Bergwälder
Die Bergwälder im Bayerischen Alpenraum umfassen einschließlich der Latschenfelder eine Fläche von rund 250 000 ha. Siedlungs- und kulturgeschichtlich bedingt, stocken diese Wälder vielfach auf labilen und steilen Lagen, die für sonstige Nutzungen ungeeignet sind. Demgemäß tritt ihre Schutzfunktion und ihr Beitrag zur Sicherung der ökologischen Gesamtsituation des Alpenraumes stark in den Vordergrund. Rund die Hälfte des Bergwaldes ist Schutzwald im Sinne des Bundeswaldgesetzes.
Die neuartigen Waldschäden haben im Alpenraum in den Jahren 1982 bis 1985 zu einer starken Zunahme vitalitätsgeschwächter Bäume geführt. Gerade Altbestände und Schutzwälder, insbesondere in Steillagen, sind überdurchschnittlich geschädigt. In den Jahren 1986 und 1987 hat sich die Gesamtsituation kaum noch verändert.
Nach dem Ergebnis der Waldschadenserhebung 1986 der Bayerischen Staatsforstverwaltung sind etwa 80 % aller Bergwälder geschädigt, etwa 50 % weisen mittlere und starke Schäden auf. Wegen der besonderen Bedeutung der Fichten-Tannen-Buchen-Mischbestände im Bergwald wurden 1985 von der Bayerischen Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt im Bayerischen Alpenraum 12 Dauerbeobachtungsflächen speziell für die Beobachtung der Bergmischwalddynamik eingerichtet. Dort wiesen 1987 69 % der über hundertjährigen Fichten mittlere und starke Schäden auf. Die Auswertung von Infrarot-Luftbildern, die 1983 und 1986 im Alpenraum aufgenommen wurden, ergab unter anderem, daß 1983 wie auch 1986 eine Schadensabnahme von Westen nach Osten feststellbar ist; allerdings gibt es einen lokalen Schadensschwerpunkt im Raum Bad Reichenhall.
Auch wenn ein flächiges Absterben von Bergwäldern noch nicht festzustellen ist, haben die neuartigen Waldschäden ein Ausmaß erreicht, das zu großer Sorge Anlaß gibt. In verlichteten und lückigen Beständen kann es zu einer rasch fortschreitenden Verschlechterung der Schutzfunktion des Bergwaldes kommen. Als Folge hiervon ist mit einem Verlust an Boden durch Erosion und Humusschwund sowie einer Zunahme von Lawinen, Überschwemmungen und Vermurungen durch Wildbäche zu rechnen. Zwar sind die Alpengebiete der Bundesrepublik Deutschland bisher von Katastrophen großen Ausmaßes verschont geblieben, jedoch wurden die Schutzwirkungen des Bergwaldes reduziert, so daß Lawinenabgänge und Bergrutsche begünstigt werden.
Durch die Langfristigkeit der forstlichen Produktion kommen den vorbeugenden Maßnahmen zur Sicherung und Stabilisierung der Wälder eine herausragende Bedeutung zu. Zum Schutz der Bergwälder sind neben der konsequenten Fortführung der Luftreinhaltepolitik der Bundesregierung folgende flankierende Maßnahmen erforderlich:
- funktions- und standortgerechte Verjüngung
- Sicherung aufkommender Verjüngung in lückigen Beständen mit Schneebewegungen durch einfache Verbauung
- ausreichende Reduktion der Wildbestände und der Waldweide in Gebieten, in denen diese zur Sicherung der Pflanzungen und Naturverjüngungen erforderlich ist
- Reduktion der direkten und indirekten anthropogenen Belastungen des Bergwaldes durch z. B. Lenkung von Winter- und Sommertourismus
Insbesondere die rechtzeitige Verjüngung bereits verlichteter Bestände sowie die Sicherung der aufkommenden Naturverjüngung stellen vordringliche Aufgaben dar. Die zuständigen bayerischen Landesbehörden haben bereits konkrete Maßnahmen zur Erhaltung des ökologisch empfindlichen alpinen Bergwaldes in Gang gesetzt. Die Reduktion überhöhter Schalenwildbestände sowie die Ablösung bestehender Waldweiderechte werden weiterhin im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten mit Nachdruck verfolgt. Darüber hinaus führt die Bayerische Staatsforstverwaltung ein umfangreiches Schutzwaldsanierungsprogramm durch, im Zuge dessen als erste Maßnahme eine Schutzwaldkartierung der Bergwälder sowie eine Erfassung der funktionsgestörten Waldflächen flächendeckend durchgeführt wurde. Auf dieser Grundlage werden derzeit Sanierungsmaßnahmen sinnvoll geplant und ergriffen.
