Kritische Evaluierung des weltwärts-Programms zum zehnjährigen Bestehen
der Abgeordneten Eva-Maria Schreiber, Heike Hänsel, Christine Buchholz, Brigitte Freihold, Andrej Hunko, Tobias Pflüger, Kathrin Vogler, Katrin Werner und der Fraktion DIE LINKE.
Vorbemerkung
Vor genau zehn Jahren rief das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) den entwicklungspolitischen Freiwilligendienst „weltwärts“ ins Leben. Dieser spricht gezielt junge Menschen in Deutschland an und ermöglicht ihnen einen Aufenthalt in einem Land des Globalen Südens. Die Freiwilligen sollen dabei an entwicklungspolitische Fragestellungen und an gegenseitiges interkulturelles Lernen in einer globalisierten Welt herangeführt werden. Inzwischen sind ca. 160 Nichtregierungsorganisationen als Entsendeorganisationen aktiv (Quelle: www.weltwaerts.de/de/presse.html). In den letzten zehn Jahren reisten rund 34 000 Freiwillige für ihr weltwärts-Jahr in ein Land des Globalen Südens. Eine erste im Jahr 2011 durchgeführte Evaluierung zog ein größtenteils positives Fazit.
In den folgenden Jahren wurde jedoch Kritik an der starken Einseitigkeit des weltwärts-Programms laut (https://sz-magazin.sueddeutsche.de/leben-und-gesellschaft/ egotrips-ins-elend-75398). Dieses werde dem eigenen Ziel des gegenseitigen Lernens nicht gerecht, wenn junge Menschen aus Deutschland in Ländern des Globalen Südens Freiwilligendienste leisten können, nicht aber Jugendliche aus anderen Ländern gleichsam nach Deutschland kommen würden. Auch der Anspruch der Entwicklungszusammenarbeit wird nur schwer erfüllt: Bisher waren Gelder der Entwicklungszusammenarbeit vor allem dafür verwendet worden, mithilfe der weltwärts Nord-Süd-Komponente jungen Menschen aus Deutschland einen Aufenthalt in einem Land des Globalen Südens zu ermöglichen. Im Jahre 2013 begann schließlich die dreijährige Pilotphase der so genannten Süd-Nord-Komponente. Sie ermöglicht jungen Menschen aus den Ländern des Globalen Südens, einen Freiwilligendienst in Deutschland zu machen. Diese Komponente erfüllt seitdem den Anspruch des weltwärts-Programms des gegenseitigen Lernens. Die hohe Nachfrage sowohl seitens potenzieller Freiwilliger in den Ländern des Globalen Südens als auch von deutschen Nichtregierungsorganisationen (NGOs) zeigt die Wichtigkeit der Süd-Nord-Komponente.
Zum zehnjährigen Bestehen ist es allerdings entscheidend, nicht nur auf die bisherigen Erfolge des weltwärts-Programms zu blicken, sondern auch einen kritischen Blick auf das Programm insgesamt und seine Teilkomponenten zu werfen. Denn noch immer gibt es nach Ansicht der Fragestellerinnen und Fragesteller viele Kritikpunkte und offene Fragen, die auch nach zehn Jahren nicht vollständig beantwortet werden können.
Wir fragen die Bundesregierung:
Fragen36
Wie fällt nach zehn Jahren weltwärts-Programm das generelle Fazit der Bundesregierung aus?
Was sind nach Meinung der Bundesregierung die größten Stärken des weltwärts-Programms?
Was sind nach Meinung der Bundesregierung die größten Schwächen des weltwärts-Programms?
Welche konkreten entwicklungspolitischen Erfolge konnten in den letzten zehn Jahren in den Ländern des Globalen Südens erzielt werden? Rechtfertigen diese aus Sicht der Bundesregierung eine Weiterführung des weltwärts-Programms unter der Führung des BMZ?
Wie viele Freiwillige haben mittels der Nord-Süd-Komponente ihren Freiwilligendienst in einem Land des Globalen Südens gemacht? (bitte nach Jahren und Gastland einzeln auflisten)
Wie viele Visa wurden in der Zeit von 2008 bis 2018 für einen Freiwilligendienst in Deutschland ausgestellt (bitte nach Ländern und Jahren aufgeteilt und gesamt, gestellt, bearbeitet, erteilt und abgelehnt auflisten)?
a) Was waren die häufigsten Ablehnungsgründe?
b) Wie viele Freiwillige haben eine Remonstration eingereicht (bitte nach Ländern und Jahren aufteilen)
c) Wie viele Freiwillige haben eine Klage vor dem Verwaltungsgericht Berlin eingereicht?
