Volltext (unformatiert)
[Deutscher Bundestag
13. Wahlperiode
Drucksache 13/4901
13. 06. 96
Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Ulla Jelpke und der Gruppe der PDS
— Drucksache 13/4738 —
Stand der Umsetzung des deutsch-vietnamesischen Rückübernahmeabkommens
Das deutsch-vietnamesische Rückübernahmeabkommen vom 21. Juli
1995 sieht die schrittweise Rückführung von mindestens 40 000
vietnamesischen Staatsangehörigen vor, darunter ehemalige
Vertragsarbeitnehmerinnen und -arbeitnehmer, abgelehnte Asylbewerberinnen
und -bewerber sowie illegal Eingereiste. Laut Artikel 3 des
Rückübernahmeabkommens sollen straffällige vietnamesische Staatsangehörige
besonders schnell zurückgeführt werden. Für 1995 war die Rückführung
von 2 500 vietnamesischen Staatsangehörigen vorgesehen, 1996 sollen
5 000 die Bundesrepublik Deutschland verlassen. Presseberichten
zufolge sind bis heute weit weniger vietnamesische Staatsangehörige
rückgeführt worden, als im Rückübernahmeabkommen vorgesehen.
Vorbemerkung
Die Umsetzung des deutsch-vietnamesischen
Rückübernahmeabkommens vom 21. Juli 1995 verläuft bislang unbefriedigend.
Dies ist zum einen darauf zurückzuführen, daß die vietnamesische
Seite die Umsetzung des Rückübernahmeabkommens verzögert.
So sind bestimmte Verfahrensabsprachen, wie die im Abkommen
vorgesehenen Prüfungsfristen, von der vietnamesischen Seite
nicht eingehalten worden. Auch hat Vietnam die Beachtung von
weiteren Verfahrensmodalitäten gefordert, wie etwa detaillierte
Angaben zum früheren Wohnsitz in Vietnam, die nicht
Gegenstand des Rückübernahmeabkommens sind. Zum anderen ist
festzustellen, daß rückzuführende vietnamesische
Staatsangehörige, deren Rückübernahme die vietnamesische Seite
zugestimmt hatte, oftmals nicht zum vorgesehenen Zeitpunkt
zurückgeführt werden können, da sie sich zwischenzeitlich durch Unter-
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums des Innern vom
12. Juni 1996 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich - in kleinerer Schrifttype - den Fragetext.
tauchen oder durch die nicht kontrollierte Ausreise der
Abschiebung entzogen haben.
Im Hinblick auf die aufgetretenen Schwierigkeiten bei der
Umsetzung des Rückübernahmeabkommens haben eingehende
Gespräche zwischen Staatssekretär Dr. Kurt Schelter und dem
vietnamesischen Vizeinnenminister Tiem im Februar 1996
sowie mehrere Gespräche mit dem vietnamesischen Botschafter in
Deutschland stattgefunden. Die Gespräche mit der
vietnamesischen Seite werden fortgesetzt.
1. Wie viele vietnamesische Staatsangehörige sind seit 1990 in der
Bundesrepublik Deutschland wegen Straftaten verurteilt worden
(bitte nach Jahren aufschlüsseln)?
Entsprechende Angaben werden in der Strafverfolgungsstatistik
nicht gesondert erfaßt.
a) Wie viele vietnamesische Staatsangehörige sind seit 1990 wegen
welcher Straftaten beschuldigt worden (bitte nach Jahren
aufschlüsseln)?
Ausweislich der Polizeilichen Kriminalstatistik, die allerdings die
von den Zollfahndungsstellen bearbeiteten Verstöße gegen die
Abgabenordnung im Zusammenhang mit dem Schmuggel bzw.
