Volltext (unformatiert)
[Deutscher Bundestag
12. Wahlperiode
Drucksache 12/272
15.03.91
Sachgebiet 7401
Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage des Abgeordneten Poppe und Abgeordneten
von BÜNDNIS 90/GRÜNE
— Drucksache 12/124 —
Wirtschaftliche Beziehungen mit der Volksrepublik China
Die meisten Staaten haben ihre Sanktionen, die sie nach dem Massaker
im Juni 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens gegen China
verhängt hatten, wieder aufgehoben oder doch weitgehend gelockert. Im
Oktober 1990 wurde der im Deutschen Bundestag einstimmig gefaßte
Sanktionsbeschluß gegen die Volksrepublik China mit den Stimmen der
Koalitionsmehrheit aufgehoben. Dies, obwohl die Verfolgungen,
Verhaftungen und Verurteilungen von Mitgliedern der chinesischen
Demokratiebewegung weiterhin andauern.
1. Nach Wiederaufnahme der entwicklungspolitischen
Zusammenarbeit sowie der staatlichen Kapitalhilfe im Rahmen der
Entwicklungspolitik im Oktober 1990:
Welche Projekte wurden und werden in welcher Art und Weise und
in welcher Höhe finanziert bzw. bezuschußt?
Welche Kredite wurden oder werden gegeben oder sind geplant?
Sind von der Volksrepublik China Kredite beantragt worden?
Welche Kriterien legt die Bundesregierung für die Vergabe von
Projekten und Kapitalhilfen zugrunde?
Auf der Basis des Beschlusses des Deutschen Bundestages vom
30. Oktober 1990 wurde bei den deutsch-chinesischen
Regierungsverhandlungen im Dezember 1990 zugesagt, die in der
Anlage genannten Projekte zu unterstützen.
Die Mittel der Technischen Zusammenarbeit werden als Zuschuß,
die Mittel der Finanziellen Zusammenarbeit in der Regel als
zinsgünstige Darlehen (Konditionen: 0,75 Prozent Zinsen, Laufzeit
vierzig Jahre bei zehn Freijahren) gewährt. Für die FZ-Projekte
Müllentsorgung Peking und Aufforstung wird geprüft, ob die
Förderung auf Zuschußbasis erfolgen kann.
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Parlamentarischen Staatssekretärs beim
Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit vom 14. März 1991 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich — in kleinerer Schrifttype — den Fragetext.
2. Aufgrund eines Auftrages des Bundesministeriums für wirtschaft
-liche Zusammenarbeit (BMZ) vom 15. August 1989 wurden 1989 von
der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ)
in der Volksrepublik China 34 Vorhaben ganz oder eingeschränkt
fortgeführt, wovon 22 noch 1989 beendet und 14 nicht weiter
vorbereitet werden sollten.
Hat die GTZ über die o. g. Vorhaben hinaus ihre Zusammenarbeit
mit der Volksrepublik China wiederaufgenommen?
Wenn ja, um welche Vorhaben handelt es sich, und welche Kriterien
waren für die Entscheidung maßgebend?
Der Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit hat die
GTZ beauftragt, die nach der Niederschlagung der
Demokratiebewegung im Juni 1989 zurückgestellte Umsetzung von
Mittelzusagen der Technischen Zusammenarbeit sowie die in der Anlage
aufgeführten Neuzusagen des Jahres 1990 zu überprüfen.
Der Entscheidung des Bundesministers für wirtschaftliche
Zusammenarbeit über die Realisierung dieser Maßnahme werden die
entwicklungspolitischen Kriterien des Beschlusses des Deutschen
Bundestages vom 30. Oktober 1990 zugrunde gelegt.
3. Weiß die Bundesregierung, ob es seitens der Deutschen
Finanzierungsgesellschaft für Beteiligungen in Entwicklungsländern GmbH
(DEG) 1990 oder 1991 Zusagen an die Volksrepublik China gegeben
hat oder ob es solche geben wird?
Nach welchen Kriterien richten sich die Zusagen?
Nach dem Beschluß des Deutschen Bundestages vom 15. Juni
1989 hat die DEG — Deutsche Investitions- und
Entwicklungsgesellschaft mbH — keine Neuzusage an Projektgesellschaften in der
Volksrepublik China erteilt.
Nach dem Beschluß des Deutschen Bundestages vom 30. Oktober
1990 kann es im laufenden Jahr Neuzusagen geben. Derartige
Projekte müßten rentabel, umweltverträglich sowie
entwicklungspolitisch sinnvoll sein.
4. Wurden seit Aufhebung des Sanktionsbeschlusses gegen die
Volksrepublik China im Oktober 1990 Hermes-Bürgschaften gewährt?
Wenn ja, in welcher Höhe und für welche Projekte?
Vom 31. Oktober 1990 bis 26. Februar 1991 wurden Hermes-
Bürgschaften für Einzelgeschäfte in Höhe von 368 Mio. DM
übernommen.
Informationen über im Einzelfall übernommene
Ausfuhrgewährleistungen des Bundes zum Projekt bzw. Deckungsnehmer dürfen
nach § 30 VwVfG wegen des gebotenen Schutzes von Betriebs-
und Geschäftsgeheimnissen antragstellender deutscher Firmen
nicht offenbart werden. Der Weitergabe solcher Einzeldaten
stehen zudem datenschutz- und zivilrechtliche Gründe entgegen.