Wie viele Visa wurden in der Zeit von 2013 bis 2018 für einen Freiwilligendienst im Rahmen der weltwärts Süd-Nord-Komponente ausgestellt (bitte nach Ländern und Jahren aufgeteilt und gesamt, gestellt, bearbeitete, erteilt und abgelehnt auflisten)?
a) Was waren die häufigsten Ablehnungsgründe?
b) Wie viele Freiwillige haben eine Remonstration eingereicht (bitte nach Ländern und Jahren aufteilen)?
c) Wie viele Freiwillige haben eine Klage vor dem Verwaltungsgericht Berlin eingereicht?
Liegt es im Bestreben der Bundesregierung, das Verhältnis zwischen Süd-Nord- und Nord-Süd-Freiwilligen weiter anzugleichen?
Falls ja, durch welche Maßnahmen?
Falls nein, warum nicht?
Wie hoch ist in beiden weltwärts-Komponenten der Anteil der Teilnehmerinnen und Teilnehmer ohne Abitur, und welche Pläne hat die Bundesregierung, diesen Anteil zu erhöhen?
Wie hoch ist in beiden weltwärts-Komponenten der Anteil der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die sich selbst als POC (person of color) bezeichnen?
Wie viele Freiwillige haben ihren Süd-Nord- bzw. Nord-Süd-Freiwilligendienst seit der Einführung von weltwärts aus persönlichen Gründen abgebrochen?
Wie viele Freiwillige haben ihren Nord-Süd-Freiwilligendienst aufgrund äußerer Umstände wie zum Beispiel einer veränderten Sicherheitslage vorzeitig beendet?
Welche Gründe waren hierfür ausschlaggebend?
Wie wird sichergestellt, dass die Freiwilligen nach ihrer vorzeitigen und plötzlichen Rückkehr nach Deutschland, die häufig eine einschneidende Erfahrung für junge Menschen sein kann, angemessen betreut werden?
Welche Gründe sieht die Bundesregierung für einen deutlich erhöhten Frauenanteil (69,6 Prozent, Quelle: www.weltwaerts.de/de/presse.html) an Teilnehmerinnen und Teilnehmer am weltwärts-Nord-Süd-Programm?
Sieht die Bundesregierung Handlungsbedarf, um den deutlich erhöhten Frauenanteil zu reduzieren?
Wenn ja, durch welche konkreten Maßnahmen?
Wenn nein, warum nicht?
Inwiefern schätzt die Bundesregierung die Nord-Süd-Komponente als nachhaltig für die Länder des Globalen Südens ein, wenn jedes Jahr neue, überwiegend ungelernte und unerfahrene Freiwillige aus Deutschland die Einsatzstellen in den jeweiligen Gastländern besetzen?
Inwiefern liegen der Bundesregierung Erkenntnisse darüber vor, ob weltwärts-Freiwillige in Ländern des Globalen Südens durch ihren Aufenthalt das Engagement der lokalen Bevölkerung in NGOs oder staatlichen Einrichtungen und Institutionen verhindern?
Wenn ja, wie geht die Bundesregierung hiermit um?
Durch welche konkreten Maßnahmen stellt die Bundesregierung sicher, dass deutsche Freiwillige im Gastland der Lokalbevölkerung keine Arbeitsplätze wegnehmen?
Hat die Bundesregierung Erhebungen über das dauerhafte Engagement von Rückkehrerinnen und Rückkehrer in Deutschland?
Wenn ja, wie zufrieden ist die Bundesregierung mit dem bisherigen Engagement von Rückkehrerinnen und Rückkehrer?
Plant die Bundesregierung, diesen Anteil in Zukunft weiter zu erhöhen, und wenn ja, durch welche konkreten Maßnahmen?
Was sind nach Meinung der Bundesregierung die Hauptgründe dafür, dass mehr als ein Drittel der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Freiwilligen-Befragung 2016 ihren Einsatzplatz und ihre Aufnahmeorganisation im Gastland nicht weiter empfiehlt (Quelle: www.weltwaerts.de/de/publikation-detail.html?id=277), und wie kann die Zufriedenheit der Freiwilligen bezüglich Einsatzstelle bzw. Aufnahmeorganisation gesteigert werden?
Aus welchen Gründen lehnte die Bundesregierung in der vergangenen Legislaturperiode den Vorschlag für eine Richtlinie 2013/0081 (COD) des Europäischen Parlaments und des Rates über die Bedingungen für die Einreise und den Aufenthalt von Drittstaatsangehörigen zu Forschungs- oder Studienzwecken, zur Teilnahme an einem Schüleraustausch, einem bezahlten oder unbezahlten Praktikum, einem Freiwilligendienst oder zur Ausübung einer Au-Pair-Beschäftigung ab?
Würde eine solche Regelung auf deutscher und europäischer Ebene nach Einschätzung der Bundesregierung zu einer gerechteren, einheitlicheren und vereinfachten Visavergabe führen?
