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Kleine AnfrageWahlperiode 21Beantwortet

Love Scamming - Milliardenbetrug durch Organisierte Kriminalität

Fraktion

BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Ressort

Bundesministerium des Innern

Datum

16.12.2025

Aktualisiert

23.12.2025

Deutscher BundestagDrucksache 21/305203.12.2025

Love Scamming – Milliardenbetrug durch Organisierte Kriminalität

der Abgeordneten Marcel Emmerich, Lukas Benner, Schahina Gambir, Lamya Kaddor, Rebecca Lenhard, Max Lucks, Dr. Anna Lührmann, Boris Mijatović, Dr. Konstantin von Notz, Stefan Schmidt, Marlene Schönberger, Dr. Till Steffen und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Vorbemerkung

Love Scamming – auch unter anderen Begriffen wie „Romance Scamming“ oder „Pig Butchering“ bekannt – ist eine perfide Form des Internetbetrugs, bei dem die organisierten Täter eine romantische Beziehung vortäuschen, um das Vertrauen ihrer Opfer zu gewinnen und sie anschließend finanziell auszubeuten.

Betrügerinnen und Betrüger treten meist in Datingplattformen oder sozialen Netzwerken auf, wo sie sich falsche Identitäten schaffen, oft mit gefälschten KI (künstliche Intelligenz)-generierten Fotos und einer emotionalen Ansprache, um Sympathie zu erlangen. Nachdem eine scheinbar enge Beziehung aufgebaut wurde, fordern die Betrügerinnen und Betrüger das Opfer dazu auf, Geld zu schicken. Die erfundenen Geschichten sind vielfältig. Mal werden angebliche Notlagen wie eine Krankheit, ein Unfall oder ein dringender Umzug vorgetäuscht. Mal wollen sie Flugtickets für einen Besuch besorgen oder überzeugen die Opfer davon, Investitionen in vermeintlich lukrative Geschäfte zu tätigen. In manchen Fällen werden die Opfer auch mit Screenshots erpresst, nachdem per Videocall intime Aufnahmen von ihnen gemacht wurden. Die Opfer werden so lange erpresst und betrogen, bis das Vertrauen und das Geld erschöpft sind. Dann bricht der Kontakt ab.

Gerade Organisierte Kriminelle stecken hinter diesem perfiden Geschäftsmodell, das an betrügerische Telefonanrufe erinnert. Allerdings können die Betrügerinnen und Betrüger mithilfe künstlicher Intelligenz ihre Betrugsmasche noch authentischer gestalten. Automatisierte Chats, Deepfakes und synthetische Stimmen helfen den Tätern dabei, weltweit und rund um die Uhr potenzielle Opfer immer effektiver zu täuschen.

Bekanntheit erlangen die Fälle bisher vor allem über Erzählungen der Betroffenen – wie der Anfang 2025 bekannt gewordene Betrug einer Frau, die eineinhalb Jahre lang dachte, eine heimliche Liebesbeziehung mit einem Prominenten zu führen und im Laufe dessen 830 000 Euro an die Kriminellen überwies (www.stern.de/lifestyle/leute/brad-pitt-aeussert-sich-zum-love-scam-in-seinem-namen-35388728.html).

Love Scamming ist inzwischen ein weltweites Milliardengeschäft für die Organisierte Kriminalität. Kriminelle agieren dabei transnational und über Kontinente hinweg. Allein bei der Zentralstelle Cybercrime in Bamberg wurden im Jahr 2024 mehr als 18 000 Fälle erfasst und bearbeitet. Der dadurch entstandene Gesamtschaden lag alleine bei dieser Zentralstelle bei 49 Mio. Euro (httww w1.wdr.de/nachrichten/nah-dran-cybermafia-doku-100.html). Laut Vereinten Nationen (VN) liegt der jährliche Umsatz allein der von Südostasien aus agierenden Betrügerinnen und Betrüger bei rund 40 Mrd. US-Dollar. Die Dunkelziffer dürfte noch sehr viel höher liegen, da viele Betroffene sich aus Scham nicht bei der Polizei melden.

