Es gibt Forschungsprogramme, die entsprechende Ergebnisse erwarten lassen. Unter Umwelteinflüssen sind in diesen Programmen in erster Linie vom Menschen verursachte stoffliche und sozio-ökonomisch bedingte Belastungsfaktoren zu verstehen, die einen nachhaltigen Einfluß auf die menschliche Gesundheit haben. Hierzu rechnen demnach vor allen Dingen die Auswirkungen der Industrialisierung, der Motorisierung, der städtebaulichen Verdichtung mit Verschlechterung des Wohnumfeldes, der Belastungsfaktoren durch chemische Stoffe allgemein und am Arbeitsplatz im besonderen, möglicherweise krankheitsauslösende Stoffe innerhalb der „nahrungskette", angefangen von bestimmten Schwermetallen wie Cadmium und solchen Stoffen, die in der Nahrungskette gebildet werden können (Mykotoxine) bis hin zu Stoffen synthetischen oder emittierten Ursprungs wie polychlorierte Biphenyle (PCB), die als Umweltkontaminanten in der Nahrungskette vorkommen können.
Über entsprechende Forschungsprogramme oder Ergebnisse von Umweltkontaminanten in der Nahrungskette wurde u.a. ausführlich berichtet im vom Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit 1976 herausgegebenen Bericht „Umweltchemikalien: Probleme — Situation — Maßnahmen", in den Ernährungsberichten der Deutschen Gesellschaft für Ernährung sowie in der Antwort der Bundesregierung auf die Große Anfrage zur Umweltpolitik (Deutscher Bundestag, 8. Wahlperiode, Drucksache 8/3713).
Es rechnen dazu auch Faktoren der gesellschaftlichen Umwelt, angefangen von den veränderten Ernährungsgewohnheiten bis hin zu einer Vielzahl psycho-sozialer Belastungsfaktoren, die nach neueren Erkenntnissen mitbestimmend sind für die Auslösung von Krankheiten.
Für den Bereich der Umweltkontamination gibt es Forschungsprogramme, mit denen krankheitsbegünstigende Faktoren durch Verunreinigungen der Luft und des Wassers untersucht werden sollen. Beispielhaft sind aus dem Umweltforschungsplan 1980, der vom Umweltbundesamt zusammengestellt wird, zu nennen:
- Experimentelle Untersuchungen über die Lungendeposition und Retention inhalierter Faserstäube mit und ohne Einfluß von Zigarettenrauch
- Prüfung von Schadstoffen aus verschiedenen Emissionsquellen auf ihre krebserregende Wirkung
- Bilanz und Wirkung polycyclischer Carcinogene in der Umwelt
- Untersuchungen über die carcinogene Wirkung von gebrauchtem Schmieröl aus Personenkraftfahrzeugen
- Biologische Untersuchungen zur Wirkung inhalierter fasriger Stäube
- Äkutale und chronische Effekte von Ottomotor-Abgasen auf den Säugetierorganismus
- Beurteilung der toxikologischen Wirkung kleiner und kleinster Carcinogenkonzentrationen in Umweltmedien bezüglich der Relevanz für die menschliche Gesundheit
- Auftreten und Wirkungen von organischen Substanzen (Vorstudie)
- Entwicklung und Bewertung biologischer Untersuchungsmethoden zur Beurteilung gesundheitlicher Risiken nach Benzoleinwirkung
- Arbeitsmedizinische Studie über Dosis-Antwort und Dosis-Wirkungsbeziehungen für anorganische und organische Quecksilberverbindungen. Ihre Bewertung in Relation zu einer umweltmedizinischen Feldstudie
- Epidemiologische Untersuchungen über die Beziehungen zwischen Asbestzement Staubbearbeitung auf Baustellen als Emissionsquelle und Asbestinhalationsfolgen nach langjähriger Exposition
- Aufstellung der Dunkelziffer von Asbestinhalationsfolgen bei nicht mehr beruflich asbeststaubexponierten Personen
- Untersuchung der Mortalität und Umweltbelastung im Rhein-Neckar-Raum
- Möglichkeiten der epidemiologischen Erhebungen zur Klärung des Zusammenhangs zwischen Umweltverschmutzung und Krankheitshäufigkeit in der Bundesrepublik Deutschland.
