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[Deutscher Bundestag Drucksache 16/423
16. Wahlperiode 23. 01. 2006 Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Undine Kurth (Quedlinburg), Ute Koczy,
Thilo Hoppe, weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
– Drucksache 16/318 –
Wiederaufbauhilfe der Bundesregierung für die vom Tsunami 2005 betroffenen
Tourismusregionen in Südostasien
Vo r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Im Januar 2005 sagte der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder
Wiederaufbauhilfe der Bundesregierung in der vom Tsunami betroffenen Region für
die kommenden drei bis fünf Jahre in Höhe von bis zu 500 Mio. Euro zu.
1. a) In welcher Höhe wurde Südostasien bisher Wiederaufbauhilfe gewährt?
Insgesamt hat die Bundesregierung für alle in der Region vom Tsunami
betroffenen Länder Mittel in Höhe von 500 Mio. Euro für den Zeitraum 2005 bis
2009 für Maßnahmen im Zusammenhang mit dem Seebeben im Indischen
Ozean angekündigt. Als erste Tranche standen im Haushaltsjahr 2005
insgesamt 275 Mio. Euro an Haushaltsmitteln (125 Mio. Euro bar/150 Mio. Euro
Verpflichtungsermächtigung) zur Verfügung. Von den bereitgestellten
Barmitteln wurden bis zum 31. Dezember 2005 124,5 Mio. Euro ausgegeben.
b) In welche Länder ging sie?
Schwerpunktmäßig werden Indonesien und Sri Lanka gefördert. Indien hat
keine zwischenstaatliche Unterstützung nachgefragt. In Thailand leistet die
Bundesregierung lediglich einen kleinen Beitrag zur verbesserten
Raumplanung und zur Beseitigung von Umweltfolgen. Weiterhin hat Deutschland in
Myanmar und auf den Malediven über das Welternährungsprogramm indirekt
geholfen.
2. a) Welche Gelder stehen für das Jahr 2006 zur Verfügung?
Im Jahr 2006 sind nach dem derzeitigen Stand der Haushaltsaufstellung für
Maßnahmen im Zusammenhang mit dem Seebeben im Indischen Ozean bei Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit
und Entwicklung vom 20. Januar 2006 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
Drucksache 16/423 – 2 – Deutscher Bundestag – 16. WahlperiodeKapitel 23 02 Titel 971 01 150 Mio. Euro Ausgabemittel und 125 Mio. Euro
Verpflichtungsermächtigung vorgesehen.
b) Wie wird sichergestellt, dass diese Ausgaben nicht auf Kosten anderer
entwicklungspolitischer Aufgaben erfolgen?
Die Mittel werden dem Bundesministerium für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) in Form eines gesonderten Verstärkungstitels
bereitgestellt.
3. a) Welche Ressorts waren bisher mit welchen Projekten an der
Wiederaufbauhilfe beteiligt?
Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
(BMZ)
● Länderprogramm Indonesien
● Länderprogramm Sri Lanka
● Regionalprogramm Indischer Ozean
Auswärtiges Amt (AA)
● Hilfen im Rahmen der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik (z. B. über
den Deutschen Akademischen Austausch Dienst (DAAD) und das Goethe-
Institut)
● Krisenprävention (Wählerregistrierung in Aceh)
Bundesministerium des Innern (BMI)
● Wiederaufbau der Wasserversorgung und Infrastruktur in Indonesien und Sri
Lanka über das Technische Hilfswerk (THW)
Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)
● Einrichtung eines Tsunami-Frühwarnsystems in Indonesien (TEWS)
Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz
(BMELV)
● Förderung des Wiederaufbaus der Infrastruktur im Fischereibereich in
Indonesien über die Food and Agriculture Organization der Vereinten Nationen
(FAO)
Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS)
● Förderung des nationalen Hydrographischen Dienstes in Sri Lanka durch
das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH)
● Indirekte Beteiligung des BMVBS durch die Mitgliedschaft in der Group on
Earth Observations (GEO). Auf dem Gipfel auf Ministerebene am 16.
Februar 2005 wurde die Beauftragung der Intergovernmental Oceanographic
Commission (IOC) der UNESCO zur Koordinierung des Aufbaus eines
globalen Tsunami-Frühwarnsystems unterstützt
Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU)
● Unterstützung des Biodiversity and Tourism Support Centre (United Nations
Environment Programme (UNEP))
● Beiträge zur Bestandsaufnahme der Folgen der Flutkatastrophe auf die
Ökosysteme
● Maßnahme zur umweltgerechten Entsorgung von Tsunamiabfällen und
Wiederaufforstung in Sri Lanka
Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 3 – Drucksache 16/423● Unterstützung bei Maßnahmen zur Einführung der Solarenergie in
Indonesien
Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi)
● Unterstützung der Länder Thailand, Malediven, Sri Lanka und Indonesien
bei der Teilnahme an der Internationalen Tourismus Börse ITB in Berlin
Bundesministerium der Verteidigung (BMVg)
● Bereitstellung von Sanitätsverbrauchsmaterial und weiteren Hilfsgütern
● Einsatz des Einsatzgruppenversorgers „Berlin“ mit einem „MarineEinsatz-
RettungsZentrum“, eines landgestützten Rettungszentrums;
Wiederherstellung der Infrastruktur des General Hospital in Banda Aceh, Indonesien, mit
Überlassung von Sanitätsgeräten.
b) Welche Projekte werden hinzukommen?
Zum jetzigen Zeitpunkt ist noch keine Aussage möglich.
4. a) Wie wurde sichergestellt, dass die Wiederaufbauhilfe Teil eines
nachhaltigen entwicklungspolitischen Konzepts ist?
Umweltbezogene, soziale und wirtschaftliche Ziele wurden sowohl bei der
Erstellung der nationalen Wiederaufbaupläne als auch bei der Planung und
Durchführung der einzelnen Beiträge zum Wiederaufbau umfassend berücksichtigt.
Zum Beispiel Institutions- und Personalentwicklung für die Durchführung der
Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) und der Strategischen Umweltprüfung
(SUP), ferner durch Checklisten und typenorientierte Standardverfahren. Ohne
eine solche Unterstützung bestünde die Gefahr, dass Geber sowie die
betroffenen Regierungen keine UVP durchführen werden.
b) Profitiert neben der Tourismusindustrie auch die ländliche Bevölkerung
von der Wiederaufbauhilfe?