dem illegalen Handel mit unversteuerten bzw. unverzollten
Zigaretten nicht mitumfaßt, wurden in den alten Ländern
einschließlich Gesamt-Berlin (Daten für die neuen Länder liegen nur
unvollständig vor) 1990 bis 1995 die nachfolgend dargestellten
tatverdächtigen Vietnamesen unter Angabe ihres
prozentualen Anteils an den nichtdeutschen Tatverdächtigen insgesamt
ermittelt:
1990: 2 058 (0,5 %) * 1 )
1991: 2 629 (0,6 %)
1992: 4 175 (0,8 %)
1993: 7 977 (1,3 %)
1994: 9 087 (1,7 %)
1995: 8 359 (1,6 %)
* 1 ) Für 1990: Bereich alte Länder einschließlich Berlin (West)
Das Deliktsspektrum vietnamesischer Tatverdächtiger stellt sich wie folgt dar:
Bereich: Alte Länder einschließlich Gesamt-Berlin
Straftaten insgesamt
1990 .*1'2) 1991 *2 ) 1992 1993 1994 1995
2 058 2 629 4 175
(+ 58,8 %)
7 977
(+ 91,1%)
9 087
(+ 13,9%)
8 359
(- 8,0 %)
Straftaten gegen § 92 992 1 153 2 081 4 698 6 102 5 522
des Ausländergesetzes
und gegen das
Asylverfahrensgesetz
(+ 80,5 %) (+ 125,8 %) (+ 29,9 %) (- 9,5 %)
Betrug 242 197 433 952 1 660 1 654
(+ 119,8%) (+ 119,9%) (+ 74,4%) (- 0,4 %)
Diebstahl insgesamt 440 552 624 881 1 044 1 108
(+ 13,0 %) (+ 41,2 %) (+ 18,5 %) (+ 6,1 %)
darunter: Laden- 352 416 468 687 843 880
diebstahl (+ 12,5%) (+ 46,8 %) (+ 22,7 %) (+ 4,4 %)
Urkundenfälschung 51 110 383 1 241 755 461
(+ 248,2 %) (+ 224,0 %) (- 39,2 %) (- 38,9 %)
Körperverletzung 139 251 318 346 383 370
(+ 26,7 %) (+ 8,8 %) (+ 10,7 %) (- 3,4 %)
Widerstand gegen die 53 89 202 270 303 296
Staatsgewalt und
Straftaten gegen die
öffentliche Ordnung
(+ 127,0%) (+ 33,7 %) (+ 12,2 %) (- 2,3 %)
* 1 ) Für 1990: Bereich alte Länder einschließlich Berlin (West).
* 2) Steigerungsraten können erst ab 1992 ausgewiesen werden.
b) Wie viele vietnamesische Staatsangehörige sind seit 1990 wegen
welcher Straftaten verurteilt worden (bitte nach Jahren
aufschlüsseln)?
Entsprechende Angaben werden in der Strafverfolgungsstatistik
nicht gesondert erfaßt.
2. Wie viele vietnamesische Staatsangehörige sind seit Inkrafttreten
des deutsch-vietnamesischen Rückübernahmeabkommens
rückgeführt worden?
Bislang sind 24 vietnamesische Staatsangehörige nach dem
deutsch-vietnamesischen Rückübernahmeabkommen vom 21. Juli
1995 nach Vietnam zurückgeführt worden. Auf der Grundlage der
Vereinbarung vom 9. August 1995 über die Rückführung von 200
verurteilten vietnamesischen Straftätern vor Inkrafttreten des
Rückübernahmeabkommens sind 65 weitere vietnamesische
Staatsangehörige nach Vietnam zurückgeführt worden.
a) Wie viele davon sind wegen welcher Straftaten rechtskräftig
verurteilte Straftäter (bitte nach Delikten aufschlüsseln)?
b) Wie viele sind vor einer rechtskräftigen Verurteilung
rückgeführt worden?
Von der Bundesregierung werden hierzu keine Statistiken
geführt, da für Abschiebungen die Länder zuständig sind.
c) Wie vielen der rückgeführten vietnamesischen
Staatsangehörigen wurde von vietnamesischer Seite die Einreise
verweigert?
Fünf Personen.
d) Wo sind die von einer Einreiseverweigerung ggf. betroffenen
vietnamesischen Staatsbürger verblieben?
Vier Personen wurden zwischenzeitlich abgeschoben. Der
Aufenthalt einer Person ist nicht bekannt.
e) Wie viele vietnamesische Staatsbürger sind nach der
Einreiseverweigerung in die Bundesrepublik Deutschland
zurückgekehrt?
Fünf Personen, von denen vier Personen zwischenzeitlich
abgeschoben wurden.
f) Wie viele vietnamesische Staatsbürger sind nach der Rückkehr
in die Bundesrepublik Deutschland in Abschiebehaft
genommen worden?
Vier Personen, deren Einreise nach Vietnam zunächst verweigert
worden war.
g) Wie hat die vietnamesische Regierung Einreiseverweigerungen
begründet?
Die Personen, die von vietnamesischer Seite bereits anerkannt
waren, verfügten nicht über vietnamesische Passierscheine.
3. Wie viele vietnamesische Staatsangehörige stehen 1996 noch zur
Rückführung an?