Die Betrugsmaschen werden vor allem durch Gruppen der Organisierten Kriminalität durchgeführt, die Betrugszentren kontrollieren. Mit falschen Jobangeboten locken sie Menschen an, halten sie in Zentren fest und zwingen sie unter Gewaltandrohung zum Betrug. Sie werden erst dann wieder freigelassen, wenn ihre Familien Lösegeld zahlen. Wenn sie versuchen, zu fliehen, oder sie nicht die von den Banden vorgegebenen Planzahlen einhalten, droht ihnen Folter oder Mord (www.ardmediathek.de/video/story/im-inneren-der-cybermafia-love-like-lost/ndr/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL2FyZC1zdG9yeV8yMDI1LTA2LTEwLTIyLTUw). Die VN sprechen von moderner Sklaverei und schätzen, dass weltweit über 100 000 Menschen in solchen Zentren festgehalten werden (https://news.un.org/en/story/2025/05/1163521). Insbesondere in Myanmar befinden sich zahlreiche dieser Betrugszentren in Gebieten, die von bewaffneten Gruppen, Milizen oder kriminellen Netzwerken kontrolliert werden.

Internationale Organisationen dokumentieren, dass dort systematisch Menschenrechte verletzt werden: Menschen werden entführt, eingesperrt, zur Begehung von Betrugshandlungen, einschließlich Love Scamming, gezwungen und bei Fluchtversuchen gefoltert. In Myanmar sind Teile der Scam-Zentren in Konflikt- und Grenzregionen angesiedelt, wo die Gewinne durch Schutzgelderpressung, Besteuerung oder direkte Kontrolle zur Finanzierung bewaffneter Akteure beitragen (www.theguardian.com/global-development/2025/sep/08/myanmar-military-junta-scam-centres-trafficking-crime-syndicates-kk-park). Auch in Kambodscha bestehen enge Verbindungen zwischen staatlich geduldeten Machtstrukturen, Organisierter Kriminalität und schweren Menschenrechtsverletzungen in diesen Zentren (www.amnesty.org/en/latest/news/2025/06/cambodia-government-allows-slavery-torture-flourish-inside-scamming-compounds). Das Auswärtige Amt hat auch aufgrund dieser falschen Jobangebote Teilreisewarnungen für Kambodscha und Thailand ausgesprochen (www.auswaertiges-amt.de/de/service/laender/kambodscha-node/kambodschasicherheit-220008; www.auswaertiges-amt.de/de/service/laender/thailand-node/thailandsicherheit-201558). Für das Bürgerkriegsland Myanmar hat das Auswärtige Amt eine Reisewarnung ausgesprochen, vor sogenannten Scam Compounds wird explizit gewarnt (www.auswaertiges-amt.de/de/reiseundsicherheit/myanmarsicherheit-212100#content_1).

Ähnliche Dynamiken zeigen sich auch bei weiteren Online-Scams. Auf Onlinemarktplätzen beispielsweise nimmt die Anzahl betrügerischer Aktivitäten, irreführender Versprechen und gefälschter Produkte, die künstlich sichtbar gemacht werden, zu. Neben den Onlinemarkplätzen gibt es täuschend echt aussehende Fakeshops, die Käufer und Käuferinnen immer wieder um ihr Geld bringen. Nahezu jede und jeder achte (12 Prozent) Online-Shopper ist in den vergangenen zwei Jahren auf einen Fakeshop reingefallen, zeigt eine Forsa-Befragung im Auftrag des Verbraucherzentrale Bundesverbands. Besonders ärgerlich: Die Hälfte (50 Prozent) der von der Verbraucherzentrale untersuchten Fakeshops schalten Werbung auf Plattformen von Google oder Meta (Verbraucherreport 2025, Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung, erhoben durch Forsa vom 3. November 2025 www.vzbv.de/sites/default/files/2025-10/25-11-03_Verbraucherreport%202025_Chartbericht_0.pdf).

Eine weitere betrügerische Methode sind Financial Scams, bei denen angebliche Handelsplattformen Verbraucherinnen mit Traumrenditen locken (www.bafin.de/DE/Verbraucher/Finanzbetrug/Anlagebetrug/BetrugHandelsplattformen/handelsplattformen_node.html). Allein in den vergangenen zwölf Monaten erreichten die Marktbeobachtung der Verbraucherzentralen und des Verbraucherzentrale Bundesverbandes (vzbv) Beschwerden zu weit über 100 verschiedenen Plattformen (www.verbraucherzentrale.de/wissen/geld-versicherungen/sparenund-anlegen/vorsicht-betruegerisches-onlinetrading-54699). Daher ist es zu begrüßen, dass die Europäische Kommission eine koordinierte Initiative gegen Online-Scams und Betrug angekündigt hat (https://digital-strategy.ec.europa.eu/en/news/press-statement-european-board-digital-services-following-its-16th-meeting).

