[Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Steffi Lemke, Dr. Bettina Hoffmann,
Lisa Badum, weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
– Drucksache 19/22041 –
Plastikmüll an Stränden der Nord- und Ostsee
V o r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Mehr als 10 Millionen Tonnen Plastikmüll verschmutzen jedes Jahr unsere
Weltmeere: Die Vereinten Nationen schätzen, dass sich schon jetzt in jedem
Quadratkilometer Meeresoberfläche bis zu 18 000 Plastikmüllpartikel
befinden (UNEP, 2006: Ecosystems and Biodiversity in Deep Waters and High
Seas via
https://wedocs.unep.org/bitstream/handle/20.500.11822/13602/rsrs17
8.pdf?sequence=1&isAllowed=y), nach Einschätzung des
Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) landet jede
Minute eine LKW-Ladung Plastikmüll in den Weltmeeren (Infografik des
BMU unter
https://www.bmu.de/wenigeristmehr/). Diese Verschmutzung
unserer Meere lässt jedes Jahr bis zu 135 000 Meeressäuger und bis zu 1 Million
Meeresvögel verenden (vgl. NABU: Plastikmüll und seine Folgen, via https://
www.nabu.de/natur-und-landschaft/meere/muellkippe-meer/muellkippemee
r.html). Auch die deutschen Meere Nord- und Ostsee leiden unter dem
massenhaften Eintrag von Plastikmüll: An der Nordsee finden sich
durchschnittlich fast 400 Müllteile pro 100 Meter Küstenlinie, an der Ostsee bis zu 150
Müllteile. Rund 80 Prozent des gefundenen Mülls an deutschen Stränden sind
Plastik und Kunststoffe. Der Eintrag dieses Plastikmülls erfolgt über Zufluss
aus dem Land, aus der Schifffahrt, der Fischerei und der Offshore-Industrie
(NABU, 2019: Müllkippe Meer via
https://www.nabu.de/imperia/md/content/
nabude/meeresschutz/19-05-mu__llkippe_meer-5-2019-final.pdf). Die
Bundesregierung hat mehrfach angekündigt, gegen die Verschmutzung der
Weltmeere vorgehen zu wollen (siehe z. B. BMU, via
https://www.bmu.de/we
nigeristmehr/unsere-politik-fuer-weniger-plastikmuell/).
1. Welche Menge von Plastikmüll wurde in den letzten zehn Jahren nach
Kenntnis der Bundesregierung an deutschen Stränden der Nord- und
Ostsee aufgefunden (bitte nach Jahren und Regionen, zusätzlich Gesamtwert,
aufschlüsseln)?
Die Erfassung des Mülls an deutschen Stränden erfolgt nicht nach Gewicht,
sondern nach der Anzahl von Müllteilen, die Müllkategorien gemäß der
Deutscher Bundestag Drucksache 19/22590
19. Wahlperiode 16.09.2020
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und
nukleare Sicherheit vom 16. September 2020 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
OSPAR-Methode zugeordnet werden (
https://www.ospar.org/work-areas/eiha/
marine-litter/assessment-of-marine-litter/beach-litter).
Der letzte Bewertungszeitraum für deutsche Strände der südlichen Nordsee
betrifft den Zeitraum 2011 bis 2017.
Strandmüll-Spülsaummonitoring Nordsee 2011-2017
Jahr Anzahl
Monitoringstrände
Anzahl
Erfassungen
Anzahl
Plastikmüllteile
2011 4 15 2.145
2012 4 16 2.287
2013 4 14 3.183
2014 4 14 2.069
2015 4 17 1.743
2016
2017
4
7
14
21
1.497
4.150
111 17.074
An Stränden der Ostsee findet erst seit dem Jahr 2013 ein reguläres Monitoring
statt, der erste Untersuchungszeitraum betrifft daher die Jahre 2013 bis 2018.
Strandmüll-Spülsaummonitoring Ostsee 2013-2018
Jahr Anzahl
Monitoringstrände
Anzahl
Erfassungen
Anzahl
Plastikmüllteile
2013 18 66 3.392
2014 22 86 4.179
2015 21 80 3.756
2016 21 78 2.967
2017 22 88 4.620
2018 22 77 2.771
475 21.685
Ein Indiz dafür, wie viel Müll (als Volumen) sich an den Stränden findet, liefert
die Menge anorganischen Mülls, der auf den Deichen gesammelt und entsorgt
wird. Nach persönlicher Information durch den Landesbetrieb für
Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein (LKN) wurden an
der Westküste von Schleswig-Holstein (Nordfriesland und Dithmarschen) im
Zeitraum 2010 bis 2019 jährlich durchschnittlich rund 2,4 m³ anorganische
Substanz pro Kilometer Landesdeich (rund 302 km) durch den LKN entsorgt.
