Mit neuen Technologien junge Menschen erreichen: Einsatz von Virtual und Augmented Reality in unseren Gedenkstätten
der Abgeordneten Thomas Hacker, Katja Suding, Grigorios Aggelidis, Renata Alt, Christine Aschenberg-Dugnus, Nicole Bauer, Jens Beeck, Dr. Jens Brandenburg (Rhein-Neckar), Dr. Marco Buschmann, Britta Katharina Dassler, Hartmut Ebbing, Dr. Marcus Faber, Daniel Föst, Katrin Helling-Plahr, Markus Herbrand, Katja Hessel, Manuel Höferlin, Reinhard Houben, Olaf in der Beek, Gyde Jensen, Dr. Marcel Klinge, Daniela Kluckert, Konstantin Kuhle, Ulrich Lechte, Michael Georg Link, Alexander Müller, Roman Müller-Böhm, Frank Sitta, Judith Skudelny, Bettina Stark-Watzinger, Dr. Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Michael Theurer, Stephan Thomae, Manfred Todtenhausen, Dr. Florian Toncar, Gerald Ullrich, Nicole Westig und der Fraktion der FDP
Vorbemerkung
Am 15. Oktober 2019 ist in der „18. Shell Jugendstudie“, festgestellt worden, dass junge Menschen in unserem Land politisch engagiert sind und optimistisch in die Zukunft blicken. Mittlerweile sind auch viele junge Menschen populistischen Meinungen und Argumentationen nicht abgeneigt. So glauben beispielsweise 33 Prozent der Jugendlichen, dass die deutsche Gesellschaft „durch den Islam unterwandert“ wird (Petter, Jan. Populismus auf dem Pausenhof. Spiegel Online, 15. Oktober 2019, www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/shell-jugendstudie-2019-jugend-im-klimawandel-kommentar-a-1291632.html, Abruf 17. Oktober 2019).
Ein bedeutender Teil junger Menschen in unserem Land steht Minderheiten kritisch gegenüber. Umso wichtiger ist es nach Ansicht der Fragesteller, dass auch zukünftig der Schutz von Minderheiten Beachtung findet. Dabei kann eine aktive und wertschätzende Erinnerungskultur, die an die Verbrechen des Zweiten Weltkrieges und der NS-Diktatur erinnert, vielen jungen Menschen aufzeigen, dass eine plurale und demokratische Gesellschaft auch des aktiven Schutzes ihrer Minderheiten bedarf.
Es ist hilfreich, wenn die Vermittlung von Erinnerungskultur Gefühle und Emotionen transportiert und bei jungen Menschen eben solche wecken kann. Es muss möglich sein, die Herzen und Köpfe der Besucherinnen und Besucher einer Gedenkstätte anzusprechen. Eine Möglichkeit ist die direkte Ansprache und Einbindung in die Vermittlung durch den effektiven Einsatz neuerer Technologien wie Virtual Reality (VR) oder Augmented Reality (AR). Denn gerade VR ist eine interessante Möglichkeit, die nachweislich in der Lage ist, bei Nutzern die Gefühlsebene anzusprechen (Felnhofer, A. et al., 2015. Is virtual reality emotionally arousing? Investigating five emotion inducing virtual park scenarios. International Journal of Human-Computer Studies, 82, pp. 48–56).
Geschichtliche Ereignisse und Taten können jungen Menschen nicht nur über audio- und audiovisuelle Medien nähergebracht, sondern auch plastisch sowie realistisch vermittelt werden. Dafür ist es jedoch notwendig, dass in der staatlichen Kulturförderung die Modernisierung der Gedenkstätten und deren Ausstattung – insbesondere der digitalen Angebote – in den Vordergrund treten. Durch ein solches technisches Zusatzangebot werden die Orte des Gedenkens an die Gräueltaten des Nationalsozialismus in ihrer Existenz und in ihrem Angebot ausgeweitet und allgemein aufgewertet.
