Entwicklung der Jugendarmut
der Abgeordneten Yvonne Ploetz, Diana Golze, Matthias W. Birkwald, Dr. Martina Bunge, Klaus Ernst, Katja Kipping, Jutta Krellmann, Dr. Ilja Seifert, Kathrin Senger-Schäfer, Kathrin Vogler, Harald Weinberg, Jörn Wunderlich, Sabine Zimmermann und der Fraktion DIE LINKE.
Vorbemerkung
Armut ist mittlerweile zu einem weit verbreiteten Phänomen geworden. Armut resultiert vor allem aus Einkommensarmut, die in Familien von den Eltern an ihre Kinder weitergegeben wird. Mehr und mehr Kinder sind in der Bundesrepublik Deutschland von Armut bedroht. Aus armen Kindern werden in der Regel arme Jugendliche. Die Armutsrisikoquote von Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren stieg im Jahr 2010 auf rekordverdächtige 19,4 Prozent (Familienreport 2011, S. 98 ff.). Besonders betroffen davon sind Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahren: In dieser Altersgruppe waren im Jahr 2009 alleine 500 000 Jugendliche von Armut bedroht (ebenda S. 100). Dramatisch ist die Lage in Ostdeutschland, wo nahezu ein Drittel der Jugendlichen in Armut leben (Monitor Jugendarmut 2010, Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit e. V.). Aber auch in den Stadtstaaten Berlin, Bremen und Hamburg sind überproportional viele Jugendliche von Armut bedroht. Die Entwicklung von drohender Jugendarmut lässt sich auch aus den Statistiken der Bundesagentur für Arbeit ableiten: Dort werden regional die Anzahl der Kinder und Jugendlichen unter 15 Jahren gezählt, die mit ihren Eltern im Hartz-IV-Bezug leben. Demnach sind in den vergangenen Jahren neue Zentren der Kinderarmut vor allem im Ruhrgebiet entstanden (Statement von Dr. Ulrich Schneider, Gwendolyn Stilling und Christian Woltering „Arme Kinder, arme Eltern: Familien in Hartz IV“ vom 29. Februar 2012). Die Lebenswelten von Jugendlichen driften dabei immer weiter auseinander. Jede/Jeder fünfte Jugendliche im Alter zwischen 14 und 17 droht gesellschaftlich abgehängt zu werden. Diese Jugendlichen sind bezüglich ihrer persönlichen Perspektiven zusehends entmutigt (Sinus-Studie, Wie ticken Jugendliche 2012?).
Arme Kinder haben schlechtere Startvoraussetzung als Kinder aus wohlhabenderen Familien. Aus ihnen werden häufig arme Jugendliche. In der Schule haben sie es schwerer als ihre Mitschüler/-innen. Kinder und Jugendliche werden in der Schule nämlich auch nach sozialer Herkunft benotet und beurteilt. Schüler/ -innen aus ärmeren Familien werden bei gleicher Leistung schlechter zensiert als ihre Mitschüler/-innen (Herkunft zensiert? Vodafone Stiftung Deutschland gemeinnützige GmbH, 2011). Wer schlechter zensiert wird, hat es schwer, auf höhere Schulen zu kommen, ein Abitur zu absolvieren, einen Ausbildungsplatz zu finden und somit den Grundstein für ein eigenes Leben außerhalb einer Armutsspirale aufzubauen – eine Armutsspirale, die bedeutet, dass in armen Familien arme Kinder aufwachsen, die zu armen Jugendlichen und armen Erwachsenen werden. Eine gefestigte Armut über Generationen hinweg droht zu entstehen.
Auch auf die Zufriedenheit mit dem Leben insgesamt hat die Einkommenssituation Auswirkungen. Jugendliche, die sich in einer schlechten beziehungsweise sehr schlechten finanziellen Lage befinden oder unter Arbeitslosigkeit leiden, sind deutlich unzufriedener mit ihrem Leben (16. Shell Jugendstudie „Jugend 2010“: S. 191 ff.). Das ist nicht weiter verwunderlich, entscheiden doch finanzielle Mittel maßgeblich über Teilhabemöglichkeiten am gesellschaftlichen Leben. Wer über diese nicht verfügt, hat es schwer, die passenden und angesagten Kommunikationsgeräte wie internetfähigen Handys zu finanzieren, um an der Informationsgesellschaft adäquat teilnehmen zu können. Diese Jugendlichen verfügen nicht über die finanziellen Mittel, um, wie ihre Altersgenossen, die passenden und cliquenbezogenen kulturellen Stile aufgreifen zu können. Dazu zählen neben speziellen Kleidungstilen auch die Teilhabe im öffentlichen Leben, wie der Besuch von Cafés, der Kinobesuch oder der Aufenthalt in den angesagten Clubs. Strukturen der öffentlichen Jugendarbeit wurden in den vergangenen Dekaden massiv eingespart, so dass diese kostengünstige und pädagogisch wertvolle Freizeitgestaltung nur noch wenigen Jugendlichen zur Verfügung steht. Aber auch die Mobilität dieser Jugendlichen leidet: Sie können nicht nur weniger Reisen, auch im Alltag sind sie, insbesondere in den ländlicheren Regionen, auf den oftmals nicht auf die Bedürfnisse von Jugendlichen eingerichteten öffentlichen Nahverkehr angewiesen. Diese Jugendlichen bekommen in der Regel auch nicht den Führerschein und das erste Auto pünktlich zum 18. Geburtstag von ihren Eltern oder Großeltern finanziert.
