Volltext (unformatiert)
[Deutscher Bundestag
12. Wahlperiode
Drucksache 12/4046
28.12.92
Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Ulla Jelpke und der Gruppe
der PDS/Linke Liste
— Drucksache 12/3924 —
Ausländerfeindliche und rechtsextremistische Ausschreitungen in der
Bundesrepublik Deutschland im Monat Juli 1992 (2)
Die Bundesregierung hat sich bisher geweigert, für den Monat Juli
Auskunft über die ausländerfeindlichen und rechtsextremistischen
Ausschreitungen zu geben. In der Zwischenzeit hat sie offenbar ihre Ansicht
geändert. Daher folgt nun der zweite Versuch.
Im Juli 1992 setzten sich die ausländerfeindlichen und rechtsextremen
Ausschreitungen in der Bundesrepublik Deutschland fort.
1. Welche Aktivitäten (Demonstrationen, Zusammenrottungen,
Überfälle, Anschläge usw.) gegen in der Bundesrepublik Deutschland
lebende Ausländer und Ausländerinnen sind der Bundesregierung
im Juli 1992 bekanntgeworden (mit der Bitte um genaue Auflistung
nach Bundesländern und Straftaten)?
Dem Bundeskriminalamt sind für den Monat Juli 1992 insgesamt
191 fremden-/ausländerfeindlich motivierte Straftaten gemeldet
worden: 19 Brandanschläge, 36 Angriffe gegen Personen und 136
sonstige Straftaten (Sachbeschädigungen, Bedrohungen,
Beleidigungen, Raubdelikte u. a.).
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministers des Innern vom 18.
Dezember 1992 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich — in kleinerer Schrifttype — den Fragetext.
Regional verteilen sich diese Straftaten wie folgt:
Bundesländer
Brandanschläge Angriffe gegen
Personen
Sonstige
Straftaten
BB 2 10 20
BW 2 3*) 11
BY 1 — 1
BR — — 3
HB 1 — —
HE 3 1 7
HH — — 2
MV — 1 8
NI 1 6 17
NW 2 4 28
RP — — 4
SH 1 3 6
SL — 1 2
SN 5 2 15
ST 1 3 12
TH — 2 —
Gesamt: 19 36 136
*) Einschließlich eines vollendeten und eines versuchten Tötungsdeliktes.
2. Wie viele Tatverdächtige wurden wegen rechtsextremistischer und
rassistischer Übergriffe, Ausschreitungen, Überfälle usw. im Monat
Juli 1992 festgenommen (bitte nach Ländern und Straftaten
aufschlüsseln)?
Im Monat Juli 1992 wurden dem Bundeskriminalamt im
Zusammenhang mit fremden-/ausländerfeindlich motivierten Straftaten
200 Tatverdächtige gemeldet. 79 Tatverdächtige sind vorläufig
festgenommen worden. Bei sieben Tatverdächtigen wurde
Haftbefehl erlassen. Nach Bundesländern aufgeschlüsselt ergibt sich
folgende Verteilung:
Bundesländer
Anzahl der ermittelten
Tatverdächtigen
davon vorl.
Festgenommene
davon Haftbefehl
erlassen
BB 38 15 —
BW 15 10 7
BY — — —
BR — — —
HB — — —
HE 6 3 —
HH — — —
MV 14 9 —
NI 20 5 —
NW 52 10 —
RP 1 — —
SH 12 9 —
SL 4 1 —
SN 29 17 —
ST 9 — —
TH — — —
Gesamt: 200 79 7
Deutscher Bundestag -- 12. Wahlperiode Drucksache 12/4046
3. Wie viele Ermittlungsverfahren liefen gegen Rechtsextremisten
wegen der Anschläge im Juli 1992 (bitte nach Ländern und
Straftaten aufschlüsseln)?
Es ist davon auszugehen, daß in allen unter Nummer 1 genannten
Fällen Ermittlungsverfahren eingeleitet wurden.
4. In wie vielen Fällen wurde U-Haft verhängt (bitte nach Ländern
und Straftaten aufschlüsseln)?
5. In wie vielen Fällen wurden die Ermittlungen eingestellt (bitte nach
Ländern aufschlüsseln)?