Allein die Entsorgungskosten für Schleswig-Holstein betrugen dabei ca.
17.000 Euro pro Jahr für ca. 300 Kilometer Deich. Die Kosten für die
händische Sortierung der Müllteile aus dem Treibsel sind dabei noch nicht
berücksichtigt.
Weitere Arbeiten, um Mengen bzw. Massen von Produkten und
Produktbestandteilen sowie Reinigungs- und Entsorgungskosten an Stränden der
deutschen Nord- und Ostsee zu ermitteln, laufen momentan im Rahmen des Runden
Tisches Meeresmüll (
www.muell-im-meer.de).
2. Welche zehn Produkte kamen nach Kenntnis der Bundesregierung im
Plastikmüll an Nord- und Ostsee besonders gehäuft und mit welchen
Mengen jeweils vor (bitte nach Produkten mit bekanntem Gewicht
aufschlüsseln)?
Nordsee – Top-10-Kunststofffunde (gesamt 2011 bis 2017)
Bezeichnung OSPAR-
Code
Plastikmüllteile
insgesamt
%-Anteil an
Gesamtfunden
Schnüre 32 5.621 25,9
Plastik-/Styropor-Bruchstücke,
Folienfetzen 0-2,5 cm
117 2.885 13,3
Plastik-/Styropor-Bruchstücke,
Folienfetzen 2,5-50 cm
46 2.598 12,0
Netz- und Tauknäuel 33 1.581 7,3
Deckel, Verschlüsse,
Plastikkorken: alle Arten
15 1.120 5,2
Sonstige Plastik-/
Styropor-Gegenstände
48 822 3,8
Verpackungsmaterial/
Industriefolien
93 780 3,6
Luftballons, inkl. Plastikventile
und -bänder
49 761 3,5
Getränkeflaschen, -behälter 4 678 3,1
Plastiktüten klein (z. B.
Einfriertüten, Taschentuchhüllen)
3 558 2,6
Neben den Top-10-Funden fanden sich weiterhin häufig Verpackungen von
Süßigkeiten, Chips, Knabbereien, Lollystiele; Taue; Netze und Netzteile
< 50 cm; Plastikbänder (Flachbänder) sowie Lebensmittel- und Fast-Food-
Verpackungen (z. B. Essigflaschen, Joghurtbecher) (Schäfer, E, Scheele, U. &
Papenjohann, M. (2019): Erfassung der Quellen der Mülleinträge ins Meer an
der deutschen Nordseeküste: Praxisanwendung der Matrix-Scoring-Methode.
Bericht erstellt im Auftrag des NLWKN und des LKN-SH).
Ostsee – Top-10-Kunststofffunde (gesamt 2013 bis 2018)
Bezeichnung OSPAR-
Code
Plastikmüllteile
insgesamt
%-Anteil an
Gesamtfunden
Plastik-/Styropor-Bruchstücke,
Folienfetzen 2,5-50 cm
46 5.621 25,9
Plastik-/Styropor-Bruchstücke,
Folienfetzen 0-2,5 cm
117 2.885 13,3
Zigarettenfilter 64 2.598 12,0
Deckel, Verschlüsse,
Plastikkorken: alle Arten
15 1.581 7,3
Verpackungen von Süßigkeiten,
Chips, Knabbereien, Lollystiele
19 1.120 5,2
Sonstige Plastik-/Styropor-
Gegenstände
48 822 3,8
Getränkeflaschen,-behälter 4 780 3,6
Schnüre (< 1 cm Durchmesser);
nicht vom Scheuerschutz
32 761 3,5
Plastiktüten klein (z. B.
