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Kleine AnfrageWahlperiode 21Noch nicht beantwortet
50. Jahrestag des Militärputsches und aktuelle politische Lage in Argentinien
Fraktion
DIE LINKE
Datum
08.04.2026
Aktualisiert
10.04.2026
BT21/522608.04.2026
50. Jahrestag des Militärputsches und aktuelle politische Lage in Argentinien
Kleine Anfrage
Volltext (unformatiert)
Deutscher Bundestag Drucksache 21/5226
21. Wahlperiode 08.04.2026
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Vinzenz Glaser, David Schliesing, Desiree Becker, Gökay
Akbulut, Janina Böttger, Anne-Mieke Bremer, Maik Brückner, Agnes Conrad,
Mirze Edis, Katrin Fey, Ates Gürpinar, Maren Kaminski, Jan Köstering, Stella
Merendino, Charlotte Antonia Neuhäuser, Cansu Özdemir, Lea Reisner, Zada
Salihović, Ulrich Thoden, Aaron Valent, Donata Vogtschmidt, Christin Willnat und
der Fraktion Die Linke
50. Jahrestag des Militärputsches und aktuelle politische Lage in Argentinien
Am 24. März 1976 wurde die argentinische Präsidentin Isabel Martinez de
Perón durch einen Militärputsch unter der Führung General Jorge Rafael Videlas
abgesetzt. Nach der Machtübernahme durch das Militär unter Videla kam es zu
einem weitreichenden Staatsumbau und der Einrichtung eines Systems der
Überwachung mit dem die Bevölkerung und Institutionen kontrolliert wurden.
Die Militärregierung sah ihren Gegner vor allem in (vermeintlich) linken
Oppositionellen, welche sie systematisch verfolgte. Gewerkschafter:innen,
Student:innen, Intellektuelle, Jounalist:innen, Anhänger:innen Peróns – sie alle
wurden vom Regime verschwunden, das heißt sie wurden in geheime Lager
gebracht, ohne Prozess festgehalten, gefoltert und häufig auch ermordet.
Argentinische Menschenrechtsorganisationen gehen von bis zu 30 000
Verschwundenen aus (vgl. www.bpb.de/themen/mittel-suedamerika/lateinamerika/44628/wa
hrheit-und-gerechtigkeit/ & www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/2234
08/vor-40-jahren-beginn-der-militaerdiktatur-in-argentinien/).
Als eine der wichtigsten Widerstandsbewegungen gegen das Regime
formierten sich die Madres de Plaza de Mayo (Mütter des Plaza de Mayo). Seit dem
30. April 1977 treffen sie sich jede Woche zu einer Protestkundgebung, um für
„Verdad y Justicia“ (Wahrheit und Gerechtigkeit) zu kämpfen. Sie fordern unter
anderem die Aufklärung des Verschwindens ihrer Kinder sowie die gerichtliche
Verurteilung der Verantwortlichen. Ihr Erkennungszeichen ist ein weißes
Kopftuch (vgl. https://madresplazademayolf.org.ar/madres/historia/ & www.bpb.de/t
hemen/mittel-suedamerika/lateinamerika/44628/wahrheit-und-gerechtigkeit/).
Zwischen Deutschland und Argentinien bestanden zur Zeit der letzten
argentinischen Militärdiktatur vielfältige Verbindungen. Einerseits wurden auch
deutsche Staatsbürger:innen Opfer der Diktatur, wobei eines der bekanntesten Opfer
die Sozialrevolutionärin Elisabeth Käsemann ist, die 1977 entführt, gefoltert
und ermordet wurde. Die Angehörigen von Käsemann warfen der damaligen
Bundesregierung vor sich zu wenig für ihre Freisetzung eingesetzt zu haben
und wirtschaftliche Interessen über die Einhaltung von Menschenrechten und
den Schutz von Menschenleben gestellt zu haben (vgl. www.fdcl-berlin.de/filea
dmin/fdcl/Publikationen/Ausstellung-E_Kaesemann.pdf).
