Volltext (unformatiert)
[Deutscher Bundestag Drucksache 14/5443
14. Wahlperiode 28. 02. 2001
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für Bildung und Forschung vom
28. Februar 2001 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Ulrike Flach, Cornelia Pieper,
Birgit Homburger, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der F.D.P.
– Drucksache 14/5286 –
Stand und Entwicklung der Nanotechnologie in Deutschland
Mit dem Begriff „Nanotechnologie“ werden Forschungs- und
Entwicklungsarbeiten bezeichnet, deren Ziel die Herstellung von funktionalen Elementen
ist, die nur wenige milliardstel Meter groß sind (Nanometer). Die daraus
resultierenden Materialien und Bauteile könnten gänzlich neue Eigenschaften
aufweisen. In der Wissenschaft und der Wirtschaft besteht ein großes Interesse
daran, Nano-Elemente zu entwickeln. Besonders attraktiv scheint die
„Bottom-Up“-Strategie zu sein, bei der kleine Molekülbausteine von Chemikern so
entworfen werden, dass sie sich spontan zu Nanometer großen Einheiten
zusammenbauen. Dieser als „Selbstorganisation“ bezeichnete Prozess ist ein
Grundprinzip biologischer Systeme. Seit der Erfindung des Raster-Tunnel-
Mikroskops steht den Wissenschaftlern auch das Werkzeug zur Verfügung,
um einzelne Atome gezielt zu manipulieren.
Zahlreiche Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Nanotechnologie die
Industrie in allen wesentlichen Bereichen revolutionieren wird. Der Physik-
Nobelpreisträger Horst Störmer sieht das 21. Jahrhundert „ohne Zweifel als das
Jahrhundert der Nanotechnik“ (vgl. Wirtschaftswoche vom 21. Dezember
2000). Die Vorstellung einer Entwicklung von mikroskopisch kleinen
Robotern, die aus Atomen beliebige Moleküle zusammensetzen können, birgt
geradezu atemberaubende Möglichkeiten.
Vor allem die auf platz- und gewichtssparende Systeme besonders
angewiesene Raumfahrttechnologie ist an den Chancen der Nanotechnologie
besonders interessiert. Auf Kohlenstoff basierende, nur Nanometer große
„Nanotubes“ könnten als winzige Nanodrähte dienen, um Elektronikbauteile besser
und effektiver zu verknüpfen. Aber auch die Militärtechnologie würde durch
nanotechnologische Anwendungen verändert werden. Kleinstwaffen, die vom
Radar nicht geortet werden können und die sich im Zielgebiet selbst
zusammenbauen und replizieren, könnten gefährliche Realität werden. Die
Chiptechnologie könnte durch die Nanotechnologie nach Meinung von Experten
innerhalb der nächsten 20 Jahre in die Lage versetzt werden, Chips mit einer
Milliarde Transistoren herzustellen, die 100 Milliarden Rechenbefehle in der
Sekunde ausführen können. Der Leiter des Saarbrücker Instituts für Neue
Materialien hält es für möglich, mittels der chemischen Nanotechnik extrem
leistungsfähige Katalysatoren und selbstreinigende Fensterscheiben herzustellen.
Die Anwendungsgebiete sind also sehr weitreichend. Die Nanotechnologie
kann einen qualitativen Sprung für zahlreiche Wirtschaftsbereich bedeuten.
Automobilindustrie, Maschinenbau, Optik, Elektronik, Chemie und
Pharmazie, Medizin, Bio- und Umwelttechnik könnten von mikroskopisch kleinen
Bauteilen profitieren.
Der frühere amerikanische Präsident Bill Clinton erklärte im November 2000
die Nano-, Gen- und Computertechnologie zu den Schlüsseltechnologien des
21. Jahrhunderts und der US-Kongress verdoppelte die Forschungsförderung
für dieses Gebiet auf knapp 500 Mio. EURO. Anders als bei der Gen- und
Computertechnologie findet in Deutschland eine politische und
gesellschaftliche Diskussion über das Für und Wider der Nanotechnologie bisher nicht statt.
