Leukämie und ionisierende Strahlung
der Abgeordneten Dietmar Schütz (Oldenburg), Dr. Ingomar Hauchler, Dr. Marliese Dobberthien, Arne Fuhrmann, Wolfgang Behrendt, Friedhelm Julius Beucher, Lilo Blunck, Dr. Ulrich Böhme (Unna), Ursula Burchardt, Marion Caspers-Merk, Ludwig Eich, Lothar Fischer (Homburg), Dr. Liesel Hartenstein, Volker Jung (Düsseldorf), Susanne Kastner, Eckart Kuhlwein, Horst Kubatschka, Klaus Lennartz, Christoph Matschie, Ulrike Mehl, Jutta Müller (Völklingen), Michael Müller (Düsseldorf), Georg Pfannenstein, Richard Schumann (Delitzsch), Reinhard Schultz (Everswinkel), Dr. Angelica Schwall-Düren, Ernst Schwanhold, Dr. Dietrich Sperling, Dr. Peter Struck, Dr. Bodo Teichmann, Jella Teuchner, Dr. Wolfgang Wodarg, Rudolf Scharping und der Fraktion der SPD
Vorbemerkung
Seit Ende der 1980er Jahre ist in der Samtgemeinde Elbmarsch eine auffällige Häufung von Leukämieerkrankungen bei Kindern und Jugendlichen zu beobachten. Diese Häufung von Leukämieerkrankungen (Leukämiecluster) hat zu erheblicher Beunruhigung in der Bevölkerung geführt und die Frage aufgeworfen, inwieweit das in der Elbmarsch betriebene Kernkraftwerk Krümmel durch radioaktive Emissionen ursächlich verantwortlich für diese Erkrankungen ist. Die bislang vorgelegten Teilergebnisse der dazu durchgeführten Untersuchungen haben die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Leukämie und ionisierender Strahlung in der Elbmarsch nicht schlüssig klären können.
Obwohl inzwischen das zehnte Kind in der Elbmarsch an Leukämie erkrankt ist, erscheinen die Zusammenhänge zwischen Leukämie und ionisierender Strahlung nach wie vor klärungsbedürftig. Auch im sächsischen Lohmen sowie in der im Hamburger Bezirk Bergedorf gelegenen Siedlung Neu-Allermöhe ist eine auffällige Häufung von Leukämieerkrankungen bei Kindern festgestellt worden, über deren Ursachen Unklarheit besteht.
Daher fragen wir die Bundesregierung:
Fragen17
Welche medizinischen Erkenntnisse liegen über die Entstehung von Leukämie, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen, vor?
Welche Rolle spielt ionisierende Strahlung bei der Entstehung von Leukämie?
Welchen Anteil haben Leukämieerkrankungen aufgrund ionisierender Strahlung im Verhältnis zur Gesamtzahl der Leukämieerkrankungen?
Welche Erkenntnisse existieren über die unterschiedlichen Auswirkungen kurzzeitiger hochdosiger Belastung und Langzeitbelastung durch niedrige Strahlendosen?
Welche Untersuchungen wurden in der Bundesrepublik Deutschland bislang zum möglichen Zusammenhang von Leukämieerkrankungen und dem Betrieb kerntechnischer Anlagen durchgeführt, und mit welchen Ergebnissen?
Wann wird der Abschlußbericht zu den Untersuchungen über einen möglichen Zusammenhang zwischen der Häufung von Leukämieerkrankungen in der Elbmarsch und dem Kernkraftwerk Krümmel vorgelegt?
Kann nach dem heutigen Stand der Forschung zweifelsfrei ausgeschlossen werden, daß die beobachtete Häufung der Leukämieerkrankungen in der Elbmarsch auf eine radioaktive Umweltkontamination durch den Betrieb des Kernkraftwerkes Krümmel zurückzuführen ist?
Wenn ja, welche andere Erklärung hat die Bundesregierung für den Leukämiecluster in der Elbmarsch?
Welche Erkenntnisse besitzt die Bundesregierung über signifikante Abweichungen der Leukämierate in der Umgebung von Lohmen („Sächsische Schweiz"), und welcher Zusammenhang besteht zwischen Leukämie- und anderen Krebserkrankungen in Lohmen und dem in unmittelbarer Nachbarschaft gelegenen ehemaligen NVA-Zwischenlager für nukleare Abfälle?
Welche Ergebnisse über den Zusammenhang zwischen Leukämie und ionisierender Strahlung haben bislang die Studien in anderen Ländern wie Großbritannien (Seascale/Sellafield), Frankreich und den USA gebracht?
Inwieweit lassen sich aus diesen Studien Aufschlüsse auch für die Leukämiecluster in Deutschland ziehen?
Welche weiteren Untersuchungen zur Aufklärung von Leukämiehäufungen werden entsprechend der Stellungnahme der Strahlenschutzkommission vom 12./22. April 1994 durchgeführt?
Was hat die Bundesregierung bislang unternommen, um ihre Zusage, Fallkontrollstudien durchzuführen, zu erfüllen, und ist sie bereit, die Durchführung solcher Fallkontrollstudien zur Leukämiehäufung in der Elbmarsch finanziell zu unterstützen?
Wie bewertet die Bundesregierung die Aussagekraft von regionalen Fallkontrollstudien?
Wie beurteilt die Bundesregierung das Konzept einer Studie zur Klärung der Ursachen der Leukämiefälle, wie es Prof. Eberhard Greiner, Leiter des Instituts für Präventionsforschung und Sozialmedizin in Bremen, vorgestellt hat?
Wann und in welcher Form wird die Bundesregierung die im November 1994 durch den damaligen Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit Dr. Klaus Töpfer gegebene Zusicherung einhalten, dieses Studienvorhaben weitgehend zu finanzieren?
Teilt die Bundesregierung die Auffassung, daß neben dem Zusammenhang von Leukämie und ionisierender Strahlung auch allgemeine Risikofaktoren wie z. B. Hochspannungsleitungen, Straßenverkehr, Exposition gegenüber Pestiziden, untersucht werden müssen?
Teilt die Bundesregierung die Auffassung, daß es zur Klärung allgemeiner Risikofaktoren für Leukämie einer bundesweiten Multizenter-Studie bedarf, und wenn ja, ist die Bundesregierung bereit, eine solche Studie zu finanzieren?