Ziel der staatlichen Wiederaufbauhilfe ist nicht die Förderung der
Tourismusindustrie, sondern der Wiederaufbau der mittelbar und unmittelbar vom Tsunami
zerstörten Regionen sowie mindestens die Wiederherstellung der
ursprünglichen Lebensumstände insbesondere auch für die überwiegend betroffene
ländliche Bevölkerung.
5. a) In welcher Weise hat die deutsche staatliche
Entwicklungszusammenarbeit zum Wiederaufbau beigetragen?
Die Beiträge der bilateralen staatlichen Entwicklungszusammenarbeit (EZ)
zum mittelfristigen Wiederaufbau werden im Wesentlichen in den
Länderprogrammen für Sri Lanka und Indonesien sowie im Regionalprogramm Indischer
Ozean geleistet.
In Sri Lanka schließt der Wiederaufbau an die bisherigen deutschen EZ-
Schwerpunkte an: Armutsminderung und Konflikttransformation sowie Förderung
marktwirtschaftlicher Reformen und qualifizierter Beschäftigung. Folgende
Vorhaben werden gefördert:
● Instandsetzung der Wasser- und Stromversorgung (insbesondere
Wasserversorgung im Distrikt Galle)
● Hausbau und Qualifizierung von Handwerkern
● Wiederbelebung der Privatwirtschaft
Drucksache 16/423 – 4 – Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode● Baugewerbe, Mikrofinanzwesen insbesondere Kleinkredite für Frauen
● Grund- und Berufsbildung: Instandsetzung der Infrastruktur und
Qualifizierung der Lehrerinnen und Lehrer, psychosoziale Betreuung und friedliche
Konfliktbearbeitung
● Stärkung von kommunalen Strukturen, Partizipation, Katastrophenvorsorge,
psychosoziale Betreuung.
Beispielhaft wird das Projekt „Wasserversorgung im Galle Distrikt“ im Süden
Sri Lankas dargestellt. In der ersten Phase des Programms werden
Ausrüstungen für die Wasserversorgung von Übergangslagern sowie dringend benötigte
Baugeräte und Reparaturmaterialien für das National Water Supply & Drainage
Board (NWSDB) bereitgestellt. Zudem soll eine 14 km lange Förderleitung
zwischen einer Aufbereitungsanlage im Landesinneren und der Küstenregion
Ambalangoda erneuert werden. Bis 2008 soll die Kapazität der
Aufbereitungsanlage in Baddegama verdoppelt werden. Weitere geplante Maßnahmen sind
der Ausbau einer bis zu 58 km langen Hauptverteilungsleitung entlang des
betroffenen Küstenstreifens in der Region Ambalangoda, die Rekonstruktion
des Verteilungsnetzes der Stadt Galle sowie die Instandsetzung und der Ausbau
der bestehenden Verteilungsnetze im Versorgungssystem Ambalangoda.
In Indonesien, in der bisher kaum zugänglichen Provinz Aceh, wurde ein völlig
neues, auf maximal fünf Jahre angelegtes Wiederaufbauprogramm begonnen,
ohne dass direkt an bisherige Aktivitäten der Entwicklungszusammenarbeit
angeknüpft werden konnte.
Wiederaufbau der Gesundheitsversorgung
● Wiederaufbau des Krankenhauses Banda Aceh
● Planung, Management und Ausstattung von Gesundheitsstationen
● Personalqualifikation
Sekundar- und Berufsbildung
● Wiederaufbau bzw. Instandsetzung von Berufsschulen und Junior Secondary
Schools in der gesamten Provinz und auf der Insel Nias, Lehreraus- und
-fortbildung
Wohnungsbau
● Wiederaufbau von Häusern, Reparatur und Neubau kommunaler
Infrastruktur in ausgewählten Bezirken, insbesondere an der Ostküste
Regierungsführung (Good Governance)
● Raum- und Umweltplanung
● Management von Georisiken
● Einwohnerverwaltung
Wirtschaftsförderung
● Mikrofinanzierung, Wirtschaftförderung.
Beispielhaft wird das Wiederaufbauvorhaben Krankenhaus Banda Aceh
dargestellt. Da ein vollständiger Wiederaufbau am gegenwärtigen Platz wegen
Tieflage und ständiger Überschwemmungsgefahr durch Regen nicht sinnvoll ist, ist
von den zuständigen Stellen der Provinz entschieden worden, das Krankenhaus
auf einem gegenüberliegenden, höher gelegenen Gelände neu zu bauen und mit
den bisher beschafften bzw. noch zu beschaffenden Gütern auszustatten. Eine
enge Zusammenarbeit z. B. bei der notwendigen Personalqualifizierung ist mit
Australien vereinbart worden.
Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 5 – Drucksache 16/423b) Welche ökologischen Standards wurden den Projekten zugrunde gelegt?
Zu den Grundsätzen des Wiederaufbaus gehört, dass der Wiederaufbau der
Infrastruktur und die Nutzung der natürlichen Ressourcen umweltverträglicher
und damit insgesamt nachhaltiger und zukunftsfähiger als der ursprüngliche
Zustand gestaltet werden soll.
6. a) In welchem Umfang flossen private Spendengelder in die
Katastrophenregion?
In Deutschland wurden privat insgesamt 670 Mio. Euro für die vom Tsunami
betroffenen Regionen gespendet. Über den Mittelabfluss liegen der
Bundesregierung keine Informationen vor.
b) Wie wurden diese eingesetzt?
Die Bundesregierung verfügt über keinen umfassenden Überblick über die
Verwendung der Spendengelder. Sie unterliegen ausschließlich der Entscheidung
der Spenderorganisationen.
7. a) Welche deutschen Hilfswerke sind derzeit noch vor Ort tätig?
Nach Kenntnis der Bundesregierung sind in Indonesien und Sri Lanka noch die
nachfolgenden deutschen Hilfswerke (Nichtregierungsorganisationen (NROs))
tätig:
● Aktion Deutschland Hilft (mit den zehn Mitgliedsorganisationen: Deutsches
Medikamenten-Hilfswerk action medeor e. V., Adventistische Entwicklungs-
und Katastrophenhilfe e. V. ADRA, Arbeiter-Samariter-Bund e. V. ASB,
Arbeiterwohlfahrt e. V. AWO, CARE International Deutschland e. V., Help –
Hilfe zur Selbsthilfe e. V., Die Johanniter, Malteser, Der Paritätische
Wohlfahrtsverband, World Vision Deutschland e. V.)
