Volltext (unformatiert)
[Deutscher Bundestag
12. Wahlperiode
Drucksache 12/912
08.07.91
Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Ulla Jelpke und der Gruppe der
PDS/Linke Liste
— Drucksache 12/776 —
Anzeige des Arun-Verlages in der Wochenzeitung „Das Parlament"
In der Ausgabe „Das Parlament" vom 7. Juni 1991 erscheint auf Seite 13
eine Anzeige des Arun-Verlages, mit der er für sein Buch
„Multikultopia" und dessen Autoren und Autorinnen wirbt. In diesem Buch werden
u. a. Beiträge veröffentlicht von der Mitarbeiterin der Ausländer/
Ausländerinnenbeauftragten der Bundesregierung Dr. Beate Winkler sowie
des CDU-Bundestagsabgeordneten Dr. Heiner Geißler. In dem Buch,
das von der Zeitung „Das Parlament" angeboten wird, schreiben u. a. so
bekannte Neofaschisten wie Alain de Benoist, Rolf Kosiek, Robert
Steukers und Markus Bauer (vgl. den Sozialdemokratischen Pressedienst
„Blick nach rechts" vom 3. Juni 1991). Die Wochenzeitung „Das
Parlament" wird von der Bundeszentrale für politische Bildung
herausgegeben und erhält Mittel aus dem Etat des Bundesministeriums des Innern.
1. Ist der Bundesregierung bekannt, daß der Herausgeber des
genannten Buches, Stefan Ulb rich, ehemaliger bayerischer Funk
-
tionär der rechtsextremistischen „Wiking-Jugend" war?
Ulbrichs frühere Aktivitäten für die „Wiking-Jugend" (WJ) sind
bekannt. Er trat eigenen Angaben zufolge am 20. August 1984 aus
der WJ aus.
2. Ist der Bundesregierung bekannt, daß Ulbrich unter dem
Firmennamen „pyramid media" Veranstaltungen mit Pierre Krebs, dem
Leiter des in Kassel ansässigen rechtsextremistischen Zentrums
„Thule-Seminar" organisiert hat?
Nein. Bekannt ist hingegen, daß Pierre Krebs gelegentlich auf
Veranstaltungen der „pyramid media" aufgetreten ist.
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministers des Innern vom 4. Juli 1991
übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich — in kleinerer Schrifttype — den Fragetext.
3. Ist der Bundesregierung bekannt, daß das „Thule-Seminar" die
bundesrepublikanische Entsprechung der französischen
Denkfabrik der „Neuen Rechten", GRECE, ist?
Ist der Bundesregierung bekannt, daß der Leiter der GRECE, Alain
de Benoist, ebenfa lls in dem obengenannten Buch publiziert hat?
Der Vorsitzende des „Thule-Seminars", Pierre Krebs, ist ein
Anhänger der Kultur- und Systemphilosophie der von dem
französischen Publizisten Alain de Benoist angeführten „Neuen Rechten"
und ihrer französischen Kernorganisation „Groupement de
Recherches et d'Etudes pour la Civilisa tion Européene" (G.R.E.C.E.).
Er bemüht sich, deren Ideen in Deutschland zu verbreiten.
Über einen Beitrag von Alain de Benoist in dem Buch
„Multikultopia" war hier zunächst nichts bekannt.
4. Ist der Bundesregierung bekannt, daß Marcus Bauer (ehemaliges
Mitglied der REP und jetziges Mitglied der „Deutschen Allianz/
Vereinigte Rechte" in Köln) regelmäßig als Autor in
rechtsextremistischen Zeitungen wie „Europa vorn" oder „Wir selbst" publiziert?
Hierüber liegen der Bundesregierung keine Informationen vor.
Tatsächliche Anhaltspunkte für Bestrebungen der genannten
Zeitschriften im Sinne der §§ 3, 4 BVerfSchG sind nicht bekannt.
Eine systematische Auswertung durch den Verfassungsschutz
kommt deshalb aus rechtlichen Gründen nicht in Betracht.
5. Hat die Bundesregierung Kenntnis davon, daß Robe rt Steuckers,
Autor in dem obengenannten Buch, Leiter der belgischen Abteilung
der ,neurechten' GRECE und zugleich Herausgaber der
Zeitschriften „Orientations" und „Vouloir" ist?
Robert Steuckers ist hier als der führende Vertreter der „Neuen
Rechten" in Belgien und als Herausgeber der Schriften
„Orientations" und „Vouloir" bekannt.
6. Welche Informationen hat die Bundesregierung über die
Referententätigkeit des Herrn Steuckers bei unterschiedlichen
rechtsextremistischen Gruppen in Westeuropa?
Ist der Bundesregierung darüber hinaus bekannt, ob der Herr
Steuckers auch in militanten neonazistischen Gruppierungen
auftritt und wenn ja, in welchen?
Der Bundesregierung ist bekannt, daß Robert Steuckers einer
Meldung in der britischen Presse zufolge am 26. Oktober 1985 auf
einer Veranstaltung der „Neuen Rechten" in London zum Thema
„Ein dritter Weg für Europa" gesprochen hat.
Über eine Teilnahme Steuckers an Veranstaltungen militanter
neonazistischer Gruppierungen liegen keine Erkenntnisse vor.
7. Ist der Bundesregierung bekannt, daß der Autor des
obengenannten Buches Rolf Kosiek ehemaliger NPD-Landtagsabgeordneter
und ehemaliges NPD-Parteivorstandsmitglied war und nun beim
rechtsextremistischen „Grabert-Verlag" als Lektor tätig ist?
