[Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Michael Theurer, Grigorios Aggelidis,
Renata Alt, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP
– Drucksache 19/30364 –
Knappheit bei Computerchips, Plastik und Baumaterial
V o r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
In Europa werden Rohstoffe knapp. Pappe, Sand, Metall, Holz,
Computerchips, Kunststoff etc. sind Mangelware. Lieferketten sind unter anderem durch
die Corona-Pandemie anfälliger geworden und Produktionskapazitäten
wurden heruntergefahren. Dies führt zu Lieferengpässen und steigenden Preisen
bei Grundstoffen und zahlreichen Vorprodukten.
1. Bei welchen Grundstoffen und Vorprodukten besteht nach Kenntnis der
Bundesregierung eine Knappheit in Deutschland?
a) Welche Grundstoffe bzw. Vorprodukte sind besonders betroffen?
Die Fragen 1 und 1a werden gemeinsam beantwortet.
Im Rahmen des Netzwerks „Kontaktstelle Lieferkette“ berichten
Wirtschaftsverbände insbesondere von Versorgungsengpässen und Preissteigerungen bei
Baumaterial (insbesondere Holz, Isolier- und Dämmstoffe und Metalle),
Verpackungsmaterialien und Halbleitern. Eine aktuelle Blitzumfrage des
Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) unter seinen
Mitgliedern hat ergeben, dass es insbesondere bei Elektronikkomponenten,
Metallerzeugnissen und auch Kunststoffen Engpässe gibt.
Auf dem Markt für Nadel-Schnittholz überlagern sich mehrere Störungen. Die
Wälder bieten ausreichend Holzangebot, aber es ist in den letzten Jahren
überproportional viel Schadholz angefallen und dessen Verarbeitung muss neu in
die Prozesse eingegliedert werden (Lagerung und Akzeptanz). Neben Nadel-
Schnittholz bestehen Materialknappheit und Preisanstiege auch bei weiteren
Baumaterialien, u. a. bei Kunststoffen, Kunststoffprodukten und
kunststoffhaltigen Materialien wie Rohren, PVC, Anstrichen und Folien (auf Basis von
Polystyrol und Erdöl), bei Stahl/Stahlbeton und weiteren Metallprodukten.
Kurzzeitige regionale Engpässe treten in Deutschland zunehmend bei den
Gesteinsrohstoffen (z. B. Sand und Kies, Natursteinbereich) auf, die als Bau-
Deutscher Bundestag Drucksache 19/31259
19. Wahlperiode 29.06.2021
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie
vom 24. Juni 2021 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
rohstoffe genutzt werden. Dies liegt an der hohen Nachfrage, z. B. für den
Wohnungs-, Straßen- und Schienenbau.
Weiterhin ist aufgrund des geplanten Ausstiegs aus der Kohleverstromung und
dem daraus resultierenden Wegfall des sogenannten REA-Gipses sowie
aufgrund von Konflikten zur Ausweisung neuer Abbaugebiete von Naturgips eine
Verknappung von Gips und Gipsvorprodukten zu erwarten. Der Ausstieg aus
der Kohleverstromung hat zudem Auswirkungen auf die für die
Betonherstellung genutzte Flugasche aus den Kraftwerken. Diese muss durch andere
Rohstoffe, wie z. B. Kalkstein, substituiert werden, was die regionalen
Rohstoffmärkte belastet.
Bei den Industriemetallen kam es nicht zu einer physischen Knappheit, jedoch
seit dem Frühjahr 2020 zu enormen Preissteigerungen wie beispielsweise bei
Kupfer, Eisenerz und Stahlschrott. Von starken Preissteigerungen waren aber
auch kleinere Metallmärkte betroffen wie Magnesium und Rhodium. Zusätzlich
führten Transportbeschränkungen sowie steigende Frachtraten zu steigenden
Logistikkosten. Lieferprobleme, eine starke Nachfrage, Produktionsausfälle
und extrem geringe Lagerbestände in Europa beschäftigen den Zinnmarkt. Da
sich geplante Zinn-Lieferungen aufgrund der globalen Containerknappheit
wiederholt verzögern oder gar ausbleiben, müssen europäische Verbraucher Zinn
über den Spotmarkt oder über Lagerbestände, wie die der Londoner
Metallbörse, beziehen. Letztere sind insbesondere in Europa erschöpft, sodass es hier
vereinzelt zu einer physischen Verknappung kommen kann.
