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Kleine AnfrageWahlperiode 21Beantwortet
Regelaltersgrenze für die Rente und die Entwicklung von Lebenserwartung beziehungsweise deren Ungleichheiten
(insgesamt 15 Einzelfragen)
Fraktion
DIE LINKE
Ressort
Bundesministerium für Arbeit und Soziales
Datum
26.03.2026
Aktualisiert
07.04.2026
BT21/464612.03.2026
Regelaltersgrenze für die Rente und die Entwicklung von Lebenserwartung beziehungsweise deren Ungleichheiten
Kleine Anfrage
Volltext (unformatiert)
Deutscher Bundestag Drucksache 21/4646
21. Wahlperiode 12.03.2026
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Sarah Vollath, Janine Wissler, Doris Achelwilm, Dr. Dietmar
Bartsch, Desiree Becker, Janina Böttger, Jörg Cezanne, Agnes Conrad, Mirze
Edis, Mandy Eißing, Christian Görke, Ates Gürpinar, Cem Ince, Cansin Köktürk,
Tamara Mazzi, Pascal Meiser, Zada Salihović, Evelyn Schötz, Lisa Schubert, Ines
Schwerdtner, Julia-Christina Stange, Isabelle Vandre, Sascha Wagner, Anne Zerr
und der Fraktion Die Linke
Regelaltersgrenze für die Rente und die Entwicklung von Lebenserwartung
beziehungsweise deren Ungleichheiten
Seit 2012 wird die Regelaltersgrenze für die Rente in Deutschland schrittweise
von 65 auf 67 Jahre im Jahr 2031 angehoben. Bereits vor Abschluss dieses
Prozesses werden innerhalb der Bundesregierung (etwa durch die
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie) Forderungen nach einer weiteren Anhebung der
Regelaltersgrenze ab 2031 laut. Sowohl die aktuelle Anhebung als auch die
Forderungen nach weiteren Anhebungen werden häufig mit dem Anstieg der
Lebenserwartung in Deutschland begründet. Vor diesem Hintergrund verfolgt
diese Kleine Anfrage das Ziel, die Entwicklung der Lebenserwartung in
Deutschland seit Anhebung der Regelaltersgrenze und das
Renteneintrittsverhalten einiger der von der Anhebung betroffenen Geburtsjahrgänge zu
beleuchten. Dies erscheint insbesondere vor dem Hintergrund der seit 2011 (also
bereits vor der COVID-19-Pandemie) festgestellten Verlangsamung des Anstiegs
der Lebenserwartung in Deutschland und einigen anderen OECD (Organisation
für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung)-Ländern sowie der
durch die COVID-19-Pandemie verursachten Übersterblichkeit wichtig (siehe
Veena S. Raleigh, Trends in Life Expectancy in EU and Other OECD
Countries, OECD Health Working Paper No. 108 (2019)).
In den aktuellen Diskussionen um eine Anhebung der Regelaltersgrenze wird
von den oben genannten Akteuren sowie von einigen in der Politikberatung
aktiven Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern vorgeschlagen, die
Regelaltersgrenze an die Lebenserwartung zu koppeln. Da die Entwicklung der
gesamtdeutschen Lebenserwartung bestehende Ungleichheiten jedoch
verschleiert, besteht bei diesem Vorschlag das Potenzial, diese Ungleichheiten zu
verschärfen. Sowohl international als auch in Deutschland gibt es Hinweise auf
eine Zunahme der Lebenserwartungsungleichheiten zwischen
sozioökonomischen Gruppen (s. z. B. Christopher Lübker and Fabrice Murtin, Educational
Inequalities in Longevity among OECD Countries around 2016, OECD Papers
on Well-being and Inequalities no. 8, vol. 8 (2022); Olga Grigoriev and
Gabriele Doblhammer, “Changing Educational Gradient in Long-Term Care-
Free Life Expectancy among German Men, 1997–2012,” PLOS ONE 14, no. 9
(2019)). Beispielsweise weisen die auf DRV (Deutsche Rentenversicherung)-
Daten basierenden Berechnungen von Wenau et al. darauf hin, dass die
Lebenserwartungslücke zwischen Männern im höchsten und niedrigsten
Entgeltpunktequintil im Zeitraum von 1997 bis 2016 sowohl im Westen als auch im Osten
um circa ein Jahr und neun Monate gestiegen ist (Georg Wenau et al., “
Socioeconomic Disparities in Life Expectancy Gains among Retired German Men,
1997–2016”; Journal of Epidemiology and Community Health 73, no. 7
(2019)). Die bestehende Empirie legt also nahe, dass die sozioökonomisch
bereits benachteiligten Gruppen von dem Anstieg der Lebenserwartung in
Deutschland weniger profitiert haben. Die Veröffentlichungen des Statistischen
Bundesamts weisen zudem auf regionale Unterschiede bei der Entwicklung der
Lebenserwartung hin, beispielsweise zwischen den alten und den neuen
Bundesländern. Ein weiteres Ziel dieser Kleinen Anfrage ist es daher, genauere
Erkenntnisse über die regionalen und sozioökonomischen Ungleichheiten bei der
Entwicklung der Lebenserwartung zu erlangen.
