Volltext (unformatiert)
[Deutscher Bundestag
11. Wahlperiode
Drucksache 11/6605
07.03.90
Sachgebiet 2129
Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage des Abgeordneten Dr. Daniels (Regensburg) und der Fraktion
DIE GRÜNEN
— Drucksache 11/6499 —
Bioabfall
Der Staatssekretär beim Bundesminister für Umwelt,
Reaktorsicherheit und Naturschutz hat mit Schreiben vom 5. März 1990
die Kleine Anfrage namens der Bundesregierung wie folgt
beantwortet:
1. Wie groß ist die Menge von festen organischen Abfallstoffen, die im
Bereich der Lebensmittelindustrie, der Getränkeherstellung, der
pharmazeutischen Indust rie und der Biotechnologie in der
Bundesrepublik Deutschland jährlich anfallen?
Im Rahmen der „Statistik der Abfallbeseitigung im
Produzierenden Gewerbe und in Krankenhäusern" des Statistischen
Bundesamtes wurden für das Jahr 1987 folgende Mengen an festen
organischen Abfall- und Reststoffen ermittelt:
Lebensmittelindustrie: 1,146 Mio. t;
Getränkeherstellung: 1,783 Mio. t;
Pharmazeutische Industrie: 0,007 Mio. t.
Für Zwecke dieser Statistik werden Angaben zu Reststoffen nur
insoweit erfragt, soweit sie an weiterverarbeitende Betriebe oder
an den Altstoffhandel abgegeben wurden. Daten über eine
innerbetriebliche Weiterverwertung liegen nicht vor.
Abfälle aus dem Bereich „Biotechnologie" sind statistisch nicht
gesondert aufgeschlüsselt.
2. Wie verteilen sich diese Mengen auf die verschiedenen
Abfallbehandlungs- und -beseitigungsverfahren, insbesondere Deponierung,
Verbrennung und Kompostierung?
Mit welchen Fremdstoffen sind die organischen Abfallstoffe
produktionsbedingt verunreinigt oder vermischt, die eine Verwertung
erschweren oder verhindern?
Der weit überwiegende Teil dieser Stoffe wird einer
Weiterverwertung oder Weiterverarbeitung zugeführt und nicht als Abfall
entsorgt. Von den in der Antwort zu Frage 1 genannten Mengen
wurden im einzelnen zur Weiterverarbeitung oder
Weiterverwertung abgegeben:
Lebensmittelindustrie: 0,978 Mio. t (85,3 %);
Getränkeherstellung: 1,748 Mio. t (98,0 %);
Pharmazeutische Indust rie: 0,004 Mio. t (53 %).
Angaben über die Art der Behandlung der Restmengen, die als
Abfall entsorgt werden, liegen in folgender Aufgliederung vor:
Bereich Zu außerbetrieb
-
lichen Anlagen ab
gefahren (einschl.
öffentl. Müllabfuhr)
In betriebseigenen
Anlagen entsorgt
Deponie Verbrennung
— Tonnen —
Lebensmittel- 133 000 15 200 23 000
industrie
Getränkeherstellung 34 500 4 93
Pharmazeutische 3 200 — 57
Industrie
Quelle: Statistisches Bundesamt, Statistik der Abfallbeseitigung im
Produzierenden Gewerbe und in Krankenhäusern 1987.
Über Art und Menge eventueller Verunreinigungen sind keine
Daten verfügbar.
3. Wie werden sich die Mengen, die der Abfallbehandlung oder -
beseitigung übergeben werden, in Zukunft in den genannten Branchen
entwickeln, wenn infolge einer Steigerung der Energiepreise die
Trocknung als Voraussetzung für Lagerung und Verwertung als
Viehfutter bet riebswirtschaftlich unrentabel wird?
Welche Mengen von festen organischen Abfällen werden durch die
Einführung biotechnologischer Verfahren für die Produktion von
Massenchemikalien entstehen, und welche Form der Beseitigung
oder Verwertung ist dafür vorgesehen?
Es ist derzeit nicht abzuschätzen, inwieweit steigende
Energiepreise eine Zunahme der als Abfall zu entsorgenden Mengen in
den Branchen Lebensmittelindustrie, Getränkeherstellung und
Pharmazeutische Indust rie bewirken. Durch steigende
Energiepreise bewirkte Mengenänderungen hängen von mehreren
Faktoren, wie z. B. dem Wassergehalt der einzelnen Mate rialien oder
auch der Preisentwicklung bei anderen Futtermitteln, ab.