Aufgrund des unerwarteten Nachfrageanstiegs der Automobilindustrie im Juni
bzw. Juli 2020 nach Halbleitern, den sogenannten Mikrochips, sowie der
insgesamt begrenzten und aktuell hoch ausgelasteten Produktionskapazitäten einiger
weniger Hersteller von Halbleitern sind Lieferengpässe entstanden. Diese
wurden zusätzlich u. a. durch den Wintereinbruch in Texas/USA und den Brand in
der Renesas Fabrik in Naka/Japan verstärkt. Infolgedessen stockt seit Anfang
des Jahres weltweit und somit auch in Deutschland die Versorgung mit
Halbleitern. Zum Beispiel fehlen in der Automobilindustrie spezielle
Elektronikkomponenten, die hohe Zuverlässigkeits- und Sicherheitsanforderungen der
Automobilbranche erfüllen müssen. So fehlen unter anderem Mikrocontroller
für Steuergeräte, z. B. für den Airbag oder Fahrassistenzsysteme. Auch die
angespannte Situation in der Kunststoffbranche hat direkte Auswirkung auf die
Verfügbarkeit von elektronischen Bauelementen. Beispielsweise fehlen
teilweise Kunststoffe für die Ummantelung von Kabeln. Perspektivisch kann es
wegen der Lockdown-Politik von einzelnen Weltregionen auch zu
Lieferschwierigkeiten für passive Bauelemente, wie Widerstände und Kondensatoren,
kommen.
Auch das Vorprodukt Stahl ist betroffen. Bei einer aktuellen Umfrage des
Wirtschaftsverbands Stahl- und Metallverarbeitung (WSM) gaben 89 Prozent der
befragten stahlverarbeitenden Unternehmen an, ihre aktuelle Produktion sei
betroffen. 87 Prozent können demnach bereits nicht mehr wie vereinbart liefern.
b) Welche Branchen spüren die Grundstoff- bzw. Vorproduktknappheit
besonders stark?
Betroffen sind insbesondere die Baubranche, die Elektro- und Medizintechnik,
die stahl- und metallverarbeitende Industrie, die Automobilindustrie, der
Maschinen- und Anlagenbau und der IKT-Sektor. In der Bauwirtschaft sind etwa
40 Prozent der Unternehmen, insbesondere im Hochbau und im Baugewerbe,
von Lieferengpässen betroffen. Infolge der mangelnden Versorgung mit
Halbleiterchips kommt es in der Automobilindustrie in Deutschland zu
Produktionseinschränkungen. Unternehmen der Automobilindustrie sehen sich zudem mit
langen Vorlaufzeiten und Kostensteigerungen aufgrund des langsamen
Hochfahrens der Stahlproduktion in der Europäischen Union (EU) ab dem dritten
Quartal 2020, seit Juni 2020 kontinuierlich gestiegenen Stahlpreisen
konfrontiert. Nach Einschätzungen des Europäischen Automobilherstellerverbands
ACEA werde sich die Situation in den nächsten drei bis neun Monaten nicht
verbessern.
c) Welche Auswirkungen auf Produktionsprozesse lassen sich nach
Kenntnis der Bundesregierung schon jetzt in Deutschland feststellen?
Infolge der mangelnden Versorgung mit Halbleitern kommt es in der
Automobilindustrie zu Produktionseinschränkungen. Die Auswirkungen auf die
Produktionsprozesse in den einzelnen Branchen, in denen elektronische
Komponenten verbaut werden, sind allerdings differenziert. Aufgrund von
Chipknappheit, Materialengpässen und/oder Lieferverzögerungen werden Fertigungen
gedrosselt, Produktionslinien teilweise gestoppt und/oder Fertigungsbereiche im
Extremfall zeitlich begrenzt geschlossen. Dies führt zur Verlängerung von
Lieferzeiten von einigen Wochen bis mehreren Monaten.
Bei Bauvorhaben zeichnen sich Verzögerungen und Stornierungen aufgrund
fehlender Baumaterialien ab. Kurzfristige regionale Engpässe, z. B. bei
Gesteinskörnungen für Bauprojekte, haben zur Folge, dass mit deutlich längeren
Transportstrecken und erhöhtem Aufwand das Material aus anderen Regionen
beschafft werden muss. Insgesamt hält die Baubranche aber die Voraussage
eines stagnierenden Umsatzes im Jahr 2021 für noch haltbar.