Deutschland hat in einigen Bereichen der Nanotechnologie eine strategische
Führungsposition erreicht. Diese gilt es zu halten und auszubauen. Die F.D.P.
sieht in der Nanotechnologie ein enormes Potenzial, das nicht ungenutzt
bleiben darf.
Vo r b e m e r k u n g
Gegenstand der Nanotechnologie ist die Herstellung, Untersuchung und
Anwendung von funktionalen Strukturen mit Dimensionen im Bereich weniger
millionstel Millimeter. Bei diesen Dimensionen treten neuartige Phänomene auf, die
in makroskopischen Dimensionen nicht beobachtbar sind. Die Entdeckung des
Rastertunnelmikroskops im Jahre 1986 durch Rohrer und den deutschen
Wissenschaftler Binnig hat es erstmals ermöglicht, Strukturen im Bereich solcher
atomarer und molekularer Dimensionen zu studieren und zu konstruieren.
Die Nutzung dieser neuartigen Phänomene eröffnet Chancen für die
Herstellung völlig neuer, bisher nicht bekannter Produkte. Es können Werkstoffe mit
bisher kaum vorstellbaren Eigenschaften erzeugt werden, wie z. B. Materialien
mit der zehnfachen Härte von Stahl bei deutlich geringerem Gewicht oder
programmierbare Funktionsmaterialien. Nanostrukturierte Oberflächen
ermöglichen selbstreinigende Beschichtungen für Fensterscheiben und Autos sowie
extrem effektive Membranen oder Katalysatoren. Neue Effekte in
nanotechnologischen Systemen sind die Voraussetzung für superschnelle, universell
verwendbare Computer mit hochdichten Datenspeichern. Die Nanobiotechnologie
eröffnet Möglichkeiten, molekulare Vorgänge in biologischen Systemen
ortsgenau zu steuern, mit Nanopartikeln Tumore frühzuerkennen und zu zerstören
sowie Wirkstoffe über biologische Barrieren zu transportieren. Ebenso können
funktionale Einheiten zwischen biologischen und synthetischen Systemen
dauerhaft etabliert werden.
Die Nanotechnologie hat ein breitenwirksames Problemlösungspotential für die
sozioökonomischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts und stellt deshalb
eine große Chance für den Standort Deutschland dar. Sie wird die ökonomische
und technische Wettbewerbsfähigkeit fast aller technologieorientierter Branchen
nachhaltig stärken. Davon werden im wesentlichen die Bereiche Automobil- und
Maschinenbau, Optik, Elektronik, Chemie, Pharmazie, Medizin, Bio- und
Umwelttechnik profitieren.
Deutschland ist in den Nanowissenschaften weltweit wettbewerbsfähig und hat
damit sehr gute Voraussetzungen, auch in der Nanotechnik eine herausragend
standortsichernde Position zu erzielen.
1. Wie beurteilt die Bundesregierung die Chancen und Risiken der
Nanotechnologie?
Die Chancen der Nanotechnologie sind sehr groß. Die Nanotechnologie wird eine
der wichtigen Schlüsseltechnologien des 21. Jahrhunderts sein. Sie ist ein junges
Gebiet. Sie dringt auf die Ebene der Atome und Moleküle vor, um letztlich die
Konstruktionsmittel der Natur zu nutzen. Aus dieser noch weitgehend
unerschlossenen Ressource eröffnen sich neue Wege für die Entwicklung von
ressourcenschonenden und menschengerechteren Technologien. Die Nanotechnologie
ist eine Querschnittstechnologie:
Sie wird branchen- und disziplinenübergreifend ein zentraler Faktor werden, um
die zukünftige Prosperität vieler technologieorientierter Branchen zu
gewährleisten und zu nachhaltigem Wirtschaften beizutragen.