● Aktion Reinland-Pfalz hilft
● AMURT – Ananda Marga Universal Relief Team (internationale und
deutsche NRO)
● arche noVa – Initiative für Menschen in Not e. V.
● BORDA (Bremen Overseas Research and Development Association)
● NEHEMIA Christenhilfsdienst e. V.
● CBM Christoffel-Blindenmission e. V.
● Deutscher Caritasverband e. V. (DCV)
● Deutsches Rotes Kreuz e. V. (DRK)
● Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland e. V.
● Gemeinsam für Menschen in Not – Entwicklung hilft! (mit den fünf
Mitgliedsorganisationen: Deutsche Welthungerhilfe e. V., Brot für die Welt,
medico international e. V., Bischöfliches Hilfswerk MISEREOR e. V., terre
des hommes Deutschland e. V.)
● Grünhelme e. V.
● Jugend Dritte Welt e. V.
● Kindernothilfe e. V.
● Sparkassenstiftung für internationale Kooperation.
Ferner als staatliche Organisation das Technische Hilfswerk (THW).
Drucksache 16/423 – 6 – Deutscher Bundestag – 16. WahlperiodeIn Thailand arbeiten noch die Deutsche Welthungerhilfe e. V. und Malteser
International.
b) Wer koordiniert deren Aktivitäten?
Die jeweiligen Regierungen koordinieren die Arbeit von NROs: In
Indonesien die staatliche Behörde „BADAN Pelaksana REHABILITASI DAN
REKONSTRUKSI (BRR) NAD-Nias“ und in Sri Lanka die zuständige
Wiederaufbaubehörde TAFREN (Task Force for Rebuilding the Nation) bzw. deren
Nachfolgeorganisation.
8. Welche Gelder stellt die Bundesregierung für die Servicestelle
„Partnerschaftsinitiative“ zur Verfügung?
2005 wurden 499 940 Euro zur Verfügung gestellt, für 2006 sind 479 000 Euro
vorgesehen.
9. Wie viele Kommunen beteiligen sich derzeit an Partnerschaftsinitiativen
(Anzahl je Bundesland)?
Die Gesamtzahl der Kommunen, die sich mit der Bitte um Vermittlung eines
Vorhabens an die von der Bundesregierung geschaffene „Servicestelle
Partnerschaftsinitiative“ gewandt haben, verteilt sich wie folgt auf die Bundesländer:
Spendenangebote Kommunen Gesamt
Gesamt 344
Baden-Württemberg 48
Bayern 34
Berlin 8
Brandenburg 26
Bremen 1
Hamburg 2
Hessen 39
Mecklenburg-Vorpommern 8
Niedersachsen 30
Nordrhein-Westfalen 77
Rheinland-Pfalz 8
Saarland 0
Sachsen 28
Sachsen-Anhalt 10
Schleswig-Holstein 15
Thüringen 10
Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 7 – Drucksache 16/42310. Bewährt sich die Partnerschaftsinitiative nach Auffassung der
Bundesregierung im Sinne einer kommunalen Entwicklungszusammenarbeit?
Die Partnerschaftsinitiative der Bundesregierung hat sich im Sinne der
kommunalen Entwicklungszusammenarbeit bewährt. Insgesamt knapp 1 400
Hilfsangebote wurden vor allem von deutschen Kommunen, Schulen und der
Wirtschaft gemacht; über 300 Projekte im Gesamtvolumen von über 20 Mio. Euro
wurden auf den Weg gebracht. Bei vielen Kommunen und Bürgern hat die
Vermittlungsarbeit ein gewachsenes Verständnis und Interesse für kommunale
Entwicklungszusammenarbeit geweckt. Zugleich wurde die unverzichtbare Rolle
erfahrener Projektmittler deutlich. Einige der bei der Partnerschaftsinitiative
engagierten Kommunen haben Interesse am Aufbau einer längerfristigen
Partnerschaft bekundet.
11. Wie erfolgte und erfolgt die europäische und internationale Koordinierung
der Wiederaufbauhilfe?
Nachdem die EU-Institutionen bei mehreren internationalen Konferenzen
(Brüssel, Jakarta und Genf) im Januar 2005 vertreten waren und die Nothilfe
der EU – über das Amt für humanitäre Hilfe (ECHO) – noch im Dezember
2004 begonnen hatte, wurde Ende Januar 2005 der EU-Tsunami-Aktionsplan
von den EU-Mitgliedstaaten beschlossen. Der Plan legt besonderen Wert auf
mittel- und längerfristige Prioritäten des Wiederaufbaus, auf das Ownership-
Prinzip (Verantwortung durch das jeweilige Entwicklungsland selbst) und auf
die Koordinierung mit den Vereinten Nationen und den Entwicklungsbanken.
Die Umsetzung des Tsunami-Aktionsplans wurde auf EU-Ministerräten im Mai
und November 2005 überprüft. Zum Zweck der internen Koordinierung liefern
die EU-Mitgliedsländer in periodischen Abständen der EU-Kommission
qualitative und quantitative Angaben über ihre jeweilige bilaterale
Wiederaufbauhilfe. Auch andere bestehende EU-Gremien (Ratsarbeitsgruppen, der
Ausschuss der Ständigen Vertreter und der Verwaltungsausschuss der Kommission
für das Asien-Lateinamerika-Programm – ALA) werden zur Koordinierung der
Fluthilfe genutzt. Die Regierungen der EU-Mitgliedstaaten sind in diesen
Gremien aktiv beteiligt.
International erfolgt die Koordinierung in den jeweiligen Gremien z. B. der
Weltbank und der Asiatischen Entwicklungsbank mit dem Ziel, die nationale
Verantwortung der Länder für die Koordinierung der Hilfsangebote zu
unterstützen. Bei der Koordinierung der humanitären Hilfe auf internationaler Ebene
spielt das Büro der Vereinten Nationen zur Koordinierung der humanitären
Hilfe.