In der Kunststoffbranche wurde Anfang 2021 vermehrt von Lieferausfällen und
enormen Preisanstiegen berichtet, insbesondere die kunststoffverarbeitende
Industrie beklagte mangelnde Rohstoffe und sprunghafte Preissteigerungen
(z. B. bei LDPE, LLDPE, EPS), welche Liefer- und Produktionsprozesse
entsprechend einschränken.
Darüber hinaus liegen der Bundesregierung derzeit keine weiteren belastbaren
Erkenntnisse vor.
2. Bei welchen Produkten wirkt sich die Knappheit bei Grundstoffen und
Vorprodukten nach Kenntnis der Bundesregierung bereits heute auf die
Verbraucher aus?
Erwartet die Bundesregierung weitere Lieferschwierigkeiten bzw.
Preiserhöhungen für die Verbraucher?
Die Preisentwicklung im Bauhaupt- und im Ausbaugewerbe verläuft
inzwischen steiler als die Verbraucherpreisentwicklung. Die Verteuerung von Bau-
und Renovierungsvorhaben kann jedoch in Volumen und Dauer noch nicht
eingeschätzt werden.
Bei Kunststoffen bestehen keine Erkenntnisse über etwaige Auswirkungen auf
Verbraucherinnen und Verbraucher, sodass weitere Lieferschwierigkeiten bzw.
Preiserhöhungen nicht abgeschätzt werden können.
Der weltweite Chipmangel strahlt in viele Produktbereiche aus. Wegen der
anhaltenden Chipknappheit, in einzelnen Segmenten voraussichtlich bis Ende
2022, sind nicht nur Hersteller betroffen, sondern auch die Endkunden.
Beispielsweise kommt es zu Lieferverzögerungen bei Neufahrzeugen, Computern,
Graphikkarten und Prozessoren. Aber auch bei Haushaltsgeräten (wie z. B.
Waschmaschinen und Kühlschränken) und Fahrrädern kommt es zu
Lieferschwierigkeiten. Ob es zu weiteren Lieferschwierigkeiten bzw.
Preiserhöhungen für die Verbraucherinnen und Verbraucher kommen wird, kann nicht
abgeschätzt werden.
Im Übrigen wird auf die Antwort zu Frage 6 verwiesen.
3. Erwartet die Bundesregierung auch stärkere Preissteigerungen bei
Bauleistungen, und falls ja, mit welchem Preisanstieg in Prozent für das Jahr
2021?
Die Auswirkungen auf die Preissteigerungen von Bauleistungen sind noch
nicht quantifizierbar.
4. Welche Länder sind nach Kenntnis der Bundesregierung besonders stark
von der Knappheit bei Grundstoffen und Vorprodukten betroffen?
Liegen der Bundesregierung Erkenntnisse vor, dass vor allem Europa
besonders betroffen ist?
Falls ja, weshalb?
Stark importabhängige Länder wie Deutschland und die EU sind nach Kenntnis
der Bundesregierung tatsächlich potenziell von einer begrenzten Verfügbarkeit
von Grundstoffen und Vorprodukten stärker betroffen. Neben dem reduzierten
Angebot an Rohstoffen durch pandemiebedingte Produktionsausfälle und den
steigenden Rohstoffpreisen kamen Ende 2020 zusätzlich Probleme im
internationalen Frachtverkehr hinzu. Fehlende Schiffscontainer in Asien und
logistische Herausforderungen aufgrund Quarantänemaßnahmen unterbrechen die
globalen Lieferketten und verschärfen die Folgen der Produktionsausfälle
zusätzlich.
Deutschland ist überdurchschnittlich von der Knappheit an Halbleitern
betroffen. Die europäischen Halbleiterfirmen besitzen eine eigene
Halbleiterfertigung, fertigen jedoch die neusten Technologieknoten (kleinste Strukturgrößen)
aufgrund der hohen Prozess- und Investitionskosten seit circa einem Jahrzehnt
nicht mehr selber. Sie haben sich auf das Design konzentriert und sind für die
Fertigung strategische Technologiepartnerschaften mit reinen
Dienstleistungsfertigern (Foundry) eingegangen. Damit haben sie einerseits einen Teil des
wirtschaftlichen Risikos der stark schwankenden Halbleiternachfrage
ausgelagert, andererseits allerdings ihre Abhängigkeit erhöht und sind deshalb nun
von der Knappheit stärker betroffen.
Mit Blick auf die Automobilindustrie betrifft die weltweite Knappheit von
Halbleiterprodukten zahlreiche Länder mit Autoindustrie. Erkenntnisse über
eine präferierte Belieferung anderer Regionen liegen nicht vor.