In dem Bereich der Strahlenexposition laufen eine Reihe von Forschungs- und Meßprogramme. Die natürliche Strahlenexposition wird im Freien wie in Häusern nach regionaler Gliederung, aber flächendeckend für die Bundesrepublik erfaßt, ebenso durch Überwachungsprogramme die Radioaktivität in der Umgebung von kerntechnischen Anlagen, in Abwässern der Verwender von Radionukliden u.s.f. Auch die Strahlenbelastung im Beruf wird überwacht und die Belastung als Patient in Stichproben ermittelt. Die Jahresberichte des Bundesministers des Innern über Umweltradioaktivität und Strahlenbelastung berichten regelmäßig über die Ergebnisse.
Schwierig ist allerdings das Erkennen und das Zuordnen von Krankheits-häufigkeiten zu diesen Parametern, solange eine regional gegliederte Statistik über diese Häufigkeiten fehlt. In einem Forschungsprogramm wird deshalb gegenwärtig hilfsweise versucht, entsprechende Erkenntnisse aus der regional gegliederten amtlichen Todesursachenstatistik zu gewinnen, die mit den Meßergebnissen über die Strahlenexposition wie auch mit anderen regionalen Besonderheiten, wie Bodennutzung etc. zusammengeführt und ausgewertet wird.
Weiterhin ist ein Forschungsprogramm angelaufen, nach dem die Häufigkeit z. B. von Krebserkrankungen bei Personen festgestellt werden soll, deren berufliche Strahlenbelastung der in der Strahlenschutzverordnung gezogenen Obergrenze nahekommt.
Ähnliche spezielle Langzeituntersuchungen bei anderen Bevölkerungsgruppen, z. B. Patienten, die vor Jahrzehnten mit Thorotrast (einem Thorium-haltigen Röntgenkontrastmittel) behandelt worden sind, laufen ebenfalls oder werden noch diskutiert.
Äußerdem werden Vorhaben durchgeführt, die die Erforschung von somatischen und genetischen Schäden radioaktiver Strahlung sowie die Analyse der Kombinationseffekte von ionisierenden Strahlen und sensibilisierenden Substanzen zum Ziel haben.
Hinsichtlich „krebsgefährdung am Arbeitsplatz" wird innerhalb des Forschungsprogramms „Humanisierung der Arbeit" vorwiegend nach dem Ersatz krebserzeugender Arbeitsstoffe durch andere, weniger gefährliche Arbeitsstoffe, geforscht. Auf arbeitsmedizinischem Sektor besteht auch nach Auffassung der im Rahmen der „Großen Krebskonferenz" gebildeten Arbeitsgruppen Forschungsbedarf
- nach Erkennung und Bewertung weiterer exogener Risikofaktoren, auch hinsichtlich der Gefährdung durch bestimmte kanzerogene Arbeitsstoffgemische;
- in Form von Screening-Studien bei besonderen arbeitsbedingten Risiko-Personengruppen und Ermittlung dieser Personengruppen;
- nach praxisnahen Analysmethoden für diejenigen krebserzeugenden Arbeitsstoffe, die bislang noch nicht analysiert werden können (Meßmethoden).
Arbeitnehmer, bei denen damit zu rechnen ist, daß sie den Einwirkungen von krebserzeugenden Arbeitsstoffen ausgesetzt sind, dürfen nach der Verordnung über gefährliche Arbeitsstoffe vom 29. Juli 1980 nur beschäftigt werden, wenn sie von einem ermächtigten Arzt untersucht und in bestimmten Abständen nachuntersucht worden sind. Auch aus diesen Untersuchungen können zusätzliche Erkenntnisse gewonnen werden.
Für die Forschungen über krebsbegünstigende Faktoren in veränderten Verhaltens- und Ernährungsgewohnheiten sowie durch psychosozialen Streß wird auf die Fortschreibung des „Krebsberichtes" —Drucksache 8/3556 vom 16. Januar 1980— verwiesen.
Diese Programme reichen sicherlich noch nicht aus, um gerade Komplexursachen eindeutig zu identifizieren. Aus ihnen werden sich aber Erkenntnisse über den Einfluß von Umweltfaktoren auf die Entstehung und Häufigkeiten von Krankheiten — insbesondere Krebs — gewinnen lassen.