungsmittelverordnung bzw. bei der Umsetzung einer europäischen Biozidrichtlinie die Erkenntnisse aus dem erfolgreichen Integrated Pest Management Programm der USA übernehmen, das zum Ziel hat, den Einsatz giftiger Pestizide durch den Einsatz vorbeugender Maßnahmen bzw. durch Einsatz von Köderpräparaten, die die Innenraumluft nicht belasten, zu ersetzen?
Welche Dekontaminationsmöglichkeiten in Innenräumen sind der Bundesregierung bekannt, die nach Fehlanwendungen durchgeführt werden können?
Welche Konsequenzen zieht die Bundesregierung aus den Erkenntnissen amerikanischer Wissenschaftler (Analysis of Replicability and Invariance of the Six Syndrome Factors Identified in the Study of the Gulf War Syndrome in RNMCB-24, Robert W. Haley, M. D., Division of Epidemiology, Department of Internal Medicine, University of Texas Southwestern Medical Center, Dallas, Texas, - vom Sprachendienst des Deutschen Bundestages übersetzt) über das Zusammenwirken verschiedener Chemikalien und Insektizide?
Teilt die Bundesregierung die Auffassung, daß bei Kombipräparaten von Insektiziden die Gefahr besteht, daß auch Stoffe darin enthalten sein können, die körpereigene Enzyme (z. B. Esterasen) hemmen, so daß der Abbau von Stoffen wie Permithrin gehemmt oder zeitweise verhindert wird?
Falls die Bundesregierung diese Gefahr nicht sieht, wie begründet sie dies?
Welche Konsequenzen zieht die Bundesregierung aus diesen Erkenntnissen?
Ist die Bundesregierung bereit, aufgrund dieser Forschungsergebnisse Konsequenzen für die Beweislast betroffener Geschädigter zu ziehen im Sinne einer Beweislastumkehr bzw. zumindest von Beweislasterleichterungen?
Wie begründet die Bundesregierung den Vorschlag des Bundesinstituts für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgVV), in Zukunft Flugzeuge nicht mehr mit Pestiziden - also auch nicht mehr mit Pyrethroiden - zu desinfizieren (vgl. Frankfurter Rundschau vom 20. Juni 1997)?