Schülerinnen und Schüler ohne Schulabschluss
der Abgeordneten Dr. Birke Bull-Bischoff, Anke Domscheit-Berg, Nicole Gohlke, Jan Korte, Norbert Müller (Potsdam), Sören Pellmann, Katrin Werner und der Fraktion DIE LINKE.
Vorbemerkung
Im Oktober 2008 vereinbarten die Regierungschefs von Bund und Ländern ein umfassendes bildungspolitisches Maßnahmenpaket, welches bis 2015 umgesetzt werden sollte. Unter anderem wurde das Ziel ausgegeben, die Anzahl der Schulabbrecherinnen und Schulabbrecher von 8 auf 4 Prozent zu halbieren. Dieses Ziel wurde bisher verfehlt. So haben im Jahr 2017 bundesweit 6,9 Prozent der Jugendlichen die Schule ohne einen Schulabschluss verlassen (vgl. Bildungschancen-Studie der Caritas 2019, www.caritas.de/bildungschancen vom 4. September 2019). Im Jahr 2015 lag der Anteil bei 5,9 Prozent (vgl. vgl. Klaus Klemm/Matthias Anbuhl: Der Dresdener Bildungsgipfel: von unten betrachtet, Expertise zur sozialen Spaltung im Bildungssystem, DGB, 2018, S. 13). Jugendliche, die am Ende der allgemeinbildenden Schule ohne Schulabschluss diese verlassen, haben trotz der zahlreichen Maßnahmen des Übergangssektors faktisch keine Chancen auf eine berufliche Ausbildung (vgl. Nationaler Bildungsbericht 2018, S. 121). Auffallend ist, dass Schülerinnen und Schüler mit diagnostiziertem Förderbedarf an allgemeinbildenden Schulen häufiger einen Hauptschulabschluss erreichen als diejenigen, die am Lernort Förderschule unterrichtet werden (vgl. Klaus Klemm/Matthias Anbuhl: Der Dresdener Bildungsgipfel: von unten betrachtet, Expertise zur sozialen Spaltung im Bildungssystem, DGB, 2018, S. 12). Rund 45 Prozent der Jugendlichen eines Altersjahrgangs, die keinen Schulabschluss erreichen, wurden in Förderschulen unterrichtet. Bemerkenswert ist aus Sicht der Fragesteller auch, dass überdurchschnittlich hohe Anteile von Schülerinnen und Schülern ohne Schulabschluss in Ostdeutschland zu verzeichnen sind, obwohl die Jugendlichen in allen ostdeutschen Flächenländern in der Basiskompetenz Leseverstehen überdurchschnittlich gut bzw. im Durchschnitt besser abschnitten als Gleichaltrige in den alten Bundesländern (vgl. Nationaler Bildungsbericht 2018, S. 122). Die Autoren stellen nach Ansicht der Fragesteller zurecht die Frage, wie Diskrepanzen solchen Ausmaßes zu erklären sind.
Wir fragen die Bundesregierung:
Fragen18
Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung der Anteil der Schulabgängerinnen und Schulabgänger ohne Schulabschluss seit 2008 entwickelt (bitte nach Bundesdurchschnitt, nach Bundesländern, in absoluten Zahlen und in Prozent der gleichaltrigen Wohnbevölkerung aufschlüsseln)?
Wie hoch sind dabei die Anteile der Jugendlichen mit sonderpädagogischem Förderbedarf, die den Schulabschluss verfehlten, an allen Jugendlichen mit dem jeweiligen Förderbedarf, die die Schulen verlassen (bitte nach den jeweiligen Förderschwerpunkten, nach beiden Lernorten und nach allgemeinbildenden Schulen aufschlüsseln)?
Aus welchen Gründen ist aus Sicht der Bundesregierung der Anteil der Schulabgängerinnen und Schulabgänger ohne Schulabschluss mit diagnostiziertem Förderbedarf an Förderschulen vergleichsweise höher als an allgemeinbildenden Schulen?
Zieht die Bundesregierung aus diesem Umstand den Schluss, den Weg zu einer inklusiven Schule stärker zu fördern?
Wenn ja, warum?
Wenn nein, warum nicht?
