Das Deutsche Bienenmonitoring
der Abgeordneten Dr. Kirsten Tackmann, Jan van Aken, Karin Binder, Eva Bulling-Schröter, Sabine Stüber und der Fraktion DIE LINKE.
Vorbemerkung
Nach Rindern und Schweinen sind Bienen die wirtschaftlich drittwichtigste Nutztierart Deutschlands. Ihre Bestäubungsleistung für die einheimische Landwirtschaft, den Gartenbau, den Obstbau und die Natur wird auf bis zu 22 Mrd. Euro geschätzt. Gleichzeitig gibt es besorgniserregende Bienenvolkverluste, die sich in den vergangenen Jahren verstärkt haben und auf eine Vielzahl von negativen Einflussfaktoren zurückzuführen sind.
Das Deutsche Bienenmonitoring ist ein seit 2004 laufendes Beobachtungsprogramm mit dem Ziel, die Ursachen des Zusammenbruchs von Bienenvölkern zu erforschen. 120 Imkerinnen und Imker sind in das Projekt einbezogen. Das Monitoringprojekt wird von einem Projektrat geleitet, an welchem neben neun Bieneninstituten z. B. auch vier Unternehmen der chemischen Industrie beteiligt waren. Die Einbeziehung von Pflanzenschutzmittelherstellern in den Projektrat wird von Imker- und Umweltverbänden heftig kritisiert. Besonders missfiel ihnen, dass diese vier Unternehmen das Deutsche Bienenmonitoring zur Hälfte finanzierten, was Zweifel an der unabhängigen wissenschaftlichen Herangehensweise nährt.
Am 25. Januar 2011 veröffentlichten die Umweltverbände NABU – Naturschutzbund Deutschland e. V. und der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e. V. (BUND) eine Studie von zwei Wissenschaftlern, welche den Abschlussbericht des Deutschen Bienenmonitorings hinsichtlich seiner wissenschaftlichen Klarheit, Konsistenz und Qualität bewerteten und dabei zu sehr kritischen Ergebnissen kamen. Fehlende Unabhängigkeit, Transparenz, Ehrlichkeit und nicht korrekte bzw. nicht wissenschaftliche Durchführung der Auswertung des Projektes wurden bemängelt. Der Deutsche Berufs und Erwerbs Imker Bund e. V. und die European Professional Beekeepers Association schlossen sich in einer Pressemitteilung des gleichen Tages den kritischen Aussagen der Studie an.
Wir fragen die Bundesregierung:
Fragen30
Welche konkreten Ziele sollten nach Ansicht der Bundesregierung durch das Deutsche Bienenmonitoring verfolgt werden?
Wurden diese Ziele beim Start des Monitoringprojekts festgeschrieben und die wissenschaftlichen Daten entsprechend gezielt aufgenommen?
Welche Parameter wurden im Rahmen des Deutschen Bienenmonitorings nach Kenntnis der Bundesregierung aufgenommen?
Wer hat die Entscheidung über aufgenommene Parameter und das methodische Vorgehen des Monitorings getroffen, und wer hat das Monitoring überwacht?
Wie und welche Varroa-Kontrollmaßnahmen wurden im Rahmen des Deutschen Bienenmonitorings nach Kenntnis der Bundesregierung erhoben?
Nach welchen Kriterien wurden nach Kenntnis der Bundesregierung die am Deutschen Bienenmonitoring beteiligten Imkerinnen und Imker ausgewählt?
Arbeiteten die ausgewählten Imkerinnen und Imker bereits vorher mit den Deutschen Bieneninstituten in anderen Projekten zusammen?
Wenn ja, auf wie viele der 120 Beteiligten trifft das zu, und in welchem Umfang erfolgte die jeweilige Finanzierung der Projekte?
Wie schätzt die Bundesregierung die Repräsentanz dieser Auswahl ein?
Wie wurde nach Ansicht der Bundesregierung die objektive Auswahl der Bienenvölker eines Imkers bzw. einer Imkerin im Rahmen des Deutschen Bienenmonitorings sichergestellt?
Wurde die Datenaufnahme während des Monitoringzeitraumes an sich ändernde Bedingungen angepasst?
Wenn ja, wie und an welche, und wenn nein, warum nicht?
Liegt der Bundesregierung eine präzise Aufstellung darüber vor, aus welchen Quellen neben den Geldern aus der chemischen Industrie das Deutsche Bienenmonitoring von 2004 bis 2009 finanziert wurde?
Hat das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) ab dem Jahr 2010 100 Prozent der Finanzierung des Deutschen Bienenmonitorings übernommen oder nur den Anteil, der in der Vergangenheit von der chemischen Industrie bereitgestellt wurde (bitte Haushaltsstelle angeben)?
Für den Fall, dass das BMELV nur einen Anteil bezahlt: Was ist der Bundesregierung über die Herkunft der anderen Mittel bekannt?
Mit welchen Auflagen und wissenschaftlichen Standards ist die Finanzierung durch das BMELV verbunden?