Ihre schlechtere soziale Lage wird armen beziehungsweise von Armut bedrohten Jugendlichen somit auf mehreren Ebenen ständig vor Augen geführt: Ausgrenzung von weiten Teilen des gesellschaftlichen Lebens, schlechtere Zukunftschancen, geringere Mobilität und größere Unzufriedenheit mindern die Perspektiven von nunmehr beinahe jedem fünften Jugendlichen.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Wie hoch ist die Armutsrisikogrenze von Jugendlichen zwischen 15 und 25 Jahren (bitte für Alleinstehend, Haushaltsvorstand, Haushaltsmitglied getrennt angeben) gemessen anhand des statistischen Armutsrisikos (60 Prozent des mediangemittelten Nettoäquivalenzeinkommens) seit 1990 (bitte sowohl auf Datengrundlage des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP), Mikrozensus, der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) sowie der Statistik der Europäischen Union über Einkommen und Lebensbedingungen (EU- SILC))?
2. Wie hoch ist die Armutsrisikoquote von Jugendlichen zwischen 15 und 25 Jahren gemessen anhand des statistischen Armutsrisikos (60 Prozent des mediangemittelten Nettoäquivalenzeinkommens) seit 1990 (bitte aufgeschlüsselt nach Geschlecht sowie den Altersstufen 15 bis 17 Jahren sowie 18 bis 25 Jahre; auf Datengrundlage des SOEP sowie der EU-SILC)?
3. Wie hoch ist die Armutsrisikoquote von Jugendlichen zwischen 15 und 25 Jahren mit Migrationshintergrund gemessen anhand des statistischen Armutsrisikos (60 Prozent des mediangemittelten Nettoäquivalenzeinkommens) seit 1990 (bitte aufgeschlüsselt nach Geschlecht sowie den Altersstufen 15 bis 17 Jahren sowie 18 bis 25 Jahre; auf Datengrundlage des SOEP sowie der EU-SILC)?
4. Wie hoch ist die Armutsrisikoquote von Jugendlichen zwischen 15 und 25 Jahren gemessen anhand des statistischen Armutsrisikos (60 Prozent des mediangemittelten Nettoäquivalenzeinkommens) auf Basis des Mikrozensus seit 1990 (bitte aufgeschlüsselt nach Geschlecht, den Altersstufen 15 bis 17 Jahren sowie 18 bis 25 Jahre)?
5. Wie hoch ist die Armutsrisikoquote von Jugendlichen zwischen 15 und 25 Jahren mit Migrationshintergrund gemessen anhand des statistischen Armutsrisikos (60 Prozent des mediangemittelten Nettoäquivalenzeinkommens) auf Basis des Mikrozensus seit 1990 (bitte aufgeschlüsselt nach Geschlecht, den Altersstufen 15 bis 17 Jahren sowie 18 bis 25 Jahre)?
6. Wie hoch ist die Armutsrisikoquote von Jugendlichen zwischen 15 und 25 Jahren gemessen anhand des statistischen Armutsrisikos (60 Prozent des mediangemittelten Nettoäquivalenzeinkommens) auf Basis des Mikrozensus seit 1990 in den verschiedenen Bundesländern (wenn möglich bitte aufgeschlüsselt nach Geschlecht, den Altersstufen 15 bis 17 Jahren sowie 18 bis 25 Jahre)?
7. Wie hoch ist die Armutsrisikoquote von Jugendlichen auf Basis des Mikrozensus seit 1990 differenziert nach dem sozioökonomischen Status der jungen Erwachsenen (Erwerbstätige, Studierende, Auszubildende, Schüler/ Schülerinnen, Erwerbslose und nicht Berufstätige)?
