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Kleine AnfrageWahlperiode 19Beantwortet
Beziehungen der Bundesregierung zur Agrarwirtschaft
(insgesamt 19 Einzelfragen)
Fraktion
DIE LINKE
Ressort
Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft
Datum
30.08.2019
Aktualisiert
26.07.2022
BT19/1205531.07.2019
Beziehungen der Bundesregierung zur Agrarwirtschaft
Kleine Anfrage
Volltext (unformatiert)
[Deutscher Bundestag Drucksache 19/12055
19. Wahlperiode 31.07.2019
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Dr. Kirsten Tackmann, Jan Korte, Dr. Gesine Lötzsch,
Lorenz Gösta Beutin, Heidrun Bluhm-Förster, Jörg Cezanne, Kerstin Kassner,
Caren Lay, Sabine Leidig, Ralph Lenkert, Michael Leutert, Amira Mohamed Ali,
Victor Perli, Ingrid Remmers, Kersten Steinke, Andreas Wagner, Hubertus Zdebel
und der Fraktion DIE LINKE.
Beziehungen der Bundesregierung zur Agrarwirtschaft
Die Medien berichteten kürzlich von sehr vielfältigen Beziehungen
zwischen Landwirtschaftspolitik und der Agrar- und Chemieindustrie (vgl. www.
sueddeutsche.de/wirtschaft/2.220/landwirtschaft-lobbyismus-verflechtung-1.442
4548). Die Berichterstattung erfolgte unter Berufung auf eine Studie des Instituts
Arbeit und Wirtschaft der Universität Bremen (vgl. www.iaw.uni-bremen.de/
ccm/cms-service/stream/asset/iaw_NABU_Verflechtungsstudie.pdf?asset_id=1
1070036). Wie weit die Verflechtungen gehen, zeige der Blick auf führende
Akteurinnen und Akteure der Szene (vgl. www.sueddeutsche.de/wirtschaft/2.220/
landwirtschaft-lobbyismus-verflechtung-1.4424548). Der Präsident des
Deutschen Bauernverbands (DBV) sei als Aufsichts- oder Beirat auch diversen
Großunternehmen verpflichtet, darunter der Landwirtschaftlichen Rentenbank (LR),
der R+V-Versicherung, der Baywa AG, der Südzucker AG oder dem
Softwarehaus Land-Data (ebenda). Insgesamt bringe es der DBV-Präsident laut Studie auf
18 Zusatzposten (ebenda). Ebenso wie seine Vorgänger zeige auch der derzeitige
Präsident des DBV große Nähe zu Agrarkonzernen, die naturgemäß eigene
ökonomische Interessen in der Landwirtschaft verfolgen. So sei der DBV-Präsident
Vorstandsvorsitzender im Berliner „Forum moderne Landwirtschaft“. In dieser
Lobbyorganisation arbeiteten landwirtschaftliche Vertreterinnen und Vertreter
eng mit dem Glyphosat-Anbieter Bayer AG, BASF oder Yara zusammen
(ebenda). Sie dominieren nicht nur den Aufsichtsrat, sondern finanzieren das
Forum weitgehend (vgl. ebenda).
Nach Auffassung der Fragestellerinnen und Fragesteller sind Nachteile für
Verbraucherinnen und Verbraucher sowie kleinere Landwirtschaftsbetriebe zu
befürchten, wenn sich einseitig Interessen der Landwirtschafts- und
Chemieindustrie in den politischen Entscheidungsstrukturen, z. B. Bundesministerien,
durchsetzen. Die o. g. Studie stellt nicht dar, welche Verbindungen und Kontakte das
Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) zu den
Verbänden und Interessenvertreterinnen und Interessenvertretern der Agrar- und
Chemieindustrie und weiteren Interessensverbänden in den Bereichen
Landwirtschaft, Ernährung, Gesundheit und Umwelt hat.
Die Fragestellerinnen und Fragesteller bitten die Bundesregierung bei der
Beantwortung der nachfolgenden Fragen auf folgende Unternehmen einschließlich
Tochterunternehmen einzugehen: Agravis, Atameken-Agro, BASF, Bayer AG,
Ceravis AG, Cheminova, Compo GmbH & Co. KG, Deutsche Saatveredelung,
Deutsch-Russische Saatbau AG, Dow Chemical, Dupont, Europlant, Fitofert
SRL, HZPC Holland, J. R. Simplot Company, Kenya Seed Company,
C. L. Klissing Sohn, KWS Saat, Lantmännen, Lanxess, Limagrain, Lindhorst-
Gruppe, Monsanto, Nestlé, Pannar Seed, Pioneer, Progema, Saatbau Linz,
Saaten-Union, Seed Co, Seminis, SESVanderHave, Supella GmbH,
Südzucker AG, Syngenta, Vilmorin, Vipetrol, Wesso AG und Zech-Gruppe.