12. a) Welche Hilfe zum Wiederaufbau hat bisher die Europäische
Kommission zur Verfügung gestellt?
Die Wiederaufbauhilfe der EU-Kommission für die vom Tsunami betroffenen
Länder beträgt insgesamt 350 Mio. Euro, davon aus Haushaltsmitteln 2005: 170
Mio. Euro und aus Mitteln 2006: 180 Mio. Euro.
Davon entfallen 323 Mio. Euro auf das in der Antwort zu Frage 11 erwähnte
Tsunami-Indikativprogramm 2005 bis 2006 (200 Mio. Euro für den Multi-
Donor-Trustfund Indonesien und 95 Mio. Euro für Sri Lanka). Per November
2005 wurden 37 Mio. Euro (für den Multi-Donor-Trustfund Indonesien)
ausbezahlt.
Drucksache 16/423 – 8 – Deutscher Bundestag – 16. WahlperiodeDes Weiteren wurden asienüberregionale Wiederaufbaumittel der EU-
Kommission zur Verfügung gestellt: 12 Mio. Euro Rapid Reaction Mechanism
(Küstenrehabilitierung) und 15 Mio. Euro EU-Asien-Partnerschaft für Umweltschutz.
Sri Lanka profitiert ferner von dem am 1. Juli 2005 in Kraft getretenen
Allgemeinen Präferenzsystem Plus (APS Plus), wonach 90 Prozent der Exporte Sri
Lankas jetzt zoll- und quotenfrei in die EU eingeführt werden können.
b) Welche weiteren Hilfen sind vorgesehen?
Aus Sicht der Bundesregierung wird zurzeit keine weitere Hilfe für notwendig
erachtet.
13. a) Welche Auswirkungen hatte der Tsunami auf die einzelnen
Tourismusdestinationen Südostasiens?
b) Wie stellt sich die Situation heute dar?
Durch den Tsunami wurde der Tourismus vor allem in Thailand, Sri Lanka und
auf den Malediven geschwächt, da hier die touristische Infrastruktur am
stärksten betroffen war. In der Provinz Aceh/Indonesien gibt es praktisch
keinen Tourismus durch Ausländer.
Thailand: In Thailand wurden vor allem die Küsten der Provinzen Krabi,
Phuket und Pang Nga verwüstet. Nach Schätzungen der Tourism Authority of
Thailand (TAT) beliefen sich die Verluste des Tourismus auf über 1,2 Mrd. US-
Dollar. Obwohl die Schäden in den Touristikzentren in Phuket sowie in den
Küstenprovinzen Krabi, Ranong, Trank und Satun relativ schnell beseitigt
werden konnten, kamen 2005 deutlich weniger ausländische Gäste als im
Vorjahr. Insbesondere in Phuket war bis Juli 2005 ein starker Rückgang der
Hotelübernachtungen zu verzeichnen (30 bis 48 % statt der üblichen Bettenbelegung
von 55 bis 85 %).
Sri Lanka: Auch in Sri Lanka wurden starke Buchungseinbrüche registriert.
Während im Februar 2004 417 062 Übernachtungen ausländischer Gäste
verzeichnet wurden, lag die Zahl im Februar 2005 nur noch bei 165 576. In der
stark betroffenen Südküstenregion um Galle waren es im Februar 2005
ebenfalls nur noch 22 119 Übernachtungen im Vergleich zu 170 919
Übernachtungen im Vorjahresmonat. Im Juni 2005 wurden 35 107 Übernachtungen (Juni
2004: 65 282 Übernachtungen) registriert.
Malediven: Von 87 Hotelanlagen wurden 21 beschädigt. Die Verluste im
Tourismussektor lagen bei 230 Mio. US-Dollar, was ca. 49 % der
Gesamtverluste ausmacht. Bis Oktober 2005 war auf den Malediven ein Rückgang der
Buchungen um 37 % zu verzeichnen. Die Einnahmen durch den Tourismus
gingen um 40 Mio. US-Dollar zurück.
Nach Informationen der deutschen Reiseveranstalter und der deutschen
Botschaften schreitet der Wiederaufbau in den wichtigen Zielgebieten voran.
Hierbei, vor allem bei Neuerrichtungen von Anlagen, werden Aspekte der
Nachhaltigkeit mit berücksichtigt.
14. Wie entwickelt sich der deutsche Outgoing-Tourismus in die Tsunami-
Region?
Die Gesamtzahl aller Auslandsreisenden aus Deutschland betrug 2004
schätzungsweise 40 Millionen (Reisen von mindestens 5 Tagen Dauer). Davon
entfielen auf die Katastrophenregionen nach Auskunft des Deutschen Reise
Verbandes (DRV) rd. 556 000 Personen, die mit Reiseveranstaltern reisten, d. h.
Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 9 – Drucksache 16/423nur rd. 1,4 % aller Reisenden. Über die Zahl der Individualreisenden liegen
keine Erkenntnisse vor. Heruntergebrochen auf die einzelnen
Tourismusdestinationen ergeben sich sehr unterschiedliche Zahlen. Die Anzahl der (Veranstalter-)
Reisenden aus Deutschland betrug 2004
– in Thailand ca. 380 000,
– auf den Malediven ca. 71 000 und
– in Sri Lanka ca. 56 000 Personen.
Für Thailand melden die deutschen Reiseveranstalter für die Wintersaison 2005/
2006 im Vergleich zur Saison 2004/2005 eine sehr positive Entwicklung, bei
einigen Unternehmen Wachstumsraten im zweistelligen Bereich. Die verlorenen
Kapazitäten im Falle Khao Lak wurden durch andere Orte in Thailand ersetzt.
In Sri Lanka liegt im Vergleich zum Vorjahr die Entwicklung des Tourismus aus
Deutschland noch etwas zurück. Man geht derzeit von einem leichten Minus
aus. Als Gründe hierzu sind jedoch nicht nur allein die Auswirkungen des
Tsunami zu sehen, sondern auch die Verschlechterung der Sicherheitslage aufgrund
des innenpolitischen Konflikts.
Auf den Malediven wird in der laufenden Wintersaison mit einer positiven
Entwicklung gerechnet, ein Plus im niedrigen einstelligen Bereich.