Gab es irgendwelche Veränderungen in der Vorgehensweise oder Struktur des Deutschen Bienenmonitorings im Rahmen der Umstellung der Finanzierung?
Wurden die Aufträge zur Beteiligung am Deutschen Bienenmonitoring ausgeschrieben, und wenn ja, zu welchen Konditionen?
Sollten die Bieneninstitute selbst sogenannte Eigenmittel zur Finanzierung beigetragen haben oder in Zukunft beitragen, was ist der Bundesregierung über die Herkunft dieser Mittel bekannt?
Wie stellt das BMELV sicher, dass diese Mittel nicht aus anderen Projekten abgezogen oder zweckentfremdet wurden und werden?
Ist die Antwort der Bundesregierung auf die Schriftliche Frage 52 der Abgeordneten Dr. Kirsten Tackmann vom 26. Oktober 2010 auf Bundestagsdrucksache 17/3565 zu zeitlich fehlerhaft zugeordneten Daten in der zentralen Datenbank des Deutschen Bienenmonitorings so zu verstehen, dass es in den Jahren 2004 bis 2010 keine geeigneten Plausibilitätsprüfungen gab, denn laut Bundesregierung würden die von der Fragestellerin angeführten Fehler bei einer solchen Prüfung auffallen, was allerdings erst im Jahr 2010 der Fall war?
Wie beurteilt die Bundesregierung die Qualität der in den Jahren 2004 bis 2010 veröffentlichten Presseerklärungen und Zwischenberichte aus dem Deutschen Bienenmonitoring im Lichte der zeitlich falsch zugeordneten Daten und der nicht durchgeführten Plausibilitätskontrollen?
Ist der Bundesregierung eine Mitteilung der Koordinatorin des Deutschen Bienenmonitorings an die mitwirkenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bekannt, in welcher auf sieben verschiedene Fehler in der Datenbank hingewiesen wurde, von welchen angeblich alle Bieneninstitute betroffen seien?
Wie beurteilt die Bundesregierung die Qualität der wissenschaftlichen Arbeit im Rahmen des Deutschen Bienenmonitorings von 2004 bis 2010, und welche Maßnahmen hat das BMELV ergriffen, um sicherzustellen, dass die vom Bundesministerium finanzierte Fortsetzung tatsächlich wissenschaftliche Mindeststandards erfüllt?
Hält es die Bundesregierung für notwendig, die Fortsetzung des Deutschen Bienenmonitorings von einer externen Qualitätskontrolle abhängig zu machen, und wird sie die dafür notwendigen Mittel bereitstellen?
Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung die wissenschaftliche Einschätzung über plötzliche Bienenvolkverluste zwischen den Jahren 2000 bis 2010 verändert?
Welche möglichen Ursachen werden heute anders bewertet, als dies noch am Anfang des Jahrtausends der Fall war?
Welche Bedeutung hat die französische CST-Studie (Comite Scientifique et Technique) nach Ansicht der Bundesregierung für das Deutsche Bienenmonitoring?
Teilt die Bundesregierung die Auffassung, dass Varroa destructor der wichtigste Grund für Winterverluste von Bienenvölkern ist (bitte begründen)?
Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung über die wissenschaftliche Korrektheit der Methoden zur Analyse von Bienenbrot und Honig im Rahmen des Deutschen Bienenmonitorings?
Wo wurden die Analysemethoden bisher publiziert?
Wie bewertet die Bundesregierung die Notwendigkeit, nicht nur Winter sondern auch Sommerverluste durch das Deutsche Bienenmonitoring untersuchen zu lassen?
Wie bewertet die Bundesregierung die Eignung des Deutschen Bienenmonitorings hinsichtlich der Benennung möglicher Ursachen für das Bienenvolksterben?
Wie schätzt die Bundesregierung das Erreichen der in Frage 1 formulierten Ziele des Deutschen Bienenmonitorings ein?
Wie bewertet die Bundesregierung generell den Zusammenhang zwischen der Ausbringung von Pflanzenschutzmitteln und Insektensterblichkeit, und wie wird sie Sorge dafür tragen, dass auch zukünftig das Umweltbundesamt in jedem Fall der Zulassung von Pflanzenschutzmitteln einbezogen wird?
Welche von der Bundesregierung finanzierten und kontrollierten wissenschaftlichen Versuche mit Pflanzenschutzmitteln an adulten Bienen und Bienenbrut fanden in den Jahren 2000 bis 2010 statt?
Bewertet die Bundesregierung die Prüfung der Bienenvolkverträglichkeit bei der Zulassungsprüfung von Pflanzenschutzmitteln als ausreichend (bitte begründen)?
Werden die Völker bei solchen Prüfungen das komplette Bienenjahr beobachtet und analysiert?
Welche aktuellen Forschungsvorhaben, welche die Wirkung von Pflanzenschutzmitteln auf Bienen untersuchen, sind der Bundesregierung bekannt?