Deutschland ist in den Nanowissenschaften weltweit wettbewerbsfähig und hat
damit eine gute Startposition, um auch in der Nanotechnik eine herausragend
standortsichernde Technologieposition zu erzielen. Um die Chancen der
Nanotechnologie rascher und breiter zu erkennen und zu nutzen, fördert die
Bundesregierung neben der Forschung und Entwicklung spezifische
Infrastrukturmaßnahmen (Antwort 15) und Analysen (Antworten 17 und 21). In der Frühphase
nanotechnologischer Entwicklungen darf Deutschland im weltweiten
Wettbewerb in der Erarbeitung und Sicherung von Wissen und Patenten nicht
zurückfallen. Dabei ist im Bereich Forschung gegenwärtig der Nachwuchsmangel in
Natur- und Ingenieurwissenschaften der am stärksten limitierende Faktor.
Dass die Missbrauchsmöglichkeit der Nanotechnologie gegenüber den
Missbrauchsmöglichkeiten anderer Hochtechnologien eine neue Dimension darstellt,
lässt sich gegenwärtig nicht erkennen. Um die großen Chancen der
Nanotechnologie möglichst nachhaltig zu nutzen, wird im Rahmen der o. g. begleitenden
Maßnahmen eine fortlaufende Beobachtung und Bewertung der Risiken
durchgeführt, so dass bei sich verändernder Einschätzung umgehend reagiert werden
kann.
2. Wie haben sich die Bundesausgaben zur Förderung nanotechnologischer
Vorhaben in den letzten fünf Jahren entwickelt (bitte nach Ressorts
aufschlüsseln)?
Die Bundesausgaben zur Projektförderung nanotechnologischer Vorhaben
haben sich wie folgt zeitlich entwickelt (2001 Bereitstellung im laufenden
Haushalt):
Angaben in Millionen DM
Das BMVg hat im Rahmen der Auftragsforschung von 1996 bis 1999 Vorhaben
im Umfang von ca. 1,6 Millionen DM gefördert.
Im Rahmen der institutionellen Förderung werden im Forschungszentrum
Karlsruhe im Programm „Nanotechnologie“ ab dem Jahr 2000 FuE-Arbeiten im
Verbund mit umliegenden Hochschulen und Unternehmen mit etwa 19 Millionen
DM durchgeführt. Davon sind etwa 17 Millionen DM Bundesmittel.
Weitere mit Bundesmitteln geförderte Aktivitäten mit Nanotechnologie-Bezug
werden im Rahmen der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), der Max-
Planck-Gesellschaft (MPG), der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher
Forschungszentren (HGF) und der Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm
Leibniz (WGL) durchgeführt. Diese Fördermittel sind wegen der unscharfen
Abgrenzung der disziplinenübergreifenden Nanotechnologie zu anderen
wissenschaftlich-technischen Bereichen gegenwärtig nicht genau bezifferbar.
Jahr 1997 1998 1999 2000 2001
BMBF-Förderung 50 54 64 68 82
BMWi-Förderung 4 6 4 8 12
3. Wie hoch schätzt die Bundesregierung den FuE-Bedarf (FuE: Forschung
und Entwicklung) in der Nanotechnologie ein?
Die bisherigen Bundesausgaben zur Förderung nanotechnologischer Vorhaben
entsprechen dem Bedarf. Die Bundesregierung erwartet, dass weiterhin und
verstärkt neue Nanotechnologie-Themen für anwendungsorientierte
Grundlagenforschung relevant werden. Daher wird zur Zeit mit einem weiter wachsenden
Bedarf an Bundesmitteln zur Förderung nanotechnologischer Vorhaben
gerechnet.
4. Wie beurteilt die Bundesregierung den Stand der nanotechnologischen
Forschung in Deutschland im Vergleich zu wichtigen Mitbewerbern wie
den USA, Japan, Südostasien, Großbritannien und Frankreich?
Nanotechnologie ist eine branchen- und disziplinenübergreifende
Querschnittstechnologie. Daher muss die Beurteilung der nanotechnologischen Forschung in
Deutschland im Vergleich zu den wichtigsten Mitbewerbern differenziert
vorgenommen werden. Auf Basis der Beobachtung durch das BMBF ergibt sich
folgende Einschätzung:
Im Bereich Nanotechnologie für Elektronik und Datenspeicher sind die USA
führend. Japan ist hier ebenso stark, meist knapp hinter den USA. Deutschland
kann in Teilbereichen wie der Magnetoelektronik eine Position vor Japan und
hinter den USA behaupten. Gegenüber den anderen genannten Mitbewerbern
kann Deutschland als führend gelten.
