Volltext (unformatiert)
[Deutscher Bundestag Drucksache 10/2917
10. Wahlperiode
22.02.85
Kleine Anfrage
des Abgeordneten Vogt (Kaiserslautern) und der Fraktion DIE GRÜNEN
Folgen eines Pershing II-Brandunfalles
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Kann die Bundesregierung die Beobachtung von
Augenzeugen bestätigen, daß wiederholt Pershing II-Raketen auf ihren
Abschußlafetten in schräge oder senkrechte Stellung
aufgerichtet wurden?
2. Haben die US-Truppen zu irgendeinem Zeitpunkt Pershing
II-Raketen in der Bundesrepublik Deutschland feuerbereit
gemacht, und zwar
a) übungsweise,
b) als kriegsmäßige Einsatzbereitschaft?
3. Hat es in der Bundesrepublik Deutschland zu irgendeinem
Zeitpunkt Feuerbereitschaftsstellungen (sogenannte „Quick
Reaction Alert"- Stellungen) mit Pershing II-Raketen
gegeben?
4. Trifft die Fernsehmeldung (Monitor, 22. Januar 1984) zu,
a) daß laut interner Informationsbroschüre der US-Armee
dauernd Pershing II-Einheiten in kriegsmäßiger
Feuerbereitschaft in der Bundesrepublik Deutschland stehen und
b) daß es sich dabei um drei Pershing II-Einheiten mit je neun
feuerbereiten Pershing II-Raketen handelt?
5. Kann die Bundesregierung ausschließen, daß bei einem
Brandunfall mit einer aufgerichteten Pershing II-Rakete —
gleichgültig ob mit oder ohne Atomsprengkopf — die Rakete
von der Startlafette abhebt und wie eine Feuerwerksrakete
davonfliegt?
6. Kann die Bundesregierung bestätigen, daß die Schubkraft
einer startenden Pershing II-Rakete (ca. 30 bis 50 Tonnen)
und die Hitze ihres Feuerstrahles alle — soweit überhaupt
vorhandenen — Rückhaltevorrichtungen überwinden und
gegebenenfalls die Startlafette ein Stück hochreißen und
dann abwerfen würde?
7. Kann die Bundesregierung bestätigen, daß sie keine
technischen Maßnahmen (z. B. funkgezündete
Selbstzerstörungssprengladung wie bei Testflügen, unter bundesdeutscher
Kontrolle) vorbereitet hat, um im Falle des unbeabsichtigten
Aufstiegs einer Pershing II-Rakete diese zum Notabsturz zu
bringen?
8. Kann die Bundesregierung bestätigen, daß die Flugweite
eines ungelenkten Amokfluges einer Pershing II-Rakete mit
großer Wahrscheinlichkeit bei einigen zehn bis einigen
hundert Kilometern liegen würde? Wenn nein, welche
Zahlenangaben macht die Bundesregierung für einen solchen Unfall?
9. Kann die Bundesregierung bestätigen, daß die Sowjetunion
die Pershing II-Raketen als gegen ihre Nervenzentren
gerichtet ansieht', und daß die von der NATO veröffentlichten
technischen Leistungsdaten der Pershing II-Rakete diese
Befürchtung der Sowjetunion rein technisch als begründet erscheinen
lassen (NATO-amtliche Angaben: Reichweite 1 800 km =
Strecke Bayreuth—Moskau, Flugzeit über Reichweite 12
Minuten, Treffgenauigkeit sehr hoch", Fähigkeit zur
Zerstörung von Bunkerzielen)?
10. Kann die Bundesregierung bestätigen, daß die Pershing II-
Raketen die wichtigsten und zeitkritischsten Ziele eines
möglichen sowjetischen Angriffs gegen die Bundesrepublik
Deutschland sind, weil die Sowjetunion diese Raketen als
gegen die Nervenzentren gerichtete präzise
„Bunkerknakker" ansieht und weil die Pershing II-Raketen sich in ihrer
auffällig-ungeschützten Stationierungstechnik für
Präventiefangriffe geradezu darbieten?
11. Kann die Bundesregierung bestätigen, daß im Falle eines
unbeabsichtigten Starts einer Pershing II-Rakete sowje tische
wie amerikanische Frühwarnsatelliten den Feuerstrahl der
Rakete ausmachen und deren Abschußort in der
Bundesrepublik Deutschland lokalisieren würden?
12. Kann die Bundesregierung ausschließen, daß in Krisenzeiten
— etwa während einer Krisensitzung der Sowjetführung in
Moskau — die sowjetische Reaktion auf einen
unbeabsichtigten Pershing II-Sta rt ein sofortiger präventiver Angriff gegen
die Pershing II-Stellungen mittels der in der DDR und der
Tschechoslowakei in Feuerbereitschaft stehenden SS 12/
SS 22-Raketen sein würde?
13. Kann die Bundesregierung bestätigen, daß im Falle des
Abschusses von SS 12/SS 22-Raketen aus der DDR oder der
Tschechoslowakei nach dem vorausgegangenen
unbeabsichtigten Start einer Pershing II-Rakete die amerikanischen
Frühwarnsatelliten die Raketenabschüsse auf dem
europäischen Festland lokalisieren würden, diese sofort an die US
-
Führung melden würden, aber gleichzei tig allein aus dem
Abschußort eine Gefahr für die USA ausschließen würden?
14. Kann die Bundesregierung ausschließen, daß die sowje tische
Führung durch eine Mitteilung über den „heißen Draht" an
die von ihren eigenen Satelliten bereits vorinformierte US-
Regierung das Risiko eines amerikanischen Gegenschlags
extrem klein halten kann?
15. Kann die Bundesregierung bestätigen, daß Süddeutschland
noch niemals in solcher Lebensgefahr schwebte wie seit
Beginn der Stationierung der Pershing II-Raketen Ende 1983 ?
Bonn, den 22. Februar 1985
Vogt (Kaiserslautern)
Schoppe, Dr. Vollmer und Fraktion]