Volltext (unformatiert)
[Deutscher Bundestag
12. Wahlperiode
Drucksache 12/1636
22.11.91
Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Ulla Jelpke und der Gruppe
der PDS/Linke Liste
— Drucksache 12/1382 —
Gemeinsame deutschlandpolitische Seminare der „Jungen Witikonen"
und des „Nationaleuropäischen Jugendwerkes"
Die Zeitung „DESG-inform" 6/91 berichtet darüber, daß das
„Nationaleuropäische Jugendwerk" (NEJ) zusammen mit den „Jungen
Witikonen" zwei deutschlandpolitische Wochenendseminare durchführte bzw.
durchführen will. Das eine fand bereits vom 5. bis 7. Juli 1991 in dem
Collegium Humanum statt. Das zweite deutschlandpolitische
Wochenendseminar soll vom 1. bis 3. November 1991 in Bad Kissingen
stattfinden. Das NEJ bezeichnet sich selber als „parteipolitisch und
konfessionell ungebunden und gemeinnützigen Zwecken dienend anerkannt".
Das NEJ gibt die Zeitung „Zeitenwende", früher „Europa", heraus.
Vorbemerkung
Das „Nationaleuropäische Jugendwerk" (NEJ), die „Jungen
Witikonen" sowie die genannten Publikationen „Zeitenwende" und
„Europa" bieten gegenwärtig keine Anhaltspunkte für das
Vorliegen von Bestrebungen im Sinne der §§ 3, 4
Bundesverfassungsschutzgesetz.
1. Was ist der Bundesregierung über das NEJ bekannt?
a) Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung über die
Zeitschrift „Zeitenwende" bzw. die ehemalige Zeitschrift „Europa"
vor?
b) Sind der Bundesregierung Rechtsextremisten bekannt, die in der
„Zeitenwende" bzw. der ehemaligen „Europa" publiziert haben?
c) Ist der Bundesregierung bekannt, daß in der „Zeitenwende" 4/90
von Martin Pabst der Faschismus wie folgt verherrlicht wurde:
„Entgegen linksgerichteter Geschichtsdarstellungen beinhaltete
die nationalsozialistische Machtergreifung ein gehöriges Maß an
revolutionärem Elan und antibürgerlichen Ressentiments. "?
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministers des Innern vom 21.
November 1991 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich — in kleinerer Schrifttype — den Fragetext.
d) Wieso taucht das NEJ und die Zeitschrift „Zeitenwende" nicht im
„Verfassungsschutzbericht" des Bundes auf?
Es wird auf die Vorbemerkung und hinsichtlich des NEJ
ergänzend auf die Antwort des Staatssekretärs Hans Neusel auf
die Frage der Abgeordneten Dr. Herta Däubler-Gmelin vom
26. November 1990, Drucksache 11/8513, verwiesen.
2. Welche Behörde hat über die Gemeinnützigkeit des NEJ
entschieden, und wie bewertet die Bundesregierung die Tatsache, daß das
NEJ als förderungswürdig anerkannt worden ist?
Für die Beurteilung steuerlicher Einzelfälle, also auch für die
Entscheidung über die Gemeinnützigkeit und die
Spendenempfangsberechtigung einer Körperschaft, sind nach der Verfassung
die Finanzbehörden der Länder zuständig. Der Bundesregierung
ist nicht bekannt, ob und ggf. aus welchen Gründen das NEJ von
dem örtlich zuständigen Finanzamt als gemeinnützig behandelt
wird und — wegen der Förderung allgemein als besonders
förderungswürdig anerkannter gemeinnütziger Zwecke — steuerlich
abziehbare Spenden erhalten kann.
Außerdem kann sie sich wegen des Steuergeheimnisses (§ 30 der
Abgabenordnung) grundsätzlich auch nicht zu der steuerlichen
Behandlung einer bestimmten Körperschaft äußern.
3. Zu welchen rechtsextremen Organisationen und
Publikationsorganen unterhält das NEJ und die von ihr herausgegebene Zeitschrift
„Zeitenwende" bzw. „Europa" Kontakte?
Es wird auf die Vorbemerkung verwiesen.
4. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung über eine
rechtsextreme Durchsetzung der „Jungen Witikonen" vor?
Es wird auf die Vorbemerkung verwiesen.