15. a) Hat das von der Bundesregierung geplante „Biodiversity and Tourism
Support Center“, das den Wiederaufbau einer nachhaltigen touristischen
Infrastruktur unter Beachtung der „Richtlinien über die biologische
Vielfalt und Tourismusentwicklung“ des Übereinkommens über die
biologische Vielfalt (CBD) in der betroffenen Region befördern soll, seine
Arbeit aufgenommen?
b) Wer ist der Träger dieses Centers?
c) Wo hat es seinen Sitz?
d) Welche Aufgaben nimmt es wahr?
Die Bundesregierung verfolgt die Initiative zur Errichtung eines „Biodiversity
and Tourism Support Centers“ in Gesprächen mit dem Umweltprogramm der
Vereinten Nationen (UNEP).
16. Wie bewertet die Bundesregierung die Ergebnisse des „Phuket Action
Plans“ der Welttourismusorganisation der Vereinten Nationen (UN-WTO)?
Die Bundesregierung begrüßt und unterstützt die Initiative der WTO, die mit
dem „Phuket Action Plan“ sehr schnell und umfassend auf die Auswirkungen
des Tsunami auf den Tourismus in den betroffenen Regionen reagiert hat.
Vertreter der Bundesregierung nahmen an den beiden Sondersitzungen des
Exekutivrates der WTO am 1. Februar 2005 in Phuket und am 10. März 2005 auf
der ITB Berlin, die sich mit dem „Phuket Action Plan“ befassten, teil. Die
Bundesregierung hat zur Umsetzung des „Phuket Action Plan“ beigetragen, indem
sie den am meisten betroffenen Ländern Thailand, Sri Lanka, die Malediven
und Indonesien die Standgebühren für die ITB Berlin 2005 in Höhe von
insgesamt rund 317 000 Euro rückerstattet hat. Den Ländern soll damit die
Möglichkeit gegeben werden, die erstatteten Gelder für zusätzliche
Marketingmaßnahmen zur weiteren Stärkung des Tourismussektors einzusetzen. Indonesien
wurde in die Maßnahmen einbezogen, da zwar Tourismusregionen nicht
unmittelbar vom Tsunami betroffen waren, dennoch aber ein Rückgang von
Touristenankünften in anderen Destinationen Indonesiens eintrat.
Drucksache 16/423 – 10 – Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode17. Welche Unterstützung hat nach Kenntnis der Bundesregierung die
Reisebranche beim nachhaltigen Wiederaufbau touristischer Destinationen
geleistet?
Die deutsche Tourismuswirtschaft hat durch Spenden der wichtigsten
deutschen Reiseveranstalter sowie über die Branchenorganisation „DRV Hilfe ohne
Grenzen e. V.“ einen Beitrag zum Wiederaufbau geleistet. Die Spenden dienten
nicht allein der Wiederherstellung der touristischen Anlagen in den
Zielgebieten, sondern wurden überwiegend für die Wiederherstellung der Infrastruktur
für die Bevölkerung genutzt. So werden die Errichtung von Krankenhäusern,
von Schulen aber auch von Wohnungen gefördert und Mittel für die Ersetzung
von zerstörten Booten, Fischernetzen und Hilfsmitteln des täglichen Bedarfs
bereitgestellt. Dies geschieht in Kooperation mit karitativen Organisationen der
Länder, beispielsweise „Care Sri Lanka“ oder Unternehmen der dortigen
Tourismuswirtschaft, wie „Hemtours, Sri Lanka“.
18. Sind der Bundesregierung Nichtregierungsorganisationen bekannt, die
sich im Bereich des touristischen Wiederaufbaus engagieren?
In Thailand gibt es nationale Freiwilligengruppen und internationale
Freiwilligenorganisationen (v. a. Phi Phi Island) sowie häufig an Tauchschulen
angelagerte, nichtstaatliche, frei organisierte Gruppen engagierter
(internationaler) Touristen.
Die maßgebende politische Kraft im NRO-Bereich ist das „Save Andaman
Network“, das sich auch um einen nachhaltigen Tourismus kümmert und
entsprechende Initiativen fördert.
Der World Wide Fund For Nature (WWF) setzt in Thailand seinen Schwerpunkt
auf nachhaltigen Tourismus und arbeitet in Phuket im Bereich
Schildkrötenschutz. Weitere Projekte auf Ko Phi Phi und in Khao Lak sind geplant.
Sri Lanka: In Sri Lanka sind im Bereich des touristischen Wiederaufbaus u. a.
folgende NROs tätig: CARE (USA); MercyCorps (USA): Ampara, Arugam
Bay, Hambantota; ICEI (Istituto Cooperazione Economica Internazionale/
Italien): „Training in hospitality in remote areas“; Fredskorpset (Norwegen):
Umweltschutzprojekte entlang der Küste; Responsible Tourism Partnership (Sri
Lanka/Großbritannien): Wiederaufbau von Touristenstränden im Süden durch
Wiederanpflanzung von Mangroven; Sarvodaya (Sri Lanka): „Ecotourism“;
SLANRMP (Sri Lanka Australia Natural Resource Management Project/
Australia): „Ecotourism“; Sewalanka (Sri Lanka): „Community based tourism
projects“; Sri Lanka Ecotourism Foundation (SLEF/Sri Lanka) in Zusammenarbeit
mit Fredskorpset (Norwegen): Umweltschutzprojekte entlang der Küste, um
wieder für Ökotourismus zu werben.
19. Wie hat die Bundesregierung gesichert, dass ökologische Aspekte integraler
Bestandteil der Wiederaufbauaktivitäten Deutschlands sind?
Im Planungsrahmen für die Umsetzung der deutschen Wiederaufbauhilfe nach
dem Seebeben im Indischen Ozean ist festgehalten, dass die Wiederaufbauhilfe
dazu beitragen soll „den Wiederaufbau sowie die Nutzung der natürlichen
Ressourcen umweltverträglich, sozial gerecht, wirtschaftlich effizient,
technisch sicher und damit insgesamt nachhaltig und zukunftsfähig zu gestalten.
Aspekte der Katastrophenvorsorge sollen von Beginn an in die Gestaltung des
Wiederaufbaus einbezogen werden.“
Aus den dem BMU zur Verfügung gestellten Mitteln werden Maßnahmen im
Bereich Tourismus, Wiederherstellung der ökologischen Funktionen, erneuer-
Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 11 – Drucksache 16/423bare Energien sowie Aufräumarbeiten in einer vom Tsunami betroffenen
Region finanziert.