Hinsichtlich bestehender Knappheiten bei Kunststoffen liegen keine
Erkenntnisse zur Betroffenheit anderer Länder vor.
Weltweit ist die Nachfrage nach Stahl in den letzten Monaten massiv gestiegen.
Diese Nachfrage trifft weltweit auf ein teilweise noch reduziertes Angebot. Die
Stahlproduktion erreicht vielerorts erst jetzt wieder das Vorkrisenniveau, da
infolge der Corona-Pandemie Kapazitäten heruntergefahren wurden. Ursächlich
dafür war auch der Produktionsrückgang im Verarbeitenden Gewerbe. Die
Stahlpreise sind auf dem Weltmarkt ebenfalls sprunghaft angestiegen. Relativ
gesehen haben die Preise in Europa sogar weniger stark zugenommen;
Deutschland liegt in der EU im unteren Mittelfeld.
5. Rechnet die Bundesregierung mit einem Anstieg der Inflation aufgrund
der steigenden Rohstoffpreise für die Jahre 2021 und 2022?
6. Besteht aus Sicht der Bundesregierung die Gefahr einer Stagflation in
den Jahren 2021 und 2022?
Die Fragen 5 und 6 werden gemeinsam beantwortet.
Die Bundesregierung erwartet in ihrer Frühjahrsprojektion vom 27. April 2021
Inflationsraten (Veränderungsraten des Verbraucherpreisindex gegenüber dem
Vorjahr) für die Jahre 2021 und 2022 in Höhe von + 2,3 Prozent und + 1,4
Prozent. Im Jahr 2020 war es vor allem aufgrund des starken Rückgangs der
Ölpreise und der temporären Senkung der Umsatzsteuersätze zu einer deutlichen
Abnahme der Inflationsrate auf + 0,5 Prozent gekommen. Seit Beginn dieses
Jahres hat die Inflationsrate merklich angezogen. Grund für diese Erhöhung ist
zunächst die Rücknahme der temporären Senkung der Umsatzsteuersätze.
Darüber hinaus traten Maßnahmen des Klimapakets in Kraft, die im Hinblick auf
die Inflationsrate durch die Senkung der Erneuerbare-Energien-Gesetz-Umlage
nur zum Teil kompensiert werden. Des Weiteren hat sich der Preis für Rohöl
im Frühjahr dieses Jahres binnen Jahresfrist kräftig erhöht. Nach den
Terminkontrakten für Rohöl ist aber im Verlauf mit einem tendenziellen Sinken des
Rohölpreises in diesem und im kommenden Jahr zu rechnen. Im zweiten
Halbjahr 2021 wird sich ein weiterer Nebeneffekt der temporären Senkung der
Umsatzsteuersätze von Juli bis Dezember 2020 zeigen. Durch die Messung der
Inflation als prozentualer Veränderung des Preisniveaus im aktuellen Monat
gegenüber dem Vorjahresmonat hängt die aktuelle Inflationsrate auch vom
Preisniveau des Vorjahres ab, und es ergibt sich ein statistischer „Basiseffekt“,
wenn das Preisniveau des Vorjahres durch die temporäre Senkung der
Umsatzsteuersätze gesenkt war. In der zweiten Jahreshälfte dürfte sich demnach die
Inflationsrate auf 3 Prozent und möglicherweise darüber erhöhen. Zum
Jahresende verpufft dieser Basiseffekt jedoch wieder. Die Kerninflation, also die
Entwicklung des Verbraucherpreisniveaus unter Herausrechnung der volatilen
Energie- und Lebensmittelpreise, wird nach der Frühjahrsprojektion der
Bundesregierung in den Jahren 2021 und 2022 bei + 1,7 Prozent bzw.
+ 1,5 Prozent liegen. In der Frühjahrsprojektion wird für dieses und
kommendes Jahr von einem Wirtschaftswachstum in Höhe von + 3,5 Prozent bzw.
+ 3,6 Prozent ausgegangen.
7. Hätte eine länger anhaltende Knappheit bei Grundstoffen und
Vorprodukten Auswirkungen auf die Herbstprojektion der Bundesregierung?
Falls ja, wie viele Prozentpunkte Wachstum beim BIP könnte dies
beeinflussen?
