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Kleine AnfrageWahlperiode 19Beantwortet
Untersuchung von Lebensmitteln auf Pestizidrückstände
(insgesamt 30 Einzelfragen)
Fraktion
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Ressort
Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft
Datum
21.11.2019
Aktualisiert
26.07.2022
BT19/1327317.09.2019
Untersuchung von Lebensmitteln auf Pestizidrückstände
Kleine Anfrage
Volltext (unformatiert)
[Kleine Anfrage
der Abgeordneten Renate Künast, Harald Ebner, Annalena Baerbock,
Matthias Gastel, Stefan Gelbhaar, Oliver Krischer, Stephan Kühn (Dresden),
Steffi Lemke, Daniela Wagner, Gerhard Zickenheiner und der Fraktion
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Untersuchung von Lebensmitteln auf Pestizidrückstände
Ende Juni 2019 legte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EF-
SA) ihren neuen Bericht über Pestizidrückstände in Lebensmitteln vor (siehe
https://efsa.onlinelibrary.wiley.com/doi/epdf/10.2903/j.efsa.2019.5743). Hierin
werden für das Jahr 2017 detaillierte Ergebnisse veröffentlicht, die darauf
schließen lassen, dass auch in der Bundesrepublik Deutschland
Pestizidrückstände in und auf Lebensmitteln zu finden sind.
Anfang August 2019 hat die EFSA eine Mitteilung veröffentlicht, wonach die
Zulassung für Insektizide mit dem Wirkstoff Chlorpyrifos Ende Januar 2020
enden soll (https://efsa.onlinelibrary.wiley.com/doi/epdf/10.2903/j.ef
sa.2019.5809). Dänemark bereitet bereits ein Importverbot für Lebensmittel
vor, die mit dem Pestizid behandelt wurden (www.aerzteblatt.de/nachrichten/
105333/Chlorpyrifos-Ruf-nach-Importverbot-fuer-behandelte-Lebensmittel).
Der Grund dafür ist, dass dieses Pestizid im Verdacht steht, Nervenkrankheiten
auszulösen und Zellen zu schädigen. Kinder sind am stärksten gefährdet, eine
US-amerikanische Studie wies einen Zusammenhang mit Autismus und
Hirnschädigungen nach (https://ehp.niehs.nih.gov/doi/10.1289/ehp.1307044).
Ein Apfelbaum wird im Jahr durchschnittlich mehr als 20-mal mit Pestiziden
bespritzt, eine Kartoffel bis zu zehnmal, bevor sie geerntet wird. 100 Prozent
der Rapsfelder werden mit Pestiziden besprüht. Hierunter finden sich Mittel,
die nicht nur Gefahren für Bienen und andere Bestäuber, sondern auch für die
menschliche Gesundheit bergen (www.gruene-bundestag.de/fileadmin/media/
gruenebundestag_de/themen_az/agrar/PDF/713-Antwort-PStS-Hofrei
ter_5_251.pdf).
So stuft etwa das International Agency for Research on Cancer (IARC), die
Krebsforschungsagentur der WHO, den weltweit meistgenutzten
Pestzidwirkstoff Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ ein (IARC Monographs on
the Evaluation of Carcinogenic Risks to Humans, Volume 112). Die
Bundesregierung selbst prüft, ob Nervenkrankheiten wie etwa Parkinson als
Berufskrankheit bei Landwirtinnen und Landwirten anerkannt werden (vgl.
Schriftliche Frage 73 der Abgeordneten Renate Künast auf Bundestagsdrucksache
19/5815 www.aerzteblatt.de/nachrichten/104805/Regierung-prueft-Anerken
nung-von-Parkinson-als-Berufskrankheit-bei-Landwirten). Frankreich hat
Parkinson bereits im Jahr 2012 als Berufskrankheit von Landwirtinnen und
Landwirten anerkannt, die Diskussion in der Bundesrepublik Deutschland ist
hier hingegen noch am Anfang.
Deutscher Bundestag Drucksache 19/13273
19. Wahlperiode 17.09.2019
Im Sinne des Vorsorgeprinzips ist es geboten, die Exposition von Menschen
gegenüber Pestiziden so gering wie möglich zu halten. Dies betrifft insbesondere
auch Lebensmittel.
Wir fragen daher die Bundesregierung:
1. Wie viele und welche Studien liegen der Bundesregierung vor, die die
Aufnahme und/oder Wirkung von Pestizidrückständen in Lebensmitteln unter
den Bedingungen der besonderen Situation von Schwangeren und Kindern
berücksichtigen?