Einfriertüten, Taschentuchhüllen)
3 678 3,1
Einweg-Besteck und -Teller,
Trinkhalme
22 558 2,6
Neben den Top-10-Funden fanden sich weiterhin häufig Lebensmittel- und
Fast-Food-Verpackungen (z. B. Essigflaschen, Joghurtbecher) (Schäfer, E,
Scheele, U. & Papenjohann, M. (2019): Erfassung der Quellen der
Mülleinträge ins Meer an der deutschen Nordseeküste: Praxisanwendung der Matrix-
Scoring-Methode. Bericht erstellt im Auftrag des NLWKN und des LKN-SH),
Schaumgummi, Schwämme, Bauschaum; Verpackungsmaterial/Industriefolien
sowie Spielzeug und Scherzartikel.
3. Hat die Bundesregierung die Menge an Plastikmüll an Stränden der Nord-
und Ostsee bewertet, und welchen Trend sieht die Bundesregierung
hinsichtlich der jährlichen Menge, und wenn ja, mit welchem Ergebnis?
Etwa 75 Prozent des gefundenen Mülls in den Meeren und an Stränden sind
Kunststoffe. Den Rest machen Materialien wie Gummi, Metalle, Stoffe und
Textilien, Glas, Holz oder Papier aus. Kunststoffteile werden durch den Wind
und Meeresströmungen grenzüberschreitend über lange Strecken transportiert.
Neben größeren Müllteilen wie Plastiktüten oder -flaschen, Fischkisten oder
verlorenen oder verlassenen Netzen (sogenannten Geisternetzen) bekommt
Mikroplastik eine immer größere Umweltbedeutung und wird regelmäßig in
Meeresorganismen nachgewiesen (Busse et al. 2019. Kunststoffe in der
Umwelt. Publikation des Umweltbundesamtes:
https://www.umweltbundesamt.de/s
ites/default/files/medien/1410/publikationen/190515_uba_fb_kunststoffe_b
f.pdf).
An den deutschen Stränden der Nordsee stammen 51 Prozent der Müllfunde
aus seebasierten Quellen, hierbei vor allem Schifffahrt und Fischerei (
https://oa
p.ospar.org/en/ospar-assessments/committee-assessments/eiha-thematic-assess
ments/marine-litter/beach-litter-monitoring/ & Schernewski et al. (2018),
Beach macro-litter monitoring on southern Baltic beaches: results, experiences
and recommendations. Journal of Coastal Conservation, Volume 22: pp. 5–25).
Im Gesamtbetrachtungsgebiet Nordost-Atlantik (inklusive Nordsee) werden ca.
40 Prozent über die Fischerei und weitere ca. 40 Prozent des Mülls aus
Freizeit- und Tourismusaktivitäten und aus dem kommunalen Raum
eingetragen. Bei Letzterem handelt es sich um Müll (vor allem Kunststoffe), der achtlos
weggeworfen durch Flüsse und Kanäle sowie über Industrie- und Kläranlagen
in die Meere gelangt (OSPAR Intermediate Assessment 2017 &
https://oap.osp
ar.org/en/ospar-assessments/committee-assessments/eiha-thematic-assessment
s/marine-litter/beach-litter-monitoring/).
An der Ostsee ist die Lage etwas anders: An den deutschen Ostseestränden
stammt der meiste Müll aus Tourismus- und Freizeitaktivitäten (50 Prozent),
gefolgt von Einleitungen durch Abwässer (25 Prozent), Schifffahrt (zehn
Prozent), Offshore-Installationen von z. B. Windkraftanlagen (acht Prozent) und
Fischerei (sieben Prozent) (Schernewski et al. 2018).
In der Gesamtbetrachtung stellt das OSPAR Intermediate Assessment 2017 für
den Nordostatlantik inklusive der Nordsee fest, dass Müll an der Küste
ubiquitär vorhanden und am Meeresboden weit verbreitet ist. Kunststoffe in Mägen
von Eissturmvögeln als Indikatorart liegen weit über dem ökologischen
Schwellenwert für die Nordsee. Abnehmende Trends in der Müllbelastung der
Strände und von Kunststoffpartikeln in Eissturmvogelmägen sind im
Beobachtungszeitraum 2009 bis 2014 nicht festzustellen. Der HELCOM State of the
Baltic Sea Bericht aus dem Jahr 2017 konstatiert, dass etwa 70 Prozent der
Müllfunde an Stränden der Ostseeanrainer aus Kunststoffen bestehen. Ein
zeitlicher Trend lässt sich aufgrund des kurzen Untersuchungszeitraums hier noch
nicht ableiten.