20. Beteiligt sich die Bundesregierung auch an Naturschutzprojekten wie
etwa der Wiederaufforstung von Mangrovenwäldern?
Deutschland führt gemeinsam mit indonesischen Partnern Forschungsprojekte
zum Küstenzonenmanagement mit den Schwerpunkten „Mangrovenwälder“
und „Korallenriffe“ durch. Die Ergebnisse fließen ein in Projekte für einen
natürlichen Tsunami-Küstenschutz in Indonesien.
Im Rahmen der umweltgerechten Rehabilitation von vom Tsunami betroffenen
Gebieten in Thailand sind in den Maßnahmenbündeln „Unterstützung des
PMBC (Phuket Marine Biological Center)“ und „Unterstützung des DNP
(Department of National Parks)“ kleinere Maßnahmen zur Wiederansiedlung
(als Demonstrationsvorhaben entlang eines Naturpfades) und zur Erhaltung
(Watt-Lagune von Ko Hong) vorgesehen.
21. a) Welche heutigen Erkenntnisse hat die Bundesregierung über die
ökologischen Schäden des Tsunami 2005 (Korallenriffe,
Mangrovenwälder, Fischbestände)?
b) Wie stellt sich die Situation heute dar?
Aus Untersuchungen (z. B. UNEP, Internationale Naturschutzunion (IUCN))
ergibt sich zu den Auswirkungen des Tsunami auf Mangroven, Korallenriffe
und Fischbestände zusammengefasst folgendes Bild:
Es gibt in den betroffenen Regionen keine Korallenriffe, die nicht in
irgendeinem Grad geschädigt worden wären. Schadenseffekte sind: mechanische
Schäden durch Aufprall der Flutwelle, Zerschlagung und Transport von großen
Bruchstücken, Erosion, Überfrachtung mit Sedimenten (Flutwelle) bzw. mit
Schutt, Trümmern, Müll (Rückfluss der Welle). Daneben gibt es auch Schäden
durch Hebungen des Meeresbodens im Gefolge des Seebebens (z. B.
Andamanen und Nicobaren/Indien).
Die Auswirkungen auf Mangroven sind regional und auch lokal sehr
unterschiedlich. Sie können selbst in räumlich eng benachbarten Gebieten von
völliger Zerstörung bis zu weitgehender Verschonung reichen, da die Wirkung des
Tsunami und die Möglichkeit der Regeneration von vielen Faktoren abhängen
(z. B. Angriffswinkel, Wassertiefe vor Küste, Topographie, frühere
Schädigungen, Nutzungsweisen vor und nach Tsunami etc.).
Auch in Schutzgebieten sind Korallenriffe und Mangroven geschädigt worden,
wobei die Schäden an vormals intakten Ökosystemen deutlich geringer
ausfallen als an vorgeschädigten. Es gibt Hinweise darauf, dass Schutzgebiete
(terrestrisch/marin) zur besseren Erhaltung von Mangroven/Korallenriffen und damit
auch zu einem besseren Schutz des Hinterlandes sowie zu geringeren Schäden
an diesen Lebensräumen geführt haben.
Generell kann gesagt werden, dass dort die Schutzwirkung durch Mangroven
am größten und die Schäden an Mangroven am geringsten waren, wo der
Mangrovengürtel am breitesten ausgebildet und intakt war. Es gibt Hinweise, dass
eine vergleichbare Schutzwirkung auch von intakten der Küste vorgelagerten
Korallenriffen ausgegangen ist.
Drucksache 16/423 – 12 – Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode22. Haben sich Befürchtungen bestätigt, dass die verheerende Katastrophe zu
einem weiteren Kahlschlag in den Wäldern Südostasien genutzt wird?
Ein Holzeinschlag über das normale Maß hinaus dürfte in erster Linie
Indonesien betreffen, dessen Forstressourcen ohnehin durch illegalen Holzeinschlag
stark dezimiert werden.
Es gibt bisher allerdings keine Untersuchungen und damit verlässliche Daten
über die Entwicklung des Waldzustandes in Südostasien während der noch bis
2009 laufenden Tsunami-Wiederaufbauphase. Für den Wiederaufbau wird Holz
in beträchtlichem Umfang benötigt. Der Bedarf soll durch die Nutzung von
bestehenden Ressourcen, wie insbesondere Tsunami-Schadholz, Holzplantagen,
Holz aus Kokos- und Gummibaumplantagen und Holz aus Hausgärten,
gemildert werden. Weiterhin wird Holz aus anderen indonesischen Provinzen und
auch aus Übersee (Europa, Amerika, Ozeanien) importiert.
Tsunami-induzierte Auswirkungen auf nationaler Ebene dürften in Indonesien
insgesamt relativ gering sein, wie folgender Vergleich deutlich macht: Einem
geschätzten nationalen Jahreseinschlag von ca. 60 Mio. m3, davon geschätzte
70 % aus illegaler Nutzung, steht ein durch die Wiederaufbaumaßnahmen
verursachter jährlicher Mehrbedarf von ca. 300 000 m3 für Aceh gegenüber
(insgesamt knapp 1,5 Mio. m3 über 5 Jahre).
Die indonesische Regierung hat den Holzbedarf für den Wiederaufbau in Aceh
neben der angeblich eingetretenen Walderholung und der angestrebten
Revitalisierung der Holzindustrie als zusätzliches Argument genutzt, um den
genehmigten Jahreseinschlag in den staatlichen Naturwäldern von 5,6 Mio. m3 in 2005 auf
8,15 Mio. m3 für 2006 anzuheben. Inwiefern diese Maßnahme zu einer Zunahme
des Gesamteinschlages oder lediglich zu einer Verschiebung des Verhältnisses
von illegalen zu legalen Nutzungen führen wird, kann nicht eingeschätzt werden.
23. Wurde nach Kenntnis der Bundesregierung der Empfehlung der
Umweltorganisation der Vereinten Nationen (UNEP) gefolgt, zerstörte
Küstenabschnitte in Gebieten, die ökologisch empfindlich sind und zugleich von
extremen Wetterereignissen besonders gefährdet sind, unbebaut zu lassen?