5. Wurden vor Aufhebung des Sanktionsbeschlusses gegen die
Volksrepublik China im Oktober 1990 (d. h. zwischen Juni 1989 und
Oktober 1990) Hermes-Bürgschaften gewährt?
Wenn ja, in welcher Höhe und für welche Projekte, und mit welcher
Begründung?
Ja, und zwar in einer Gesamthöhe von 159 Mio. DM.
Sofort nach Niederschlagung der Demokratiebewegung in der VR
China im Juni 1989 hat der Interministerielle Ausschuß für
Ausfuhrgarantien und Ausfuhrbürgschaften keine positiven
Entscheidungen über Ausfuhrbürgschaftsanträge mehr getroffen und im
August 1989 die Deckungsmöglichkeit für noch nicht
entschiedene Anträge auch formell aufgehoben. Die dennoch
übernommenen Deckungen beruhen auf vor Juni 1989 eingegangenen
rechtlichen Verpflichtungen des Bundes.
6. Hat die Bundesregierung Erkenntnisse über das Verhalten
nichtstaatlicher Entwicklungsgeber hinsichtlich durchgeführter oder
geplanter Projekte seit Anfang 1990?
Die politischen Stiftungen haben im Jahr 1990 nur ihre laufenden
Vorhaben fortgeführt. Neue Vorhaben wurden nicht begonnen.
Aus den zur Förderung entwicklungswichtiger Vorhaben der
Kirchen in Entwicklungsländern zur Verfügung stehenden Mitteln
wurde 1990 ein Vorhaben „Wiederaufbau ländlicher
Gesundheitseinrichtungen" gefördert.
Über das Verhalten anderer nichtstaatlicher
Entwicklungshilfegeber liegen der Bundesregierung keine Erkenntnisse vor.
Anlage
Technische Zusammenarbeit (TZ)
Aufstockungen
- Feuerungstechnik für konventionelle thermische Kraftwerke
Verringerung der Umweltbelastung sowie Erhöhung der Lebensdauer bis zu 4,4 Mio. DM
- Mehrzweckgebäude
Deckung des Raumbedarfs verschiedener deutsch-chinesischer
Kooperationsprojekte bis zu 23,9 Mio. DM
- Lederfabrik Lhasa/Tibet
Ledererzeugung und -verarbeitung bis zu 5,0 Mio. DM
- AFZ Tianjin
Berufliche Bildung bis zu 10,0 Mio. DM
- Ausbildungszentrum für Schweißtechnik Harbin bis zu 4,0 Mio. DM
- Werkzeug- und Formenbau Chengdu
Berufliche Bildung bis zu 4,0 Mio. DM
- Berufsbildung (ZIBB/RIBBs)
Aufbau eines zentralen und zweier regionaler Ins titute für Berufs
-
bildung zur Einführung von Komponenten der dualen Berufsbildung bis zu 11,0 Mio. DM
- Hafenverwaltung Shanghai
Beratung sowie Materialien für Beratung, Ausbildung und Prüfzwecke bis zu 3,4 Mio. DM
- Ausbildungszentrum Staatliche Planungskommission
Fortbildung von Führungskräften auf dem Gebiet der Makrosteuerung
in marktwirtschaftlichem System
Kostensteigerung bei laufender Phase bis zu 1,2 Mio. DM
- Ausbildungszentrum für die deutsche Sprache
Kostensteigerung bei laufender Phase bis zu 0,2 Mio. DM
- Schnellwachsende Hölzer
im Rahmen eines Aufforstungsprogramms bis zu 0,4 Mio. DM
- Zentrum für Schadensanalyse von Maschinenbauteilen
Prüfzentrum zur Qualitätsverbesserung bis zu 0,5 Mio. DM
Neues Projekt
- Kashmirverarbeitung Lhasa/Tibet
Verringerung von Schadstoffemissionen bis zu 5,0 Mio. DM
73,0 Mio. DM*)
*) Davon 8 Mio. DM im Vorgriff auf die Zusage 1991.
noch Anlage
Finanzielle Zusammenarbeit (FZ)
— Wiederaufbauhilfe Quinghai
Materialhilfe nach Erdbebenschäden, bereits im Vorgriff zur Verfügung
gestellt bis zu 5 Mio. DM
— Textilfabriken Anhui
Modernisierung der Textil- und Garnproduktion zur Beseitigung
bestehender Umweltbelastungen bis zu 50 Mio. DM
— Müllentsorgung Peking
Errichtung einer Mülldeponie, einer Müllumladestation und von zwei
Kompostieranlagen bis zu 36 Mio. DM
— Aufforstung
insgesamt 46 000 ha in der Autonomen Region Xinjiang und der Provinz
Shaanxi bis zu 24 Mio. DM
— Rehabilitierung thermischer Kraftwerke I
Programm zur Schadstoffverringerung und Verbesserung der
Energieausnutzung bis zu 105 Mio. DM
zusammen 220 Mio. DM]