Die Projektionen der Bundesregierung versuchen stets die wahrscheinlichste
Entwicklung über den Projektionszeitraum abzubilden. Falls es bis zum
Zeitpunkt der Herbstprojektion Anhaltspunkte dafür gibt, dass Knappheiten bei
Grundstoffen und Vorprodukten im Projektionszeitraum länger anhalten, wird
dieser Umstand als konjunktureller Einflussfaktor einbezogen und
berücksichtigt. Um wie viele Prozentpunkte Wachstum des Bruttoinlandsproduktes es
dabei gehen könnte, ist zum aktuellen Zeitpunkt allerdings nicht absehbar.
Wesentlich wird die tatsächliche Entwicklung und insbesondere der
konjunkturelle Effekt der Knappheit von Grundstoffen und Vorprodukten über die
kommenden Monate bis zur Herbstprojektion im Oktober 2021 sein. Zu diesem
Zeitpunkt stehen dann weitere Informationen zur Verfügung.
8. Wurden nach Kenntnis der Bundesregierung bereits Industrieanlagen
stillgelegt aufgrund von fehlenden Vormaterialen?
Falls ja, wurde in diesen Fällen Kurzarbeitergeld beantragt?
Informationen über Industrieanlagen, die aufgrund von fehlenden
Vormaterialien 2020 oder 2021 stillgelegt worden sind, liegen der Bundesregierung nicht
vor.
9. Sind nach Kenntnis der Bundesregierung neben dem knappen Angebot
an Rohstoffen und Vorprodukten auch staatliche protektionistische
Maßnahmen für die Preisanstiege verantwortlich?
Falls ja, mit welchen protektionistischen Maßnahmen wurde von
welchen Ländern reagiert?
Der Bundesregierung liegen keine Erkenntnisse über Exportbeschränkungen
vor, welche einen signifikanten Beitrag zu den aktuell zu beobachteten
Preisanstiegen von Rohstoffen leisten.
Auch wenn der Bundesregierung eine Vielzahl von protektionistischen
Maßnahmen verschiedener Länder im Rohstoffsektor bekannt sind – eine Übersicht
gibt hier die OECD (
www.oecd.org/trade/topics/trade-in-raw-materials/) – so
sind nach Kenntnis der Bundesregierung staatliche protektionistische
Maßnahmen für die gegenwärtige Preisrallye im Rohstoffsektor nicht verantwortlich.
Auf die Antwort zu Frage 4 wird verwiesen.
Im Kunststoffbereich beruhen die Gründe für Lieferausfälle und Preisanstiege
nach hiesigen Erkenntnissen nicht auf staatlichen protektionistischen
Maßnahmen.
Zu den handelspolitischen Ursachen der Störungen auf dem Markt für Nadel-
Schnittholz lässt sich folgendes feststellen: Russland stoppt ab dem 1. Januar
2022 den Export von Rundholz und setzt diese Maßnahme bereits jetzt Schritt
für Schritt um. Derzeit besteht noch ein Rohholzexportverbot der Ukraine in
die EU, dessen Rechtswidrigkeit durch ein unabhängiges
Streitbeilegungsgremium bereits festgestellt wurde. Der Holzhandel zwischen USA und Kanada
war aufgrund von Strafzöllen der USA nicht zurückgegangen.
10. Welche Rolle spielt der Brexit nach Kenntnis der Bundesregierung für
die Knappheit bei Grundstoffen, Vorprodukten und Endprodukten in
Deutschland?
Dass sich der Brexit auf die Verfügbarkeit von Grundstoffen, Vorprodukten und
Endprodukten in Deutschland auswirkt, kann nicht festgestellt werden. Der
Bundesregierung liegen keinen Informationen vor, wonach ein zeitlicher oder
inhaltlicher Zusammenhang zwischen der Verfügbarkeit einzelner Stoffe und
Produkte in Deutschland und dem Brexit besteht.
11. Welche Schlussfolgerung zieht die Bundesregierung aus der Grundstoff-
und Vorproduktknappheit in Deutschland?
