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Kleine AnfrageWahlperiode 20Beantwortet

Bedeutung der Mädchenarbeit für die Gleichstellungspolitik

(insgesamt 13 Einzelfragen)

Fraktion

DIE LINKE

Ressort

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Datum

09.03.2023

Aktualisiert

15.03.2023

Deutscher BundestagDrucksache 20/574522.02.2023

Bedeutung der Mädchenarbeit für die Gleichstellungspolitik

der Abgeordneten Heidi Reichinnek, Susanne Ferschl, Gökay Akbulut, Matthias W. Birkwald, Anke Domscheit-Berg, Ates Gürpinar, Dr. Gesine Lötzsch, Pascal Meiser, Cornelia Möhring, Sören Pellmann, Martina Renner, Dr. Petra Sitte, Jessica Tatti, Kathrin Vogler und der Fraktion DIE LINKE.

Vorbemerkung

Mädchensozialarbeit, also Jugendsozialarbeit speziell für Mädchen und junge Frauen, findet sich nach Kenntnis der Fragestellerinnen und Fragesteller nicht in der aktuellen Vorhabenplanung der Bundesregierung. Der letzte Kinder- und Jugendbericht, der sich dezidiert mit der Lebenswirklichkeit von Mädchen beschäftigt, ist vor fast 40 Jahren erschienen (Bundestagsdrucksache 10/1007). Mädchensozialarbeit wurde ursprünglich als Instrument geschaffen, um Mädchen in Notlagen zu unterstützen und ihnen z. B. Zugang zur Gesundheitsversorgung oder Sozialberatung zu bieten. Heute ist Mädchenarbeit weniger defizitorientiert, diverser und bietet benachteiligten Mädchen verschiedenste Zugänge zu gesellschaftlicher Teilhabe.

Während der Corona-Pandemie hat sich nicht nur der Gender Care Gap allgemein weltweit vergrößert, sondern auch der zwischen Jungen und Mädchen. Mädchen mussten z. B. in dieser Zeit mehr Aufgaben im Haushalt übernehmen als Jungen (https://www.rnd.de/wissen/weltweite-studie-madchen-starker-von-pandemie-auswirkungen-betroffen-UW2VDENDGH6O5SW3JLE6TF4LBU.html). Das ist aus Sicht der Fragestellerinnen und Fragesteller einer der Gründe dafür, dass auch Mädchen hierzulande seit Beginn der Pandemie weniger an Angeboten sozialer Einrichtungen teilnehmen, wie den Fragestellerinnen und Fragestellern von einer Interessenvertretung berichtet wurde. Es ist die Auffassung der Fragestellerinnen und Fragesteller, dass die Bundesregierung mehr dafür tun muss, diese Mädchen wieder ins gesellschaftliche Leben zurückzuholen. Gleichzeitig müssen die gleichstellungspolitischen Rückschritte, die mit der Corona-Pandemie einhergingen (https://www.boeckler.de/de/boeckler-impuls-ruckschritt-durch-corona-23586.htm), z. B. über Angebote im Bereich der Mädchenarbeit aufgearbeitet und umgekehrt werden.

Im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) gibt es ein zuständiges Referat für die Gleichstellung von Jungen und Männern (Abteilung 4, Referat 415), jedoch keines für die Gleichstellung von Mädchen. Und auch der Koalitionsvertrag zwischen SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und FDP erwähnt lediglich „eine gleichstellungsorientierte Jungen- und Männerpolitik“, dabei sind es auch im Jahr 2022 immer noch die Mädchen und Frauen, die strukturell benachteiligt sind (Gender Pay Gap, Gender Care Gap, Gender Health Gap, Gender Pension Gap etc.).

Der Grundstein für gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft wird nach Ansicht der Fragestellerinnen und Fragesteller im Kindesalter gelegt. Viele Gründe für die Benachteiligung von Frauen und Mädchen sind zwar struktureller Natur, den Mädchen jedoch die Werkzeuge mitzugeben, wie sie diese Benachteiligung hinterfragen und ihr aktiv entgegenwirken können, ist auch die Aufgabe der Mädchenarbeit. Mädchenarbeit ist Gleichstellungspolitik, sie kann allerdings nur ihre Wirkung entfalten, wenn sie auskömmlich finanziert ist.