Die Belastung der deutschen Nord- und Ostseegewässer mit Meeresmüll
entspricht den regionalen Befunden. Auch die deutschen Gewässer der Nord- und
Ostsee sind im zweiten MSRL-Bewertungszeitraum zu stark durch Müll
belastet.
Die EU-Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie (MSRL (2008/56/EG)) verfolgt das
Ziel der Erreichung des ‚Guten Umweltzustands“ in den EU-Meeren bis 2020.
Hinsichtlich Deskriptor 10 (Müll im Meer) bedeutet dies, dass „die
Eigenschaften und Mengen der Abfälle im Meer […] keine schädlichen Auswirkungen auf
die Küsten- und Meeresumwelt“ haben. Dieses Ziel wird verfehlt.
4. Welche Gefahren und Bedrohungen für die marine Flora und Fauna sieht
die Bundesregierung durch Plastikverschmutzung der Nord- und Ostsee?
Laut einer Publikation der EU Technical Group Marine Litter sind 817 marine
Arten regelmäßig von schädlichen Auswirkungen des Mülls im Meer betroffen,
darunter 519 von der Verstrickung oder Strangulierung und dem Verschlucken
von Müllteilen. Vor allem Verpackungsmaterialien und ring- und schnurartige
Müllteile sowie Netzreste, Leine und Taue bergen ein hohes
Gefährdungspotenzial für marine Lebewesen. Circa 17 Prozent dieser Arten stehen auf der Roten
Liste oder sind bereits als bedroht oder gefährdet eingestuft (Werner et al. 2016.
Harm caused by marine litter. MSFD GES TG Marine Litter – Thematic
Report; JRC Technical report; EUR 28317 EN; doi: 10.2788/690366). Zum
aktuellen Zeitpunkt ist die Anzahl betroffener mariner Arten bereits auf 1.179
angewachsen (
https://litterbase.awi.de/interaction_detail).
5. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung zu der konkreten
Bedrohung von Meeres- und Küstenvögeln durch Plastikmüll in der Nord- und
Ostsee vor?
a) Wie viele Vögel sind nach Kenntnis oder Schätzungen der
Bundesregierung an Plastikmüll in den letzten zehn Jahren an den deutschen
Küsten verendet?
Gemäß den aktuellen MSRL-Zustandsbewertungen aus 2018 bestehen die
Hauptbelastungen für Seevögel in den deutschen Nordseegewässern in der
Störung sowie dem Verlust von Lebensräumen (grundberührende Fischerei,
Offshore-Windparks, Sand- und Kiesabbau), Folgen des Klimawandels,
erhöhter Prädation, Änderung in der Nahrungsverfügbarkeit (infolge Fischerei,
Anstieg der Wassertemperatur) sowie durch Störungen (Schifffahrt).
In den deutschen Ostseegewässern bestehen die Hauptbelastungen aufgrund
erhöhter Prädation, Störungen (Schifffahrt), Störung und Verlust von
Lebensräumen (Offshore-Windparks, Sand- und Kiesabbau, Verlust extensiv genutzter
Küstenüberflutungsräume) und anthropogene Mortalität (Stellnetzfischerei).
Sowohl die Auswirkungen nichteinheimischer Arten als auch die Aufnahme
von Abfällen zählen in den deutschen Gewässern nicht zu den o. g.
Hauptbelastungen für Seevögel.
Dennoch besteht für alle Meeres- und Küstenvögel die Gefahr, sich mit
Müllobjekten zu verstricken oder diese zu verschlucken.
Obwohl bekannt ist, dass viele Vogelarten Meeresmüll aufnehmen, lässt sich
nur selten der Tod der Tiere auf die Aufnahme von Meeresmüll zurückführen.
Totfunde von Seevögeln an den Küsten lassen sich zu weniger als einem
Prozent auf Strangulierung in Müllteilen zurückführen. Eine Ausnahme bildet der
Basstölpel, der momentan als Indikatorart etabliert wird (siehe Antwort zu
Frage 5b).
b) Welche Vogelarten sind nach Kenntnis der Bundesregierung durch
Plastikverschmutzung an den Stränden der Nord- und Ostsee
besonders bedroht?
