Die Goldhagen-Rezeption im „Bayernkurier" und in Publikationsorganen der extremen Rechten
der Abgeordneten Ulla Jelpke und der Gruppe der PDS
Vorbemerkung
Im September 1996 erschien das vom Harvard-Assistenzprofessor Daniel Goldhagen verfaßte Buch „Hitlers willige Vollstrecker" in deutscher Übersetzung. Unter der Überschrift „Die Sache mit Goldhagen. Ein deutsches Phänomen" meldete sich der Landtagsabgeordnete und Vorsitzende des CSU-Bezirksverbandes München Dr. Peter Gauweiler im „Bayernkurier" (11. Oktober 1996) zu Wort:
- „Wie schön, wie arm, wie widerlich. Der junge Autor als Volksrichter, die eingebildete hohe Warte, der mühsam umgekehrte Rassismus" (ebd.).
Gegen Daniel Goldhagens Darstellung des in der deutschen Geschichte tief verwurzelten Antisemitismus richtet Dr. Peter Gauweiler den Vorwurf der „Volksverhetzung": „Die Strategie diffamierender Negativgruppen wird heute in den zivilisierten Ländern des Westens als Volksverhetzung bestraft" (ebd.). Das hindert Dr. Peter Gauweiler nicht daran, seine politischen Gegnerinnen und Gegner und einen großen Teil der Bevölkerung in diesem Land wie folgt zu beschreiben:
- „Die Anbiederei und das Entzücken, welche der amerikanische Executioner am Ort seiner Zuwendung erfuhr, weist auf einen irrationalen Zug im deutschen Volkscharakter hin, der auch Gutmeinende befremden muß" (ebd.).
Dr. Peter Gauweiler versucht, Daniel Goldhagens ernsthaftes Anliegen lächerlich zu machen, indem er das Bild einer 68er-Schikkeria entwirft:
- „Das Land (...) feierte den Propagandisten seines Unwertes wie einen Filmstar. Mit Massenveranstaltungen und Literatur-Vernissagen. Zwischen Prosecco und Wachtelbrüstchen gehört es zum guten Ton, mit Entzücken auf die Schimpfierung zu reagieren" (ebd.).
Die Rezension des Goldhagen-Buches, die sich in der „Jungen Freiheit" (JF) finden läßt, stützt sich in einem hohen Maße auf Dr. Peter Gauweilers Artikel im „Bayernkurier". Unter der Überschrift „Gauweiler rechnet mit Goldhagen ab (...) Prosecco und Wachtelbrüstchen" wird Dr. Peter Gauweilers polemische Buchbesprechung von Thorsten Thaler und Felizitas Küble ausführlich zitiert, referiert und hochgelobt („Junge Freiheit" 43/96, S. 5).
Ein besonderes Augenmerk widmen Thaler/Küble dem sogenannten „ökonomische(n) Ertrag, den der Doktorand heim nach Amerika nimmt" (Gauweiler, zit. nach ebd.). Sie stellen die Frage „Zahlt die Bundesregierung Geld an Daniel Goldhagen?" Die Redakteure beziehen sich auf einen Hinweis in dem vom „Bund Freier Bürger" (BFB) herausgegebenen „Deutschlandbrief ". Hier sei darüber berichtet worden, daß „Goldhagen von der deutschen Bundesregierung finanzielle Unterstützung erhalten haben soll" (ebd.). Das Ergebnis der journalistischen Nachforschungen der JF-Redakteure, demzufolge Daniel Goldhagen für seine Recherche in bundesdeutschen Archiven ein DAAD-Stipendium erhalten haben soll, wird als sensationell und skandalös dargestellt: „Das Geld fließe vom Bonner Außenministerium an den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) in New York und von dort über einen Mann namens Guido Goldmann an Daniel Goldhagen" (ebd.). Hier wird ein antisemitisches Stereotyp - „Juden und das Geld" - wiederbelebt und nahegelegt, daß sich Daniel Goldhagen an Deutschland bereichert habe.
Aber auch „Der Republikaner", die Zeitung der gleichnamigen rechtsextremen Partei, findet Gefallen an Dr. Peter Gauweilers Artikel. Unter der Überschrift „Gauweiler rechnet mit Goldhagen - Rummel ab" wird der CSU-Politiker gelobt, der sich mit „solch politisch-unkorrekte(n) Einlassungen" und „ungewöhnlich scharfen Worten" gegen Goldhagen stellte („Der Republikaner" 10/96).