Die Koalitionspartner haben sich das hehre Ziel gesetzt, die Gleichstellung von Männern und Frauen noch in diesem Jahrzehnt zu erreichen (vgl. Koalitionsvertrag zwischen SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und FDP, S. 114). Das kann jedoch nach Meinung der Fragestellerinnen und Fragesteller nicht erreicht werden, wenn die Gleichstellung von Jungen und Mädchen nicht die notwendige politische Bedeutung bekommt.

Wir fragen die Bundesregierung:

Fragen13

1

Welche Projekte fördert die Bundesregierung aktuell in den Bereichen der Mädchensozialarbeit und der Mädchenarbeit?

a) Wie hoch war jeweils die Summe der bereitgestellten Mittel?

b) Wie viele Mädchen werden nach Kenntnis der Bundesregierung mit diesen Projekten erreicht?

2

Welche Projekte hat die Bundesregierung in den vergangenen zehn Jahren in diesen Bereichen gefördert?

a) Wie hoch war jeweils die Summe der bereitgestellten Mittel?

b) Wie viele Mädchen wurden nach Kenntnis der Bundesregierung mit diesen Projekten erreicht?

3

Welche Haushaltsmittel sind für das Jahr 2023 für die Themen Mädchensozialarbeit und Mädchenarbeit eingestellt, und welche Kenntnisse hat die Bundesregierung über die zur Verfügung gestellten finanziellen Mittel in den Ländern und Kommunen?

4

Welche Vorhaben sind in der aktuellen Wahlperiode geplant, die sich dezidiert der Mädchensozialarbeit oder Mädchenarbeit widmen?

5

Welche finanziellen Mittel stellt die Bundesregierung bereit, um Interessenverbände im Bereich der Mädchenarbeit und Mädchensozialarbeit zu unterstützen?

6

Welche Gespräche mit Interessenverbänden haben in den letzten fünf Jahren zu den Themen Mädchensozialarbeit und Mädchenarbeit stattgefunden (bitte mit Datum, Thema und Teilnehmerinnen und Teilnehmern auflisten)?

7

Welche Vorhaben fördert die Bundesregierung aktuell, um finanziell benachteiligten Mädchen und jungen Frauen gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen?

8

Welche Vorhaben fördert die Bundesregierung aktuell, um von Diskriminierung betroffenen Mädchen und jungen Frauen gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen?

9

Wie viele Personen sind im BMFSFJ aktuell für die Themen Mädchensozialarbeit und Mädchenarbeit zuständig, und wie viele sind es für das Thema Jungenarbeit?

10

Welche Schlüsse zieht die Bundesregierung aus der Erkenntnis, dass Mädchen während der Corona-Pandemie mehr Aufgaben im Haushalt übernommen haben und der Gender Care Gap demzufolge bereits bei Kindern ein Ungleichgewicht aufweist?

11

Welche Rolle bemisst die Bundesregierung der Mädchenarbeit im Rahmen der Schulsozialarbeit?

12

Inwieweit berücksichtigt die Bundesregierung die Lebenslagen von Mädchen und jungen FLINTA (Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nichtbinäre, trans und agender Personen) im Sinne des § 9 Nummer 3 des Achten Buches Sozialgesetzbuch (SGB VIII) und unterstützt Mädchenarbeit und Mädchensozialarbeit, die sich inter- und transgeschlechtlichen Mädchen öffnet und adäquate Angebote für Personen ohne eindeutige Geschlechtlichkeit machen möchte?

13

Welche Projekte oder Aktivitäten plant die Bundesregierung gegebenenfalls, um die „Zunahme der Neudiagnosen von depressiven Erkrankungen, Essstörungen und Angststörungen bei Mädchen im Schul- und Jugendalter“ (vgl. die Antwort zu Frage 29 auf Bundestagsdrucksache 20/5027) zu bekämpfen, und sieht die Bundesregierung die Mädchenarbeit hierfür als geeignetes Instrument an?

Berlin, den 16. Februar 2023

Amira Mohamed Ali, Dr. Dietmar Bartsch und Fraktion

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