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Kleine AnfrageWahlperiode 16Beantwortet

Ungewöhnliche atmosphärische Strukturen im Radarbild

<span>Kenntnis über atmosphärische Störungen verursachende Radartäuschungsmittel (sog. Düppel oder chaff) durch in- oder ausländische Militärflugzeuge, vorgenommene Versuche, in die Atmosphäre eingebrachte Stoffe, gesetzliche Grundlage, Informierung des Wetterdienstes, Bewertung der Debatte um sog. Chemtrails</span>

Fraktion

DIE LINKE

Datum

05.03.2009

Aktualisiert

26.07.2022

Deutscher BundestagDrucksache 16/1200917. 02. 2009

Ungewöhnliche atmosphärische Strukturen im Radarbild

der Abgeordneten Eva Bulling-Schröter, Lutz Heilmann, Hans-Kurt Hill, Dr. Petra Sitte und der Fraktion DIE LINKE.

Vorbemerkung

„Geisterwolken über Deutschland“ lautete laut „Informationsdienst Wissenschaft“ (http://idw-online.de/pages/de/news182398) eine Schlagzeile, die im Juli 2005 durch die Medien ging. Damals sei über Norddeutschland ein Phänomen aufgetreten, das Aufregung verursacht habe: Am 19. Juli des Jahres hätten Radargeräte Echos gemeldet, die offensichtlich nicht von Wolken oder Niederschlag haben kommen können. Ein Bericht in den Mitteilungen der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft Nr. 3/4 2005 habe daraufhin von „unbekannten Flugobjekten im RADAR-Bild“ gesprochen. Der Autor Jörg Asmus habe vermutet, das Phänomen sei auf so genannte Düppel (englisch „Chaff“) zurückzuführen. Diese metallummantelten Kunstfasern von der Dicke eines Haares setze das Militär ein, um gegnerische Radargeräte zu täuschen.

Der ZDF-Wetterbericht innerhalb der „heute“-Sendung vom 14. Januar 2009 hat nun erneut auf vergleichbare Ereignisse in der Atmosphäre verwiesen: Der Meteorologe und Moderator des ZDF Gunther Tiersch wörtlich: „dann haben wir da noch etwas, was wir nicht als Regen oder Schnee identifizieren können. Hier im Westen, diese Schlangenlinien – das haben wahrscheinlich am Nachmittag über der Nordsee ein paar Flugzeuge, Militärflugzeuge, rausgebracht, in etwa fünf bis sechs Kilometer Höhe; hat mit Wetter so nichts zu tun“. Die beschriebene „Wolkenformation“ hatte ein geschätztes Ausmaß von zirka 300 Kilometern Länge und 50 Kilometern Breite. Auf Nachfrage vermutete der Meteorologe ebenfalls Chaff-Experimente für diese auch „Geisterwolken“ genannten Formationen.

Genannte Erscheinungen befeuern – vor allem im Internet – eine seit Jahren parallel geführte Debatte über angebliche geheime Versuche des US-Militärs bzw. der Nato, mittels Eintrag von (giftigen) chemischen Stoffen in die Atmosphäre (Barium, Aluminium, Kunststoffträger) künstliche Wolken zu erzeugen bzw. das Kohlendioxid zu neutralisieren und so dem Klimawandel entgegenzuwirken. Besorgte Bürgerinnen und Bürger verweisen in E-Mails an Abgeordnete auf wiederkehrende Veröffentlichungen in einigen fachfernen Zeitschriften (etwa „Die Zerstörung des Himmels“, Raum & Zeit Nr. 127) oder einschlägigen Internetseiten (http://www.chemtrails.ch/), welche diese „Chemtrails“ genannten Spuren im Himmel, die Kondensstreifen ähneln sollen, jenen vermeintlich geheimen Militär-Operationen zuordnen. Hingegen weisen in Deutschland sowohl das Umweltbundesamt (www.umweltbundesamt.de/uba-info-presse/hintergrund/chemtrails.pdf) als auch Umweltorganisationen wie Greenpeace (www.chemtrails-info.de/chemtrails/greenpeace-erklaerung.htm) solche Theorien strikt zurück. Sie vermuten hinter den Beobachtungen vielmehr Kondensstreifen von Flugzeugen, die sich bei bestimmten Wetterlagen besonders stark herausbilden und bei Windstille auch stundenlang halten.