Nach dem Rückübernahmeabkommen könnten 1996 rd. 7 500
vietnamesische Staatsangehörige (Rückkehrerquoten für 1995
und 1996) abzüglich der bereits abgeschobenen Personen nach
Vietnam zurückgeführt werden.
a) Wie viele vietnamesische Staatsangehörige sind den
vietnamesischen Behörden bereits bekannt gegeben?
4 799 Rückübernahmeersuche der zuständigen Länderbehörden.
b) Haben die deutschen Behörden den vietnamesischen Behörden
außer Personaldaten auch Reisepässe rückzuführender
Personen geschickt?
Wenn ja, warum und in wie vielen Fällen?
Vorhandene Reisepässe werden gemäß Artikel 5 des
Rückübernahmeabkommens in allen Fällen übersandt.
c) Wie viele der vietnamesischen Staatsangehörigen auf der
Bekanntmachungsliste haben die vietnamesischen Behörden als
ihre Staatsbürger anerkannt?
Das vietnamesische Innenministerium hat gegenüber der
Deutschen Botschaft in Hanoi der Rückübernahme von 1 243 Personen
nach dem Rückübernahmeabkommen zugestimmt. Die
Zustimmung zur Rückübernahme von weiteren ca. 400 Personen ist der
Deutschen Botschaft für die nächsten Tage in Aussicht gestellt
worden.
4. Welche Gründe machen die vietnamesischen Behörden geltend,
wenn sie von deutscher Seite zur Rückführung vorgesehene
vietnamesische Staatsangehörige ablehnen?
Die vietnamesische Seite hat eine Anzahl von
Rückübernahmeersuchen zurückgegeben, ohne der Rückübernahme
zuzustimmen, da sie den vietnamesischen Formvorstellungen nicht
entsprachen. Vietnam hat über die im Durchführungsprotokoll
zum Rückübernahmeabkommen geregelten
Verfahrensbestimmungen hinaus noch weitere Forderungen zum Verfahren
aufgestellt, über die mit der vietnamesischen Seite gesprochen werden
mußte.
5. Wie viele vietnamesische Staatsangehörige sollen 1996 über die auf
der Bekanntmachungsliste stehenden Personen hinaus rückgeführt
werden?
Die Bundesregierung beabsichtigt, die im
Rückübernahmeabkommen geregelten Rückführungsquoten auszuschöpfen.
6. Wie viele der 1996 zur Rückführung vorgesehenen vietnamesischen
Staatsangehörigen sind Beschuldigte, sollen aber ohne
rechtskräftige Verurteilung rückgeführt werden?
a) Wie viele der 1996 noch rückzuführenden vietnamesischen
Staatsangehörige sind wegen Delikten mit zu erwartendem
Strafmaß bis zu 90 Tagessätzen beschuldigt (bitte einzeln
benennen)?
b) Wie viele der 1996 noch rückzuführenden vietnamesischen
Staatsangehörigen sind wegen welcher Delikte zu welchen
Strafen verurteilt worden (bitte einzelnen aufzählen)?
Der Bundesregierung liegen hierüber keine Erkenntnisse vor, da
die Rückführung der vollziehbar ausreisepflichtigen
vietnamesischen Staatsangehörigen den Ländern obliegt. Diese benennen
auch die vietnamesischen Staatsangehörigen, für die ein
Rückübernahmeersuchen an die vietnamesische Regierung gerichtet
wird.
7. Denkt die Bundesregierung an den Erlaß einer Amnestie für
vietnamesische Staatsangehörige, die lediglich wegen Delikten bis zu
90 Tagessätzen beschuldigt werden oder verurteilt wurden?
Wenn nein, bitte begründen?
Nein, da hierzu keine Veranlassung besteht. Im übrigen wird
auf die Antwort der Bundesregierung zu Frage 13 der Kleinen
Anfrage der Abgeordneten Christa Nickels und der Fraktion
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN „Deutsch-Vietnamesisches
Rückübernahmeabkommen" (BT-Drucksache 13/2337) verwiesen.
8. Wie viele vietnamesische Staatsangehörige sind seit Inkrafttreten
des Abkommens freiwillig nach Vietnam zurückgekehrt?
a) Wie viele freiwillig zurückgekehrte vietnamesische
Staatsangehörige sind von Vietnam aufgenommen worden?
Auf der Grundlage des deutsch-vietnamesischen
Rückübernahmeabkommens sind bislang 15 vietnamesische
Staatsangehörige freiwillig nach Vietnam zurückgekehrt.
b) Wie viele vietnamesische Staatsangehörige haben gegenüber
deutschen Behörden ihre Bereitschaft zur freiwilligen Rückkehr
bekundet?