Eissturmvögel gelten in der Nordsee als Indikatorart für die Aufnahme von
Plastikpartikeln von der Meeresoberfläche. 94 Prozent der an Stränden der
deutschen Nordsee tot aufgefundenen Eissturmvögel haben Kunststoffe im
Magen, 57 Prozent davon mehr als 0,1 Gramm (Untersuchungszeitraum 2013–
2017). Damit wird das ökologische Qualitätsziel, welches unter OSPAR
entwickelt wurde und vorsieht, dass maximal zehn Prozent der Vögel nicht mehr als
0,1 Gramm im Magen aufweisen sollen, weit verfehlt.
Ein UBA-Forschungsvorhaben zur Ermittlung der Mengen und Auswirkungen
von Meeresmüll ermittelte in der Basstölpelkolonie auf Helgoland, dass 97
Prozent der Nester Kunststoffe enthielten. Es handelte sich vor allem um
Materialien aus der Fischerei (z. B. Netzreste, Leinen, Schnüre und Scheuerschutz von
Schleppnetzen), Taue und Verpackungen (Dürselen et al., in Vorbereitung
Kohärentes Monitoring der Belastungen deutscher Meeres- und Küstengewässer
mit menschlichen Abfällen und der ökologischen Konsequenzen mit weiterem
Fokus auf eingehende Identifizierung der Quellen. FKZ 371325220;). In
diesem Zusammenhang wurde erstmals untersucht, wie viele der jungen, noch
nicht geschlechtsreifen Basstölpel sich in Müll, der durch die Elterntiere in die
Nester eingetragen wird, verstricken und strangulieren: Während der
Brutsaisons 2014 und 2015 starben zwei- bis fünfmal so viele Jungvögel verglichen
mit der bekannten durchschnittlichen Normalsterblichkeit von Basstölpeln
(Dürselen et al. (in Vorbereitung).
Ergänzend ist in diesem Zusammenhang auf das in der Antwort der
Bundesregierung auf eine thematisch verwandte Kleine Anfrage der Fraktion der FDP
(Bundestagsdrucksache 19/17761), dort Frage 15, beschriebene Projekt
„Verringerung von Kunststoffmüll aus der Krabbenfischerei durch
Netzmodifikationen (DRopS)“ unter Leitung des Thünen-Instituts, das im Dezember 2020
endet, hinzuweisen.
Für die Ostsee konnte bislang noch keine Indikatorart identifiziert werden.
Deshalb sind für die Ostsee derzeit keine vergleichbaren Aussagen möglich.
6. Welche Arten nationaler Verantwortlichkeit Deutschlands sind von der
Verschmutzung der Meeresumwelt mit Plastikmüll besonders betroffen?
Die Ursachen für den schlechten Erhaltungszustand mariner Arten unter
nationaler Verantwortlichkeit Deutschlands liegen nach bisherigen Erkenntnissen
vor allem in anderen Ursachen als der Verschmutzung mit Plastikmüll.
So sind die Belastungen mariner Säugetiere in den deutschen
Nordseegewässern vor allem auf Beeinträchtigungen wie Unterwasserlärm, eine hohe
Schadstoffbelastung sowie die Berufsfischerei mit Auswirkungen auf
Beuteverfügbarkeit zurückzuführen. Für Schweinswale fehlen zusätzlich Rückzugs- und
Ruheräume zum Schutz vor anthropogenen Störungen.
In den deutschen Ostseegewässern bestehen die Beeinträchtigungen der
marinen Säugetiere insbesondere durch die Berufsfischerei (vor allem Beifänge),
hohe Schadstoffbelastung sowie Unterwasserlärm. Auch sind bisher keine
Rückzugs- und Ruheräume zum Schutz vor anthropogenen Störungen
vorhanden. Bei den Fischen und Rundmäulern stellen je nach Art die Fischerei,
Wanderbarrieren, Habitatveränderungen, Eutrophierung, Schadstoffbelastung und
Klimawandel die maßgeblichen Belastungen dar.
Hinsichtlich der Meeres- und Küstenvögel wird auf die Antwort zu Frage 5
verwiesen.
7. Wie hoch belaufen sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Kosten
der Reinigungsarbeiten an deutschen Stränden der Nord- und Ostsee in
den letzten zehn Jahren?
Die Kosten für Strandreinigungen fallen in den Gemeinden sehr unterschiedlich
aus und können bis zu 65.000 Euro/km Strand jährlich betragen. In der
folgenden Tabelle sind die jährlichen Kosten für die Strandreinigung für zehn
Gemeinden dargestellt, die im Rahmen einer Bachelorarbeit am
Umweltbundesamt befragt wurden (Holzhauer, A. 2016. Sozioökonomische Auswirkungen
von Meeresmüll auf Küstengemeinden an der deutschen Nord- und Ostsee).