6. Wie viele Rechtsextremisten wurden im Juli 1992 wegen
Anschlägen, Übergriffen, Zusammenrottungen, Volksverhetzung usw. zu
welchen Strafen verurteilt (bitte nach Ländern und Straftaten
aufschlüsseln)?
Dem Bundesminister der Justiz liegen hierzu keine Erkenntnisse
vor.
7. Wie viele Personen wurden durch diese rechtsextremen Anschläge,
Überfälle im Juli 1992
a) leicht verletzt,
b) schwer verletzt,
c) getötet
(bitte nach Ländern aufschlüsseln)?
Über die Anzahl der bei fremden-/ausländerfeindlich motivierten
Staftaten verletzten Personen wird beim Bundeskriminalamt
keine Statistik geführt.
Für den Monat Juli 1992 ist ein Todesfall zu verzeichnen: Bei
einem Überfall von Skinheads am 8. Juli 1992 in Ostfildern auf
jugoslawische Gastarbeiter wurde ein Opfer getötet, das zweite
Opfer lebensgefährlich verletzt.
8. Ist die Bundesregierung in der Lage, Gründe anzugeben für ihre
bisherige Weigerung, die Anfrage zu den rechtsextremen und
ausländerfeindlichen Ausschreitungen im Juli 1992 zu beantworten?
Wenn ja, welche?
9. Warum kommt die Bundesregierung erst jetzt ihrer
Auskunftspflicht nach?
Die Bundesregierung hat bereits in der Vorbemerkung zur
Kleinen Anfrage der Abgeordneten Ulla Jelpke und der Gruppe der
PDS/Linke Liste für den Monat August 1992 (Drucksache
12/3731) darauf hingewiesen, daß in der Anfangsphase Bedenken
gegen die Aussagefähigkeit kurzzeitiger (monatlicher)
Zusammenfassungen des vorliegenden Zahlenmaterials bestanden, da
Mehrfachmeldungen, Nachmeldungen bzw. Korrekturen an
gemeldeten Zahlen zu erwarten waren. Bedenken bestanden
insbesondere auch im Hinblick auf die geringe Zeitspanne zwischen
Ereignis und Antworterstellung. Diese Bedenken traten mit der
Stabilisierung der Aussagefähigkeit des Meldeaufkommens in
den Hintergrund.
Drucksache 12 /4046 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode
10. Lagen die Zahlen für die Ausschreitungen im Juli 1992 vor, als die
Bundesregierung sich weigerte, der Gruppe der PDS/Linke Liste
Auskunft zu erteilen?
Es lagen Zahlen vor, die nach obiger Einschätzung noch nicht
zuverlässig genug waren.
11. Wie bewertet die Bundesregierung die Tatsache, daß unmittelbar
nach der Verweigerung der Auskunft über die rechtsextremen
Ausschreitungen für den Monat Juli — die ablehnende Antwort ist
datiert vom 23. September 1992 (siehe Drucksache 12/3283) — das
Bundesamt für Verfassungsschutz und wenig später das
Bundeskriminalamt der Presse aktuelle Zahlen mitteilte (vgl. Berliner
Zeitung, 29. September 1992, und taz, 6. Oktober 1992)?
Aus den oben ausgeführten Gründen legt die Bundesregierung
bei ihren Antworten auf Anfragen aus dem Deutschen Bundestag
an die Aussagefähigkeit der von ihr genannten Zahlen einen
strengen Maßstab an. -
Bei Presseveröffentlichungen, die nicht von der Bundesregierung
veranlaßt sind, mögen aus Gründen der Aktualität die
Anforderungen geringer sein.
12. Welche Konsequenzen wurden wegen des Verhaltens der
zuständigen Beamten im Bundesministerium des Innern gezogen?
Angesichts der dargestellten Sachlage bestand zu Konsequenzen
kein Anlaß.
13. Wie hoch schätzt die Bundesregierung die Dunkelziffer für die
ausländerfeindlichen und rechtsextremistischen Straftaten ein (bitte für
die einzelnen Monate 1992 angeben), und wieso wird diese Zahl nie
von der Bundesregierung bekanntgegeben, während man bei
illegalen Grenzübertritten oft damit operiert?
Die Dunkelziffer für ausländerfeindliche und rechtsextremistische
Straftaten läßt sich mangels ausreichender Erkenntnisse nicht
quantifizieren.]