Im Bereich Nanotechnologie für Chemie und Materialien ist Deutschland knapp
führend vor den USA und Japan sowie allen weiteren Mitbewerbern.
Im Bereich Nanotechnologie für Optik behauptet Deutschland zusammen mit
Japan gegenüber allen anderen Mitbewerbern eine führende Position.
Im Bereich Nanotechnologie für Automobiltechnik, Maschinenbau und
Gerätetechnik gilt Deutschland vor den Mitbewerbern als führend.
Im Bereich Nanotechnologie für Mikroskopie und Analytik gelten die USA und
Japan als führend, jedoch sind auch Deutschland und Großbritannien nahe der
Spitzengruppe und vor allen weiteren Mitbewerbern.
Im Bereich Nanotechnologie für Displays gilt Deutschland als wenig
wettbewerbsfähig.
Im Bereich Nanotechnologie für Biotechnologie gelten die USA, Japan und auch
Großbritannien als führend. Deutschland zählt hier bisher nicht zur führenden
Gruppe.
5. Wie schätzt die Bundesregierung das Marktpotenzial dieser Technologien
ein?
Die Bundesregierung schätzt das Marktpotential von Produkten, welche durch
Nanotechnologie kurz- und mittelfristig Wettbewerbsvorteile gegenüber
ähnlichen Produkten ohne Nanotechnologie haben, auf mindestens 100 Milliarden
DM pro Jahr weltweit. Dies geht aus einer vom BMBF in Auftrag gegebenen
Studie hervor. Das langfristige Marktpotential wird als erheblich höher eingeschätzt.
6. Wie viele Unternehmen sind gegenwärtig nach Kenntnis der
Bundesregierung im Bereich der Nanotechnologie tätig?
Nach Kenntnis der Bundesregierung sind gegenwärtig mindestens 100
Unternehmen in Deutschland in Forschung und Entwicklung im Bereich der
Nanotechnologie tätig.
7. Welche Umsätze erzielen diese Unternehmen nach Kenntnis der
Bundesregierung mit nanotechnologischen Entwicklungen bzw. Produkten?
Die Bundesregierung verfügt hier über keine gesicherte Schätzung.
8. Ist der Bundesregierung eine Studie des Verbandes der Elektrotechnik,
Elektronik und Informationstechnik (VDE) in Frankfurt bekannt, die eine
Verdopplung des Weltmarktes für Mikroelektronik bis 2003 voraussagt
und wie beurteilt sie diese Studie?
Die Studie der Fachgruppe Geselschaft Mikroelektronik, Mikro- und
Feinwerktechnik (GMM) des VDE in Frankfurt ist der Bundesregierung bekannt und liegt
vor. Die Studie prognostiziert eine Verdoppelung des Weltmarktes für
Mikroelektronik im Zeitraum zwischen 1998 und 2003. Dies deckt sich mit den
Erkenntnissen der Bundesregierung zu der Entwicklung des Marktes für
Halbleiterbauelemente. Ebenso wie der VDE beurteilt die Bundesregierung die
Mikroelektronik als eine der Schlüsseltechnologien der Zukunft.
9. Welche aus Bundesmiteln geförderten Forschungs- und
Entwicklungsvorhaben werden gegenwärtig durchgeführt (bite nach Ressorts
aufschlüsseln)?