Hierüber liegen der Bundesregierung keine Erkenntnisse vor, da
dies in der Zuständigkeit der Länder liegt.
9. Wie viele vietnamesische Staatsangehörige, die über Drittstaaten in
die Bundesrepublik Deutschland eingereist sind, sind in diese
Drittstaaten zurückgeschoben worden?
Über welche Erkenntnisse verfügt die Bundesregierung bezüglich
des weiteren Schicksals der Zurückgeschobenen?
1992: 497 Personen
1993: 564 Personen
1994: 311 Personen
1995: 299 Personen
1996: 29 Personen (bis Mai)
Die Grenzbehörden verfolgen das weitere Lebensschicksal von
Ausländern, denen die Einreise verweigert worden ist und die in
Drittstaaten zurückgewiesen oder zurückgeschoben worden sind,
in aller Regel nicht weiter. Soweit erforderlich, gehen in
entsprechenden Einzelfällen die deutschen Auslandsvertretungen dem
weiteren Schicksal von zurückgewiesenen Ausländern nach.
10. Mit welchen Staaten hat Vietnam nach Kenntnis der
Bundesregierung weitere Rückübernahmeabkommen abgeschlossen?
Vietnam hat bilaterale Rückübernahmeabkommen außer mit der
Bundesrepublik Deutschland auch mit Kanada und mit den
Niederlanden abgeschlossen, wobei das
Rückübernahmeabkommen mit den Niederlanden noch nicht angewandt worden ist. Des
weiteren hat Vietnam mit Indonesien, Thailand, Malaysia, den
Philippinen und Hongkong jeweils dreiseitige
Rückübernahmeabkommen unter Einschluß des UN-HCR als Vertragspartei
abgeschlossen.
11. Gibt es nach Kenntnissen der Bundesregierung Planungen der EU
-
Innen- und Justizminister, mit Vietnam ein multilaterales
Rückführungsabkommen abzuschließen?
Der Bundesregierung liegen hierzu keine Erkenntnisse vor.
12. Wie viele vietnamesische Staatsangehörige befinden sich derzeit in
Abschiebehaft (bitte aufschlüsseln nach Dauer der
Gewahrsamnahme bis 13. Mai 1996)?
Da für Abschiebungen die Länder zuständig sind, liegen der
Bundesregierung zur Zahl der vietnamesischen
Staatsangehörigen, die sich in Abschiebungshaft befinden, keine Erkenntnisse
vor.
13. Welche Maßnahmen plant die Bundesregierung, um die zögerliche
Umsetzung des deutsch-vietnamesischen
Rückübernahmeabkommens zu beschleunigen?
Die Bundesregierung hat alle notwendigen Maßnahmen
eingeleitet, damit das deutsch-vietnamesische
Rückübernahmeabkommen konsequent angewandt wird. Im übrigen wird auf die
Vorbemerkung verwiesen.
a) Soll die deutsche Entwicklungshilfe an Vietnam gestoppt
werden?
Nein.
b) Wenn nein, unter welchen Voraussetzungen wird die
Bundesregierung ihre Entwicklungshilfezahlungen an Vietnam
stornieren oder einschränken?
Vietnam hat die in der „Gemeinsamen Erklärung über Ausbau
und Vertiefung der deutsch-vietnamesischen Beziehungen" vom
6. Januar 1996 übernommenen Verpflichtungen zur
Rückübernahme eigener Staatsangehöriger bislang nicht erfüllt. Dies
belastet die beiderseitigen Beziehungen und gefährdet die Fo rt
-setzung der entwicklungspolitischen Zusammenarbeit.
c) Welche Schritte gedenkt die Bundesregierung, auf europäischer
Ebene zu unternehmen?
Schritte auf europäischer Ebene werden nicht erwogen.
14. Wie steht die Bundesregierung zu dem Beschluß des Bundesrates,
ehemaligen vietnamesischen Vertragsarbeitern/
Vertragsarbeiterinnen ihre Aufenthaltszeit in der ehemaligen DDR zur Erlangung
einer unbefristeten Aufenthaltserlaubnis voll anzurechnen?
Die Bundesregierung kann den vom Bundesrat beschlossenen
Gesetzentwurf - BR-Drucksache 182/96 (Beschluß) - in dieser
Form nicht befürworten. Eine Anrechnung der entsprechenden
Voraufenthaltszeiten kann ihrer Auffassung nach allenfalls
teilweise in Betracht kommen.]