Antisemitismus im Sport – Bekämpfung, Prävention und Verantwortung auf allen Ebenen
der Abgeordneten Tina Winklmann, Marlene Schönberger, Dr. Ophelia Nick, Dr. Konstantin von Notz, Lamya Kaddor, Helge Limburg und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Vorbemerkung
Antisemitismus stellt eine tiefgreifende Bedrohung für unsere offene, demokratische und vielfältige Gesellschaft dar. Er zeigt sich nicht nur in expliziten Gewalttaten, sondern auch in subtilen Formen der Ausgrenzung, Bedrohung und Delegitimierung jüdischen Lebens. Wie andere gesellschaftliche Bereiche ist auch der Sport nicht frei von antisemitischen Vorfällen, Einstellungen oder Strukturen. Gerade weil Sport eine besondere integrative und identitätsstiftende Rolle in unserer Gesellschaft spielt, ist die Auseinandersetzung mit Antisemitismus hier von herausragender Bedeutung.
Eine aktuelle Auswertung (www.report-antisemitism.de/annuals/) des Bundesverbands der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (RIAS) vom Mai 2025 zeigt die Dringlichkeit des Handelns. Im Jahr 2024 wurden demnach 8 627 antisemitische Vorfälle dokumentiert – ein Anstieg um 77 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Darunter waren acht Fälle extremer Gewalt, 186 körperliche Angriffe, 443 gezielte Sachbeschädigungen und 300 Fälle von Bedrohung. Besonders auffällig war der sprunghafte Anstieg des sogenannten „verletzenden Verhaltens“ mit 7 514 Fällen, darunter 1 802 auf Versammlungen. RIAS macht deutlich: Die Lage für Jüdinnen und Juden in Deutschland hat sich weiter verschärft. Der Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus, Felix Klein, sprach von „schockierenden Zahlen“, Bundesbildungsministerin Karin Prien bezeichnete Antisemitismus als „reale Bedrohung für das jüdische Leben“. Auch in Sportkontexten wurden antisemitische Tendenzen dokumentiert, z. B. in Form von Hetze und Gewaltandrohung auf Sportplätzen, gezielter Ausgrenzung oder hasserfüllten Parolen bei Sportgroßveranstaltungen.
Zwar finden antisemitische Vorfälle im Kontext des Fußballs häufig mediale Beachtung, doch bleiben antisemitische Erscheinungsformen in anderen weniger öffentlichkeitswirksamen Profisportarten sowie im privaten Fitness- und Freizeitsport oft unter dem Radar. Gleichzeitig engagieren sich viele Fan- und Ultra-Gruppierungen, Vereine, Verbände sowie Einzelpersonen aktiv gegen Antisemitismus und für eine demokratische Erinnerungskultur. Dieses zivilgesellschaftliche Engagement verdient politische Rückenstärkung, Unterstützung und eine differenzierte Betrachtung durch die Bundesregierung.
In ihrer Strategie zur Bekämpfung von Antisemitismus sowie durch die Anerkennung der Arbeitsdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) hat sich die Bundesregierung dazu bekannt, Antisemitismus in allen gesellschaftlichen Bereichen entschlossen entgegenzutreten.
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Es stellt sich die Frage, wie diese Verpflichtung konkret im Bereich des Sports eingelöst wird, insbesondere im Hinblick auf Datenlage, Prävention, Fortbildung, Vereinsarbeit und Förderpolitik.
Wir fragen die Bundesregierung:
Fragen23
Welche Daten erhebt die Bundesregierung systematisch zu antisemitischen Vorfällen im Sport, differenziert nach Bundesland, Jahr, Sportart, Kontext sowie organisiertem und privatem Sport?
a) Welche Quellen werden dafür herangezogen (z. B. polizeiliche Kriminalstatistik, Meldestellen, Verbände, wissenschaftliche Studien)?
b) In welchem Verfahren gleicht die Bundesregierung eigene Daten mit den Erhebungen zivilgesellschaftlicher Meldestellen wie RIAS ab und welche Diskrepanzen oder Übereinstimmungen ergeben sich dabei?
Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung über antisemitische Vorfälle im Breitensport?
a) Auf welche Datenquellen stützt sich die Bundesregierung in diesem Bereich (z. B. polizeiliche Kriminalstatistik, Meldestellen, Verbände, wissenschaftliche Studien)?
b) In welchen Bundesländern, Städten oder Sportverbänden treten solche Vorfälle nach Kenntnis der Bundesregierung gehäuft auf und wie begründet sie mögliche Datenlücken?
Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung über die Beteiligung deutscher Neonazis an Kampfsportveranstaltungen im Ausland sowie über die Ausrichtung rechtsextremistischer Kampfsportevents im Inland mit Beteiligung ausländischer Rechtsextremisten vor?