2. Wie viele und welche Studien liegen der Bundesregierung vor, die die
Aufnahme und/oder Wirkung von Pestizidrückständen in Lebensmitteln unter
den Bedingungen der besonderen Situation von Schwangeren und Kindern
berücksichtigen und hierbei explizit die Wirkung von sogenannten
Pestizidcocktails, also die synergistische Wirkung von Rückständen mehrerer
Pestizide, berücksichtigen?
3. Setzt sich die Bundesregierung in Zulassungsverfahren auf nationaler und
europäischer Ebene dafür ein, dass Risiken durch Mehrfachrückstände
systematisch und umfassend berücksichtigt werden?
Wenn nein, warum nicht?
4. Befürwortet die Bundesregierung die Einführung eines Summengrenzwerts
für Rückstände verschiedener Pestizidwirkstoffe in Lebensmitteln?
Wenn nein, warum nicht?
5. Stimmt die Bundesregierung der Aussage zu, dass sich der Konsum von
Lebensmitteln, die mit Pestizidrückständen belastet sind, negativ auf die
Gesundheit, insbesondere die von Kindern, Föten und Embryos sowie auf
die Fruchtbarkeit von Frauen und Männern, auswirken kann (vgl. https://
jamanetwork.com/journals/jamainternalmedicine/fullarticle/2659557;
www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/18460936)?
6. Wie viele Pestizide wurden seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland
für die Nutzung im Lebensmittelbereich zugelassen?
7. Wie viele Pestizide, die für den Einsatz im Lebensmittelbereich zugelassen
waren, wurden seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland verboten
bzw. für wie viele wurde keine Neuzulassung beantragt (bitte unter
Auflistung der Pestizide, des jeweiligen Jahres sowie, bei einem Verbot, der
dazugehörigen Begründung)?
8. Bei wie vielen Pestiziden, die für den Einsatz im Lebensmittelbereich
zugelassen waren, wurde seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland
eine beantragte Verlängerung der Zulassung nicht gewährt (bitte unter
Auflistung der Pestizide, des jeweiligen Jahres sowie der dazugehörigen
Begründung)?
9. Welche Pestizide sind derzeit bei der Lebensmittelproduktion und -
lagerung zugelassen (bitte nach Einsatz im Anbau und im Bereich der
Haltbarkeit bzw. Lagerungsfähigkeit aufschlüsseln)?
10. Nach wie vielen und welchen Pestizidrückständen werden Lebensmittel in
der Bundesrepublik Deutschland nach Kenntnis der Bundesregierung
derzeit untersucht?
11. Werden Lebensmittel bei der Untersuchung nach Pestiziden auch auf
Rückstände von solchen Pestiziden untersucht, die in der Bundesrepublik
Deutschland nicht mehr zugelassen sind, und nach welchen Kriterien
erfolgt die Auswahl der Pestizide?
12. Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung der prozentuale Anteil
von in Deutschland verkauften Lebensmitteln, die Rückstände von einem
Pestizid enthalten (bitte nach Lebensmitteln aufschlüsseln)?
13. Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung der prozentuale Anteil
von in Deutschland verkauften Lebensmitteln, die Rückstände von zwei
Pestiziden enthalten (bitte nach Lebensmitteln aufschlüsseln)?
14. Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung der prozentuale Anteil
von in der Bundesrepublik Deutschland verkauften Lebensmitteln, die
Rückstände von drei oder mehr Pestiziden enthalten (bitte nach
Lebensmitteln aufschlüsseln)?
15. Welche dieser Lebensmittel (etwa Softdrinks, Frühstückscerealien) werden
bevorzugt von Kindern konsumiert (nach Altersstufen 0 bis 2 Jahre; 3 bis
6 Jahre; 7 bis 10 Jahre, 11 bis 14 Jahre und 15 bis 20 Jahre differenzieren)?
16. Auf bzw. in welchen Lebensmitteln wurde nach Kenntnis der
Bundesregierung in den vergangenen zehn Jahren die höchste Zahl verschiedener
Pestizide als Rückstände gefunden?
17. Was sind nach Kenntnis der Bundesregierung die höchsten Zahlen an
Pestiziden, die in den vergangen zehn Jahren als Rückstände auf in Deutschland
verkauften Lebensmitteln gefunden wurden (bitte mindestens zehn Zahlen,
nach Lebensmittelproduktgruppe sowie der gefundenen Pestizide
aufschlüsseln)?
18. In wie vielen Proben wurde nach Kenntnis der Bundesregierung
Chlorpyrifos, ein neurotoxisches Insektizid, welches die Entwicklung des kindlichen
Gehirns beeinflussen kann und das 2005 unter Berücksichtigung einer
fehlerhaften Studie (www.tagesschau.de/ausland/chlorpyrifos-101.html) in der
EU zugelassen wurde, bei Untersuchungen in der Bundesrepublik
Deutschland und auf EU-Ebene gefunden (unter Angabe der Produktgruppe, in
denen dieser Stoff gefunden wurde)?
19. Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung zu den Ergebnissen von
Urinuntersuchungen auf Chlorpyrifosbelastungen in der Bundesrepublik
Deutschland und anderen EU-Ländern (z. B. Schweden, Dänemark,
Belgien und Frankreich)?
20. Wird die Bundesregierung sich im Sinne des Vorsorgeprinzips dem Plan
Dänemarks für ein Importverbot bei mit Chlorpyrifos behandelten
Lebensmitteln anschließen vor dem Hintergrund, dass die europäische
Risikobewertungsbehörde EFSA Schäden an ungeborenen Kindern durch
Chlorpyrifos und Chlorpyrifos-Methyl befürchtet, auch da es keine erkennbare
unschädliche Dosisschwelle für diese Wirkstoffe gibt (vgl. https://euobser
ver.com/environment/145650)?
Wenn nein, warum nicht?
21. Wird sich die Bundesregierung bei der spätestens Januar 2020
anstehendenden Entscheidung auf EU-Ebene dafür einsetzen, dass Chlorpyrifos
keine Zulassungsverlängerung erhält (siehe www.sumofus.org/media/
efsasstatement-acknowledging-chlorpyrifos-harm-for-human-health-
addsurgency-for-a-full-ban/)?
Wenn nein, warum nicht?
22. Welche Maßnahmen hält die Bundesregierung für sinnvoll, um im Falle
eines EU-Verbots von Chlorpyrifos auch bei Importen aus Drittländern
Verbraucherinnen und Verbraucher vor belasteten Produkten zu schützen, vor
dem Hintergrund, dass wissenschaftliche Hinweise auf eine endokrin
disruptive Wirkung von Chlorpyrifos bestehen, wodurch es bereits in sehr
geringen Dosierungen Schäden verursachen kann (vgl. w w w . e n v -
health.org/wp-content/uploads/2019/06/June-2019-PAN-HEAL-Briefing-
chlorpyrifos_web.pdf)?
23. In wie vielen Proben wurden Boscalid oder andere Pestizide, die als
endokrine Disruptoren eingestuft werden, gefunden (bitte unter Angabe der
Lebensmittel, in denen diese Stoffe gefunden wurden)?
24. Welche Maßnahmen erachtet die Bundesregierung für sinnvoll, um die
Verwendung in der EU nicht zugelassener Pestizidwirkstoffe wirksam zu
unterbinden, die laut EFSA-Bericht über Pestizidrückstände für das Jahr 2017
wiederholt in Produkten mit EU-Ursprung gefunden wurden (vgl. S. 104
des Berichts)?
25. Prüft die Bundesregierung die Einführung einer Besteuerung von
Pestiziden in Abhängigkeit von deren Toxizität für Mensch und Umwelt
entsprechend einem Toxizitätsbelastungsindikator (toxic load indicator) nach
erfolgreichem dänischem Vorbild (vgl. https://pan-germany.org/pestizide/hat-
die-daenische-pestizidsteuer-die-dortige-landwirtschaft-ruiniert/#_ftn3)?
Wenn nein, warum nicht?
26. Welche Konsequenzen zieht die Bundesregierung aus dem Ergebnis des
EFSA-Berichts über Pestizidrückstände, wonach in Honigproben
Überschreitungen der Rückstandshöchstgehalte von Glyphosat, Acetamiprid
und Thiacloprid festgestellt wurden (siehe S. 71 und S. 105 des Berichts)?
27. Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung in den vergangenen drei
Jahren der durchschnittliche Anteil an in der Bundesrepublik Deutschland
verkauften Lebensmitteln aus konventioneller Erzeugung, die
Pestizidrückstände enthielten?
28. Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung in den vergangenen drei
Jahren der durchschnittliche Anteil an in der Bundesrepublik Deutschland
verkauften Lebensmitteln aus ökologischer Erzeugung, die
Pestizidrückstände enthielten?
29. Wie hoch sind nach Kenntnis der Bundesregierung, etwa aus
Untersuchungen amtlicher Stellen der Länder, die durchschnittlichen
Pestizidrückstandsmengen in Lebensmitteln im Vergleich zwischen ökologischer und
konventioneller Erzeugung?
30. Welche Aktivitäten bestehen aktuell seitens der Bundesregierung, um die
Pestizidbelastungen von Lebensmitteln wirksam zu senken?
Berlin, den 26. August 2019
Katrin Göring-Eckardt, Dr. Anton Hofreiter und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.betrifft-gesetze.de
ISSN 0722-8333]
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