Im Bereich des BMBF werden Forschungs- und Entwicklungsvorhaben zu
folgenden Themen gefördert:
● Ultrapräzisionsbearbeitung
● Laterale Strukturierung (Neue Lithographieverfahren zur Chipherstelung,
Nanoelektronik, Speichertechnik)
● Nanotechnologie in der Optoelektronik (Quantendot-Laser, neue
Lichtquellen, Selbstorganisation)
● Standardisierung und Normung in der Nanotechnologie, besonders bei
Messverfahren
● Röntgenschichten (insbesondere für die Lithographieoptiken, für die
Messtechnik und die Medizin) und andere ultradünne Schichten
● Nanoröhren für Wasserstofspeicherung, Nanoelektronik und
Kompositwerkstofe
● Nanobiotechnologie (Drug-Delivery-Systeme, nicht-invasive medizinische
Diagnostik, Schnitstelen zwischen biologischen und technischen
Systemen)
● Magnetoelektronik (Sensoren, Nicht-flüchtige Datenspeicher, mehrwertige
physikalische Logik)
● Nanochemie (Funktionale supramolekulare Systeme,
Mikroreaktionstechnik)
● Nanostrukturmaterialien (Funktionsmaterialien, ultraharte und ultraleichte
Stofe)
Im Bereich des BMWi werden folgende Maßnahmen gefördert:
● Projektbezogene Investitionen in der Physikalisch-Technischen
Bundesanstalt PTB und der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung BAM
● Projekte mit Nanotechnologiebezug im Programm Innovationskompetenz
PRO INNO für kleine und mitlere Unternehmen (KMU)
Im Bereich des BMVg werden derzeit keine FuE-Vorhaben gefördert und
gegenwärtig nicht geplant.
10. Wie viele Arbeitsplätze bei Forschungsinstituten und Unternehmen
stehen direkt oder indirekt im Zusammenhang mit nanotechnologischer
Forschung und Entwicklung?
Bei öfentlichen Forschungsinstituten in Deutschland stehen ca. 1200
wissenschaftliche Arbeitsplätze gegenwärtig in direktem Zusammenhang mit
nanotechnologischer Forschung und Entwicklung. Im Rahmen von BMBF-
Verbundprojekten beteiligen sich Unternehmen an nanotechnologischer Forschung und
Entwicklung. Daraus lässt sich herleiten, dass bei Unternehmen ca. 600
wissenschaftliche Arbeitsplätze in Deutschland gegenwärtig in direktem
Zusammenhang mit nanotechnologischer Forschung und Entwicklung stehen. Für die
Anzahl der Arbeitsplätze bei Unternehmen in direktem oder indirektem
Zusammenhang nanotechnologischer Forschung und Entwicklung außerhalb
von BMBF-Projekten, stehen der Bundesregierung keine gesicherten
Schätzungen zur Verfügung.
11. Wie beurteilt die Bundesregierung die Aussage des Präsidenten der Max-
Planck-Geselschaft, Hubert Markl, auf einer Fachveranstaltung des
Wissenschaftszentrums NRW in Düsseldorf, die Nanotechnologie bedürfe
einer noch stärkeren Überwachung als die Seuchenforschung?
Professor Markl hat auf der Fachveranstaltung des Wissenschaftszentrums NRW
in Düsseldorf am 29. November 2000 bezüglich der Vermutung, möglicherweise
künstliche Nanoroboter zukünftig herstelen zu können, gesagt: „Es bedarf
gegenüber der Herstelung, geschweige denn Verbreitung oder gar Freisetzung
solcher künstlicher Selbstvermehrungskörper genauso strikter Kontrolen, wie sie
sich ja auch im Umgang mit natürlich vorkommenden oder künstlich genetisch
veränderten potentiel oder wirklich pathogenen Organismen seit langem
bewährt haben. Da der nützliche Einsatz künstlicher Nanoroboter durchaus nicht
von vorneherein von der Hand zu weisen ist, wäre meines Erachtens alerdings
ein völiger Forschungs- und Entwicklungsverzicht oder gar ein Verbot keine
angemessene, sondern eher eine etwas uninteligente, um nicht zu sagen ängstlich
,kopflose‘ Reaktion.“ Dieser Schlussfolgerung schließt sich die
Bundesregierung an.
12. Sieht die Bundesregierung in der Nanotechnologie im militärischen
Bereich Gefahren für die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland?