Die konjunkturelle Lage war im Zuge der Corona-Pandemie und den damit
verbundenen Eindämmungsmaßnahmen im Jahr 2020 von einer globalen
Unterauslastung der Produktionskapazitäten und entsprechenden Preis- und
Produktionsrückgängen auch bei Grundstoffen und Vorprodukten geprägt. Im Zuge der
Eindämmung der Pandemie in vielen Ländern, insbesondere Asiens, um die
Jahreswende, kam es zu einer kräftigen wirtschaftlichen Erholung mit
entsprechend anziehender Nachfrage nach Rohstoffen und Vorleistungen. Diese
Entwicklung zeigt, dass auch auf wettbewerblichen Märkten vorübergehende
Marktungleichgewichte, in diesem Fall Nachfrageüberschüsse, entstehen
können. Diese stellen allerdings kein Marktversagen dar und erfordern auch keine
staatlichen Eingriffe. Es ist davon auszugehen, dass Marktmechanismen –
Preisanpassungen verbunden mit Angebotsausweitungen und
Nachfragerückgängen – absehbar zu einer Überwindung der Marktungleichgewichte führen
werden.
12. Welche konkreten Maßnahmen entwickelt die Bundesregierung auf Basis
der überarbeiteten europäischen Industriestrategie in Bezug auf die
Knappheit von systemisch wichtigen Grundstoffen und Vorprodukten,
wie z. B. Computer-Chips?
Zur Stärkung und Weiterentwicklung der Mikroelektronik in Deutschland und
Europa hat die Bundesregierung die Fördermaßnahme „Important Project of
Common European Interest (IPCEI) on Microelectronics“ 2017 auf den Weg
gebracht. Mit rund 1 Mrd. Euro werden deutsche Unternehmen im Kontext des
europäischen IPCEI-Gesamtvorhabens vorranging bei der Errichtung moderner
Chip-Fabriken, Fertigungslinien und bei der Entwicklung leistungsfähiger und
energieeffizienter Mikroelektronikkomponenten bis zur Einführung in die
Volumenproduktion unterstützt. Ein weiteres IPCEI mit Schwerpunkt
Mikroelektronik und Kommunikationstechnologien wird vorbereitet. Im Dezember 2020
haben in diesem Kontext 22 Mitgliedstaaten der EU unter der Federführung von
Deutschland eine weitere gemeinsame Erklärung zur Schaffung einer
europäischen Initiative im Bereich Mikroprozessoren und Halbleitertechnologien mit
den Schwerpunkten digitale Souveränität, Sicherheit und Nachhaltigkeit
unterzeichnet. Die Bundesregierung koordiniert derzeit die Abstimmungen der
Mitgliedsstaaten mit der Europäischen Kommission und hat Anfang dieses Jahres
ein Interessensbekundungsverfahren für eine Förderung von Unternehmen im
Rahmen eines IPCEI Mikroelektronik und Kommunikationstechnologien
durchgeführt.
13. Auf welcher rechtlichen Grundlage kann die Bundesregierung den
Autonomie- und Resilienzbegriff der europäischen Industriestrategie auf
die konkrete Herausforderung Knappheit an Computer-Chips anwenden?
Deutschland und Europa sind eng in den Welthandel eingebunden und
profitieren von den Vorteilen internationaler Arbeitsteilung. Gerade vor dem
Hintergrund der Erfahrungen in der Corona-Pandemie, die internationale Lieferketten
beeinträchtigt hat, setzt sich die Bundesregierung für offene Märkte und ein
regelbasiertes weltweites Handelssystem mit der WTO im Zentrum ein,
welches Unternehmen die Chance der Diversifizierung bietet und somit weltweit
die wirtschaftliche Resilienz erhöht. Soweit den deutschen und europäischen
Unternehmen auf internationaler Ebene Nachteile durch Handelskonflikte,
Protektionismus und Wettbewerbsverzerrungen entstehen, brauchen sie mehr und
nicht weniger offene und regelgebundene Märkte. Demgegenüber würde
Protektionismus globalen Abschottungstendenzen zu Lasten der exportorientierten,
deutschen und europäischen Wirtschaft weiter Vorschub leisten und die
deutsche und europäische Wirtschaft aufgrund ihrer Einbindung in komplexe,
internationale Wertschöpfungsketten insgesamt erheblich schwächen. Der hohe
Anteil beim Bezug von Halbleitern von ostasiatischen Anbietern durch die
deutschen Industrieunternehmen ist das Ergebnis globaler markwirtschaftlicher
Prozesse und bisheriger Investitionsentscheidungen von Unternehmen in Asien,
Amerika und Europa. Es ist aber in erster Linie Entscheidung der
Unternehmen, ihre Lieferketten breiter aufzustellen. Aufgabe der Politik ist es, hierfür
möglichst förderliche Rahmenbedingungen zu schaffen. Um die internationale
Abhängigkeit Europas und Deutschlands bei Halbleitern zu verringern, fördert
die Bundesregierung beispielsweise die Entwicklung neuer mikroelektronischer
Produkte im Rahmen des „Important Project of Common European Interest
(IPCEI) on Microelectronics“. Ein weiteres IPCEI im Bereich Mikroelektronik
und Kommunikationstechnologien ist derzeit in Deutschland und auf
europäischer Ebene in Planung.
