Volltext (unformatiert)
[Drucksache 12/3641
05.11.92
Deutscher Bundestag
12. Wahlperiode
Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Ulla Jelpke und der Gruppe
der PDS/Linke Liste
— Drucksache 12/3294 —
Der Verein für das Deutschtum im Ausland und der Einsatz von Bundesmitteln
zur Förderung deutscher Minderheiten in osteuropäischen Ländern
Der „Deutsche Ostdienst" (DOD) vom 8. Mai 1992 meldet, daß es gegen
die Politik des Vereins für das Deutschtum im Ausland (VDA) unter den
Deutschen der ehemaligen UdSSR starke Vorbehalte gibt. In einer
Resolution des zweiten außerordentlichen Kongresses der Deutschen der
ehemaligen UdSSR vom 22. März 1992 wird u. a. festgestellt: „Auf
verschiedenen Foren der Rußlanddeutschen ist wiederholt ernsthafte Kritik
an die Adresse des VDA gerichtet worden. Es wurde hervorgehoben,
daß diese Organisation die bevollmächtigten Strukturen unserer
Volksgruppe hartnäckig umgeht und deren Meinung nicht berücksichtigt."
Weiter wird in der Resolution angeführt, daß die Deutschen der
ehemaligen UdSSR bei der Vergabe und dem Einsatz der Mittel vom VDA nicht
befragt werden. Am Schluß der Resolution heißt es: „Der Kongreß
betrachtet die Versuche des VDA, die politische Entscheidung über die
Probleme der Rußlanddeutschen vorherzubestimmen, als grobe
Einmischung gegenüber der Willensäußerung unserer Volksgruppe im Prozeß
der inneren Angelegenheiten Rußlands. 1. Protest auszusprechen
gegenüber der Führung des VDA und der Regierung Deutschlands,
Vorschriften ergehen zu lassen, im Zusammenhang der
Handlungsweise, die Finanzierungs- und Koordinierungsaktivitäten dieser
Organisation betreffend. 2. Forderung, die Aktivitäten des VDA auf dem
Territorium der ehemaligen UdSSR bis zur Aufklärung der
vorgegebenen Sachlage und Beweggründe zu stoppen. 3. Ein Bittgesuch an den
Deutschen Bundestag zu richten, eine spezielle
Untersuchungskommission zu beauftragen, die Nutzung und Verwendung der Gelder
deutscher Steuerzahler durch den VDA zu analysieren. " (DOD, 8. Mai 1992)
Offenbar betrifft das dubiose Finanzgebaren des VDA nicht nur die
Deutschen der ehemaligen UdSSR. Auch die „parlamentarischen
Vertreter der deutschen Minderheit in Polen haben Bundesaußenminister
Kinkel gebeten, die finanziellen Hilfen für die Deutschen in Polen
künftig direkt" an entsprechende Einrichtungen in Polen zu überweisen
(General-Anzeiger, 31. Juli 1992). Hier soll es sich um ca. 20 Millionen
DM handeln, die z. T. über den Bund der Vertriebenen (BdV), den VDA,
die Caritas oder andere Einrichtungen fließen. Der „General-Anzeiger"
weiter: „Der Fraktionsvorsitzende der deutschen Minderheit im Sejm,
Heinrich Kroll, erklärte gestern, daß die bisherige Praxis erhebliche
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben der Staatsministerin im Auswärtigen Amt vom
2. November 1992 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich — in kleinerer Schrifttype — den Fragetext.
Reibungsverluste mit sich bringe. So würden von den Geldern
beispielsweise teure Expertisen erstellt, für deren Realisierung jedoch keine
Mittel vorhanden seien." Kroll: „Wir brauchen keine Vermittler."
(General-Anzeiger, 31. Juli 1992)
1. Ist der Bundesregierung die Resolution der Deutschen der
ehemaligen UdSSR bekannt, und wenn ja, welche Schritte hat die
Bundesregierung im einzelnen unternommen, um die gegen den VDA
erhobenen Vorwürfe zu prüfen, und zu welchen Ergebnissen ist sie
dabei gekommen?
Die Resolution ist der Bundesregierung bekannt. Zu den
pauschalen Vorwürfen gegen den VDA sind der Bundesregierung
nachprüfbare Tatbestände nicht unterbreitet worden.
