Volltext (unformatiert)
[Deutscher Bundestag Drucksache 16/10936
16. Wahlperiode 12. 11. 2008 Kleine Anfrage
der Abgeordneten Elke Hoff, Birgit Homburger, Dr. Rainer Stinner, Christian
Ahrendt, Uwe Barth, Rainer Brüderle, Angelika Brunkhorst, Ernst Burgbacher,
Patrick Döring, Mechthild Dyckmans, Jörg van Essen, Ulrike Flach, Otto Fricke,
Horst Friedrich (Bayreuth), Dr. Edmund Peter Geisen, Hans-Michael Goldmann,
Miriam Gruß, Joachim Günther (Plauen), Heinz-Peter Haustein, Dr. Werner Hoyer,
Hellmut Königshaus, Dr. Heinrich L. Kolb, Jürgen Koppelin, Heinz Lanfermann,
Sibylle Laurischk, Harald Leibrecht, Ina Lenke, Michael Link (Heilbronn), Markus
Löning, Horst Meierhofer, Patrick Meinhardt, Jan Mücke, Burkhardt Müller-
Sönksen, Hans-Joachim Otto (Frankfurt), Detlef Parr, Cornelia Pieper, Gisela Piltz,
Frank Schäffler, Marina Schuster, Dr. Hermann Otto Solms, Dr. Max Stadler, Florian
Toncar, Dr. Daniel Volk, Christoph Waitz, Dr. Claudia Winterstein, Dr. Volker
Wissing, Hartfrid Wolff (Rems-Murr), Dr. Guido Westerwelle und der Fraktion der
FDP
Konsequenzen aus langwieriger Verzögerung des Transportflugzeuges
Airbus A400M
Militärische Lufttransportkapazitäten gehören zu den am dringendsten
benötigten Fähigkeiten in Auslandseinsätzen. Häufig können nur auf dem Luftweg
Versorgung und Nachschub der eigenen und verbündeten Truppen sichergestellt
werden. Die Bundeswehr nutzt für ihre taktischen Lufttransportflüge immer
noch die vierzig Jahre alte C-160 TRANSALL. Bei Flügen, die in klimatisch
und geographisch schwierigen und durch ständige Bedrohung geprägten
Regionen durchgeführt werden müssen, stößt dieses Flugzeugmuster an seine
Grenzen. Insbesondere in Afghanistan ist dies der Fall, wo die deutsche Luftwaffe
regelmäßig nicht nur im Norden des Landes eingesetzt wird, sondern auch zu
Versorgungs- und Transportflüge in den Süden Afghanistans startet. Hier sind
unter den gegebenen Umständen insbesondere die Triebwerke und die
Selbstschutzsysteme von großer Bedeutung. Es besteht darüber hinaus ein Bedarf an
Lufttransportkapazitäten, die von ihrem Leistungsprofil unter- und oberhalb des
A400M liegen.
Als Nachfolger der C-160 TRANSALL beabsichtigt die Bundesregierung
60 Maschinen des A400M zu beschaffen. Der Vertrag zur Entwicklung und
Beschaffung des A400M wurde am 27. Mai 2003 zwischen den sechs
auftraggebenden Nationen Deutschland, Frankreich, Belgien, Großbritannien, Türkei
und Spanien, vertreten durch die europäische Organisation für
Rüstungskooperation (OCCAR), und der Firma Airbus Military geschlossen. Airbus Military ist
ein Tochterunternehmen der EADS (European Aeronautic Defence and Space
Company). Insgesamt liegen 180 Festbestellungen vor. Der Erstflug des
Luftfahrzeuges ist wiederholt verschoben worden, zuletzt auf unbestimmte Zeit.
Drucksache 16/10936 – 2 – Deutscher Bundestag – 16. WahlperiodeMittlerweile ist sogar die Fertigung des A400M aus technischen Gründen
unterbrochen worden. Auch die Entwicklung und Beschaffung der zweiten Stufe des
neuen Selbstschutzsystems DIRCM (Directional Infrared Counter Measures)
sind weder finanziell noch technologisch gesichert.