14. Welche Möglichkeiten hat die Bundesregierung, die Grundstoff- und
Vorproduktknappheit zu mildern?
Die Herstellung moderner Halbleiter ist ein global organisierter, hocheffizienter
Prozess. Die Produktion läuft durchgehend rund um die Uhr – ein An- und
Abschalten der Halbleiterfabriken ist wirtschaftlich nicht sinnvoll. Aus
wirtschaftlichen Gründen (Investitionskosten in Milliardenhöhe) ist es nicht möglich,
Reservekapazitäten vorzuhalten. Die Produktion eines Halbleiterproduktes
nimmt in der Regel mehrere Monate in Anspruch. Deshalb kann kurzfristig die
Halbleiterproduktion nicht gesteigert werden. Die Bundesregierung unterstützt
die deutsche Industrie vermittelnd in Gesprächen mit Herstellern und anderen
Akteuren und wird dies bei Bedarf auch in Zukunft tun. Darüber hinaus gab
und gibt es Förderinitiativen, die Entwicklungen neuer Halbleitertechnologien
und den Aufbau neuer Produktion in Deutschland und Europa unterstützen. Im
europäischen IPCEI Mikroelektronik unterstützt die Bundesregierung 18
Unternehmen mit Fertigungsstandort in Deutschland mit rund 1 Mrd. Euro bei der
Errichtung moderner Chip-Fabriken, Fertigungslinien und bei der Entwicklung
leistungsfähiger und energieeffizienter Mikroelektronikkomponenten bis zur
Einführung in die Volumenproduktion. Eine weiteres IPCEI mit Schwerpunkt
Mikroelektronik und Kommunikationstechnologien ist in Zusammenarbeit des
Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) mit der Europäischen
Kommission bereits in Vorbereitung.
Das BMWi steht mit den Verbänden der betroffenen Sektoren in einem engen
Austausch, um auszuloten wie die Unternehmen bei ihren Bemühungen
unterstützt werden können, um eine ausreichende Belieferung mit Halbleitern zu
sichern. Das BMWi hat dazu bereits Gespräche auf politischer Ebene und mit
Unternehmen der Halbleiterindustrie wichtiger Lieferländer geführt, um für
eine Ausdehnung der Produktionskapazitäten zu werben. Es gibt erste positive
Signale aus den Gesprächen, allerdings wird eine Ausweitung der Produktion
nicht kurzfristig zu Besserungen führen, sondern benötigt angesichts komplexer
Anpassungsprozesse einige Zeit.
Für die Versorgung mit mineralischen Rohstoffen sind in Deutschland die
Unternehmen selbst verantwortlich. Die Bundesregierung unterstützt lediglich
die Bemühungen der Unternehmen. Aktuelle Maßnahmen der Bundesregierung
sind in der im Jahre 2020 veröffentlichten Rohstoffstrategie der
Bundesregierung zu finden. Bei den Baurohstoffen, die meistens in Deutschland gewonnen
werden, liegen die Genehmigungsverfahren für Rohstoffgewinnungsstellen in
der Zuständigkeit der Bundesländer. Hier werden seitens der Wirtschaft seit
längerem effizientere und schnellere Genehmigungsverfahren gefordert.
Gespräche mit den Verbänden der kunststoffherstellenden und
kunststoffverarbeitenden Industrie ergaben, dass es im Kunststoffbereich derzeit faktisch
kaum Handlungsmöglichkeiten der Politik gibt. Mit einer Erholung der
aktuellen Situation im Kunststoffbereich wird voraussichtlich im Herbst bzw. Winter
2021 gerechnet.
15. Ist der Bundesregierung bekannt, ob unter anderem defekte Schleusen
und gesperrte Brücken die Transportinfrastruktur hemmen?
Falls ja, welche Maßnahmen in welchem Zeitraum unternimmt die
Bundesregierung zur Verbesserung der Infrastruktur?