Darüber hinaus bieten digitale Lösungen die Möglichkeit, neueste Forschungsergebnisse und Arbeiten über Konzentrationslager gemeinsam mit Stiftungen wie der USC Shoah Foundation den Besuchern von Gedenkstätten zeitnah zur Verfügung zu stellen. So besteht die Möglichkeit, die Ergebnisse aus Wissenschaft und Forschung visuell vor Ort erlebbar zu machen und die Forschung hierdurch zu fördern. Eine zukunftsorientierte und lebendige Erinnerungskultur muss auch technologisch mit der Zeit gehen, um Forschungen besser sichtbar und die Grauen der NS-Zeit würdevoll nah-, erfahr- und erlebbar zu machen.
Um auch zukünftig eine vitale und standfeste demokratische Erinnerungskultur für Deutschland zu etablieren, ist es auch notwendig, die Erinnerung und das Gedenken an die zweite deutsche Diktatur im 20. Jahrhundert zu stärken. Dazu gehört auch, die Forschung und die Forschungsergebnisse zur Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) bzw. DDR nah-, erfahr- und erlebbar aufzubereiten.
Dabei kann auch eine Vielzahl von Konzepten zur Bereitstellung von Virtual-Reality- und Augmented-Reality-fähigen Geräten angedacht werden. So ist neben der stationären Bereitstellung von entsprechenden Geräten auch ein „Bring Your Own Device“-Modell vorstellbar, in dem durch die Nutzung einer digitalen Applikation (App) Nutzern die Chance gegeben wird, unter anderem auf dem Smartphone oder dem Tablet das volle VR- oder AR-Erlebnis zu ermöglichen.
Wir fragen die Bundesregierung:
Fragen8
In welchem Ausmaß ergeben nach Ansicht der Bundesregierung VR- und AR-Angebote in den vom Bund geförderten Gedenkstätten sowie Informations- und Dokumentationszentren mit Bezug zum Nationalsozialismus oder der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) bzw. DDR Sinn?
Bestehen nach Kenntnis der Bundesregierung bereits heute VR- und AR-Angebote zu Nationalsozialismus sowie SBZ bzw. DDR in den vom Bund geförderten Gedenkstätten sowie Informations- und Dokumentationszentren?
Plant die Bundesregierung eine konkrete finanzielle Unterstützung von bundesgeförderten Gedenkstätten sowie Informations- und Dokumentationszentren, um die Ausstattung von VR- und AR-Technologien zu erleichtern?
Falls ja, in welcher Höhe werden die einzelnen Erinnerungsorte unterstützt (bitte nach einzelner Gedenkstätte und Höhe der Zuwendung auflisten)?
Falls nein, wieso nicht?
Welche Forschungsschwerpunkte und Forschungsfragen sollten aus Sicht der Bundesregierung dabei in den Vordergrund gestellt werden?
Sind bei der Erarbeitung von VR- und AR-Inhalten für Gedenkstätten sowie Informations- und Dokumentationszentren nach Kenntnis der Bundesregierung Kooperationen mit Stiftungen und Hochschulen geplant?
Falls ja, welche Stiftungen und/oder Hochschulen kämen aus Sicht der Bundesregierung dafür in Frage?
Falls nein, wieso nicht?
Wann sollen nach Information der Bundesregierung die ersten VR- und AR-Angebote in den bundesgeförderten Gedenkstätten sowie Informations- und Dokumentationszentren errichtet und in Betrieb genommen werden?
Sind für den Einsatz von VR und AR in den vom Bund geförderten Gedenkstätten sowie Informations- und Dokumentationszentren stationäre oder „Bring Your Own Device“-Modelle geplant?
Falls ja, bitte nach den einzelnen Gedenkstätten auflisten?
Falls nein, wieso nicht?
Strebt die Bundesregierung für die Initiierung von „Bring Your Own Device“-Modellen die Kooperation mit Anbietern aus der Digitalwirtschaft an?
Falls ja, welche?
Falls nein, wieso nicht?