Angesichts dieser milliardenschweren Betrugsmaschen Organisierter Krimineller weltweit stellen sich nach Ansicht der Fragestellenden zahlreiche sicherheits- und verbraucherpolitische Fragen und Herausforderungen mit Blick auf die Arbeit der Bundesregierung beim sogenannten Love Scamming und anderen Online-Scams. Darüber hinaus stellt sich die Frage, wie Bürgerinnen und Bürger davor geschützt werden können und der Kampf gegen die Organisierte Kriminalität in diesem Bereich verbessert werden kann.

Wir fragen die Bundesregierung:

Fragen17

1

Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung zu den Strukturen Organisierter Kriminalität hinter dem Phänomenbereich des Love Scammings?

2

Welche Betrugsmaschen sind der Bundesregierung im Bereich des Love Scammings – gegebenenfalls auch unter Verwendung anderer Begriffe – bekannt?

3

Was macht nach Ansicht der Bundesregierung Personen in Deutschland zu einem Angriffsziel der Betrügerinnen und Betrüger?

a) Wie steht Deutschland als Angriffsziel im europäischen Vergleich?

b) Wie steht Deutschland als Angriffsziel im weltweiten Vergleich?

4

Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung über Ausmaß und Betroffene von Love Scamming in Deutschland seit dem 1. Januar 2020 (bitte nach Herkunftsland, Alter, Geschlecht, Form von Betrug und Bundesland, indem die Betroffenen ermittelt wurden aufschlüsseln)?

5

Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung über die Betrugszentren?

6

Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung über Menschenhandel, Zwangsarbeit, Freiheitsberaubung und andere Menschenrechtsverletzungen über die Betrugszentren in Myanmar und Kambodscha, insbesondere im Zusammenhang mit Love Scamming?

7

Gibt es nach Kenntnis der Bundesregierung deutsche und europäische Staatsangehörige, die zur Arbeit in die Betrugszentren festgehalten wurden?

8

Ist der Bundesregierung bekannt, ob es Betrugszentren in Deutschland oder Europa gibt, und wenn ja, in welchen Ländern?

9

Gibt es deutsche und europäischen Staatsangehörige, die an den Betrugszentren beteiligt sind, und wenn ja, wie viele?

10

Welche Maßnahmen unternimmt oder plant die Bundesregierung auf nationaler Ebene, um gegen Love Scamming vorzugehen?

a) Welche Aufklärungskampagnen oder Informationsangebote gibt es, um die Bevölkerung vor Love Scamming zu schützen?

b) Wie werden Plattformbetreiber (z. B. Dating-Apps, soziale Netzwerke) in die Präventionsarbeit einbezogen?

c) Hält die Bundesregierung die Kooperation der Plattformbetreiber für ausreichend?

d) Wenn nein, inwiefern plant die Bundesregierung, gesetzliche Vorgaben hierzu anzupassen?

e) Gibt es beim Bundeskriminalamt spezielle Einheiten oder Ermittlungsgruppen innerhalb der Polizei, die auf Love Scamming spezialisiert sind, und wenn nein, ist dies noch geplant?

f) Welche Hilfsangebote (z. B. Hotlines, Beratungsstellen) werden von der Bundesregierung oder in Kooperation mit Nichtregierungsorganisationen (NGOs) bereitgestellt oder unterstützt?

11

Welche Maßnahmen unternimmt die Bundesregierung auf internationaler Ebene, um gegen Love Scamming vorzugehen?

a) Welche Maßnahmen unternimmt die Europäische Union (EU) auch im Rahmen von Europol, und wie beteiligt sich Deutschland hieran?

b) Welche Maßnahmen unternimmt die Bundesregierung in ihren diplomatischen Beziehungen zu südostasiatischen Ländern?

c) Welche Maßnahmen unternehmen die VN, und wie beteiligt sich Deutschland hieran?

d) Welche Maßnahmen unternimmt Interpol, und wie beteiligt sich Deutschland hieran?

e) Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung über Menschenhandel, Zwangsarbeit, Freiheitsberaubung und andere Menschenrechtsverletzungen über die Betrugszentren in Myanmar und Kambodscha, insbesondere im Zusammenhang mit Love Scamming?

f) Welche Maßnahmen unternimmt die Bundesregierung zur Unterstützung von NGOs, die sich für Opfer von Menschenhandel – insbesondere in Thailand und Kambodscha – einsetzen?

g) Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung über die Organisierte Kriminalität bei Love Scamming durch ihre europäische und internationale Zusammenarbeit?

h) Wie bewertet die Bundesregierung die Wirksamkeit der EU-Sanktionen vom 29. Oktober 2024 gegen Personen und Organisationen, die für Scam-Operationen und schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen in Myanmar verantwortlich sind?

i) Wie bewertet die Bundesregierung die Notwendigkeit weiterer EU-Sanktionen im Zusammenhang mit Scam-Zentren in Myanmar, einschließlich möglicher Maßnahmen gegen zusätzliche verantwortliche Akteure oder unterstützende Strukturen?