Inwieweit es möglich ist, ökologisch empfindliche und zugleich von extremen
Wetterereignissen besonders gefährdete Küstenabschnitte unbebaut zu lassen,
obliegt der Entscheidung der jeweiligen Regierung.
Entsprechende Initiativen der indonesischen Regierung lassen sich von den
materiellen Gegebenheiten her und deshalb auch siedlungspolitisch gegen den
Willen der betroffenen Bevölkerung kaum durchsetzen. Es werden jedoch
neben dem Aufbau des Tsunami-Frühwarnsystems infrastrukturelle Maßnahmen
zum Schutz gegen Naturbedrohungen (z. B. Deiche, Fluchthügel) vorgesehen.
Die sri-lankische Regierung hat ein Bauverbot in unmittelbarer Küstennähe für
permanente Unterkünfte verhängt. Gegenwärtig wird diese Regelung
flexibilisiert. Auf der Grundlage der Empfehlungen des Umweltprogramms der
Vereinten Nationen (UNEP) führt die deutsche EZ ein Vorhaben zum Küstenschutz
durch Aufforstung durch.
An vielen Küstenabschnitten in Thailand findet weiterhin keine geregelte
Bebauung statt. Die Bewohner waren bestrebt, schnell wieder dort ihre Häuser
aufzubauen, wo sie vorher standen, um Landrechte nicht zu verlieren. Fischer
sehen in Grundstücken direkt am Meer den besten Standort für ihren
Einkommenserwerb. Daher stoßen auch Versuche, Bauverbote bzw. Umsiedlungen zu
verfügen und durchzusetzen auf erheblichen Widerstand der Bevölkerung.
Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 13 – Drucksache 16/423Die Bundesregierung fördert jedoch eine Maßnahme, die die Internationale
Naturschutzunion (The World Conservation Union, IUCN) in enger
Zusammenarbeit mit der Tsunami-Task-Force des Umweltprogramms der Vereinten
Nationen durchführt, um Wiederaufbauaktivitäten zu koordinieren und dabei
sicherzustellen, dass die ökologischen Aspekte bei den unterschiedlichsten Arbeiten
Berücksichtigung finden.
24. Ist der durch den Tsunami angefallene Sondermüll in den betroffenen
Regionen (Bauschutt, Asbest, andere Gefahrstoffe) inzwischen entsorgt?
Angesichts der Größenordnung der durch den Tsunami erzeugten Abfälle von
ca. 500 000 m3 an Schlamm, Geröll und Bauschutt allein in der Stadt Banda
Aceh, Indonesien, lag eine schnelle Entsorgung außerhalb des Möglichen. Eine
systematische Abfallentsorgung wird seit Januar 2005 vom United Nations
Development Programme (UNDP) das „Waste Management Project“ in der
Region vorangebracht. In Banda Aceh wurden bereits 134 000 m3 der durch den
Tsunami erzeugten Abfälle entsorgt, in benachbarten Distrikten 21 000 m3. Die
Maßnahmen zielen auf eine breitflächige moderne Abfallentsorgung und die
Entwicklung entsprechender privatwirtschaftlicher Initiativen in der Provinz.
Das Vorhaben soll über den Multi-Donor-Trust Fund, an dem sich auch die
Bundesregierung beteiligt finanziert werden.
Die Entsorgungsmaßnahmen in Sri Lanka laufen und sind in einigen Regionen
schon abgeschlossen. Im Rahmen eines vom BMU beauftragten Vorhabens
wird die sachgerechte Entsorgung des Sondermülls im Raum Batticaloa (im
Osten Sri Lankas) sichergestellt.
Nach Auskunft des Pollution Control Departments des thailändischen
Umweltministeriums waren keine gefährdenden Stoffe in den Trümmern. Die
Entsorgung der Trümmer habe daher von den zuständigen Gemeinden durchgeführt
werden können.
25. a) Ist die Frischwasserversorgung umfassend gesichert?
Ja.
b) Welche Gesundheitsgefahren bestehen noch?
Grundsätzlich bestehen keine durch die Katastrophe bedingten zusätzlichen
Risiken für die Gesundheit.
26. Wie bewertet die Bundesregierung das installierte Tsunami-
Frühwarnsystem?
Deutsche Wissenschaftler haben im Rahmen der internationalen Aktivitäten
unter Federführung der UNESCO (United Nations Educational, Scientific and
Cultural Organisation)/IOC (Intergovernmental Oceanographic Commission)
planmäßig mit der Installation des Tsunami-Frühwarnsystems (TEWS) in
Indonesien begonnen. Das System soll sicherstellen, dass rund zehn Minuten nach
einem Tsunami auslösenden Erdbeben eine Warnung ausgesprochen werden
kann. Vor der Küste Sumatras wurden die ersten beiden Bojen und
Ozeanboden-Messeinheiten verankert. Der Aufbau erster seismischer Geräte und
Küstenpegel hat begonnen. Das Tsunami-Frühwarnsystem soll 2008 in Betrieb
gehen. Es ist ein Beitrag zur Vermeidung von Risiken für die Menschen der
Anliegerstaaten des Indischen Ozeans. Die positive internationale Reaktion auf
das Vorhaben bestärkt die Bundesregierung, Sri Lanka an das System
anzubinden.
Drucksache 16/423 – 14 – Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode27. Wie wurden bei den von der Bundesregierung unterstützen Projekten des
Wiederaufbaus die betroffenen lokalen und regionalen Akteure in die
Projektplanung und -umsetzung einbezogen?
Zu den Grundsätzen des deutschen Beitrages gehört die Beteiligung der
unmittelbar Betroffenen in allen Stadien der Planung und Durchführung. So findet in
Aceh ein „Community Action Planning (CAP)“-Prozess statt, der mittlerweile
auch von anderen Gebern übernommen wurde. Ziel ist es, die tatsächlichen
Bedürfnisse zu decken. Darüber hinaus steuern die relevanten staatlichen lokalen
Stellen den Wiederaufbau. Für das indonesische Katastrophengebiet hat die
Wiederaufbaubehörde BRR frühzeitig erklärt, dass – auf der Grundlage des
nationalen Masterplans – entscheidend die Wünsche und Bedürfnisse der
Betroffenen seien und fordert die Geber zur direkten Zusammenarbeit mit den
„communities“ auf.