Der Verein für das Deutschtum im Ausland e. V. (VDA) bemüht
sich um konstruktive Zusammenarbeit mit den verschiedenen
Interessenvertretungen der Rußlanddeutschen auf örtlicher und
überörtlicher Ebene. Aufgrund der erheblichen
Meinungsunterschiede, die zwischen den einzelnen Organisationen der Rußland
-
deutschen und vor allem auch innerhalb der größten Vereinigung,
der „Wiedergeburt", herrschen, bleibt indes gelegentliche Kritik
an einzelnen Maßnahmen nicht aus.
Im deutsch-russischen „Protokoll über die stufenweise
Wiederherstellung der Staatlichkeit der Rußlanddeutschen" vom 10. Juli
1992 ist vorgesehen, daß dessen Durchführung sowie die
Abstimmung gemeinsamer Vorhaben und Maßnahmen einer
deutschrussischen Regierungskommission obliegen, an der auf russischer
Seite auch Vertreter der Rußlanddeutschen beteiligt sind. Der in
der Resolution zum Ausdruck kommende Vorwurf an die
Bundesregierung, über die Köpfe der Betroffenen zu handeln, trifft also
nicht zu.
2. Welche Schritte hat die Bundesregierung unternommen, um die
Vorwürfe der parlamentarischen Vertreter der deutschen Minderheit
gegen den VDA, den BdV und andere Mittlerorganisationen in Polen
zu überprüfen, und zu welchen Ergebnissen ist sie dabei gelangt?
Die Bundesregierung vergibt aus haushaltsrechtlichen Gründen
Mittel zur Hilfe für die deutschen Minderheiten im östlichen
Europa im Wege der Projektförderung nur über die
Auslandsvertretungen oder über inländische Mittlerorganisationen. Dabei
greift sie auf Organisationen zurück, die mit den Gegebenheiten
vor Ort vertraut sind und die mit den Organisationen der
jeweiligen deutschen Minderheit eng zusammenarbeiten. Die
Gestaltung der Hilfe für Deutsche in Polen wurde noch am 6. Oktober
1992 im Bundesministerium des Innern mit den Vertretern der
deutschen Minderheit im polnischen Parlament, den betroffenen
Verbänden und den Mittlerorganisationen einvernehmlich
erörtert. Für die Zukunft wurde eine noch engere Zusammenarbeit
vereinbart.
3. Sind der Bundesregierung weitere Länder bekannt, in denen von
Vertretern der dortigen deutschen Minderheit Kritik am VDA
vorgetragen wird, und wenn ja, welche?
Der Bundesregierung ist Kritik aus anderen Ländern an der
Tätigkeit des VDA nicht bekannt.
4. Beabsichtigt die Bundesregierung, die Forderungen der Vertreter
der Deutschen in der ehemaligen UdSSR und in Polen umzusetzen,
und wenn ja, wie soll dies geschehen?
Auf die Antworten zu den Fragen 1 und 2 wird verwiesen.
Darüber hinaus sieht die Bundesregierung zur Zeit keinen
Handlungsbedarf. Die Bundesregierung wird auch in Zukunft bemüht
bleiben, alle Maßnahmen mit den Betroffenen soweit wie möglich
abzustimmen.
5. Seit wann wird der VDA aus Mitteln des Bundeshaushaltes
gefördert, und wie wurden diese Gelder im einzelnen eingesetzt (bitte
genau aufschlüsseln nach Jahr und Verwendungszweck)?
Der Bundesminister des Innern und das Auswärtige Amt arbeiten
bei der Hilfe für Deutsche seit 1990 mit dem VDA als
Mittlerorganisation zusammen, vor allem in der damaligen Sowjetunion und
ihren späteren Nachfolgestaaten. Dabei führt der VDA im Auftrag
des Bundesministers des Innern zahlreiche Projekte im
gemeinschaftsfördernden, sozialen und wirtschaftsbezogenen Bereich
und im Auftrag des Auswärtigen Amtes solche im kulturellen
Bereich zugunsten der deutschen Minderheit durch. Für die
Förderung von Projekten, an denen der VDA beteiligt war, hat das
Bundesministerium des Innern im Jahre 1990 ca. 37,1 Mio. DM, im
Jahre 1991 ca. 63,6 Mio. DM und im Jahre 1992 bisher ca.
13,4 Mio. DM aufgewandt. Das Auswärtige Amt hat dem VDA für
seine vom VDA betreuten Projekte 1991 2,018 Mio. DM und 1992
3,669 Mio. DM bewilligt. Die genannten Beträge enthalten einen
bei Projektförderung üblichen Verwaltungskostenanteil. Der VDA
wird von der Bundesregierung nicht institutionell gefördert.