Andererseits standen deutsche Akteur:innen mit der argentinischen
Militärdiktatur in Kontakt. Beispielsweise stellte die deutsche Botschaft dem „Mayor Pei-
Vorabfassung - w
ird durch die lektorierte Version ersetzt.
rano“, einem Geheimdienstoffizier der Armee, Räumlichkeiten in der Botschaft
zur Verfügung, in denen er Angehörige von Verschwundenen empfing. Dabei
soll er Informationen über deren soziales Umfeld gesammelt haben. Nachdem
die USA 1977 ein Waffenembargo gegen Argentinien verhängten, wurde
Deutschland zum wichtigsten Waffenlieferant für die argentinische
Militärdiktatur. Die Auslandsniederlassung von Mercedes Benz gehörte zur Zeit der
Militärdiktatur zu den umsatzstärksten Unternehmen des Landes. Ein Hauptkunde
war die argentinische Armee, die mit Unimog-Lastwagen beliefert wurde (vgl.
www.museositioesma.gob.ar/wp-content/uploads/2024/05/A4-ALEMANES_P
aneles-COMPLETOS_baja.pdf). Die Beziehungen der verschiedenen
deutschen Akteur:innen zu Argentinien zwischen 1976 und 1983 könnten als eine
Form der Legitimierung oder Unterstützung der Verbrechen gegen die
Menschlichkeit durch die Militärdiktatur verstanden werden.
Noch heute – also über 40 Jahre nach Ende der letzten argentinischen Diktatur
– dauert die juristische Aufarbeitung der Diktatur und seiner Verbrechen an.
Seit der Präsidentschaft von Javier Milei zeichnet sich jedoch eine deutliche
Veränderung in der staatlichen Erinnerungskultur und Verfolgung von
Straftaten durch das Militärregime ab. Dabei geht die Regierung Mileis systematisch
gegen Erinnerungs- und Aufklärungsstrukturen vor. Seit 2006 ist das
Sekretariat für Menschenrechte in mindestens 265 Fällen als Klägerin gegen Verbrechen
gegen die Menschlichkeit aufgetreten. Mit dem Dekret 347/2025 von Präsident
Milei fand eine Herabstufung des Sekretariats zum Subsekretariat statt (www.ar
gentina.gob.ar/normativa/nacional/decreto-347-2025-413036/texto). Dadurch
ist das Sekretariat nicht mehr befugt als Kläger aufzutreten, was die Verfolgung
von Verbrechen der Militärdiktatur deutlich erschwert (www.pagina12.com.ar/
2026/02/23/un-gobierno-al-que-ya-no-le-interesa-acusar-a-represores/). Diverse
Stellen im Bereich der Menschenrechte wurden gestrichen und die angesehene
Direktorin des UNESCO-Welterbe anerkannten Museums Erinnerungsstätte ex-
ESMA, Mayki Gorosito, wurde entlassen (https://amerika21.de/2017/12/19223
2/aufloesung-menschenrechtsdirektion & https://amerika21.de/2025/04/27461
8/argentinien-erinnerung-militaerdiktatur & www.lanacion.com.ar/politica/el-g
obierno-echo-a-la-directora-ejecutiva-del-museo-de-la-ex-esma-mayki-gorosit
o-nid04062025/).
Im April 2025 sorgte die Zerstörung eines Denkmals in Erinnerung an den
deutschstämmigen Menschenrechtsaktivisten und Widerstandskämpfers
Osvaldo Bayer in El Calafate durch eine Nationalbehörde für großes Aufregen
(https://amerika21.de/2025/04/274549/argentinien-wiederstandskaempfer-b
ayer).
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Wird Bundesminister des Außenwärtigen Dr. Johann Wadephul bei seiner
am 28. Januar bei der Regierungsbefragung angekündigten Reise nach
Lateinamerika auch Argentinien besuchen?
a) Wenn ja, inwieweit wird die Aufarbeitung der Militärdiktatur Thema
sein?
Welche weiteren Themen sollen besprochen werden?
b) Wenn ja, mit welchen Vertreter:innen der argentinischen Regierung,
argentinischer Unternehmen und der argentinischen Zivilgesellschaft
wird er sich treffen?
c) Wenn ja, welche Organisationen und Unternehmen (bzw. deren
Vertreter:innen) begleiteten den Bundesaußenminister Dr. Johann Wadephul
bei seiner Reise und anhand welcher Kriterien wurde entschieden, wer
den Bundesminister auf dieser Reise begleiten durfte?
Vorabfassung - w
ird durch die lektorierte Version ersetzt.
d) Wenn nein, warum nicht?
