Volltext (unformatiert)
[Deutscher Bundestag Drucksache 16/9179
16. Wahlperiode 13. 05. 2008 Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Patrick Meinhardt, Uwe Barth, Cornelia
Pieper, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP
– Drucksache 16/8952 –
Systematisches Bildungsmarketing – Berufliche Bildungsdienstleistung
als Exportartikel
Vo r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Die auf dem dualen System beruhende berufliche Bildung ist ein deutsches
Erfolgsmodell, an dem ein zunehmendes internationales Interesse besteht.
Kein Wunder: Garantiert das duale System Qualifikation auf allerhöchstem
Niveau bei gleichzeitiger Verankerung in der beruflichen Praxis. So gelingt es
dem dualen System, Ausbildungsinhalte stets auf dem neusten Stand der
technischen Entwicklung zu halten. Auch der Übergang in ein reguläres
Beschäftigungsverhältnis fällt jungen Absolventinnen und Absolventen einer
betrieblichen Ausbildung verhältnismäßig leicht – zumindest im Vergleich mit
Ländern, in denen rein schulische Ausbildungen dominieren. Dementsprechend
liegt die Jugendarbeitslosigkeit in Finnland (20,1 Prozent) oder Schweden
(22,6 Prozent) deutlich über dem deutschen Niveau von 14,8 Prozent (vgl.
Statistisches Amt der Europäischen Gemeinschaften, Dezember 2006).
Insbesondere die dynamisch wachsenden Schwellenländer, häufig durch den
suboptimalen Ausbildungsstand der eigenen Arbeiter im Wachstum gehemmt,
sind daran interessiert, vergleichbare Ausbildungs- und
Qualifizierungsstrukturen aufzubauen. Dementsprechend äußerte Indiens Arbeitsminister Oscar
Fernandes, Indien müsse jährlich zehn Millionen Menschen beruflich
qualifizieren, um vom Prozess der Globalisierung profitieren zu können. Dies sei nur
durch die Schaffung berufsbildender Infrastruktur möglich (vgl.
Confederation of Indian Industry/Business Wire India, Dezember 2007).
Es stellt sich die Frage, inwiefern die deutschen Bildungsdienstleister vom
expandierenden internationalen Bildungsmarkt profitieren und auf welche
Strukturen sie zu diesem Zwecke zurückgreifen können. Eine professionelle
Unterstützung der Tätigkeit, wie sie beispielsweise von der britischen „City &
Guilds“ geboten wird, wäre unter Umständen eine wertvolle Bereicherung.
Diese Organisation versteht sich als Wegbereiter, ist eine berufliche Bildungs-
Dachorganisation mit 8 500 Partnereinrichtungen in 100 Ländern.
Doch stattdessen werden seitens privater Bildungsträger immer wieder
Vorwürfe laut, dass staatliche Einrichtungen der deutschen Entwicklungshilfe und Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für Bildung und Forschung vom
9. Mai 2008 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
Drucksache 16/9179 – 2 – Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiodewirtschaftlicher Zusammenarbeit zunehmend als Konkurrenten auf dem
internationalen Bildungsmarkt auftreten. Besonders problematisch erscheinen
diese Vorhaben, wenn die betreffenden staatlichen Organisationen nur über
unzureichende Erfahrungswerte im Bereich der beruflichen Bildung verfügen
und unkoordiniert auf den internationalen Markt vordringen.
1. Inwiefern erkennt die Bundesregierung ein gesamtstaatliches Interesse
Deutschlands sowie auch deutscher Unternehmen mit internationaler
Anbindung, die auf dem dualen System beruhende deutsche Berufsbildung
global zu vermarkten und für die (kommerziell ausgerichtete) Übernahme
dieses Modells zu werben?
Um der besonderen strategischen Bedeutung der beruflichen Aus- und
Weiterbildung im internationalen Wettbewerb Rechnung zu tragen, hat das BMBF im
November 2001 die Initiative iMOVE (International Marketing of Vocational
Education) gegründet. Angesiedelt beim Bundesinstitut für Berufsbildung
(BIBB), steht diese Servicestelle unter der Fachaufsicht des BMBF. iMOVE
unterstützt deutsche Anbieter von beruflicher Aus- und Weiterbildung bei der
Erschließung internationaler Märkte. Dabei steht unternehmerisches, also
kommerzielles Engagement der Anbieter im Vordergrund. Darüber hinaus wirbt
iMOVE im Ausland für deutsche Kompetenz in der beruflichen Aus- und
Weiterbildung.
2. Welche Anhaltspunkte finden sich dafür, dass die bisherigen
Anstrengungen der Bundesregierung als ausreichend anzusehen wären?