Welche Ursachen sind aus Sicht der Bundesregierung auf die Steigerung der Quote der Schulabgängerinnen und Schulabgänger ohne Schulabschluss seit 2015 zurückzuführen?
Warum wurde das Ziel des Dresdener Bildungsgipfels, die Quote zu halbieren, nicht erreicht?
Welche konkreten Maßnahmen will die Bundesregierung ergreifen, um die Quote der Schülerinnen und Schüler, die den Schulabschluss verfehlen, zu senken?
Hält die Bundesregierung nach wie vor an dem damaligen Ziel des Dresdener Bildungsgipfels fest, die Quote der Schülerinnen und Schüler ohne Schulabschluss auf 4 Prozent zu reduzieren?
Wenn ja, warum?
Wenn nein, warum nicht?
Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung der Anteil der Schülerinnen und Schüler ohne Schulabschluss seit 2008 in den ostdeutschen Bundesländern im Vergleich zu dem in den westdeutschen Bundesländern entwickelt (bitte nach Jahren, absoluten Zahlen und Prozentangaben aufschlüsseln)?
Welche Ursachen sind aus Sicht der Bundesregierung auf die Niveauunterschiede der Ländervergleiche (Ost/West) zurückzuführen?
Hat die Bundesregierung Kenntnis darüber, aus welchen Gründen die Quote der Schülerinnen und Schüler ohne Abschluss in den ostdeutschen Flächenländern höher ist als in den alten Bundesländern, obwohl die Jugendlichen dort im Schnitt über eine höhere Lesekompetenz verfügen?
Auf welche Ursachen führt die Bundesregierung diese Diskrepanzen zurück?
Sieht die Bundesregierung diesbezüglich mehr Forschungsbedarf?
Wenn ja, warum?
Wenn nein, warum nicht?
Wie viele Jugendliche ohne Schulabschluss sind nach Kenntnis der Bundesregierung in den letzten zehn Jahren erfolgreich in eine vollqualifizierende Berufsausbildung eingetreten (bitte nach Jahren, in absoluten Zahlen und Prozentangaben aufschlüsseln)?
Wie viele dieser Jugendlichen sind direkt in eine Ausbildung eingemündet (bitte nach Jahren, in absoluten Zahlen und Prozent aufschlüsseln)?
Wie viele dieser Jugendlichen haben die berufliche Ausbildung erfolgreich abgeschlossen (bitte nach Jahren, in absoluten Zahlen und Prozentangaben aufschlüsseln)?
Wie viele dieser Jugendlichen sind (zunächst) in berufsvorbereitende Maßnahmen bzw. in die Maßnahmen des Übergangssektors eingemündet (bitte nach Jahren, in absoluten Zahlen und Prozentangaben aufschlüsseln)?
Wie viele dieser Jugendlichen konnten nach Beendigung der Schulzeit einen Schulabschluss nachholen (bitte nach Jahren, in absoluten Zahlen und Prozentangaben aufschlüsseln)?
Wie viele Jugendliche ohne Schulabschluss konnten nach Kenntnis der Bundesregierung in den letzten zehn Jahren nicht erfolgreich in eine berufliche Ausbildung einmünden und keinen Berufsabschluss erreichen (bitte nach Jahren, in absoluten Zahlen und Prozentangaben aufschlüsseln)?
Welche Gründe sind aus Sicht der Bundesregierung dafür verantwortlich, dass Jugendliche ohne Schulabschluss de facto vom Ausbildungsmarkt ausgeschlossen sind?
Inwieweit ist aus Sicht der Bundesregierung Mobbing an Schulen eine Ursache für das Verfehlen eines Schulabschlusses?
Welche konkreten Maßnahmen will die Bundesregierung diesbezüglich ergreifen?
Hat die Bundesregierung Kenntnis darüber, inwieweit Schulabsentismus und das Verfehlen eines Schulabschlusses in Zusammenhang stehen?
Wie schätzt die Bundesregierung den Zusammenhang von materieller Armut, Bildungsarmut und dem Verfehlen eines Schulabschlusses ein?
Welche konkreten Maßnahmen plant die Bundesregierung in diesem Zusammenhang?