Plant die Bundesregierung, im Rahmen des neuen Einwanderungsgesetzes den Status für internationale Freiwillige zu verbessern?
Untergräbt nach Auffassung der Bundesregierung die Ablehnung von Visaanträgen in Bezug auf Freiwillige, bei denen sämtliche rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen gegeben sind, die Qualität der Süd-Nord-Komponente?
Wenn ja, welche Pläne hat die Bundesregierung, dies in Zukunft zu verhindern?
Untergräbt nach Auffassung der Bundesregierung die Ablehnung von Visaanträgen in Bezug auf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Partnerorganisationen, die zur Qualitätssicherung des Programms auf Reisen zwischen dem Partnerland und Deutschland angewiesen sind, die Qualität der Süd-Nord-Komponente?
Wenn ja, welche Pläne hat die Bundesregierung, um dies in Zukunft zu verhindern?
Wie erklärt die Bundesregierung Vorfälle, bei denen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die an einer Partnerkonferenz des weltwärts-Programms in Deutschland teilnehmen wollten, kein Visa ausgestellt wurde (https:// visawie.org/de/2018/07/stellungnahme-zum-fall-azucena/)?
Gab es eine wiederholte Herausgabe von Dreimonatsvisa an Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Süd-Nord-Programms anstatt der nationalen Einjahresvisa, obwohl diese Praxis den aufenthaltsrechtlichen Bestimmungen widerspricht und enorme Probleme bei der Organisation und Durchführung des Freiwilligenprogramms erzeugt?
Wenn ja, wie erklärt die Bundesregierung diese Vorfälle?
Wie erklärt die Bundesregierung Vorfälle, bei denen, nach Kenntnis der Fragesteller, wiederholt Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Süd-Nord-Programms aus Ecuador erst einen Tag vor Abflug ihr Visum ausgestellt wurden?
Wurde das Ziel, die anhaltenden Probleme bei der Visumsbeschaffung zu verringern (vgl. Bundestagsdrucksache 18/3489), mit der Installation von insgesamt 18 Landesansprechpartnerinnen und Landesansprechpartner im Jahre 2014 und 2015 erreicht?
a) Welche Belege gibt es für einen Erfolg bzw. Misserfolg?
b) Welche weiteren Maßnahmen werden von der Bundesregierung zur Verringerung der Probleme bei der Visumsbeschaffung in Betracht gezogen?
In welchen deutschen Bundesländern machen proportional zu deren Einwohnergröße die meisten Süd-Nord-Freiwilligen ihren Freiwilligendienst?
a) Was sind nach Ansicht der Bundesregierung die Gründe hierfür?
b) Plant die Bundesregierung, zukünftig Süd-Nord-Freiwillige gleichmäßiger in Deutschland zu verteilen, und falls ja, mit welchen konkreten Maßnahmen?
Liegen der Bundesregierung Erkenntnisse darüber vor, wie viele Süd-Nord-Freiwillige nach ihrem Freiwilligendienst eine Berufsausbildung in Deutschland anfangen?
Wie beurteilt die Bundesregierung das Potenzial der Süd-Nord-Komponente, dem deutschen Fachkräftemangel mit jungen und motivierten Menschen aus den Ländern des Globalen Südens entgegenzuwirken?
Wie viele weltwärts-Entsendeorganisationen haben ihre bisherige Zusammenarbeit mit dem BMZ im Hinblick auf das weltwärts-Programm vollständig beendet?
Welche Gründe waren hierfür entscheidend?
Welche Gründe gibt es aus Sicht der Bundesregierung, dass sich mehr als jede dritte Organisation (110 von 270 Nichtregierungsorganisationen, Quelle: www.weltwaerts.de/de/presse.html) nicht mehr aktiv am weltwärts-Programm beteiligt, obwohl sie als Partnerorganisation anerkannt wurden?
Handelt es sich bei der Bewertung der Anträge der deutschen Aufnahmeorganisationen zur Teilnahme am zweiten Zyklus der Nord-Süd-Komponente (Quelle: www.weltwaerts.de/de/bewertung-der-antraege.html) um eine einmalige Bewertung der beteiligten Organisationen der Süd-Nord-Komponente?
Wenn ja, wie stellt die Bundesregierung fest, ob die beteiligten Organisationen auch in Zukunft die Anforderungen der einzelnen Aufnahmekriterien erfüllt?
Wenn nein, in welchem Zyklus werden die einzelnen Aufnahmekriterien überprüft?
Wie viele Entsendeorganisationen der Nord-Süd-Komponente sind gleichzeitig Partnerorganisationen der Süd-Nord-Komponente?
Welche Gründe sind nach Ansicht der Bundesregierung für eine deutsche Aufnahmeorganisation entscheidend, sich nicht an der Süd-Nord-Komponente zu beteiligen?