Da die weitere Untersuchung der Mortalitätsunterschiede zwischen
verschiedenen Gruppen für eine sozial gerechte Gestaltung von Politikmaßnahmen
unabdingbar ist, jedoch aufgrund der Datenlage in Deutschland erschwert wird
(siehe Olga Grigoriev, “Sozioökonomische Unterschiede in Der Sterblichkeit in
Deutschland. Was Ist Bekannt Und Wo Liegen Potenziale Der Amtlichen
Statistik?,” WISTA – Wirtschaft Und Statistik 4 (2025)), versucht diese Kleine
Anfrage zudem Informationen über die Pläne der Bundesregierung zur
Verbesserung der Datenlage bei der Erforschung von Mortalitätsunterschieden zu
erhalten.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung die fernere
Lebenserwartung der 65-Jährigen (ermittelt anhand von Periodensterbetafeln) in
Deutschland, Ost- und Westdeutschland sowie in den jeweiligen
Bundesländern seit 2012 entwickelt (bitte die Zeitreihen für die Lebenserwartung
von Frauen, von Männern und die geschlechtsunabhängige
Lebenserwartung angeben)?
2. Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung das durchschnittliche
Renteneintrittsalter der Geburtskohorten von 1947 bis 1957 (bitte für
jeden Geburtsjahrgang getrennt nach Frauen und Männern ausweisen)?
3. Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung die
Renteneintrittswahrscheinlichkeit in jedem Alter zwischen 60 und 67 seit 2005 entwickelt
(bitte für jede Rentenart getrennt nach Frauen und Männern ausweisen)?
4. Wie haben sich nach Kenntnis der Bundesregierung seit 2012 die
Ungleichheiten bei der ferneren Lebenserwartung der 65-Jährigen
a) zwischen Ost- und Westdeutschland sowie
b) zwischen den Bundesländern
entwickelt (bitte für Frauen und Männer getrennt ausweisen und für die
zweite Teilfrage die Entwicklung der Differenz zwischen der
Lebenserwartung in den Bundesländern mit der höchsten und der niedrigsten
Lebenserwartung angeben)?
5. Wie wird sich nach Kenntnis der Bundesregierung die fernere
Lebenserwartung der 65-Jährigen in Deutschland bis 2030 voraussichtlich
entwickeln (bitte die voraussichtliche Entwicklung der Lebenserwartung von
Frauen, von Männern und die geschlechtsunabhängige Lebenserwartung
angeben)?
6. Wann wird die fernere Lebenserwartung der 65-Jährigen in Deutschland
nach Kenntnis der Bundesregierung voraussichtlich um zwei bzw. drei
Jahre höher liegen als im Jahr 2012 (bitte für Männer und Frauen getrennt
angeben)?
7. Wie bewertet die Bundesregierung vor dem Hintergrund eventueller
regionaler Unterschiede bei der Entwicklung der Lebenserwartung die
Forderung der Wirtschaftsministerin, die Regelaltersgrenze nach 2031 an die
Lebenserwartung zu koppeln?
8. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung zur Entwicklung der
Lebenserwartungsungleichheiten zwischen sozioökonomischen Gruppen
(nach Bildungsgrad, Einkommen sowie Beruf) in Deutschland vor?
9. Wie bewertet die Bundesregierung vor dem Hintergrund der in der
Einführung beschriebenen wachsenden Lebenserwartungsungleichheiten, die
darauf hindeuten, dass sozioökonomisch benachteiligte Menschen
möglicherweise unterdurchschnittlich von Lebenserwartungsgewinnen
profitieren, die Vorschläge zur Kopplung der Regelaltersgrenze an die
Lebenserwartung?
10. Sieht die Bundesregierung die Gefahr, dass eine Kopplung der
Regelaltersgrenze an die Lebenserwartung bestehende soziale Ungleichheiten
im Alter (z. B. hinsichtlich der Rentenbezugsdauer) weiter verschärft, und
wenn nein, warum nicht?
11. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung hinsichtlich der
Mortalitätsunterschiede und Lebenserwartungsungleichheiten in Deutschland
zwischen verschiedenen sozioökonomischen Gruppen (nach
Bildungsgrad, Einkommen sowie Beruf) vor?
12. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung zu den Unterschieden in
der sogenannten gesunden Lebenserwartung (Healthy Life Expectancy)
verschiedener sozioökonomischer Gruppen (nach Bildungsgrad,
Einkommen und Beruf) sowie zur Entwicklung dieser Unterschiede vor?
13. Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung die Lebenserwartung
von Neugeborenen sowie die fernere Lebenserwartung von 65-Jährigen in
den Ländern der EU-15 (bitte für jedes Land nach Frauen und Männern
getrennt ausweisen)?
14. Wie haben sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Quoten von
Arbeitslosigkeit, Arbeitsunfähigkeit und Erwerbsminderung in jedem Alter
zwischen 60 und 67 seit dem Jahr 2005 entwickelt (bitte für jedes Alter
getrennt angeben)?
15. Welche Pläne hat die Bundesregierung, um die Datenlage für die
Untersuchung von Mortalitätsunterschieden zwischen verschiedenen
sozioökonomischen Gruppen zu verbessern (z. B. durch Ergänzung der amtlichen
Statistik der Sterbefälle um sozioökonomische Indikatoren; bitte einen
Zeitplan angeben)?
Berlin, den 23. Februar 2026
Heidi Reichinnek, Sören Pellmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
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