Zur Zeit ist nicht absehbar, welche Massenchemikalien in
welchen Mengen durch biotechnologische Verfahren in Zukunft
hergestellt werden. Gegenwärtig werden weniger
Massenchemikalien, sondern vielmehr Feinchemikalien mit hoher Wertschöpfung
aus landwirtschaftlichen Rohstoffen produziert. Eingesetzte
Rohstoffe sind vor allem Zucker und Zuckernebenprodukte sowie
Stärke, Stärkehydrolisate und Stärkederivate. Die für die
Produktion von Chemikalien in der Bundesrepublik Deutschland
eingesetzte Menge an Zucker betrug 1988/89 ca. 25 000 t, und der
Verbrauch an Stärkeprodukten im chemisch-pharmazeutischen
Bereich belief sich auf ca. 54 Prozent der industriell eingesetzten
Stärkemenge, die 1988/89 die Menge von 620 000 t erreichte. In
diesen Zahlen sind auch nicht biotechnologische Verfahren erfaßt.
Der Ausnutzungsgrad der eingesetzten Rohstoffe in
biotechnologischen Verfahren kann 80 Prozent und mehr betragen, so daß
dann der übrige Teil als organische Masse und Substratrest
anfällt. Für die vielen verschiedenen Verfahren liegen die einzelnen
Ausbeutequotienten ebensowenig vor wie die Wege der
Beseitigung oder Verwertung der Rest- und Abfallstoffe der
Bundesregierung bekannt sind.
Vorsichtige Schätzungen gehen mittelfristig von ca. 150 000 t
Stärkemehrbedarf für Nichtnahrungszwecke im EG-Bereich aus.
Die ursprünglichen Schätzungen der Indust rie aus dem Jahre
1986 für einen EG-weiten Mehrverbrauch von über 500 000 t
Zucker im chemisch-pharmazeutischen Bereich, wobei allein
150 000 t Zucker Melasse ersetzen sollten, sind nach heutigem
Kenntnisstand um ein Vielfaches überzogen gewesen.
4. Welche Technologien werden untersucht oder wurden zu
technischen Verfahren entwickelt, um die festen organischen Abfälle der
genannten Branchen zu verwerten?
Wie hoch sind die Fördermittel, die für Forschung und Entwicklung
in diesem Bereich vergeben wurden, und welche Ergebnisse wurden
dabei erzielt?
Für eine Verwertung fester organischer Abfälle kommen
prinzipiell thermische Verfahren, anaerobe Verfahren mit dem Ziel der
Biogasentwicklung sowie die Kompostierung in Frage.
Die Durchführung derartiger Vorhaben wurde in der
Vergangenheit und wird derzeit in großer Zahl durch Mittel der
Bundesregierung unterstützt.
Folgende Vorhaben zur Verwertung des speziellen
Abfallspektrums im Sinne der Anfrage wurden durch die Bundesregierung
gefördert:
— Biotechnische Nutzung extrahierter Rübenschnitzel.
Durch das Vorhaben wurden der Einsatz und der Abbau
extrahierter Rübenschnitzel für die Biogasgewinnung mit Erfolg
erprobt.
Kosten des Projektes: 330 000 DM.
— Abfallminderung in Hefefabriken.
Bei diesem Vorhaben wurde der Einsatz von Abfallstoffen aus
der Zuckerfabrikation (Dicksaft und Grünsirup) an Stelle von
Melasse zur Hefefabrikation mit Erfolg erprobt.
Kosten: 478 000 DM.
— Nutzung organisatorischer Maßnahmen und einfacher
Techniken zur Emissionsminderung im Nahrungs- und
Genußmittelgewerbe.
Mit zwei Teiluntersuchungen wurden dabei Vorschläge
erarbeitet, wie bei der großen Anzahl kleiner und mittlerer Bet riebe
von Fleischereien und Weinbaubetrieben durch
organisatorische und technische Maßnahmen der Eintrag von Abfällen ins
Abwasser und die Belastung des Abwassers mit organischen
Verunreinigungen zu reduzieren ist.
Die Kosten für das Projekt lagen bei 220 000 DM.
5. Welche Technologien sind bekannt, die eine dezentrale Verwertung
der organischen Abfallstoffe und die Nutzung ihres Energieinhalts
ermöglichen?
Welchen Beitrag zum Primärenergieverbrauch der Bundesrepublik
Deutschland könnten organische Abfallstoffe aus der
Nahrungsmittelindustrie und Biotechnologie leisten?