Derweil versucht der Auftragnehmer einen Teil der bisher entstandenen
Gewinneinbußen in Höhe von etwa 1,4 Mrd. Euro, die durch die eingetretenen
Verzögerungen entstanden sind, auf die Vertragspartner und damit deren Steuerzahler
abzuwälzen. Die EADS scheint darüber hinaus durch die Verständigung auf ein
neues Lieferprogramm mit den Vertragspartnern eine Anpassung des
Kaufvertrages vom 27. Mai 2003 erreichen zu wollen, der die geschuldeten
Verzugsentschädigungen aushebeln soll. Der Vertrag ermöglicht der Bundesregierung
bisher, den Vertrag bei einer mehr als zehnmonatigen Verspätung zu kündigen. Bei
nicht entschuldbarer Verspätung kann die Bundesregierung für jeden Tag
Verspätung 0,02 Prozent vom Grundpreis des A400M einbehalten. Die
Verzugsentschädigung beträgt allerdings maximal 6 Prozent, was bei einem vereinbarten
Festpreis von 78,21 Mio. Euro pro Maschine (ohne Steuern und
Preisfortschreibung) etwa 4,7 Mio. Euro pro Maschine entspräche (siehe DER SPIEGEL vom
12. November 2007). Der Bundesminister der Verteidigung, Dr. Franz-Josef
Jung, hat öffentlich wiederholt ausgeschlossen, dass die Gewinneinbußen der
EADS durch den Bund teilweise kompensiert werden und der Bund auch die
Verzugsentschädigung in voller Höhe geltend machen werde.
Bis zum Sommer 2007 hat die Bundesregierung wiederholt öffentlich behauptet,
dass das A400M-Programm bisher planmäßig verlaufe und der Auftragnehmer
alle vertraglichen Meilensteine termingerecht erfüllt habe, obwohl schon im
Herbst 2006 (siehe „La Tribune“ vom 23. August 2006) in projektnahen Kreisen
eine Verspätung von 24 Monaten für realistisch gehalten worden ist. Immer
wieder ist der Fachpresse zu entnehmen, dass im A400M-Projekt schwerwiegende
technische Probleme bestünden, die nicht im System zu lösen seien. Sogar ein
Verzicht auf die Durchführung des Projekts seitens der EADS aufgrund der
Risiken für die Gewinnentwicklung des Unternehmens wird bereits öffentlich
diskutiert. Die bisher unbefriedigende Informationspolitik gegenüber den
Auftraggebern soll seitens des Auftragnehmers nun durch einen Projekt-Review
korrigiert werden. Diesen sollen erstmals nicht unmittelbar vom Programm
abhängige Experten durchführen.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Welche Verzögerungen sind beim Zulauf des A400M zu erwarten?
2. Was sind die Gründe hierfür?
3. Welche technischen Probleme bestehen derzeit, und wie sollen diese behoben
werden?
4. Bestehen technische Probleme über den Triebwerksbereich hinaus, etwa in
den Bereichen Aufhängung, Flügel, Vibration und Anschubgewicht?
5. Verläuft die Entwicklung des „Terrain Masking Low Level Flight System“
(TMLLF) planmäßig?
Wenn nein, welche Verzögerungen gibt es hier?
6. Wann wird nach Einschätzung der Bundesregierung der Erstflug des A400M
stattfinden?
7. Wann erfolgen Zulassung und Qualifikation für den vollen Betrieb
einschließlich aller Subsysteme des A400M?
8. Wann wird der erste A400M an die Bundeswehr ausgeliefert, und welchen
Grad der Einsatzreife wird diese Maschine haben?
Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 3 – Drucksache 16/109369. Ab wann wird der erste Verband mit A400M einsatzbereit sein?
10. Wann erfolgen die ersten Auslieferungen an die anderen Nationen, die den
A400M beschaffen?
11. Hat sie Erkenntnisse, ob in den anderen acht am A400M-Projekt beteiligten
Ländern Bestrebungen bestehen, den Mehraufwand zu übernehmen?
Wenn ja, in welchem Umfang?
12. Wird sie die vertraglich vereinbarte Entschädigung für einen verspäteten
Zulauf des A400M gegenüber dem Auftragnehmer durchsetzen?
13. Behält sie sich vor, von ihrem Kündigungsrecht bei einer Verzögerung von
mehr als zehn Monaten Gebrauch zu machen?
14. Wie hat sich der Stückpreis pro Maschine seit dem Vertragsschluss für die
Bundesrepublik Deutschland verändert?
15. In welchem Umfang erfolgt eine regelmäßige Überprüfung von
Preisfortschreibungen und Obsoleszenzen seitens der Bundesregierung?
16. Wie möchte die Bundesregierung in Zukunft sicherstellen, dass sie durch
den Auftragnehmer über Probleme beim Projektfortschritt besser informiert
wird als dies in der Vergangenheit der Fall gewesen ist?
17. Soll der angekündigte Projekt-Review durch externe Experten oder
lediglich durch Experten des Auftragnehmers, die nicht unmittelbar mit dem
Projekt betraut sind, durchgeführt werden?