Ökologie
Neben den naturbedingten Veränderungen sind die Ökosysteme der Alpen seit der Besiedlung auch gravierenden Eingriffen durch den Menschen unterworfen. Die Landnahme und die damit verbundenen Rodungsphasen verursachten tiefgreifende landschaftliche Veränderungen mit Auswirkungen auch auf Boden- und Wasserhaushalt. Die vertraute Eigenart und Schönheit der alpinen Kulturlandschaften ist das Ergebnis dieses Veränderungsprozesses. Zu Beeinträchtigungen der natürlichen Lebensgrundlagen wie Boden, Gestein, Oberflächengewässer und Grundwasser, Klima und Luft, Tier- und Pflanzenwelt sowie der Eigenart und Schönheit der Alpenlandschaften können neben Schadstoffeinwirkungen Nutzungen führen, die insbesondere aufgrund der sozio-ökonomischen Veränderungen in den letzten Jahrzehnten auf die alpinen Kulturlandschaften einwirken.
Von besonderem Einfluß auf die natürlichen Lebensgrundlagen sind die Einwirkungen des Menschen auf die Vegetation. Mit abnehmender Naturnähe nimmt die Labilität bzw. Störanfälligkeit der Vegetation gegenüber außergewöhnlichen Ereignissen, natürlichen und anthropogenen Einflüssen in der Regel zu. Jedoch zeichnet sich weitgehend naturnahe Vegetation oberhalb der Baumgrenze ebenfalls durch eine besondere Empfindlichkeit aus, die Störungen nur schwer verträgt, insbesondere mechanische Eingriffe in die Vegetationsdecke (z. B. Tritt, Skikanten, Planierungen, Straßen- und Wegebau, Überweidung). Infolge der extremen natürlichen Standortbedingungen und dem hieran angepaßten Artenspektrum können sich Wunden nur sehr langsam schließen.
Die Vegetation der Almen/Alpen unterhalb der natürlichen Waldgrenze, die durch Rodung des Bergwaldes entstand, kann zudem von Änderungen der Almbewirtschaftung beeinträchtigt werden. Auch schutzwürdige Biotope können infolge Almnutzung beeinträchtigt werden. So wurden z. B. in den Allgäuer Alpen nahezu die Hälfte der bedeutendsten Hochmoore durch Weidevieh in Mitleidenschaft gezogen. Trittschäden werden auch an vielen kleinflächigen Niedermooren und Hangquellmooren festgestellt. Dadurch wird auch das Wasserrückhaltevermögen der Moore beeinträchtigt.
Die artenmäßige Verarmung der Almenvegetation und -fauna ist im wesentlichen eine Folge der veränderten Almwirtschaft. Statt artenreicher Grönlandgesellschaften breiten sich als Folge der unterschiedlichen Nutzungs- bzw. Pflegeintensität auf Teilflächen artenarmes Wirtschaftsgrünland, in anderen Almenbereichen bestimmte horstbildende Gräserarten bzw. wenig futtertaugliche Pflanzen aus.
Die artenmäßige Veränderung der Vegetation und die Schwächung ihrer Stabilität gegenüber Umwelteinflüssen infolge ungeregelter Beweidung ist auch für zahlreiche Wälder gegeben. Waldweide kann durch Verbiß- und Trittschäden nachhaltig eine Schwächung der Schutzfunktion des Bergwaldes zur Folge haben. Die Belastungen durch Waldweide haben in den letzten Jahrzehnten in Teilräumen durch sog. Pensionsviehhaltung zugenommen. Die Schäden am Bergwald werden örtlich durch den zunehmenden Auftrieb von Schafen verschärft. Gravierender ist die Schädigung der Schutzwälder durch überhöhte Schalenwildbestände, die durch Verbiß insbesondere der Laubbaumarten und Tanne diese erheblich zurückdrängen und vielerorts die natürliche Verjüngung völlig ausschalten.