8. Welche empirischen Studien zu der These der Vererbung von Armut sind der Bundesregierung bekannt, und wie bewertet die Bundesregierung diese Studien?
9. Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung über den sozioökonomischen Status der Eltern der von Armut bedrohten Jugendlichen?
10. Wie hoch ist die Armutsrisikoquote von Jugendlichen zwischen 15 und 25 Jahren gemessen anhand des statistischen Armutsrisikos (60 Prozent des mediangemittelten Nettoäquivalenzeinkommens) auf Basis des Mikrozensus seit 1990 aufgeschlüsselt nach Kreisen und kreisfreien Städten (falls nicht verfügbar bitte auf die Daten für die kleinste verfügbare regionale Einheit zurückgreifen)?
11. Über welchen Schulabschluss verfügen Jugendliche über 20 Jahren, die auf Basis des Mikrozensus von Armut bedroht sind, seit 1990 (bitte aufgereiht nach Jahren und aufgeschlüsselt nach höchstem Schulabschluss)?
12. Über welchen Schulabschluss verfügen Jugendliche, die nicht von Armut bedroht sind, seit 1990 (bitte aufgereiht nach Jahren und aufgeschlüsselt nach höchstem Schulabschluss)?
13. Wie viele der von Armut bedrohten Kinder bis einschließlich 13 Jahre werden im Lebensverlauf zu von Armut bedrohten Jugendlichen unter 18 Jahren (relativ und absolut)? Welche Veränderungen sind hier seit 1990 zu beobachten?
14. Wie viele der von Armut bedrohten Jugendlichen unter 18 Jahren werden im Lebensverlauf zu von Armut bedrohten Jugendlichen ab 18 Jahre (relativ und absolut)? Welche Veränderungen sind hier seit 1990 zu beobachten?
15. Wie viele der von Armut bedrohten Jugendlichen ab 18 Jahren werden im Lebensverlauf zu von Armut bedrohten Erwachsenen (relativ und absolut)? Welche Veränderungen sind hier seit 1990 zu beobachten?
16. Wie viele der von Armut bedrohten Jugendlichen unter 18 Jahren waren bereits in ihrer Kindheit (bis einschließlich 13 Jahren) von Armut bedroht (relativ und absolut)? Welche Veränderungen sind hier seit 1990 zu beobachten?
17. Wie viele der von Armut bedrohten Jugendlichen ab 18 Jahren waren bereits jeweils als Jugendliche unter 18 Jahren sowie als Kinder bis 13 Jahren von Armut bedroht (relativ und absolut)? Welche Veränderungen sind hier seit 1990 zu beobachten?
18. Wie viele der von Armut bedrohten jungen Erwachsenen waren bereits jeweils als Jugendliche ab 18 Jahren, als Jugendliche unter 18 Jahren sowie als Kinder bis 13 Jahren von Armut bedroht (relativ und absolut)? Welche Veränderungen sind hier seit 1990 zu beobachten?
Fragen18
Wie hoch ist die Armutsrisikogrenze von Jugendlichen zwischen 15 und 25 Jahren (bitte für Alleinstehend, Haushaltsvorstand, Haushaltsmitglied getrennt angeben) gemessen anhand des statistischen Armutsrisikos (60 Prozent des mediangemittelten Nettoäquivalenzeinkommens) seit 1990 (bitte sowohl auf Datengrundlage des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP), Mikrozensus, der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) sowie der Statistik der Europäischen Union über Einkommen und Lebensbedingungen (EU-SILC))?
Wie hoch ist die Armutsrisikoquote von Jugendlichen zwischen 15 und 25 Jahren gemessen anhand des statistischen Armutsrisikos (60 Prozent des mediangemittelten Nettoäquivalenzeinkommens) seit 1990 (bitte aufgeschlüsselt nach Geschlecht sowie den Altersstufen 15 bis 17 Jahren sowie 18 bis 25 Jahre; auf Datengrundlage des SOEP sowie der EU-SILC)?
Wie hoch ist die Armutsrisikoquote von Jugendlichen zwischen 15 und 25 Jahren mit Migrationshintergrund gemessen anhand des statistischen Armutsrisikos (60 Prozent des mediangemittelten Nettoäquivalenzeinkommens) seit 1990 (bitte aufgeschlüsselt nach Geschlecht sowie den Altersstufen 15 bis 17 Jahren sowie 18 bis 25 Jahre; auf Datengrundlage des SOEP sowie der EU-SILC)?