Die Erhaltung der Funktionsfähigkeit von Schleusen und Wehren hat für die
Zuverlässigkeit und Leistungsfähigkeit der Bundeswasserstraßen höchste
Priorität. Dementsprechend werden die anstehenden Erhaltungs- und
Ersatzinvestitionen, wie im Investitionsrahmenplan 2019 bis 2023 dargestellt,
vorangetrieben. Abgesehen von planmäßigen, im Vorfeld abgestimmten Sperrzeiten zur
Durchführung von Unterhaltungs- und Instandsetzungsmaßnahmen ist die
Befahrbarkeit der für den Güterverkehr wichtigen Wasserstraßen in der Regel
durchgehend gewährleistet.
Brücken sind die zentralen Bindeglieder der Verkehrswege und machen
Mobilitätsströme schneller, sicherer und effizienter. Viele Bestandsbauwerke der
Bundesfernstraßen leisten heute ein Mehrfaches dessen, was bei Planung und Bau
vorstellbar war. Sie müssen daher nicht nur substanziell erhalten, sondern für
das Verkehrswachstum der Zukunft modernisiert werden. Deshalb hat die
Modernisierung von Brücken bei den Verkehrsinvestitionen oberste Priorität.
Einzelheiten zur Verbesserung der Infrastruktur im Bereich von Brücken können
dem Bericht „Stand der Modernisierung von Brücken der Bundesfernstraßen“
an den Ausschuss für Verkehr und digitale Infrastruktur des Deutschen
Bundestages, zuletzt aktualisiert am 2. Dezember 2020, entnommen werden.
16. Prüft die Bundesregierung zur Bekämpfung der Rohstoffknappheit eine
privat-öffentliche Initiative ähnlich der RA Rohstoffallianz GmbH?
Es gibt derzeit keine Pläne, eine derartige privatrechtliche Initiative ähnlich der
RA Rohstoffallianz GmbH zu gründen.
17. Welche Rolle können nach Kenntnis der Bundesregierung UFK-
Garantien für ungebundene Finanzkredite für die Erschließung von
Rohstoffvorkommen spielen?
Garantien für Ungebundene Finanzkredite (UFK-Garantien) sind integraler
Bestandteil der Rohstoffstrategie der Bundesregierung (
www.bmwi.de/DE/Theme
n/Industrie/Rohstoffe-und-Ressourcen/rohstoffpolitik.html). Sie sichern
Kreditgeberinnen und Kreditgeber von Rohstoffvorhaben im Ausland gegen
wirtschaftliche und politische Kreditausfallrisiken ab. Voraussetzung für die
Garantieübernahme ist der Abschluss eines langfristigen Rohstoffliefervertrags mit
einem deutschen Abnehmer bzw. einer deutschen Abnehmerin. Durch die
Aussicht auf die Einbindung einer UFK-Garantie in die Finanzierung werden
deutsche Rohstoffabnehmerinnen und Rohstoffabnehmer häufig erst in die Lage
versetzt, langfristige Rohstoffverträge abzuschließen. Weiterhin kann sich der
Abnehmer bzw. die Abnehmerin für viele Jahre eine zuverlässige Bezugsquelle
für den benötigten Rohstoff erschließen. Als förderungswürdig erachtet werden
Vorhaben, die der Erhöhung der Versorgungssicherheit der Bundesrepublik
Deutschland mit Rohstoffen dienen und einschlägige internationale Umwelt-,
Sozial- und Menschenrechtsstandards einhalten.
18. Gibt es Pläne der Bundesregierung für die Bereitstellung eines
Investitionsbudgets für die Entwicklung von Rohstoffvorkommen im In- und
Ausland?
Es gibt derzeit keine solchen Pläne.
19. Welche Maßnahmen hat die Bundesregierung vorgenommen, um
internationale Lieferketten in der Corona-Pandemie aufrechtzuerhalten?
Die Bundesregierung hat zu Beginn der Corona-Pandemie vielfältige
Maßnahmen ergriffen, um kurzfristig vor allem medizinisches Gerät und
Verbrauchsmaterial bereitzustellen. Begleitend zur Eigeninitiative der Wirtschaft sucht die
Bundesregierung in Abstimmung mit der EU ständig nach Wegen, den
weltweiten Handel auch anderer Güter in Corona-Zeiten möglichst unbürokratisch
aufrecht zu erhalten. Eine pragmatische Maßnahme dabei war beispielsweise
die Einrichtung einer sogenannten nationalen Kontaktstelle-Lieferkette, einem
Netzwerk zum Austausch von Informationen zwischen Bundes- und
Länderressorts sowie Wirtschaftsverbände, insbesondere der Logistikbranche.
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin,
www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44,
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ISSN 0722-8333]