Inwiefern wird die Bundesregierung an diesem Projekt-Review mitwirken?
18. Welche rechtlichen Möglichkeiten hat die Bundesregierung gegenüber dem
Auftragnehmer bei Falschinformationen?
19. Hat der Auftragnehmer nach Auffassung der Bundesregierung bisher
aktien- und kapitalmarktrechtliche Mitteilungspflichten versäumt?
Wenn ja, welche Konsequenzen hat dies?
20. Wie nimmt die Bundesregierung Einfluss auf die offensichtlichen
Differenzen zwischen dem Hauptauftragnehmer und der Triebwerksindustrie?
In welchem Umfang tragen nach Auffassung der Bundesregierung diese
Differenzen zur Verzögerung des Projekts bei?
21. Wie hoch wird der tatsächlich entstehende finanzielle Mehraufwand für die
Bundesrepublik Deutschland sein, der u. a. durch eine verlängerte
Weiternutzung der Transall sowie das Betreiben von Doppelstrukturen bei einer
Verzögerung des A400M von 12, 24, 36 und 48 Monaten entsteht?
22. Welche Vorsorge trifft die Bundesregierung für den Fall der Aufgabe des
A400M-Projekts seitens des Auftragnehmers?
23. Welche Angebote für eine Interimslösung hat der Auftragnehmer der
Bundesregierung für die Dauer der Verzögerung des Zulaufs angeboten?
24. Ist das spanische Luftfahrzeug CASA C-295 aus Sicht der Bundesregierung
für die Anforderungen des Einsatzes in Afghanistan geeignet?
25. Zieht sie einen neuen Lieferplan in Erwägung, wenn damit eine Absenkung
auf den tatsächlichen operativen Bedarf verbunden ist?
26. In welchem Umfang werden andere europäische Nationen über operative
Fähigkeiten verfügen, die sich der deutschen Luftwaffe nach Umstellung
auf A400M verschließen?
Drucksache 16/10936 – 4 – Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode27. Gibt es Pläne, zukünftig Lufttransportfahrzeuge zu beschaffen, die unter
oder über den Leistungsparametern des A400M liegen, und wenn ja, wie
sehen diese aus?
28. Welche Lufttransportkapazitäten planen andere europäische Nationen ab
2010 vorzuhalten?
Welche operativen Gründe führen zu dem unterschiedlichen Flottenmix?
29. Plant die Bundesregierung, weitere Verträge zur Erbringung von
Lufttransportleistungen zu schließen?
Wenn ja, mit wem, und zu welchen Konditionen (insbes. Dauer, Umfang,
Leistungsgarantie)?
30. Teilt die Bundesregierung die Auffassung, dass die Etablierung eines
Flottenmix durch Beschaffung einer geringeren Stückzahl A400M, die
Überführung von SALIS (Strategic Airlift Interim Solution) in eine Dauerlösung
und die Beschaffung von Lufttransportkapazitäten, die von ihrem
Leistungsprofil unterhalb des A400M liegen in Anbetracht der neuen
Einsatzrealität der Bundeswehr sicherheitspolitisch sinnvoll erscheint?
Wenn nein, warum?
31. Welche Einsatzoptionen bestehen für die A400M-Flotte vor der Ausrüstung
mit dem Schutzsystem DIRCM?
32. Wann soll die Projektierungsphase DIRCM beginnen?
33. Soll die Projektierung in Phasen durchgeführt werden, und wenn ja, in
welchen und mit welcher Zielsetzung?
34. Ist vor der Projektierungsphase eine Risikominimierungsphase geplant, und
wenn ja, von welcher Dauer, und mit welchem Mittelansatz aus welchem
Kapitel/Titel?
35. Wann soll die Integration DIRCM in den A400M erfolgen, und mit
welchem Ansatz von Haushaltsmitteln?
36. Wann werden der deutschen Luftwaffe die ersten A400M mit DIRCM
(Jamming-only) zur Verfügung stehen?
37. Wann wird DIRCM mit Zerstörlaser zur Verfügung stehen, und welche
zusätzlichen Haushaltsmittel sind dafür erforderlich?
38. Ist eine Zwischenlösung vorgesehen vom Beginn der Auslieferung der
A400M an die Luftwaffe bis zur Verfügbarkeit von DIRCM?
39. Bis wann wird DASS-Step 2 insgesamt in den A400M eingerüstet sein?
Berlin, den 11. November 2008
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ISSN 0722-8333]