Eine nennenswerte Nutzung des Energieinhaltes der organischen
Abfallstoffe aus der Nahrungsmittelindustrie in dezentralen
Anlagen kann vor allem in Biogasanlagen erfolgen. Bei den
Industrieabwässern dieser Branche handelt es sich, wie in einigen
anderen Industriebereichen, jedoch meist um feststoffarme
Flüssigkeiten, die vor allem in gelöster Form organische
Verschmutzung enthalten. Gewöhnliche Kläranlagenfaultürme oder
landwirtschaftliche Biogasanlagen ( „Ausschwemmreaktoren") sind
für ihre Behandlung wenig geeignet. Es fehlen die bei den fest
-
stoffreichen Schlämmen vorhandenen Partikel, die den
verschiedenen Bakterienarten als Ansiedlungsfläche dienen. Um die
Bildung von Bakterienflocken zu unterstützen und die
Bakterienabschwemmung gering zu halten, sind spezielle Techniken der
anaeroben Biogasgewinnung entwickelt worden:
a) der Kontaktreaktor (auch als anaerobe Belebungsverfahren
bezeichnet), bei dem Bakterienflocken aus der ablaufenden
(behandelten) Flüssigkeit sedimentiert und anschließend in
den Reaktor zurückgeführt werden;
b) der Schlammbettreaktor, auch bekannt unter der Bezeichnung
UASB-Reaktor (uplow anaerobic sludge blanket), bei dem die
Schlammflocken durch Scheidewände im Reaktor aus der
ablaufenden Flüssigkeit getrennt werden;
c) der Festbettreaktor, bei dem der Biomasserückhalt durch
Fixierung auf der Oberfläche von statischem Trägermaterial
geschieht;
d) der Fließbettreaktor, auch Wirbelbettreaktor genannt, bei dem
ein Trägermaterial im gesamten Reaktor frei beweglich verteilt
ist, indem es durch intensive Aufwärtsströmung in Schwebe
gehalten wird;
e) der Expansionsbettreaktor, auch anaerobic expanded bed
digester genannt, bei dem im Gegensatz zum Fließbettreaktor
die Trägerteilchen lediglich am Reaktorfluß aufgewirbelt
werden.
Von den insgesamt etwa vierzig vorhandenen Biogasanlagen
in der Industrie (1988), die zum überwiegenden Teil nach
diesen verschiedenen Konzepten betrieben werden, liegt das
Schwergewicht der Anwendung in der Zuckerindustrie
(vierzehn Anlagen).
Die aktuelle Biogasproduktion aus Industrieabwässern der
genannten Branchen wird auf 1,34 Petajoule (PJ) jährlich
geschätzt.
Das technische Potential für die Biogaserzeugung aus
Industrieabwässern wird auf 7 PJ Endenergie jährlich geschätzt, das
entspricht einem Anteil von weniger als 0,1 Prozent des
derzeitigen Endenergieverbrauches in der Bundesrepublik
Deutschland.
6. Welche Rolle spielt bei der Technologiefolgenabschätzung von
biotechnischer Massenproduktion die Frage der festen organischen
Abfallstoffe, insbesondere im Hinblick auf die Produktion von
definierten Ausgangsprodukten für biotechnische Synthesen (Zucker,
Stärke)?
Die umweltschonende Beherrschung der Produktionsprozesse,
das Recycling der Prozeßwässer sowie die Abwasser- und
Reststoffbeseitigung spielen eine sehr wichtige Rolle in der Stärke-
und Zuckerindustrie. In den letzten Jahren wurden dabei
erhebliche Fortschritte von der Industrie erzielt. Da, wie aus der Antwort
auf die Frage 3 ersichtlich ist, nur relativ geringe Mengen an
Zucker heute und auch zukünftig für biotechnologische Verfahren
als Rohstoff eingesetzt werden, die ansonsten auf dem Weltmarkt
abgesetzt werden müßten, ist die Frage nach einer
Technologiefolgenabschätzung für den Bereich Zucker nicht relevant. Die
Produktion von Stärke ist besonders bei der Kartoffel mit hohen
Kosten für eine umweltverträgliche Entsorgung der Rest- und
Abfallstoffe belastet, während dies für die Rohstoffe Mais und
Weizen nur in einem sehr viel geringeren Maße gilt. Da die
Entsorgung technisch umweltneutral gelöst werden kann, dürfte die
Frage der Abfallstoffe der Stärkeproduktion eine
Technologiefolgenabschätzung der Biotechnik nur wenig berühren.
Die Bundesregierung wird die Entwicklung dieser Problematik
weiterverfolgen und ggf. in die Aktivitäten zur
Technologiefolgenabschätzung integ rieren.
7. Werden gentechnische Methoden zur Entwicklung von speziellen
Mikroorganismen eingesetzt, die zum Abbau oder zur Umwandlung
fester organischer Abfallstoffe verwendet werden sollen?
Werden solche Forschungen von der Bundesregierung gefördert?
Die Bundesregierung fördert keine Vorhaben dieser Art. Es sind
darüber hinaus keine Forschungsprojekte in diesem
Anwendungsbereich der Gentechnik bekannt.]