12

Wie viele Fälle von Love Scamming haben die Sicherheitsbehörden in Deutschland in den Jahren 2023, 2024 und 2025 registriert?

a) Wie viele der erfassten Fälle führten zu Ermittlungsverfahren?

b) Wie viele der erfassten Fälle führten zu Anklagen?

c) Wie viele der erfassten Fälle führten zu Verurteilungen?

13

Ist der Bundesregierung bekannt, wie viele Betroffene in den Jahren 2023, 2024 und 2025 jeweils Beratungsangebote und Hotlines zu Love Scamming in Anspruch genommen haben?

14

Wie viele Suizide und Suizidversuche von Betroffenen von Love Scamming sind der Bundesregierung in den Jahren 2023, 2024 und 2025 bekannt?

15

In welcher Höhe belief sich in den Jahren 2023, 2024 und 2025 jeweils der Betrugsschaden durch Love Scamming?

a) Wie hoch ist der durchschnittliche finanzielle Schaden pro Fall?

b) Wie viele Betroffene meldeten Verluste über 10 000 Euro, 50 000 Euro oder 100 000 Euro?

c) Welche Schadenssumme konnte den Betroffenen zurückerstattet werden?

16

Wie schützt die Bundesregierung Verbraucher und Verbraucherinnen vor betrügerischem Handeln, gefälschten oder illegalen Produkten auf Onlinemarktplätzen und durch Fake Shops?

a) Inwieweit hat sich dieser Ansatz im Zuge des Gesetzes über Digitale Dienste verändert?

b) Wie viele Verstöße liegen dem Digital Service Coordinator (DSC) bereits vor, und wie viele gehen regelmäßig ein?

c) Wie plant die Bundesregierung, bei wachsendem Aufkommen von Online-Scams nachzusteuern und die Aufsichtsbehörden zu stärken?

d) An welche (Beschwerde-)Stellen können sich betrogene Verbraucher und Verbraucherinnen wenden, und wie machen diese Anlaufstellen auf sich und die Betrugsmaschen aufmerksam?

e) Sind aus Sicht der Bundesregierung die Beschwerdestellen, wie zum Beispiel der Digital Service Coordinator ausreichend bekannt, und wenn nein, was unternimmt die Bundesregierung, um die Bekanntheit für Verbraucher und Verbraucherinnen zu erhöhen, um ihre Fälle zu melden und sichtbar zu machen?

17

Welche Maßnahmen unternimmt oder plant die Bundesregierung, um gegen Financial Scamming und unseriöse Trading-Angebote vorzugehen?

a) Welche Aufklärungskampagnen oder Informationsangebote gibt es, um die Bevölkerung vor Financial Scamming zu schützen?

b) Wie werden Plattformbetreiber (z. B. ETF (Exchange Trades Fund)- und Trading-Plattformen) in die Präventionsarbeit einbezogen?

c) Gibt es beim Bundeskriminalamt spezielle Einheiten oder Ermittlungsgruppen innerhalb der Polizei, die auf Financial Scamming spezialisiert sind, und wenn nein, ist dies noch geplant?

d) Welche Hilfsangebote (z. B. Hotlines, Beratungsstellen) werden von der Bundesregierung oder in Kooperation mit Nichtregierungsorganisationen bereitgestellt oder unterstützt?

e) Sind aus Sicht der Bundesregierung die Überwachung von Kontoaktivitäten und technischen Systemen, wie Onlinebanking oder Banking-Apps, gegen Angriffe ausreichend geschützt, und wenn nein, warum verpflichtet die Bundesregierung die Anbieter nicht, nachzujustieren?

f) Sind aus Sicht der Bundesregierung zum Schutz von Verbrauchern und Verbraucherinnen Sorgfaltspflichten für Zahlungsdienstleister ausreichend konkret gesetzlich definiert, und wenn nein, warum nicht?

g) Wie plant die Bundesregierung, bei wachsendem Aufkommen von Financial Scams nachzusteuern und die Aufsichtsbehörden zu stärken?

Berlin, den 2. Dezember 2025

Katharina Dröge, Britta Haßelmann und Fraktion

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