Ferner können die Wälder durch Infrastrukturmaßnahmen, insbesondere Wegebau, sowie durch Erschließungsmaßnahmen für den Wintersport zusätzlich und nachhaltig beeinträchtigt werden. Noch nicht überschaubar sind die Auswirkungen bestimmter neuerer Sportarten und Freizeitaktivitäten auf Tiere (z. B. die Verwendung von Mountainbikes (Bergfahrrädern), Paragleitern (Gleitfallschirmen) und Ultraleichtflugzeugen). Z. B. löst das lautlose Auftauchen von Gleitfallschirmen bei Wildtieren Panikreaktionen aus. Dies gilt vor allem für die gefährdeten Rauhfußhühner wie Auer-, Birk- und Schneehühner:
In den alpinen Ökosystemen stehen die Böden und ihre Funktionsfähigkeit in engen Wechselbeziehungen insbesondere mit klimatischen Faktoren, dem Wasserhaushalt und der Vegetation sowie mittelbar mit der Tierwelt und den menschlichen Nutzungen. Während sich Eingriffe in die Vegetationsdecke, etwa durch Bodenmodellierungen, kurzfristig auf die Böden auswirken und Erosionen verursachen, sind potentielle längerfristige Gefährdungen der Böden durch die verschiedenen Einflüsse auf die Vegetation der Almen und des Bergwaldes zu befürchten.
Störungen alpiner Ökosysteme wirken sich besonders folgenschwer auf den Wasserhaushalt aus. So wirken Veränderungen von Vegetation und Boden, die mit dem Wasserhaushalt in sehr enger Wechselbeziehung stehen, häufig bis in das Vorland der Alpen ein.
Eine deutliche Schwächung oder ein flächiger Verlust der den Boden schützenden Vegetation des Bergwaldes würde sich erheblich auf das Abflußgeschehen auswirken. Gegenwärtig wird ein Zusammenhang zwischen der Schwächung des Bergwaldes und einer zunehmenden Hochwassergefährdung bzw. Murenhäufigkeit zwar vermutet, kann aber im Verhältnis zu anderen Ursachen seinem Anteil nach noch nicht genau bestimmt werden. Auch durch Versiegelung von Flächen kann örtlich der Abfluß beschleunigt und der Hochwasserscheitel erhöht werden.
Auch der Tourismus berührt den Wasserhaushalt in vielfacher Weise. So kann sich der weitere Ausbau des Wintertourismus in Einzelfällen belastend auswirken, insbesondere wenn hohe Abwasserspitzen mit Niedrigwasserführung der Gebirgsfließgewässer zusammentreffen. Auch lassen sich Gebäude in Hochlagen oft nicht mit vertretbaren Mitteln an zentrale Kläranlagen im Tal anschließen, so daß deren Abwässer die kleinen Gebirgsfließgewässer belasten. Touristische Erschließungen können sich insbesondere in den Hanglagen nachteilig auf den Oberflächenabfluß auswirken, z. B. wenn durch Pistenskilauf die Vegetation geschädigt und der Boden verdichtet wird.
Kurz- und mittelfristige Beeinträchtigungen der natürlichen Lebensgrundlagen können in der Regel durch landschaftspflegerische Maßnahmen, z. B. Lebendverbau labiler Hänge, Förderung der natürlichen Waldverjüngung durch Reduzierung der Schalenwildbestände, almpflegende Maßnahmen und den Erholungsverkehr lenkende Maßnahmen sowie durch gezielte Artenhilfsmaßnahmen entgegengewirkt werden. Dagegen sind langfristige Beeinträchtigungen häufig irreversibel, z. B. wenn durch den fortschreitenden Biotopschwund letzte Standorte gefährdeter Tier- und Pflanzenarten verlorengehen und wenn für eine Wiederbegründung von Wald kein ausreichender Boden mehr vorhanden ist.