Jährliche Kosten
pro Kilometer
Kosten pro Kilometer bezogen auf Strandlänge
(km)
Jahr Name der
Gemeinden Ostsee (OS)/
Nordsee (NoS)
Nettokosten
11.100 € Strandreinigung & Mülltonnenleerung;
davon entfallen 1.250 € auf reine
Strandreinigung (mit Bagger & Egge)
2 2015 Blekendorf
(OS)
3.083 € Strandreinigung, Mülltonnenleerung 0,6 2015 Elpersbüttel
(NoS)
65.000 € Strandreinigung, Mülltonnenleerung,
Treibgutentsorgung
1 2015 Neuharlingersiel
(NoS)
3.083 € Strandreinigung, Mülltonnenleerung 0,6 2015 Nordermeldorf
(NoS)
6.667 € 5.334 € für Strandreinigung (Personal +
Gerät), 333 € für Mülltonnenleerung
(Personal + Gerät), 333 € für
Müllentsorgung, 667 € für Seegrasbeseitigung
1,5 2015 Putbus
(OS)
5.000 € Fremdunternehmen, hauptsächlich
bezogen auf Mülltonnenleerung
12 2015 Sankt Peter-Ording
(NoS)
35.714 € 25.000 € für Strandreinigung, 10.714 €
für Mülltonnenleerung
7 2014 Scharbeutz
(OS)
40.625 € 15.625 € für Strandreinigung &
Mülltonnenleerung 25.000 € für Algenentsorgung
1,6 2015 Sellin
(OS)
5.526 € alle Kosten für Abfallentsorgung &
Mülltonnenleerung; davon 1.842 € für Beseitigung
der natürlichen Abfälle (Seetang) sowie
Abfälle die aus dem Meer am Strand landen
3,8 2015 Wyk auf Föhr
(NoS)
Bruttokosten
4.444 € Strandreinigung, Mülltonnen- &
Strandmüllboxenleerung
3,6 2015 Butjadingen
(NoS)
8. Inwieweit sind die zehn am häufigsten an Stränden der deutschen Nord-
und Ostsee gefundenen Plastikprodukte bereits durch die Maßnahmen der
EU-Einwegplastikrichtlinie erfasst?
Die Maßnahmen der Richtlinie (EU) 2019/904 über die Verringerung der
Auswirkungen bestimmter Kunststoffprodukte auf die Umwelt
(Einwegkunststoffrichtlinie) beziehen sich auf bestimmte Einwegkunststoffprodukte und generell
auf kunststoffhaltige Fanggeräte sowie Produkte aus oxo-abbaubarem
Kunststoff.
Die Auswahl der unter die Richtlinie fallenden Einwegkunststoffprodukte
orientiert sich dabei an den an europäischen Stränden am häufigsten
gefundenen Kunststoffabfällen (siehe dazu Erwägungsgrund 7 der Richtlinie). Ein
Vergleich mit der in der Antwort zu Frage 2 angegebenen Zusammensetzung des
Abfalls an deutschen Nord- und Ostseestränden zeigt, dass zum gegenwärtigen
Zeitpunkt alle relevanten Einwegkunststoffprodukte sowie Fanggeräte vom
Anwendungsbereich der Einwegkunststoffrichtlinie abgedeckt sind. Die
Europäische Kommission wird allerdings die Richtlinie bis zum Jahr 2027 überprüfen
(vgl. Artikel 15 der Richtlinie) und dabei auch den Anwendungsbereich erneut
in den Blick nehmen.
9. Falls nicht alle zehn am häufigsten an Stränden der deutschen Nord- und
Ostsee gefundenen Plastikprodukte durch die Maßnahmen der EU-
Einwegplastikrichtlinie erfasst sind, welche zusätzlichen Maßnahmen plant
die Bundesregierung, um Hersteller solcher Produkte im Rahmen einer
erweiterten Produktverantwortung für die Reinhaltung der Strände in die
Pflicht zu nehmen?
Auf die Antwort zu Frage 8 wird verwiesen.
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin,
www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44,
www.betrifft-gesetze.de
ISSN 0722-8333]