28. Wie wird sichergestellt, dass die Hilfsmaßnahmen die Rechte von Frauen
und Kindern gewährleisten und diesen besonders zugute kommen?
Es wird grundsätzlich bei allen Maßnahmen darauf geachtet, dass Frauen nicht
durch von außen induzierte Systeme ihre etablierte Rolle verlieren. Sie müssen in
alle Entscheidungsprozesse eingebunden werden. Im Mittelpunkt der Vorhaben
stehen insbesondere Frauen und Kinder als die besonders von der Katastrophe
betroffenen Menschen.
Beispiel: „Wiederherstellung und Verbesserung der Wasserversorgung in Galle,
Sri Lanka“: In den Projektgebieten sind hauptsächlich Frauen für die
Wasserbeschaffung und die Krankenpflege verantwortlich. Durch die zentrale
Wasserversorgung werden daher Frauen deutlich entlastet. Gleichzeitig wird ein
Beitrag zur Verminderung wasserinduzierter Krankheiten geleistet, so dass sich die
allgemeine Lebenssituation verbessert. Die entstehenden Freiräume können
von Frauen für einkommenschaffende Aktivitäten genutzt werden, was ihre
Stellung in der Gesellschaft stärkt. Durch die Hilfsmaßnahmen z. B. in Galle
erfolgt auch die Sicherstellung der Trinkwasserversorgung sowie
Abwasserentsorgung in Übergangslagern für Opfer der Flutkatastrophe. Die Verbesserung
der hygienischen Bedingungen verbessert vor allem die Lebensbedingungen
von Frauen in den Lagern.
29. Welche Schlussfolgerungen hat die Bundesregierung aus der deutschen
humanitären Soforthilfe im Hinblick auf mögliche zukünftige
Katastrophen gezogen, um dann noch wirksamer helfen zu können?
Das deutsche System der humanitären Hilfe hat sich grundsätzlich bewährt. Es
hat in einer humanitären Naturkatastrophe bisher kaum gekannten Ausmaßes
seine Leistungsfähigkeit unter Beweis gestellt. Erste Hilfsmaßnahmen des
Auswärtigen Amts wurden binnen Stunden eingeleitet. Noch am Abend der
Tsunami-Katastrophe machten sich Angehörige deutscher
Nichtregierungsorganisationen und des Technischen Hilfswerks auf den Weg in das Krisengebiet,
um die Lage zu evaluieren und vom Auswärtigen Amt finanzierte Hilfsprojekte
vorzubereiten. Die Arbeit der deutschen Hilfsorganisationen war schnell und
wirksam.
Wichtig war die Möglichkeit einer schnellen Anschubfinanzierung aus Mitteln
der amtlichen humanitären Hilfe, die den Hilfsorganisationen sofortiges
Handeln ermöglichte. In den ersten Tagen war nicht absehbar, wann und in welcher
Höhe Spenden der Bevölkerung auf den Konten der Organisationen eingehen
würden. Die Fähigkeit der gesamten Bundesregierung, zusätzliche Haushalts-
Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 15 – Drucksache 16/423mittel zu mobilisieren, hat entscheidend dazu beigetragen, dass die wirksame
deutsche Ersthilfe geleistet werden konnte.
Trotz des großen humanitären Bedarfs und der breiten Hilfsbereitschaft der
Bevölkerung hat die Koordination der deutschen und der internationalen Hilfe
gut funktioniert. Wenige Tage nach der Katastrophe trat unter Vorsitz des
Bundesministers des Auswärtigen, Joseph Fischer, der
Koordinierungsausschuss Humanitäre Hilfe zusammen, um die Hilfsmaßnahmen zwischen
Bundesregierung und den deutschen Hilfsorganisationen abzustimmen. Im
internationalen Bereich hat das VN-Büro für die Koordinierung der humanitären Hilfe
(OCHA) Koordinationsarbeit unter maßgeblicher Einbindung der betroffenen
Regierungen geleistet. Zur verbesserten Katastrophenhilfe im EU-Rahmen hat
der Allgemeine Rat bereits im Januar 2005 einen Aktionsplan zur Stärkung der
Reaktion der EU auf Katastrophen und Krisen in Drittländern verabschiedet,
der derzeit umgesetzt wird.
Die beispiellose Hilfsbereitschaft und die hohe Medienaufmerksamkeit haben
auch zu besonderen Problemen geführt. Zum Teil wurden nicht zweckmäßige
Hilfsgüter bereitgestellt. Neben den Vertretern professioneller
Hilfsorganisationen reisten auch wohlgesinnte, aber nicht immer kompetente Helferinnen
und Helfer ohne Vorbereitung und ohne Ressourcen in das Katastrophengebiet.
Internationale Standards und Leitlinien der humanitären Hilfe wurden teilweise
nicht beachtet.
Eine der Folgen der Tsunami-Katastrophe waren im Jahr 2005 zahlreiche
„Lessons-learned“-Veranstaltungen auf internationaler Ebene, an denen sich
auch Deutschland beteiligt hat. Hervorzuheben ist die „Tsunami Evaluation
Coalition“ (TEC), in der sich eine Gruppe multilateraler und bilateraler Geber
sowie internationale Nichtregierungsorganisationen zusammengeschlossen
haben. Mit der Unterstützung des TEC–Evaluierungsprojektes leistet die
Bundesregierung einen Beitrag dazu, dass zentrale Aspekte der Tsunami-Hilfe
kritisch überprüft und für ein gemeinschaftliches Lernen genutzt werden.
Eine weitere Schlussfolgerung ist die Bestätigung unseres Eintretens für
wirksame Katastrophenvorsorge und insbesondere die Frühwarnung vor
Naturkatastrophen. Deutschland spielt hier international eine Vorreiterrolle.
Katastrophenvorsorge ist seit Jahren ein Schwerpunkt der deutschen humanitären Hilfe.
In diesem Rahmen wird Deutschland im März dieses Jahres zum dritten Mal
Gastgeber einer internationalen Konferenz zur Frühwarnung vor
Naturkatastrophen sein. In den Räumen des alten Deutschen Bundestages in Bonn wird unter
der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen die III. Internationale
Frühwarnkonferenz mit dem Motto „From Concept to Action“ ausgerichtet.
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ISSN 0722-8333]