Die Nanotechnologie wirft, wie andere neue Technologien auch, Fragen nach
ihrer Bedeutung für den militärischen Bereich und die Sicherheit der
Bundesrepublik auf. Inwieweit dies die Sicherheit der Bundesrepublik im militärischen
Bereich gefährdet, ist derzeit nicht absehbar. Es wurde deshalb eine Studie zur
Prognose der langfristigen Entwicklung der Nanotechnologie und deren
künftigem Anwendungspotenzial im militärischen Bereich vergeben, die auch erste
Hinweise auf mögliche künftige Gefährdungen geben wird.
13. Wie steht die Bundesregierung zum Aufbau eines grundlagen- und
anwendungsorientierten Nanotechnologie-Netzwerkes zur Bündelung von
Aktivitäten z. B. der European Space Agency (ESA) und des Deutschen
Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) sowie der Raumfahrtindustrie?
Die Bündelung der Kräfte in Europa in arbeitsteiligen Netzwerken
technologischer Zentren ist ein ausgewiesenes Aktionsfeld des zur Verabschiedung
anstehenden Deutschen Raumfahrtprogramms der Bundesregierung.
Um den erfolgversprechenden Technologiefeldern Mikro- und Nanotechnologie
den ihnen gebührenden Stelenwert auch in der Raumfahrt zukommen zu lassen,
ist eine systematische Analyse und Bewertung dieser Technologiefelder
vorzunehmen, um damit das gesamte Nutzungspotential für die Raumfahrt und aus der
Raumfahrt grundsätzlich aufzuzeigen und zu bewerten. Damit wird eine
zufalsbedingte singuläre Nutzung vermieden und die zukünftigen Entscheidungen zur
Nutzung dieser Technologiepotentiale für die Raumfahrt und in der Raumfahrt
werden auf eine gute und belastbare Grundlage, auch mit dem Ziel einer
Erichtung eines arbeitsteiligen Netzwerkes, gestelt.
Mit Hilfe einer im Jahr 2000 initierten Studie sol der sich ergebende FuE-
Bedarf festgestelt und Vorschläge für Forschungs- und Entwicklungsvorhaben
abgeleitet werden.
14. Welche Role spielt die Nanotechnologie bei der Vorbereitung der
industrielen Nutzung der Internationalen Raumstation (ISS)?
Den Nutzungsaspekten der ISS für die Nanotechnologie wurde eine Tagung im
April 2000 gewidmet. Durch die Gründung der Arbeitsgruppe „Innovation ISS“
und durch die Tagung der deutschen Industrie zur Nutzung der Internationalen
Raumstation am 15. Februar 2001 werden der Industrie die nanotechnologischen
Nutzungspotentiale der ISS eröfnet.
15. Welche Erfahrungen liegen der Bundesregierung über die Einrichtung
von sechs virtuelen Kompetenzzentren zu einzelnen
Nanotechnologiebereichen (u. a. Optik, Analytik, Materialien) durch das Bundesministerium
für Bildung und Forschung vor?
Eine Vielzahl der Akteure im Bereich Nanotechnologie hat sich auf Initiative des
BMBF in sechs Kompetenzzentren branchen- und disziplinenübergreifend
zusammengefunden. Die Kompetenzzentren haben jeweils 40 bis 80 Mitglieder.
Mitglieder sind Universitäten, Institute, Firmen und private Kapitalgeber.
Kompetenzzentren haben sich zu folgenden nanotechnologischen Themenfeldern
gebildet:
● Nanoanalytik
● Laterale Strukturen / Nanoelektronik
● Nano-Optoelektronik
● Ultradünne funktionale Schichten
● Ultrapräzise Oberflächenbearbeitung
● Nanomaterialien / Funktionalität durch Chemie
Diese Kompetenzzentren werden vom BMBF zusätzlich zur Projektförderung
(Antwort 9) jeweils durch die Anschubfinanzierung einer Geschäftsstele als
Infrastrukturmaßnahme unterstützt.
Die sechs Geschäftsstelen haben die Aufgabe, die Koordination und
Kommunikation innerhalb des jeweiligen Kompetenzzentrums zum Nutzen der Mitglieder
zu aktivieren und zu stimulieren. Sie solen die Forschungsanstrengungen der
Mitglieder innerhalb Deutschlands koordinieren und auf Schwerpunkte
orientieren. Damit sol bewirkt werden, dass das in FuE-Projekten erarbeitete Wissen
besser und rascher in Produkte, Produktionsverfahren und Dienstleistungen
umgesetzt wird. Um den Erfolg der Kompetenzzentren Nanotechnologie fundiert
bewerten zu können, hat das BMBF eine begleitende Evaluierung veranlasst.