Wie hoch ist die Armutsrisikoquote von Jugendlichen zwischen 15 und 25 Jahren gemessen anhand des statistischen Armutsrisikos (60 Prozent des mediangemittelten Nettoäquivalenzeinkommens) auf Basis des Mikrozensus seit 1990 (bitte aufgeschlüsselt nach Geschlecht, den Altersstufen 15 bis 17 Jahren sowie 18 bis 25 Jahre)?
Wie hoch ist die Armutsrisikoquote von Jugendlichen zwischen 15 und 25 Jahren mit Migrationshintergrund gemessen anhand des statistischen Armutsrisikos (60 Prozent des mediangemittelten Nettoäquivalenzeinkommens) auf Basis des Mikrozensus seit 1990 (bitte aufgeschlüsselt nach Geschlecht, den Altersstufen 15 bis 17 Jahren sowie 18 bis 25 Jahre)?
Wie hoch ist die Armutsrisikoquote von Jugendlichen zwischen 15 und 25 Jahren gemessen anhand des statistischen Armutsrisikos (60 Prozent des mediangemittelten Nettoäquivalenzeinkommens) auf Basis des Mikrozensus seit 1990 in den verschiedenen Bundesländern (wenn möglich bitte aufgeschlüsselt nach Geschlecht, den Altersstufen 15 bis 17 Jahren sowie 18 bis 25 Jahre)?
Wie hoch ist die Armutsrisikoquote von Jugendlichen auf Basis des Mikrozensus seit 1990 differenziert nach dem sozioökonomischen Status der jungen Erwachsenen (Erwerbstätige, Studierende, Auszubildende, Schüler/ Schülerinnen, Erwerbslose und nicht Berufstätige)?
Welche empirischen Studien zu der These der Vererbung von Armut sind der Bundesregierung bekannt, und wie bewertet die Bundesregierung diese Studien?
Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung über den sozioökonomischen Status der Eltern der von Armut bedrohten Jugendlichen?
Wie hoch ist die Armutsrisikoquote von Jugendlichen zwischen 15 und 25 Jahren gemessen anhand des statistischen Armutsrisikos (60 Prozent des mediangemittelten Nettoäquivalenzeinkommens) auf Basis des Mikrozensus seit 1990 aufgeschlüsselt nach Kreisen und kreisfreien Städten (falls nicht verfügbar bitte auf die Daten für die kleinste verfügbare regionale Einheit zurückgreifen)?
Über welchen Schulabschluss verfügen Jugendliche über 20 Jahren, die auf Basis des Mikrozensus von Armut bedroht sind, seit 1990 (bitte aufgereiht nach Jahren und aufgeschlüsselt nach höchstem Schulabschluss)?
Über welchen Schulabschluss verfügen Jugendliche, die nicht von Armut bedroht sind, seit 1990 (bitte aufgereiht nach Jahren und aufgeschlüsselt nach höchstem Schulabschluss)?
Wie viele der von Armut bedrohten Kinder bis einschließlich 13 Jahre werden im Lebensverlauf zu von Armut bedrohten Jugendlichen unter 18 Jahren (relativ und absolut)?
Welche Veränderungen sind hier seit 1990 zu beobachten?
Wie viele der von Armut bedrohten Jugendlichen unter 18 Jahren werden im Lebensverlauf zu von Armut bedrohten Jugendlichen ab 18 Jahre (relativ und absolut)?
Welche Veränderungen sind hier seit 1990 zu beobachten?
Wie viele der von Armut bedrohten Jugendlichen ab 18 Jahren werden im Lebensverlauf zu von Armut bedrohten Erwachsenen (relativ und absolut)?
Welche Veränderungen sind hier seit 1990 zu beobachten?
Wie viele der von Armut bedrohten Jugendlichen unter 18 Jahren waren bereits in ihrer Kindheit (bis einschließlich 13 Jahren) von Armut bedroht (relativ und absolut)?
Welche Veränderungen sind hier seit 1990 zu beobachten?
Wie viele der von Armut bedrohten Jugendlichen ab 18 Jahren waren bereits jeweils als Jugendliche unter 18 Jahren sowie als Kinder bis 13 Jahren von Armut bedroht (relativ und absolut)?
Welche Veränderungen sind hier seit 1990 zu beobachten?
Wie viele der von Armut bedrohten jungen Erwachsenen waren bereits jeweils als Jugendliche ab 18 Jahren, als Jugendliche unter 18 Jahren sowie als Kinder bis 13 Jahren von Armut bedroht (relativ und absolut)?
Welche Veränderungen sind hier seit 1990 zu beobachten?