Volltext (unformatiert)
[Deutscher Bundestag
13. Wahlperiode
Drucksache 13/4959
19. 06. 96
Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Wolfgang Behrendt, Horst Kubatschka,
Michael Müller (Düsseldorf), Klaus Barthel, Friedhelm Julius Beucher, Tilo Braune,
Hans Büttner (Ingolstadt), Ursula Burchardt, Petra Ernstberger, Lothar Fischer
(Homburg), Gabriele Fograscher, Arne Fuhrmann, Monika Ganseforth, Angelika Graf
(Rosenheim), Manfred Hampel, Alfred Hartenbach, Dr. Liesel Hartenstein, Frank
Hofmann (Volkach), Ingrid Holzhüter, Brunhilde Irber, Siegrun Klemmer, Thomas
Krüger, Klaus Lennartz, Ulrike Mascher, Christoph Matschie, Ulrike Mehl, Jutta Müller
(Völklingen), Dr. Rolf Niese, Georg Pfannenstein, Dietmar Schütz (Oldenburg),
Richard Schuhmann (Delitzsch), Reinhard Schultz (Everswinkel), Dr. Angelica
Schwall-Düren, Erika Simm, Jörg-Otto Spiller, Ludwig Stiegler, Dr. Bodo Teichmann,
Jella Teuchner, Hans Georg Wagner, Dr. Konstanze Wegner
— Drucksache 13/4775 —
Fertigstellung des Kernkraftwerkes Mochovce (Slowakei)
Als erste Kernkraftwerksblöcke in Mittel- und Osteuropa sollen die
Druckwasserreaktoren Mochovce I und II in der Slowakei mit
europäischer Hilfe auf westlichen Sicherheitsstandard gebracht werden. Ein
Vorhaben, dessen Finanzierung u. a. die Europäische Bank für
Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) abgelehnt hat, weil sie das Konzept für
unrealistisch hält. Jetzt wurde das aus dem Siemens-Konzern und dem
französischen Unternehmen Framatome bestehende European
Consortium Mochovce (EUCOM) von dem slowakischen Energieversorger
Slovenske Elektrarne (SE) beauftragt, das noch im Bau befindliche
Kraftwerk fertigzustellen (dpa vom 16. Ap ril 1996). Hierfür hat die Firma
Siemens bei der Bundesregierung einen Antrag auf Erteilung einer Hermes-
Bürgschaft gestellt.
Zur Vorbemerkung
Das Projekt zur Fertigstellung der Blöcke 1 und 2 des
Kernkraftwerks Mochovce sollte - auf Antrag der slowakischen
Regierung - ursprünglich unter federführender Finanzierung der EBRD
realisiert werden. Die EBRD-interne Projektbegutachtung hatte -
insbesondere im Hinblick auf nukleare Sicherheit und Auswir-
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz
und Reaktorsicherheit vom 17. Juni 1996 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich - in kleinerer Schrifttype - den Fragetext.
kungen auf die Umwelt - zu einer positiven Beurteilung geführt.
Doch kurz vor der Entscheidung der EBRD über den slowakischen
Kreditantrag zog die slowakische Seite ihren Kreditantrag zurück.
Es wurde ein neues Finanzierungskonzept von der slowakischen
Seite entwickelt. Das nunmehr begonnene Konzept sieht neben
slowakischen Eigenleistungen die Beteiligung russischer und
tschechischer Firmen sowie des aus Siemens und Framatom
bestehenden westlichen Konsortiums „European Consortium
Mochovce (EUCOM) " vor. Die Finanzierung ist nunmehr
überwiegend durch tschechische und slowakische Banken vorgesehen.
Dieses Vorgehen liegt in der freien Entscheidung der slowakischen
Seite.
1. Auf welcher rechtlichen Grundlage hat EUCOM einen Vorvertrag
(Letter of intent) mit der Slowakei abgeschlossen, um das im Bau
befindliche Kraftwerk Mochovce fertigzustellen, und steht dieses
Vorgehen nicht im Widerspruch zu geltendem EU-Recht?
Der Besteller - Slovenske Elektrarne (Slowakische
Elektrizitätsgesellschaft) - hat mit dem Konsortium EUCOM einen
Liefervertrag geschlossen. Dieser Vorgang steht nicht im Widerspruch zu
geltendem EU-Recht.
2. Welche Folgerungen zieht die Bundesregierung aus der Least-Cost-
Studie von Pitnam Heyes & Barlett (PHB), die in krassem Widerspruch
zu früheren Studien steht und von zahlreichen Experten und
Mitarbeitern der PHB und EBRD wegen angeblicher Manipulationen in
Frage gestellt wird (vgl. ARD-Sendung „Tschernobyl - Die Spur von
Tod und Lüge" vom 24. April 1996)?
Wie in der Vorbemerkung ausgeführt, hat die slowakische Seite
das Projekt einschließlich Finanzierungskonzept neu entwickelt.
Hierfür ist die seinerzeitige Least-Cost-Studie nicht relevant.
3. Sind der Bundesregierung die Gründe bekannt, die dazu geführt
haben, daß die Firma Siemens die nukleare Version präferiert, obwohl
nach Ansicht von u. a. kanadischen Experten sich wesentlich
billigere nicht nukleare Lösungen bieten, für die Siemens auch die
notwendige Technologie besitzt?
Die Firma Siemens beteiligt sich an einem Vorhaben, dessen Art
und Umfang vom slowakischen Antragsteller bestimmt wird. Die
Beteiligung der Firma Siemens dient der sicherheitstechnischen
Verbesserung der Anlagen. Auf die Vorbemerkung wird
verwiesen.