Der Bundesregierung liegen u. a. aus den Zwischenergebnissen der begleitenden
Evaluierung folgende Erfahrungen über die Einrichtung der Kompetenzzentren
vor: 75% der Mitglieder aler sechs Kompetenzzentren halten die Mitgliedschaft
dort für empfehlenswert. Insbesondere profitieren KMU von der Einbindung in
die Netzwerke der Nanotechnologie-Akteure. Die Kompetenzzentren haben seit
Ihrer Einrichtung am 1. Oktober 1998 innerhalb der weltweiten
Hochtechnologie-Fachszene dazu beigetragen, den Standort Deutschland sichtbarer zu
machen. Von den Kompetenzzentren gehen wünschenswerte Impulse in Richtung
Förderung des Nachwuchses aus (Lehrerfortbildung,
Abiturientenveranstaltungen, neue Nanotechnologiestudiengänge). Die Kompetenzzentren binden
Anwender verstärkt in Fachdiskussionen ein. Die konstruktivsachliche Diskussion
der Nanotechnologie in der Öfentlichkeit ist mit auf das Wirken der
Kompetenzzentren zurückzuführen. Die Kompetenzzentren haben begünstigende Wirkung
auf Unternehmensausgründungen und Institutsgründungen gezeigt. Im Rahmen
der Kompetenzzentren sind neue disziplinen- und branchenübergreifende
Kommunikationsbeziehungen entstanden.
Ob die Kompetenzzentren mitel- und langfristig eine bessere Umsetzung von
Forschung und Entwicklung in Anwendung bewirken, kann aufgrund der
Neuheit der Maßnahme noch nicht gesichert bewertet werden.
16. Welche Finanzmitel stehen für diese Kompetenzzentren zur Verfügung?
Für die sechs Geschäftstelen der Kompetenzzentren Nanotechnologie (siehe
auch Antwort 15) stehen im Haushaltsjahr 2001 insgesamt 4,2 Milionen DM zur
Verfügung. Die Maßnahme ist als Anschubfinanzierung auf fünf Jahre angelegt.
Für diesen Zeitraum stehen den sechs Geschäftstelen insgesamt Finanzmitel in
Höhe von 19,8 Milionen DM zur Verfügung.
Von den in Antwort 2 genannten BMBF-Fördermiteln ist eine Teilmenge
● Anschubfinanzierung der sechs Geschäftstelen und
● Förderung für Verbundprojekte der Mitglieder der sechs Kompetenzzentren.
Diese Teilmenge beträgt im Haushaltsjahr 2001 etwa 40 Milionen DM. Dies
entspricht ca. 50 % der BMBF-Projektförderung für die Nanotechnologie in 2001.
Darüber hinaus beantragen die Mitglieder der Kompetenzzentren Finanzmitel
bei anderen Förderorganisationen.
17. Sieht die Bundesregierung die Notwendigkeit zur Festlegung
wissenschafts-ethischer Richtlinien hinsichtlich der Entwicklung der
Nanotechnologie?
Die Bundesregierung sieht gegenwärtig keine Notwendigkeit zur Festlegung
spezieler nanotechnologischer wissenschaftsethischer Richtlinien. Die
Bundesregierung beobachtet aber begleitend zur Förderung diesbezüglich die
Entwicklung der Nanotechnologie im Rahmen der Technologiefrüherkennung und der
Innovations- und Technikanalyse ITA, um gegebenenfalls Fragen der
verantwortungsvollen Nutzung der Nanotechnologie aufzugreifen.
18. Wie beurteilt die Bundesregierung den dramatischen Rückgang der
Studienanfänger und der Absolventen in den Fächern Chemie, Mathematik
und den Ingenieurwissenschaften im Hinblick auf die deutsche
Forschungsposition in der Nanotechnologie?