Die rechtsextrem durchsetzte „Junge Landsmannschaft Ostpreußen" schreibt im „Fritz":
- „Da hat ein junger US-Bürger namens Daniel Goldhagen mit seiner Schrift ,Hitlers willige Vollstrecker' den Deutschen aufs neue kollektive Schuld vorgeworfen. (...) Aber es gibt kollektive Diffamierung - wer diese betreibt, macht sich schuldig, denn , Völkerrufmord' geht dem Völkermord voran. Der kollektive Schuldvorwurf an sich ist eine schwere Menschenrechtsverletzung, ein Verbrechen gegen die Menschheit, egal welches Volk von ihr in seinem geistigen oder seinem biologischen Fortbestand bedroht wird" („Fritz", September 1996).
In der Zeitschrift „Europa vorn", die der rechtsextremen „Deutschen Liga für Volk und Heimat" nahesteht, schreibt Wolfgang Steinmann:
- „Daniel Jonah Goldhagen (...) hat mit seinem Buch ,Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust' viel intellektuellen Staub aufgewirbelt (...) Der Titel des Buches umreißt das Anliegen des Autors deutlich: Die Deutschen - ein ganzes Volk von KZ-Schergen damals. Mit seiner dünnen Beweisführung hat der Autor durchweg Widerspruch erfahren - und das, was Wunder, vor allem in Deutschland. Auch der Verfasser dieser Zeilen mag das nicht so hinnehmen" („Europa vorn" Nr. 110, 1. November 1996).
Der hessische Neonazi Manfred Roeder, der im Juni in Erfurt die Wanderausstellung zum Thema „Verbrechen der deutschen Wehrmacht" mit den Worten „Lüge" und „Hetze" besprüht hatte (vgl. taz, 14. Juni 1996), schreibt in der „Deutschen Bürgerinitiative":
- „Ein junger Schnösel aus Amerika kommt nach Deutschland und erklärt: Alle Deutschen wären so antisemitisch gewesen, daß sie nur auf eine Gelegenheit gewartet hätten, Juden umzubringen. Und als Hitler kam, hätten sie alle, ohne Zwang und Drohung, mit Lust und Grausamkeit Juden ermordet. (...) Und die Deutschen lassen sich diese Frechheiten gefallen - und klatschen noch Beifall. Sind wir wirklich so verkommen und ehrlos, daß wir uns noch für jede Beleidigung bedanken? (...) Nein, ich glaube es einfach nicht, daß unser Volk so verkommen ist und Beifall klatscht, wenn es besudelt und schließlich abgeschafft wird. Es wartet nur auf ein Zeichen, wie man sich wirkungsvoll gegen diese Lügenbrut wehren kann" (Deutsche Bürgerinitiative 8/96, Herv. i. O.).
Wir fragen die Bundesregierung:
Fragen4
Welche verfassungsschutzrelevanten Erkenntnisse liegen der Bundesregierung über die Rezeption des Buchs von Daniel Goldhagen „Hitlers willige Vollstrecker" in der rechtsextremen Publizistik (z. B. „Der Republikaner" , „Die deutsche Stimme" , „Deutscher Anzeiger", „Deutsche National-Zeitung", „Deutsche Wochen-Zeitung", „Europa vorn", „Nation und Europa", „Junge Freiheit", „Deutsche Bürgerinitiative") sowie in Publikationen der Vertriebenenverbände (z. B. „Witiko-Brief", „Fritz", „Ostpreußenblatt", „Der Schlesier", „ GOG - Zirkelbrief " , „Anzeiger der Notverwaltung des Deutschen Ostens") vor?
Welche verfassungsschutzrelevanten Erkenntnisse liegen der Bundesregierung über die Rezeption dieses Buches in folgenden Medien vor, die von der extremen Rechten genutzt werden: Internet („Thule-Netz" etc.), Ansagen der „Nationalen Info Telefone"?
Ist der Bundesregierung bekannt, welche rechtsextremen Organisationen und Parteien im Zusammenhang mit dem Erscheinen des Buchs von Daniel Goldhagen Aktivitäten in Form von Veranstaltungen, Gegenveranstaltungen, Protestaktionen etc. initiiert haben?
Wie viele antisemitische Straftaten hat es in diesem Zusammenhang gegeben?
Beabsichtigt die Bundeszentrale für politische Bildung, ein bestimmtes Kontingent dieses Buches aufzukaufen?
Wenn ja, in welchem Umfang?
Wenn nein, wieso nicht?