Ja.
8. Ist der Bundesregierung bekannt, daß in einem Werbeprospekt des
Arun-Verlages für das obengenannte Buch der Rechtsextremist
Jürgen Rieger wie folgt zitiert wird: „Wir werden hier Rassenkriege
bekommen, die ungeahnt sind. Da täusche m an sich nicht. Noch
lecken die Deutschen den Ausländern die Füße ab, irgendwann
aber sitzen sie ihnen an der Kehle. Ich möchte das nicht, aber es
wird kommen, weil die Ausländerzahl hier laufend zunimmt. Dann
passiert mit den Ausländern, was mit Juden und Zigeunern passiert
ist. "?
Nein.
9. Ist der Bundesregierung bekannt, daß sich Rieger der
„Nationalistischen Front" angeschlossen hat?
Nein.
10. Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung über den Arun-Verlag
und sein publizistisches Programm?
Es wird auf die Antwort zu Frage 4 verwiesen.
11. Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung über die
Verbindungen des Arun-Verlages in das rechtsextremistische Lager in der
Bundesrepublik Deutschland und in anderen Länder?
Es wird auf die Antwort zu Frage 4 verwiesen.
12. Ist der Bundesregierung bekannt, daß die Mitarbeiterin der
Ausländerbeauftragten der Bundesregierung in dem obengenannten Buch
etwas veröffentlicht hat?
13. Ist die Veröffentlichung dieses Beitrages in dem obengenannten
Buch in der Bundesregierung abgesprochen worden?
14. Wie bewertet die Bundesregierung diese Form der publizistischen
Zusammenarbeit?
Zu diesem Fragenkomplex nimmt die Beauftragte der
Bundesregierung für die Integration der Ausländischen Arbeitnehmer
und ihrer Familienangehörigen wie folgt Stellung:
„Es besteht keine Form der publizistischen Zusammenarbeit mit
dem Arun-Verlag. Zu der Veröffentlichung des Beitrages ist es
wie folgt gekommen:
— Das Thesenpapier für die Arbeitsgruppe ,Kulturpolitik für eine
multikulturelle Gesellschaft' bei einer Tagung der
Evangelischen Akademie Loccum vom 19. bis 21. August 1990 war dort
unter den Teilnehmern und an die Presse öffentlich verteilt
worden.
Kernaussagen dieses Papiers sind u. a.:
,Kulturpolitik für eine multikulturelle Gesellschaft verbietet es,
eine gesellschaftliche Gruppe, eine Minderheit, eine einzelne
Person abzuwerten und auszugrenzen. Dort, wo Identität und
Selbstwertgefühl nur dadurch entstehen, daß eine Gruppe oder
Person abgewertet und die eigene Gruppe oder Person
aufgewertet werden, gibt es letztlich keine Grenzen mehr, bis hin zur
Vernichtung der anderen.'
— Dieses Thesenpapier fand in Loccum breite Zustimmung und
wurde in der Folge mehrfach abgedruckt. Im Januar 1991
fragte der hier nicht bekannte Arun-Verlag an, ob er diese
Thesen in ein geplantes Buch zum Thema ,Multikulturelle
Gesellschaft' übernehmen könne. Da als Autoren neben einer
Reihe hier nicht bekannter Personen auch der frühere
Bundesminister Dr. Geißler und die frühere Berliner Senatorin Dr.
Anke Martiny — beide unter Hinweis auf ihre Mitgliedschaft im
jeweiligen Parteivorstand — genannt waren, wurde die
Erlaubnis erteilt, die Thesen in das Buch aufnehmen zu dürfen. Erst
Monate später sind Informationen über den Verlag und dessen
Leiter bekanntgeworden, die auch deren politische Zuordnung
betreffen. Dem Verlag ist mitgeteilt worden, daß er die Thesen
in einer zweiten Auflage nicht mehr abdrucken darf, daß
darüber hinaus das Honorar der ,Informationsstelle für NS-
Verfolgte' in Köln zugewendet wird. "
Die Bundesregierung sieht keinen Anlaß, sich darüber hinaus zu
der Angelegenheit zu äußern.
15. Wie teuer war die Anzeige des Arun-Verlages in der
Wochenzeitung „Das Parlament"?
Die Kosten für die Anzeige des Arun-Verlages betrugen 399 DM.
16. Gehört zum Konzept der politischen Bildungsarbeit der
Bundesregierung die Ablehnung des Zusammenlebens von Ausländer/
Ausländerinnen und Deutschen durch führende Rechtsextremisten
als „Utopia"?
Die Bundesregierung führt die geistig-politische
Auseinandersetzung mit dem gesamten Spektrum extremistischen
Gedankenguts.
17. Welche Konsequenzen gedenkt die Bundesregierung aus dieser
publizistischen Zusammenarbeit zu ziehen?
Es wird auf die Antwort zu den Fragen 12 bis 14 verwiesen.
Darüber hinaus denkt die Bundesregierung nicht daran, Presse-
und Literaturerzeugnisse zum Gegenstand einer „Regelanfrage"
beim Verfassungsschutz zu machen.
18. Teilt die Bundesregierung die Auffassung, daß eine offensive
geistig-politische Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus
nur durch Verurteilung und Abgrenzung zu führen ist?
Nein. Wesentliche Bestandteile einer offensiven geistig-
politischen Auseinandersetzung mit rechts- wie auch mit
linksextremistischem Gedankengut sind Aufklärung und Information.
Daran beteiligt sich die Bundesregierung mit Seminaren,
Berichten und Broschüren.]