Weiterhin bitten die Fragestellerinnen und Fragesteller die Bundesregierung bei der
Beantwortung auf folgende Verbände einzugehen: Albert-Schweitzer-Stiftung,
Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, Arbeitsgemeinschaft artgerechte
Nutztierhaltung, Arbeitsgemeinschaft Wirkstoffe in der Tierernährung, attac,
Bauförderung Landwirtschaft, Bioland, BUND, Bund für Lebensmittelrecht und
Lebensmittelkunde, Bund gegen Missbrauch der Tiere, Bund ökologische
Lebensmittelwirtschaft, Bundestierärztekammer, Bund der beamteten Tierärzte,
Bundesverband Berufsschäfer, Bundesverband des Deutschen
Lebensmittelhandels, Bundesverband Deutsche Ziegenzüchter, Bundesverband Deutscher
Milchviehhalter, Bundesverband Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen,
Bundesverband Lebensmittelchemiker im öffentlichen Dienst, Bundesverband
Lebensmittelkontrolleure, Bundesverband Pflanzenzüchter, Bundesverband
praktizierender Tierärzte, Bundesverband Rind und Schwein, Bundesverband
Saatguterzeuger, Bundesverband Tiergesundheit, Bundesverband Tierschutz,
Bundesverband Tierversuchsgegner, Bundesverband Vieh und Fleisch, DEHOGA,
Demeter, Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin, Deutsche Gesellschaft
für Agrarrecht, Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft, Deutsche Reiterliche
Vereinigung, Deutscher Bauernverband, Deutscher Jagdverband, Deutscher
Raiffeisenverband, Deutscher Tierschutzbund, Deutscher Verband Neutraler
Kontroll-und Klassifizierungsunternehmen, Deutscher Verband Tiernahrung,
Deutscher Zigarettenverband, Familienbetriebe Land und Forst, Deutsches
Krebsforschungszentrum, foodwatch, Gäa, germanwatch, Gesellschaft für
Ganzheitliche Tiermedizin, greenpeace, IFT-Nord Institut für Therapie- und
Gesundheitsförderung gGMBH, Initiative Tierwohl, Interessengemeinschaft
Schweinehalter, Menschen für Tierrechte, Milchindustrieverband, NABU, Neuland, Pro-
Vieh, QS, slowfood, Sozialversicherung Landwirtschaft, Gartenbau und Forst,
Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz, Verband der Fleischwirtschaft,
Verband der Landwirtschaftskammern, Verbraucherinitiative, Verbraucherzentrale
Bundesverband, Verein Deutscher Hengsthalter, Vereinigung Deutscher
Landesschafzuchtverbände, Vereinigung Tierärzte im öffentlichen Dienst, Vier Pfoten,
Welttierschutzgesellschaft, WWF, Zentralverband Bäckerhandwerk und
Zentralverband Deutsche Geflügelzüchterinnen und -züchter.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Welche dienstlichen Kontakte unterhielten oder unterhalten Beschäftigte des
BMEL während der 18. und 19. Wahlperiode zu den in der Vorbemerkung
benannten Unternehmen und Verbänden (bitte nach Datum, Teilnehmenden
auf beiden Seiten, Thema bzw. Grund des Kontaktes auflisten)?
2. Welche in der Vorbemerkung genannten Unternehmen oder Verbände haben
in der 18. und 19. Wahlperiode finanzielle Mittel oder Aufträge der
Bundesregierung, etwa zur Erbringung welcher Dienstleistungen oder Gutachten,
erhalten, und wann und in welcher Höhe geschah dies jeweils (bitte über
50 000 Euro ausweisen)?
3. Mit welchen der in der Vorbemerkung benannten Unternehmen oder
Verbänden hatte das BMEL oder das Bundesamt für Verbraucherschutz und
Lebensmittelsicherheit (BVL) in der Zeit von Januar 2014 bis heute Kontakt,
und wann jeweils genau?
4. Welche Gespräche wurden seitens des BMEL mit den in der Vorbemerkung
benannten Unternehmen und Verbänden oder weiteren Unternehmen und
Verbänden im Zuge der Wiederzulassung von Glyphosat geführt (bitte
Gespräche von Januar 2014 bis heute aufführen)?
5. Welche in der Vorbemerkung der Fragesteller benannten Unternehmen und
Verbände oder weitere Unternehmen und Verbände profitieren nach
Kenntnis der Bundesregierung finanziell von der verlängerten Zulassung von
glyphosathaltigen Pflanzenschutzmitteln durch die EU-Kommission mit
Beschluss des Ständigen Ausschusses für Pflanzen, Tiere, Lebensmittel und
Futtermittel (SCoPAFF) vom 27. November 2017, bei dem der damalige
Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft Christian Schmidt gegen
die Auffassung des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und
nukleare Sicherheit (BMU) und entgegen der Weisung der Bundeskanzlerin
Dr. Angela Merkel eine Zustimmung des deutschen Vertreters angewiesen
hatte?
6. Welches Referat des BMEL hat den damaligen Bundesminister Christian
Schmidt vor der Entscheidung zur weiteren Zulassung von Glyphosat als
Pflanzenschutzmittel fachlich informiert, und welche Personen sind dort
beschäftigt, die zuvor in einem in der Vorbemerkung der Fragesteller
benannten Unternehmen oder Verband oder weiteren Unternehmen und Verbänden
tätig waren?