Die Bundesregierung sieht in dem dramatischen Rückgang der Studienanfänger
und der Absolventen in den Fächern Physik, Chemie, Mathematik und den
Ingenieurwissenschaften im Hinblick auf die deutsche Forschungsposition in der
Nanotechnologie ein großes Risiko für die Entwicklung der Nanotechnologie in
Deutschland, um auch weiterhin wettbewerbsfähig auf Weltniveau mitzuhalten.
Sie hat deshalb mehrere Initiativen gestartet, um mehr Jugendliche für ein
Studium dieser Fächer zu gewinnen.
19. Teilt die Bundesregierung die Auffassung des VDE-Vorsitzenden, dass in
Europa ca. 500 000 Fachkräfte in der IT-Branche fehlen?
Nach Einschätzung der Bundesregierung liegt die Auffassung des VDE-
Vorsitzenden, dass in Europa ca. 500 000 IT-Fachkräfte fehlen, am unteren Ende der
Skala des tatsächlich Zutreffenden.
20. Plant die Bundesregierung, auch im Bereich der Nanotechnologie
ausländische Fachkräfte anzuwerben und „Green-Cards“ zu erteilen?
Die Bundesregierung prüft, ob ausländische Absolventen deutscher
Studiengänge aus Drittstaaten eine Arbeitserlaubnis in Deutschland erhalten sollen.
Insbesondere bei für die Nanotechnologie relevanten Studiengängen der Natur- und
Ingenieurwissenschaften soll damit das Abwandern von Fachkräften ins Ausland
verhindert werden. Zugleich will die Bundesregierung deutschen
Nachwuchswissenschaftlern, die zur Zeit im Ausland arbeiten, die besten Chancen für ihre
Rückkehr schaffen.
21. Welche Maßnahmen plant die Bundesregierung kurz-, mittel- und
langfristig zur Förderung der Nanotechnologie?
Die Bundesregierung wird die Projektförderung und die institutionelle
Förderung der Nanotechnologie weiter verstärkt fortsetzen.
Weiterhin soll kurz- bis mittelfristig die internationale Zusammenarbeit
intensiviert werden. Die Bundesregierung unterstützt die Einbeziehung der
Nanotechnologien in das sechste Rahmenprogramm der Europäischen Union im Bereich
der Forschung, technologischen Entwicklung und Demonstration als Beitrag zur
Verwirklichung des europäischen Forschungsraumes. Darüber hinaus soll auch
die bilaterale Zusammenarbeit mit ausgewählten Staaten gefördert werden.
Die begleitende Technologiefrüherkennung sowie die Innovations- und
Technikanalyse ITA sollen langfristig fortgesetzt werden. Abhängig von den Ergebnissen
werden u. a. spezielle Maßnahmen zur Sicherheits- und Technikfolgenforschung
geprüft, welche bei Bedarf kurzfristig begonnen werden können. Ebenfalls im
Rahmen dieser Maßnahmen werden technikbegleitend Fragen zur
wirtschaftlichen Bedeutung für KMU, zu ethischen Fragen, zum Aus- und
Weiterbildungsbedarf in der Nanotechnologie gestellt.
Um dem besonderen disziplinen- und branchenübergreifenden Charakter der
Nanotechnologie gerecht zu werden, werden weitere Maßnahmen zur
innovationsfördernden Netzwerkbildung vorbereitet.
22. Welche Rolle spielt dabei die Sicherheitsforschung?
Im Rahmen der vom BMBF begleitend durchgeführten Innovations- und
Technikanalyse wird die Notwendigkeit von vorsorgender Sicherheitsforschung,
etwa zur Toxizität von Nanopartikeln, geprüft. Siehe auch Antwort 21.
23. Ist die Bundesregierung bereit, im Rahmen der Gespräche im „Bündnis
für Arbeit“ eine Strategie zur Förderung der Nanotechnologie zu
entwickeln?
Die Bundesregierung hält Gespräche zu einer Strategie zur Förderung der
Nanotechnologie im Rahmen des „Bündnis für Arbeit“ derzeit nicht für erforderlich.
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