Die bisherigen Aktionen der Bundesregierung haben bereits zu einer
beträchtlichen Ausweitung des Engagements deutscher Bildungsanbieter geführt. Dies
wird u. a. durch folgende Zahlen unterstrichen:
Der Anteil der deutschen Anbieter von Aus- und Weiterbildung, die
international tätig sind, an der Gesamtzahl der deutschen Anbieter betrug nach einer
Studie, die im Auftrag des BMBF 2002 veröffentlicht wurde, rund 9 Prozent. Nach
einer FAZ-Studie vom Oktober 2007 wird dieser Anteil auf 14 Prozent
geschätzt mit einer prognostizierten Steigerung auf 19 Prozent in 2010.
3. Gibt es eine Gesamtstrategie der Bundesregierung, um deutsche berufliche
Bildungsmodelle und -konzepte systematisch im Ausland zu vermarkten?
Wenn ja, wie gestalten sich diese?
Die Strategie der Bundesregierung zur internationalen Vermarktung deutscher
beruflicher Bildungsmodelle und -konzepte umfasst Aktivitäten auf folgenden
Ebenen: Internationalisierung und Export von Bildungsdienstleistungen,
Beratung beim Auf- und Ausbau beruflicher Bildungssysteme sowie bilaterale
Zusammenarbeit auf Regierungsebene und politische Flankierung.
4. Inwiefern findet eine Zusammenarbeit der Bundesministerien,
insbesondere des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), des
Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie, des
Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und
des Auswärtigen Amts statt, um die Anstrengungen im Bereich des
internationalen Bildungsmarketings im Bereich der beruflichen Bildung zu
systematisieren?
Es findet eine enge Kooperation zwischen dem federführenden BMBF und den
weiteren genannten Ressorts statt. Beispiele dafür sind die regelmäßige Beteili-
Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 3 – Drucksache 16/9179gung des BMBF im Rahmen der Gemischten Wirtschaftskommissionen des
BMWi sowie die enge Zusammenarbeit von BMBF/iMOVE mit den deutschen
Auslandshandelskammern (AHKn) und weiterhin die vom BMZ und BMBF
gemeinschaftlich ins Leben gerufene Initiative „edvance“ (s. Frage 10). Eine
Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt findet im Zusammenhang mit
Delegationsreisen und Kooperationsbörsen im Ausland statt.
5. Welche Aufgaben im Hinblick auf die Vermarktung von beruflichen
Bildungsdienstleistungen wurden der InWEnt gGmbH in diesem
Zusammenhang seitens der Bundesministerien übertragen?
InWEnt ist eine mehrheitlich bundeseigene Durchführungsorganisation, die
sich mit der Umsetzung konkreter Kooperationsvorhaben u. a im Bereich der
internationalen Bildungszusammenarbeit auftragsbezogen auseinandersetzt.
Die Vermarktung beruflicher Bildungsdienstleistungen steht nicht im
Vordergrund des Aufgabenspektrums von InWEnt. Im Rahmen der konzertierten
Initiative „edvance“ soll die „Markenbildung deutscher Berufsbildung“ befördert
werden. Ziel der Initiative „edvance“ ist es, den deutschen Akteuren im Bereich
berufliche Bildung durch einen einheitlichen Auftritt unter dem gemeinsamen
Markendach bessere Chancen auf den internationalen Bildungsmärkten zu
verschaffen. Diese konzertierte Initiative von BMBF und BMZ wird vom
Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), der GTZ und InWEnt umgesetzt.
6. Wodurch zeichnet sich die Expertise der seit 2002 existierenden InWEnt
gGmbH, vor allem im Bereich der beruflichen Bildung aus?
InWEnt verfügt nicht zuletzt aufgrund der Erfahrungen ihrer
Vorgängerorganisationen auch im Bereich der internationalen Berufsbildung über
Durchführungserfahrungen von weit mehr als 50 Jahren. Sie greift hierbei auf
internationale fachliche Netzwerke ebenso zurück wie auf die Kompetenzen
deutscher Fachpartner. InWEnt unterstützt durch ein breites Instrumentarium des
Capacity Building die Reform von Berufsbildungssystemen, -strukturen und
-angeboten in Entwicklungs- und Transformationsländern.
7. Inwiefern ist sichergestellt, dass staatlich finanzierte Organisationen wie
die InWEnt gGmbH oder die GTZ International nicht als Konkurrenten zu
nationalen privaten Bildungsdienstleistern auftreten?