7. Welche Studien lagen der Bundesregierung, insbesondere dem BMEL, zum
Zeitpunkt der Entscheidung zur Wiederzulassung von Glyphosat als
Pflanzenschutzmittel vor, und mit welcher Begründung stimmte der deutsche
Vertreter im SCoPAFF-Ausschuss nach Kenntnis der Bundesregierung der
Wiederzulassung zu?
8. In welcher Höhe sind nach Kenntnis der Bundesregierung Kosten für die
Bereitstellung der Monographie der Internationalen Krebsforschungsagentur
(IARC) zu Glyphosat vom 29. Juli 2015 seitens des Bundesamtes für
Risikoforschung (BfR) entstanden und werden weiterhin entstehen?
Wie oft wurde nach Kenntnis der Bunderegierung Einsicht in die Studie
angefragt?
9. Welche Kosten sind nach Kenntnis der Bundesregierung Bundesbehörden
und Bundesinstituten wie z. B. dem BfR bisher für Klagen gegenüber Dritten
bezüglich Glyphosat (vgl. z. B. Urteil des Oberlandesgerichtes Köln mit
Aktenzeichen 6 U 8/17) entstanden (bitte Kosten, Instanz, Behörde bzw.
Institut, Klagegegner und Klagegrund seit 2014 benennen)?
10. Welche Gespräche wurden seitens des BMEL mit den in der Vorbemerkung
der Fragesteller benannten Unternehmen und Verbänden oder weiteren
Unternehmen und Verbänden im Zuge der Verhandlungen zur Düngeverordung
geführt (bitte Gespräche unter Angabe der Gesprächspartnerinnen und
Gesprächspartner von Januar 2014 bis heute aufführen)?
11. Welche Gespräche wurden seitens des BMEL mit den in der Vorbemerkung
der Fragesteller benannten Unternehmen und Verbänden oder weiteren
Unternehmen und Verbänden im Zuge der Verhandlungen zum Thema
Ferkelkastration geführt (bitte Gespräche unter Angabe der Gesprächspartnerinnen
und Gesprächspartner von Januar 2014 bis heute aufführen)?
12. Welche Gespräche wurden seitens des BMEL mit den in der Vorbemerkung
der Fragesteller benannten Unternehmen und Verbänden oder weiteren
Unternehmen und Verbänden im Zuge der Verhandlungen zur Gemeinsamen
Agrarpolitik (GAP) geführt (bitte Gespräche unter Angabe der
Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner von Januar 2016 bis heute aufführen)?
13. Sind nach Kenntnis der Bundesregierung nach solchen Gesprächen
Änderungen in Gesetzen bzw. Verordnungen erfolgt?
Wenn ja, in welchen, wann, und an welcher Stelle?
14. Sind nach Kenntnis der Bundesregierung Personen, die früher im BMEL
beamtet, unbefristet oder befristet tätig waren, seit dem Januar 2014 in ein in
der Vorbemerkung der Fragesteller genanntes Unternehmen oder einen
Verband gewechselt oder dorthin abgeordnet oder beurlaubt worden, um dort
tätig zu sein?
15. Welche Personen in der Leitungsebene des BMEL (bis zur Ebene
Abteilungsleiter) sind zugleich Mitglied in Gremien (z. B. Aufsichtsrat,
Verwaltungsrat, Vorstand oder Geschäftsführung) von in der Vorbemerkung der
Fragesteller benannten Unternehmen oder Verbänden?
16. Wie viele direkt zuvor bei den in der Vorbemerkung der Fragesteller
benannten Unternehmen und Verbänden beschäftigte Personen sind in der 19.
Wahlperiode oder waren in der 18. Wahlperiode im BMEL beschäftigt, und für
welchen Zeitraum waren sie jeweils dort beschäftigt?
17. Welche Vorkehrungen hat das BMEL, etwa durch dienstliche Vorschriften,
dagegen getroffen, dass Personen, die nur vorübergehend in den
Bundesministerien beschäftigt sind, an Gesetzgebungsvorhaben mitwirken, die die
Interessen eines in der Vorbemerkung der Fragesteller benannten Verbandes
oder Unternehmens betreffen, in dem die Person zuvor beschäftigt war?
18. Welche Dokumentationspflichten bestehen im BMEL für dienstliche
Kontakte von Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des BMEL mit Unternehmen und
Verbänden?
19. Macht das BMEL nach Kenntnis der Bundesregierung Werbung für
Produkte der genannten Unternehmen oder weiterer Unternehmen oder für die
Unternehmen selbst (vgl. www.faz.net/aktuell/politik/inland/nestle-koenigin-
kloeckner-von-wegen-regulierung-16228312.html)?
Falls ja, in wie vielen Fällen (bitte seit Anfang der Wahlperiode auflisten)?
Wie beurteilt die Bundesregierung dies vor dem Hintergrund gebotener
Neutralität des BMEL?
Berlin, den 8. Juli 2019
Dr. Sahra Wagenknecht, Dr. Dietmar Bartsch und Fraktion
Satz: Satzweiss.com Print, Web, Software GmbH, Mainzer Straße 116, 66121 Saarbrücken, www.satzweiss.com
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