2. Ist zukünftig ein Treffen zwischen Bundeskanzler Friedrich Merz und
Präsident Milei geplant?
Wenn ja, für wann und auf wessen Initiative findet das Treffen statt?
3. Wie sieht die Bundesregierung aus heutiger Sicht die Beziehungen zur
argentinischen Militärdiktatur zwischen 1976 und 1983?
4. Welches war nach Auffassung der Bundesregierung während der
Militärdiktatur zwischen 1976 und 1983 der zentrale Bestandteil deutscher
Außenpolitik gegenüber Argentinien, wenn es nicht die Menschenrechte
waren (bitte begründen)?
5. Plant die Bundesregierung die Beziehungen der Bundesrepublik zur
argentinischen Militärdiktatur und insbesondere die Zusammenarbeit
deutscher Sicherheitsbehörden mit argentinischen Sicherheitsbehörden
genauer zu untersuchen und aufzuarbeiten?
Wenn ja, ab wann ist damit zu rechnen und in welcher Form soll dies
geschehen?
Wenn nein, warum nicht?
6. Sind in den Archiven des Bundeskanzleramtes, des
Bundesnachrichtendienstes oder des Auswärtigen Amts weiterhin Akten enthalten, die
Bezüge auf Geschehnisse während der argentinischen Militärdiktatur
aufweisen und zugleich noch von Sperrfristen betroffen sind?
Wenn ja, wie viele Akten betrifft dies pro Standort (wenn genaue Angabe
nicht möglich ggf. Schätzwert)?
7. Sind Bestände aus den Archiven des Bundeskanzleramtes, des
Bundesnachrichtendienstes oder des Auswärtigen Amts mit den o. g.
Eigenschaften mit besonderen Sperrvermerken versehen und/oder von
Geheimhaltungsstufen betroffen, und wenn ja, mit welchen (bitte unter Angabe
der Anzahl der betroffenen Akten pro Archiv, sowie den dazugehörigen
Geheimhaltungsstufen)?
8. Plant die Bundesregierung bisher mit Sperrvermerken versehene Akten
freizugeben und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen?
Wenn ja, bis wann soll dies geschehen?
Wenn nein, warum nicht?
9. Welche Schlüsse zieht die Bundesregierung aus dem aktuellen Vorgehen
der Regierung Mileis gegen die Erinnerungskultur?
10. Welche Schlüsse zieht die Bundesregierung aus dem aktuellen Vorgehen
der Regierung Mileis gerichtliche Prozesse gegen Verbrechen gegen die
Menschlichkeit zu erschweren?
11. Sind der Bundesregierung Fälle bekannt, in denen Anschuldigungen über
Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Zusammenhang der letzten
argentinischen Diktatur gegen deutsche Staatsbürger:innen erhoben wurden,
die aber bis heute nicht juristisch aufgeklärt wurden?
Wenn ja, welche?
12. Sind der Bundesregierung Fälle von deutschen Staatsbürger:innen
bekannt, die als Verschwundene im Rahmen der Militärdiktatur gelten, die
aber bis heute nicht juristisch aufgeklärt wurden?
Wenn ja, um welche Fälle handelt es sich und ist die Bundesregierung
diesbezüglich tätig geworden?
Vorabfassung - w
ird durch die lektorierte Version ersetzt.
13. Unterstützt die Bundesregierung aktuell die Aufklärung von Verbrechen
während der argentinischen Militärdiktatur (beispielsweise durch die
Förderung von argentinischen Menschenrechtsorganisationen)?
Wenn ja, inwieweit?
Wenn nein, warum nicht?
14. Wird die Bundesregierung oder die deutsche Botschaft in Argentinien sich
an Gedenkveranstaltungen im Rahmen des 50. Jahrestages des
Militärputsches beteiligen?
Wenn ja, in welcher Form?
15. Wird sich die Bundesregierung zukünftig stärker im Bereich der
Aufklärung und Erinnerung an die Verbrechen der Militärdiktatur in Argentinien
engagieren, um den Rückzug der argentinischen Regierung
auszugleichen?
Wenn ja, in welcher Form?
Wenn nein, warum nicht?
Berlin, den 13. März 2026
Heidi Reichinnek, Sören Pellmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
Vorabfassung - w
ird durch die lektorierte Version ersetzt.
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