InWEnt unterliegt als öffentliche Auftraggeberin dem Wettbewerbsrecht der
EU und ist von daher gesetzlich gehalten, Wettbewerb herzustellen und damit
gerade privaten Anbietern den gebotenen unternehmerischen
Handlungsspielraum zu eröffnen. GTZ und GTZ International arbeiten eng mit der
Consultingwirtschaft zusammen. Ein Großteil der Aufträge des BMZ an GTZ und von
GTZ International werden an Consultingfirmen (CF) vergeben. Für den
gemeinnützigen Bereich gibt es hierfür ein standardisiertes Verfahren zur
Einschätzung der Vergabefähigkeit von Aufträgen (Vergabedokumentation) und
ein Wettbewerbs- und Vergabeverfahren, das europäischen Standards
entspricht.
8. Welche Rolle spielt die Initiative „iMOVE“ des BMBF mit Blick auf eine
Gesamtstrategie zur Vermarktung von deutschen Bildungsmodellen,
insbesondere im Bereich der beruflichen Bildung?
iMOVE ist Anlaufstelle für deutsche Bildungsdienstleister und unterstützt diese
durch Information und Beratung in Fragen der Internationalisierung. Im Rah-
Drucksache 16/9179 – 4 – Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiodemen von Delegationsreisen, Messeauftritten oder Workshops in strategischen
Märkten erleichtert iMOVE deutschen Bildungsanbietern die Anbahnung von
Kontakten und Kooperationen zu potenziellen ausländischen Partnern und
Kunden und übernimmt eine wichtige Türöffnerfunktion, die ohne den Aufbau und
die Pflege von Kontakten zu Entscheidungsträgern aus Politik und Wirtschaft
nicht möglich wäre. iMOVE ist ebenso Anlaufstelle für ausländische
Nachfrager nach beruflichen Bildungsdienstleistungen „made in Germany“ und betreibt
eine öffentlich einsehbare Weiterbildungsdatenbank, welche die Profile
deutscher Anbieter beruflicher Aus- und Weiterbildung mit Trainingsprogrammen
für den internationalen Markt enthält. Vor dem Hintergrund der dargestellten
Aufgaben und Aktivitäten nimmt iMOVE eine wichtige
Koordinierungsfunktion im Rahmen der Aktivitäten der Bundesregierung zur internationalen
Vermarktung von Bildungsdienstleistungen im Bereich der beruflichen Aus- und
Weiterbildung ein.
9. Über welche Ressourcen und personellen Kapazitäten verfügt die
Initiative „iMOVE“, um sich den stellenden Aufgaben effektiv annehmen zu
können?
iMOVE verfügt über ein Team von derzeit sieben Personen, welche über
projektgebundene Zuweisungen aus dem Haushalt des BMBF finanziert werden.
10. Welche Rolle soll der Initiative „edvance“ des BMZ und des BMBF im
Unterschied zur Initiative „iMOVE“ zugeordnet werden?
„edvance“ als Gemeinschaftsinitiative von BMZ und BMBF dient einer
verbesserten Abstimmung der staatlich finanzierten, im Bereich der internationalen
Berufsbildungszusammenarbeit tätigen Organisationen BIBB, GTZ, InWEnt
mit dem Ziel eines koordinierten Auftretens auf internationalen Märkten. Im
Sinne einer gemeinsamen Identität und eines damit verbundenen einheitlichen
Auftretens soll „edvance“ deutschen öffentlichen Akteuren der beruflichen
Bildung bessere Chancen auf internationalen Bildungsmärkten verschaffen. Im
Bereich der Entwicklungszusammenarbeit soll „edvance“ die Sichtbarkeit des
deutschen Beitrages erhöhen. iMOVE unterstützt die Internationalisierung und
den Export deutscher Bildungsdienstleistungen schwerpunktmäßig unter
unternehmerisch-kommerziellen Gesichtpunkten.
11. Inwiefern berücksichtigt die Strategie der Bundesregierung zum
internationalen Bildungsmarketing (sofern vorhanden) das bereits existierende
Angebot deutscher Bildungsdienstleister?
Wie werden diese mit eingebunden?
Die Vermarktung bereits existierender Angebote bzw. deren lokale Adaptierung
ist ein wichtiger Bestandteil der Strategie der Bundesregierung zum
internationalen Bildungsmarketing. Das iMOVE-Serviceangebot (z. B. Marktstudien,
Seminare, Workshops, Delegationsreisen, Messebeteiligungen,
Informationsportal, fremdsprachige Weiterbildungsdatenbank) zielt darauf ab, die
Internationalität deutscher Bildungsanbieter zu unterstützten.Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co., Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlagsgesellschaft mbH, Amsterdamer Str. 192, 50735 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Telefax (02 21) 97 66 83 44
ISSN 0722-8333]