4. Trifft es zu, daß die Anlage des Kernkraftwerkes (KKW) Mochovce
nicht nach in der EU bzw. in Deutschland üblicher Art und Weise
gesichert wurde und seit Jahren durch Korrosion geschädigt worden ist,
und welches Gefahrenpotential stellen diese Schäden nach Ansicht
der Bundesregierung dar?
Seit Anfang 1996 werden auf Veranlassung von Slovenske Elek
-
trarne (SE) systematisch Inspektionen der Anlage durchgeführt,
um die Notwendigkeit von Reparaturen oder des Austauschs von
ggf. schadhaften Teilen festzustellen. Nach Kenntnisstand der
Bundesregierung sind im Rahmen der laufenden Inspektionen
bisher keine gravierenden Mängel gefunden worden.
5. Wie beurteilt die Bundesregierung den technischen Zustand der
Turbinenanlage, des Containment und die Notstromversorgung sowie
die Feuerschutztechnik, die Seismik und die gesamte technische
Dokumentation des KKW Mochovce, die auch von Fachleuten der
Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS) bemängelt wird und in einem
unvergleichbar schlechteren Zustand als die aufgegebene
vergleichbare Zwillingsanlage in Greifswald ist?
Die angesprochenen Punkte wurden bei den
Sicherheitsbeurteilungen durch die deutsch-französische Sicherheitsorganisation
RISKAUDIT und durch die internationale
Atomenergieorganisation (IAEO) behandelt. Sie sind, soweit erforderlich, Gegenstand der
geplanten sicherheitstechnischen Verbesserungen.
6. Gibt es im Zusammenhang mit der Hermes-Kreditvergabe Auflagen
für die Abschaltung des KKW Jaslovske Bohunice, so wie es bei
einer EBRD-Kreditvergabe vorgesehen war?
Die Hermes-Deckungszusage wurde an die Bedingung geknüpft,
daß der Sicherheitsstandard des jetzigen Projektkonzeptes dem
seinerzeitigen, dann aber nicht zustande gekommenen EBRD-
Konzept entspricht. Die Deckungsentscheidung wurde außerdem
auf der Grundlage des Beschlusses der slowakischen Regierung
vom 14. Mai 1994 getroffen, das Kernkraftwerk Bohunice nach
Fertigstellung und Erreichen eines zuverlässigen Anlagenbetriebs des
Kernkraftwerkes Mochovce abzuschalten.
7. Kann die Bundesregierung bestätigen, daß die Kraftwerksunion
(KWU) ebenfalls im störanfälligen KKW Bohunice, mit seiner
veralteten sowjetischen Technik aus den 60er Jahren, engagiert ist und
sich um einen Auftrag von 275 Mio. DM bewirbt, und wird dieses
Vorhaben auch durch die Kreditanstalt für Wiederaufbau abgesichert?
Siemens/KWU und das slowakische Kernforschungsinstitut VUJE
Trnava haben von dem slowakischen
Elektrizitätsversorgungsunternehmen Slovenske Elektrarne (SE) den Auftrag zur
stufenweisen Rekonstruktion der Blöcke 1 und 2 im Kernkraftwerk
Bohunice erhalten (Gesamtaufwand ca. 275 Mio. DM). Damit sollen die
Blöcke für die restliche Betriebsdauer sicherheitstechnisch
verbessert werden. Die beiden Blöcke decken z. Z. ein Viertel des
Strombedarfs der Slowakischen Republik. Die Kosten der
Sicherheitsverbesserung trägt SE selbst, ohne Inanspruchnahme von
Mitteln aus westlichen Hilfsprogrammen. Ein Antrag auf eine
Hermes-Deckung liegt hierzu nicht vor. Die beiden Blöcke sollen, wie
die slowakische Regierung wiederholt mitgeteilt hat, nach
Fertigstellung und Erreichen eines zuverlässigen Anlagenbetriebs von
Mochovce, Blöcke 1 und 2, abgeschaltet werden.
8. Teilt die Bundesregierung die Auffassung, daß durch die
Unterstützung der atomaren Energiepolitik in der Slowakei der Aufbau einer
effizienten umweltschonenden Energieversorgung blockiert wird
und der Energieverbrauchstandard in der Slowakei ungebrochen
hoch bleiben wird?
Hierzu wird auf die Vorbemerkung verwiesen. Die
Bundesregierung hat stets betont, daß sie nicht der Slowakischen Republik
vorschreiben kann und will, wie sie ihre Energieversorgung
ausgestaltet.
9. Teilt die Bundesregierung die Auffassung, daß durch das deutsche
und französische atomare Engagement in der Slowakei die
Interessen Österreichs verletzt werden und inwieweit sind hierzu
entsprechende Gespräche geführt worden?
Die Bundesregierung vertritt die - Auffassung, daß die
Interessen Österreichs nicht verletzt werden. Die Unterstützung des
Mochovce-Projekts wurde der österreichischen Regierung in Wien
erläutert.
10. Ist der Bundesregierung bekannt, wie und wo die im Falle einer
Inbetriebnahme des KKW Mochovce anfallenden radioaktiven Abfälle
entsorgt und endgelagert werden?
Der Bundesregierung sind Einzelheiten über die Planungen zur
Abfallbehandlung des Kernkraftwerks Mochovce nicht bekannt.
Bekannt ist ihr, daß die Slowakische Republik mit der
Tschechischen Republik ein gemeinsames Vorgehen bei der Behandlung
und Verwahrung nuklearer Abfälle erarbeitet.]