Welche Folgerungen zieht die Bundesregierung aus dem 2019 erfolgten Verbot der Kampfsportveranstaltung „Kampf der Nibelungen“ in Görlitz und welche weiteren Maßnahmen werden und wurden daraus abgeleitet?
Welche Handlungsempfehlungen gibt die Bundesregierung Sportverbänden und -vereinen zum Umgang mit antisemitischen Vorfällen, insbesondere bei Wiederholungstäterinnen und Wiederholungstäter oder Funktionärinnen und Funktionären?
Welche Bundesprogramme, etwa im Rahmen von „Demokratie leben!“ oder durch das BMI, fördern die Verankerung der IHRA-Arbeitsdefinition von Antisemitismus in Strukturen und Projekten des Sports und in welchen Sportverbänden oder -vereinen wurde nach Kenntnis der Bundesregierung diese Definition bislang konkret anerkannt oder implementiert (bitte mit Nennung der Beispiele)?
Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung über mögliche Auswirkungen sogenannter „Sportwashing“-Strategien autoritärer Regime auf die Verbreitung antisemitischer Narrative und Haltungen im In- und Ausland, insbesondere im Kontext internationaler Sportgroßveranstaltungen?
Welche Rolle spielt der Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus in der Zusammenarbeit mit dem organisierten Sport?
Welche Programme oder Projekte sind auf Bundesebene verankert, die sich explizit mit Antisemitismusprävention im Sport befassen (bitte nach Jahr und Träger auflisten)?
Wie viele der für die Bekämpfung von Antisemitismus im Sport vorgesehenen Bundesmittel wurden in den Jahren 2023 und 2024 tatsächlich abgerufen und für welche spezifischen Projekte oder Maßnahmen eingesetzt (Bitte nach Projekt und jeweils abgerufenen Mitteln aufschlüsseln)?
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Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung über rechtsextreme Strukturen und Netzwerke im Bereich Kampfsport sowie über linksextreme Strukturen und Netzwerke in diesem Bereich vor (bitte differenziert nach Bundesland, Art der Netzwerke und Veranstaltungsformaten)?
Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung über antisemitisch motivierte Vorfälle und Netzwerke im Bereich des E-Sports und werden Maßnahmen in diesem Feld ergriffen, und wenn ja, welche?
Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung über mögliche Strategien rechtsextremer Gruppierungen vor, über den Sport in politische Einflussbereiche vorzudringen?
Inwieweit kooperiert die Bundesregierung mit internationalen Sportorganisationen (z. B. FIFA, UEFA, IOC, SportAccord) und Regierungen, um Antisemitismus im Sport grenzüberschreitend zu bekämpfen?
Welche Handlungsspielräume sieht die Bundesregierung, den Kampf gegen Antisemitismus im Sport durch verbindliche Standards, Schulungen und finanzielle Anreize zu stärken?
Welche Handlungsempfehlungen hat die Bundesregierung seit Oktober 2023 an Sportbünde, Vereine oder Bildungsträger herausgegeben, um antisemitische Stimmungen im Sportumfeld zu erkennen und zu unterbinden?
Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung über antisemitisch motivierte Vorfälle im Bereich Schule und Hochschulsport vor, auf die sich laut RIAS 284 bzw. 450 Fälle beziehen?
Inwieweit sieht die Bundesregierung einen Handlungsbedarf zur besseren Erfassung antisemitischer Vorfälle im Sport, um das Dunkelfeld zu verkleinern?
Welche Kooperationen bestehen zwischen Bundeseinrichtungen und zivilgesellschaftlichen Organisationen, die sich auf die Vermittlung antisemitismuskritischer Bildungsarbeit in heterogenen Milieus im Sport spezialisieren?
Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung über mögliche Aktivitäten der sogenannten „Grauen Wölfe“ oder ihnen nahestehender Organisationen im organisierten Sport in Deutschland und sind antisemitischen Vorfälle in Sportvereinen mit Bezug zu türkisch-nationalistischen Gruppierungen bekannt, und wenn ja, welche?
Wie wird in der Sportförderung des Bundes sichergestellt, dass keine Vereine mit Bezug zu antisemitischen oder rechtsextremen Gruppierungen öffentliche Fördermittel erhalten?
Welche Maßnahmen ergreift die Bundesregierung, um flächendeckend, bundesweit nach antisemitischen Vorfällen im Sport betroffenen Personen ausreichende und unmittelbare Nachsorge und Unterstützungsangebote zu ermöglichen (z. B. Betroffenenberatung durch OFEK)?
Welche Strategie verfolgt die Bundesregierung, um Best-Practice für Reporting-Strukturen und Hinweisgeberinnen und Hinweisgeber-Netzwerke im Sport (z. B. im Rahmen der UEFA EURO 2024, Zentrum Safe Sports) langfristig in den Strukturen des organisierten Sports in Deutschland rechtssicher zu etablieren und auszubauen (z. B. einheitliche Strukturen für verschiedene Diskriminierungphänomene)?
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