Die Wissenschaftler Klaus Dieter Beheng und Ulrich Blahak vom Institut für Meteorologie und Klimaforschung der Universität Karlsruhe/ Forschungszentrum Karlsruhe haben unter dem Titel „Ungewöhnliche atmosphärische Strukturen im Radarbild“ am 13. Oktober 2006 eine Stellungnahme zu den bereits von Asmus beschriebenen atmosphärischen Strukturen in den Mitteilungen der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft veröffentlicht (www.dfld.de/Downloads/Uni_Khe_061013.pdf). Sie bestätigen nach Ausschluss einer Vielzahl anderer Hypothesen die Vermutung von Asmus. Die Erscheinungen seien mit hoher Wahrscheinlichkeit Chaff zuzuordnen, das innerhalb von Übungen von Militärflugzeugen in Größenordnungen von maximal wenigen 100 Kilogramm abgeworfen werde. Die Maschinen würden die Düppel ausstoßen, um Radaranlagen mit den daraus großflächig entstehenden Radar-Geisterwolken zu stören. Entsprechende Radarreflexionen könnten von Wetterstationen erfasst werden. Zudem seien die Chaff-Strukturen vom 19. Juli 2005 kein Einzelfall, solche würden immer wieder in Radardaten entdeckt. Eine eindeutige Identifizierung sei jedoch häufig schwierig. Vor allem wenn sich die Chaff-Partikel mit natürlichen Wolken mischten, sei ihr Nachweis fast unmöglich.

Die Autoren stellen fest, dass als „Verursacher“ der fraglichen Radarechos eigentlich nur militärische Luftfahrzeuge in Betracht kämen, die vermutlich den Umgang mit Chaff zur Störung feindlicher Luftüberwachungsradare geübt oder aber Chaff als Ziele für Raketenabwehrsysteme freigesetzt hätten. Abschließend klären ließe sich das allerdings nicht, „da aus diversen Gründen keine offiziellen Statements seitens der Verantwortlichen erwartet werden dürfen“.

Aufgrund der wiederkehrenden Anfragen von Bürgerinnen und Bürgern, die unter anderem auf die aktuelle ZDF-Berichterstattung verweisen, fragen wir die Bundesregierung:

Wir fragen die Bundesregierung:

Fragen10

1

Hat die Bundesregierung Kenntnis von in- oder ausländischen Militärflugzeugen oder anderen Luftfahrzeugen, die so genanntes Chaff in der Atmosphäre abwerfen?

2

Hat das Ausbringen des so genannten Chaffs die in der Karlsruher Studie vermuteten militärischen Funktionen, wenn nein, welche Funktion hat es?

3

Wurden am 14. Januar 2009 sowie an den in der Karlsruher Studie beispielhaft genannten weiteren Tagen 19. Juli 2006, 18. Juni 2003 und 6. Dezember 2001 Chaff-Versuche oder ähnliche Experimente durchgeführt, die über deutschem Gebiet beschriebene Radarreflexionen auslösten?

Wenn ja, von wem, und mit welchem Ziel, wenn nein, wie erklärt sich die Bundesregierung die an diesen Tagen festgestellten ungewöhnlichen atmosphärischen Strukturen im Radarbild?

4

Sollten solche oder ähnliche Versuche an diesen Tagen durchgeführt worden sein: Welche Stoffe wurden in welcher Menge in die Atmosphäre gebracht?

5

Wie viel Chaff-Versuche wurden in Deutschland insgesamt seit 1990 von wem durchgeführt, und welche Mengen an welchen Materialien wurden dabei in die Atmosphäre gebracht?

6

Wie schätzt die Bundesregierung ggf. die Wirkung solcher Versuche auf Mensch und Umwelt ein?

7

Wie bewertet die Bundesregierung den Sinn solcher Versuche, auf welcher gesetzlichen Grundlage erfolgen sie, und unterliegen sie einem Genehmigungsverfahren?

8

Sollte sich nach Auffassung der Bundesregierung das Militär im Zusammenhang mit Chaff-Versuchen nicht zumindest mit den zuständigen staatlichen meteorologischen Diensten in Verbindung setzen, um die Interpretation von Wetterprognosen zu erleichtern?

9

Hat die Bundesregierung Kenntnisse, inwieweit im Ausland solche oder vergleichbare Versuche durchgeführt werden?

10

Welche Haltung hat die Bundesregierung zu der Debatte um so genannte Chemtrails?

Berlin, den 16. Februar 2009

Dr. Gregor Gysi, Oskar Lafontaine und Fraktion

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