Volltext (unformatiert)
[Deutscher Bundestag Drucksache 12/5527
12. Wahlperiode
05. 08. 93
Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Ulla Jelpke und der Gruppe
der PDSILinke Liste
— Drucksache 12/5444 —
Ausländerfeindliche und rechtsextremistische Ausschreitungen
in der Bundesrepublik Deutschland im Monat Juni 1993
Im Juni 1993 setzten sich die ausländerfeindlichen und rechtsextremen
Ausschreitungen in der Bundesrepublik Deutschland fort.
Vorbemerkung
Die Bundesregierung hat die Landesjustizverwaltungen gebeten,
vierteljährlich — nicht nach Monaten getrennt — über
Ermittlungsverfahren wegen, rechtsextremistischer/fremdenfeindlicher
Straftaten zu berichten. Die jetzt für das erste Quartal 1993
vorliegenden Zahlen zeigen die Anstrengungen der
Strafverfolgungsbehörden und Gerichte bei der Bekämpfung dieser Straftaten.
Insgesamt wurden im genannten Zeitraum 6 719
Ermittlungsverfahren wegen rechtsextremistischer/fremdenfeindlicher
Straftaten eingeleitet. Bei 2 419 Ermittlungsverfahren richteten sich die
Straftaten gegen Ausländer.
2 788 Ermittlungsverfahren wurden wegen Verbreitens von
Propagandamitteln verfassungswidriger Organisationen bzw.
Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen
(§§ 86, 86 a StGB), 313 Ermittlungsverfahren wegen
Landfriedensbruchs (§§ 125, 125 a StGB), 1 505 Verfahren wegen Volksverhet-
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums des Innern vom
2. August 1993 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich — in kleinerer Schrifttype — den Fragetext.
zung oder Gewaltdarstellung bzw. Aufstachelung zum Rassenhaß
(§§ 130, 131 StGB), 40 Ermittlungsverfahren wegen Mordes oder
Totschlags (§§ 211, 212 ff. StGB), 442 Ermittlungsverfahren wegen
Körperverletzung (§§ 223 ff. StGB), 114 Ermittlungsverfahren
wegen Brandstiftung (§§ 306 ff. StGB), 148 Ermittlungsverfahren
wegen antisemitischer Bestrebungen und 1 369
Ermittlungsverfahren wegen sonstiger Delikte eingeleitet. '
Im ersten Quartal 1993 wurden 4 028 Ermittlungsverfahren nach
§ 170 Abs. 2 StPO, 136 Ermittlungsverfahren nach den §§ 153 ff.
StPO und 142 Ermittlungsverfahren nach den §§ 45, 47 JGG
eingestellt. Die Mehrzahl dieser Ermittlungsverfahren dürfte vor
dem Jahr 1993 eingeleitet worden sein. Die große Zahl der
eingestellten Ermittlungsverfahren ist vor allem darauf zurückzuführen,
daß in diesen Fällen ein Täter nicht ermittelt werden konnte.
390 Strafverfahren im ersten Quartal 1993 endeten mit einer
Verurteilung, davon 178 Verfahren wegen einer Straftat gegen
Ausländer.
Hierbei wurden in 43 Fällen eine Jugend- oder Freiheitsstrafe von
bis zu sechs Monaten, in 62 Fällen eine Jugend- oder
Freiheitsstrafe von über sechs Monaten bis zu einem Jahr, in 51 Fällen eine
Jugend- oder Freiheitsstrafe von über einem Jahr bis zu zwei
Jahren und in 17 Fällen eine Jugend- oder Freiheitsstrafe von
mehr als zwei Jahren ausgesprochen.
1. Welche Aktivitäten (Demonstrationen, Zusammenrottungen,
Überfälle, Anschläge usw.) gegen in der Bundesrepublik Deutschland
lebende Ausländer/Ausländerinnen sind der Bundesregierung im
Juni 1993 bekanntgeworden (mit der Bitte um genaue Auflistung
nach Bundesländern und Straftaten)?
Dem Bundeskriminalamt sind für den Monat Juni 1993 insgesamt
1 307 fremden-/ausländerfeindlich motivierte Straftaten gemeldet
worden: 76 Brandanschläge, ein Sprengstoffanschlag, 84 Angriffe
gegen Personen (davon fünf versuchte Tötungsdelikte) und 1 146
sonstige Straftaten (Sachbeschädigungen, Bedrohungen,
Beleidigungen, Raubdelikte u. a.).
Nach den Erkenntnissen des Bundeskriminalamtes dürfte der
Anstieg der Straftaten, insbesondere bei den
Bedrohungssachverhalten, den sog. „86 a-Delikten" und den
Volksverhetzungsdelikten, auf Täter zurückzuführen sein, die sich durch Straftaten wie
in Hoyerswerda, Mölln und Solingen im Hinblick auf ihre
Zielrichtung — Abscheu und Haß den Fremden gegenüber zum Ausdruck
bringen — zur Nachahmung mobilisieren lassen.