5. Welche Versuche des Einwirkens von Rechtsextremisten und
rechtsextremen Organisationen sind der Bundesregierung auf die „Jungen
Witikonen" bekannt?
Es wird auf die Vorbemerkung und die Antwort der
Bundesregierung zu Frage 7 der Kleinen Anfrage der Abgeordneten Ulla
Jelpke und der Gruppe der PDS/Linke Liste vom 18. Mai 1991,
Drucksache 12/667, verwiesen.
6. Welche bekannten bundesdeutschen Rechtsextremisten haben bei
den „Jungen Witikonen" in den letzten zehn Jahren entscheidende
Funktionen ausgeübt?
Es wird auf die Vorbemerkung verwiesen.
7. Welche bundesdeutschen Rechtsextremisten haben in den letzten
zehn Jahren nach Kenntnis der Bundesregierung auf Tagungen der
„Jungen Witikonen" referiert?
Auf einer Regionaltagung der „Jungen Witikonen",
Landesverband Baden-Württemberg, vom 25. bis 27. Mai 1984 soll laut
Einladung des Witikobundes u. a. der Rechtsextremist Karl Baßler
referiert haben.
8. Werden die „Jungen Witikonen" von der Bundesregierung aus
Bundesmitteln, die eventuell über den Bund der Vertriebenen und der
Sudetendeutschen Landsmannschaft laufen, finanziell gefördert?
a) Wenn ja, in welcher Höhe haben sich die Zahlungen in den
letzten zehn Jahren gestaltet (bitte nach Jahren und ggf. Zweck
aufschlüsseln)?
b) Wurden Gelder für die beiden gemeinsamen
deutschlandpolitischen Wochenendseminare 1991 des NEJ und der „Jungen
Witikonen" beantragt und von der Bundesregierung bewilligt?
Der Witikobund e. V., dessen Jugendorganisation die „Jungen
Witikonen" sind, wurde nach § 96 BVFG im Rahmen der
kulturellen Breitenarbeit in den letzten zehn Jahren aus Bundesmitteln
wie folgt gefördert:
Jahr Projekt Bundes
-
zuwendung
1981 Förderunterlagen liegen nicht mehr vor
1982 Förderunterlagen liegen nicht mehr vor
1983 Kulturpolitische Tagung vom 21.-23.1.1983 5 640,00 DM
1984 Kulturpolitische Tagung vom 20.-22.1.1984 6 000,00 DM
1985 Kulturpolitische Tagung vom 11.-13.1.1985 5 506,50 DM
Kulturpolitisches Rahmenprogramm 1 500,00 DM
1986 Kulturpolitische Tagung vom 10.-12.1.1986 6 225,80 DM
Kulturpolitische Tagung vom 1 274,00 DM
24.-26.10.1986
1987 Kulturpolitische Tagung vom 9.-11.1.1987 7 573,87 DM
in Bad Kissingen
1988 Kulturpolitische Tagung vom 8.-10.1.1988 5 400,00 DM
Tagung der „Jungen Witikonen" vom 2 301,00 DM
18.11.1988
1989 Kulturpolitische Tagung vom 13.-15.1.1989 5 000,00 DM
in Waldkraiburg
Wochenendseminar „Junge Witikonen" 2 000,00 DM
vom 26.-28.5.1989
1990 Kulturpolitische Tagung vom 23.-25.3.1990 6 000,00 DM
in Uffenheim
Seminar „Junge Witikonen" vom 2 500,00 DM
29.6.-1.7.1990 in Bad Kissingen
1991 Kulturpolitische Tagung vom 11.-13.1.1991 8 000,00 DM
in Bensheim
Kulturtagung der „Jungen Witikonen" vom 2 000,00 DM
5.-7.7.1991 in Vlotho/Collegium Humanum
Jahrestreffen des Witikobundes vom 5 000,00 DM
4.-6.10.1991 in Bensheim
Bei den in der Kleinen Anfrage genannten beiden Terminen
handelt es sich offensichtlich nur um eine Veranstaltung. Die für
den Zeitraum 1. bis 3. November 1991 in Heiligenhof/Bad
Kissingen geplante Veranstaltung ist zeitlich und örtlich verlegt worden.
Sie fand vom 5. bis 7. Juli 1991 in Vlotho/Collegium Humanum
statt. Die Fördermittel werden auf Antrag allein dem Witikobund
e. V. bewilligt, der auch alleiniger Zuwendungsempfänger war.]