In den Jahren zuvor sind — soweit aus den Akten feststellbar —
sporadisch einzelne Projekte des VDA bezuschußt worden (vgl.
Antwort zu Frage 5 e).
a) Wie viele Gelder aus Mitteln des Bundeshaushaltes flossen in den
letzten 15 Jahren in die Erstellung und den Vertrieb der Zeitung
des VDA, den „Globus"?
Die Verbandszeitung des VDA „Globus" erhält keine
institutionelle Förderung aus dem Bundeshaushalt.
Für Druck- und Versandkosten einer Sonderausgabe des
„Globus" zum Thema „Rumäniendeutsche zwischen Gehen und
Bleiben" wurden 1990 33 902,95 DM und 199142 532,50 DM sowie für
die Erstellung einer Sonderausgabe „UdSSR 1991 " 209 000 DM
aus Mitteln des Bundeshaushalts bewilligt.
b) Wie viele Gelder aus Bundesmitteln wurden in den letzten
15 Jahren für Verwaltungsausgaben des VDA verwandt?
Auf die Antwort zu Frage 5 wird Bezug genommen.
c) Wie viele Gelder aus Bundesmitteln flossen bisher in das
Zentralinstitut für Auswanderungsforschung des VDA?
Auf die Antwort zu Frage 5 wird Bezug genommen.
d) Wie viele Gelder aus Bundesmitteln wurden in den letzten
15 Jahren für Reisen von Vorstandsmitgliedern,
Verwaltungsratsmitgliedern und anderen Funktionären des VDA verwandt (bitte
genau nach Jahren aufschlüsseln)?
Soweit nach Aktenlage feststellbar, wurden vier Reisen in den
Jahren 1982, 1983, 1985 und 1989 als Projektmaßnahmen mit
insgesamt 10 300 DM gefördert. Im übrigen wird auf die Antwort
zu Frage 5 Bezug genommen.
e) Welche weiteren Mittel wurden wie in den letzten 15 Jahren
eingesetzt (bitte nach Jahren aufschlüsseln)?
Einzelne Projekte des VDA wurden wie folgt gefördert:
1981 Tätigkeitszuschuß zur 100-Jahr-Feier 10 000 DM
1983 Projektzuschuß für Studienvortragsreise
und Bundeskongreß 10 000 DM
Zuschuß für Versandkosten von Bücherspenden 6 000 DM
1984 Vorbereitung und Durchführung einer Tagung
zur Gründung eines Sommerabendschulverbandes
als Dachverband für die USA in New York 35 000 DM
1985 Studienvortragsreise und Ausrichtung
des VDA-Bundeskongresses 15 000 DM
1986 Lebensmittelhilfe für Deutsche in Rumänien 200 000 DM
1987 Druckkostenzuschuß für die Broschüre
„Deutsche in Rumänien" 10 000 DM
Projektförderung „Förderung der deutschen Sprache
in Filadelfia/Paraguay" 12 000 DM
Zuschuß für Schüler in der Kolonie Fernheim/
Paraguay 12 000 DM
1988 Erneuter Zuschuß für Schüler in der Kolonie
Fernheim/Paraguay 16 000 DM
1989 Zuschuß zum VDA-Kongreß der Deutschen
aus aller Welt 100 000 DM
1990 Aufenthalt einer Schülergruppe aus der UdSSR
in Deutschland 50 000 DM.
Vom früheren Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen
wurden nach Angaben des VDA deutschlandpolitische Seminare
in Berlin und an der innerdeutschen Grenze für Schüler deutscher
Schulen aus dem südlichen Afrika, Chile, Kolumbien u. a. wie
folgt gefördert:
1988 25 000 DM
1989 30 000 DM
1990 50 000 DM
1991 35 000 DM.
Im übrigen wird auf die Antwort zu Frage 5 Bezug genommen.
6. Seit wann exakt arbeitet die Bundesregierung mit dem VDA
zusammen?
Die Bundesregierung hat — soweit feststellbar — seit 1981 einzelne
Projekte des VDA durch Gewährung von Zuschüssen gefördert.
In verstärktem Umfang arbeitet sie mit dem VDA seit 1990 bei der
Durchführung von Förderungsmaßnahmen für die deutschen
Minderheiten in der GUS, gelegentlich auch in anderen Ländern
Mittel- und Osteuropas zusammen.]