Nach den Ereignissen von Hoyerswerda und Rostock war jeweils
ein vergleichbarer Anstieg der fremdenfeindlich motivierten
Straftaten zu verzeichnen.
Regional verteilen sich diese Straftaten wie folgt:
Bundes
-
länder
Brand-/Spreng
stoffanschläge
Angriffe gegen
Personen
Sonstige
Straftaten
BB - 5 16
BR 6 5 42
BW 11 3 154
BY 2 3 88
HB 1 1 7
HE 9/1 3 91
HH 1 5 23
MV - 3 5
NI 10 4 86
NW 24 41 495
(davon 5 versuchte
Tötungsdelikte)
RP 3 3 39
SH 2 5 69
SL 1 1 15
SN 3 2 11
ST 3 - 3
TH - - 2
Gesamt 76/1 84 1 146
(davon 5 versuchte
Tötungsdelikte)
2. Wie viele Tatverdächtige wurden wegen rechtsextremistischer und
rassistischer Übergriffe, Ausschreitungen, Überfälle usw. im Monat
Juni 1993 festgenommen (bitte nach Ländern und Straftaten
aufschlüsseln)?
Im Monat Juni 1993 wurden dem Bundeskriminalamt im
Zusammenhang mit fremden-/ausländerfeindlich motivierten Straftaten
337 Tatverdächtige gemeldet. 92 Tatverdächtige wurden
vorläufig festgenommen; bei 15 Tatverdächtigen wurde Haftbefehl
erlassen. Nach Bundesländern aufgeschlüsselt ergibt sich
folgende Verteilung:
Bundes- Anzahl der ermittelten davon vorläufig Haftbefehl
länder Tatverdächtigen Festgenommene erlassen
BB 15 — —
BR 18 17 —
BW 29 10 —
BY 28 7 —
HB 8 — —
HE 18 3 1
HH 4 — —
MV 5 1 —
NI 20 — —
NW 149 48 10
RP 12 1 —
SH 21 — —
SL 4 2 —
SN 4 1 2
ST — — —
TH 2 2 2
Gesamt: 337 92 15
3. Wie viele Ermittlungsverfahren liefen gegen Rechtsextremisten
wegen der Anschläge im Juni 1993 (bitte nach Ländern und
Straftaten aufschlüsseln)?
Es ist davon auszugehen, daß in allen unter Ziffer 1 genannten
Fällen Ermittlungsverfahren eingeleitet wurden.
Wegen zweier Brandanschläge auf ein von marokkanischen
Staatsangehörigen bewohntes, Einfamilienhaus in Wegberg-
Rikkelrath am 15. und 28. Juni 1993 hatte der Generalbundesanwalt
die Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft
Mönchengladbach übernommen, weil der Verdacht bestand, daß die Anschläge
von Rechtsextremisten aus ausländerfeindlichen Motiven
begangen wurden. Dieser Verdacht hat sich nicht bestätigt. Der
Generalbundesanwalt hat die Ermittlungsverfahren deshalb an die
örtlich zuständige Staatsanwaltschaft zurückgegeben.
4. In wie vielen Fällen wurde U-Haft verhängt (bitte nach Ländern und
Straftaten aufschlüsseln)?
Siehe Antwort zu Frage 2.
5. In wie vielen Fällen wurden die Ermittlungen eingestellt (bitte nach
Ländern aufschlüsseln)?
6. Wie viele Rechtsextremisten wurden im Juni 1993 wegen
Anschlägen, Übergriffen, Zusammenrottung, Volksverhetzung usw. zu
welchen Strafen verurteilt (bitte nach Ländern und Straftaten
aufschlüsseln)?
Der Bundesregierung liegen keine Angaben über
Ermittlungsverfahren und Verurteilungen im Monat Juni 1993 vor. Die Berichte
der Landesjustizverwaltungen für das zweite Quartal 1993 liegen
noch nicht vor.
7. Wie viele Personen wurden durch diese rechtsextremen Anschläge,
Überfälle im Juni 1993
a) leicht verletzt,
b) schwer verletzt,
c) getötet (bitte nach Ländern aufschlüsseln)?
Dem Bundeskriminalamt wurden 111 verletzte Personen
gemeldet.
Aufgeschlüsselt nach Bundesländern ergibt sich folgendes Bild:
BB 6
BR 7
BW 5
BY 3
HB 1
HE 6
HH 6
MV 4
NI 3
NW 51
RP 2
SH 7
SL 1
SN 4
ST —
TH 5
Gesamt: 111
Angaben über den Grad der Verletzungen liegen nicht vor.
Im Monat Juni 1993 sind dem BKA im Zusammenhang mit
fremden-/ausländerfeindlichen Straftaten keine Todesfälle gemeldet
worden.]