Volltext (unformatiert)
[Deutscher Bundestag
10. Wahlperiode
Drucksache 10/607
14.11.83
Kleine Anfrage
des Abgeordneten Schwenninger und der Fraktion
DIE GRÜNEN
Rüstungshandel und militärische Zusammenarbeit mit Ländern des Nahen Ostens
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Allgemeine Problematik
1.1 Beabsichtigt die Bundesregierung, die von ihrer Vorgängerin
erzielten Zuwachsraten bei Rüstungsexporten zu übertreffen?
Sieht die Bundesregierung insbesondere in vermehrten
Rüstungsexporten in den Nahen Osten einen Beitrag zum von
ihr erhofften wirtschaftlichen Aufschwung in der
Bundesrepublik Deutschland?
1.2 Stellt der Nahe Osten oder eines der im folgenden
aufgeführten Länder nach Ansicht der Bundesregierung ein
Spannungsgebiet dar? Falls ja, welche Konsequenzen zieht die
Bundesregierung daraus für Rüstungsexportgenehmigungen?
1.3 Wie vereinbart die Bundesregierung den von ihr benützten
Slogan „Frieden schaffen mit immer weniger Waffen" mit
ihrer Rüstungsexportpolitik?
1.4 Welche Bedeutung hat die jüngste Reise von Staatsminister
Möllemann in den Nahen Osten für die bundesdeutsche
Rüstungsindustrie?
1.5 Wie prüft die Bundesregierung die Einhaltung der
Endverbleibsklausel bei Rüstungsexporten?
1.6 Steht die Bundesregierung noch zu der Zusage der vorigen
Bundesregierung, „in unmittelbarem zeitlichen
Zusammenhang mit im Bundessicherheitsrat anstehenden
Einzelfallentscheidungen des Rüstungsexports die Fraktionsvorsitzenden
der im Deutschen Bundestag vertretenen Parteien mit jeweils
einem weiteren ... Abgeordneten jeder Fraktion vorab zu
informieren und die Einzelfälle mit ihnen zu erörtern"
(Schreiben des vorigen Bundeskanzlers Schmidt vom 28. April 1982
an die Fraktionsvorsitzenden des Deutschen Bundestages)?
2. Ägypten
2.1 Wurden dem ägyptischen Verteidigungsminister,
Feldmarschall Mohammed Abdel Halim Abou Ghazala, bei seinem
kürzlich erfolgten Besuch in der Bundesrepublik Deutschland
von der Bundesregierung weitere Zusagen im Bereich der
militärischen Ausrüstungs- und Ausbildungshilfe gegeben?
2.2 Welchem Zweck diente der Besuch des ägyptischen
Verteidigungsministers auf dem Truppenübungsplatz Munster
einschließlich einer Gefechtsübung mit Leopard 2 und anderen
Panzern und Waffen?
2.3 Welchem Zweck diente der Besuch des ägyptischen
Verteidigungsministers zusammen mit dem Staatssekretär im
Bundesverteidigungsministerium, Dr. Rühl, bei der HDW in Kiel, bei
dem unter anderem Korvetten und U-Boote vorgeführt
wurden?
2.4 Schloß die Bundesregierung gegenüber dem ägyptischen
Verteidigungsminister bei dieser Gelegenheit eine Lieferung
von deutschen Kriegswaffen und Rüstungsgütern an Ägypten
aus?
2.5 Wie viele ägyptische Militärangehörige befinden sich zur Zeit
in Ausbildung bei der Bundeswehr? Worin werden sie
ausgebildet?
3. Saudi-Arabien
3.1 Ist die Bundesregierung bereit, den Termin mitzuteilen, an
dem die saudi-arabische „Expertenkommission" die
Bundesrepublik Deutschland besucht, „um zu prüfen, welche
Möglichkeiten der Lieferung deutscher Rüstungsgüter, die für die
Verteidigung bestimmt sind und mit saudi-arabischen
Bedürfnissen übereinstimmen, bestehen" (Staatsminister
Möllemann am 27. Oktober 1983 in der Fragestunde des Deutschen
Bundestages)?
3.2 Wie unterscheidet die Bundesregierung in diesem
Zusammenhang zwischen für die Verteidigung und für den Angriff
bestimmte Waffen?
3.3 Wie hat die Bundesregierung bisher die Prüfung der
Endverbleibsklausel im Fall Saudi-Arabiens vorgenommen? Wie
gedenkt sie eine derartige Prüfung insbesondere bei den
anstehenden Vereinbarungen mit Saudi-Arabien
vorzunehmen?
3.4 Welche Rüstungsexportgeschäfte mit Saudi-Arabien befinden
sich derzeit in Abwicklung?
3.5 Trifft es zu, daß Saudi-Arabien derzeit die in trilateraler
Kooperation zwischen Italien, Großbritannien und der
Bundesrepublik Deutschland hergestellte Feldhaubitze FH 70 erhält?
3.6 Werden saudi-arabische Soldaten mit türkischer Hilfe an
deutschen Waffen ausgebildet? Gewährt die
Bundesregierung der türkischen Seite dafür Unterstützung?
4. Kuwait, Bahrain
4.1 Trifft es zu, daß in Wilhelmshaven derzeit für die Marine von
Kuwait ein Schnellbootgeschwader aufgestellt wird, welches
nach Darstellung der Marine-Rundschau Nr. 7/83 „das Rück
-grat der kuwaitischen Marine bilden soll"?
4.2 Hat die Bundesregierung die Herstellung und Lieferung von
Schnellbooten nach Bahrain genehmigt? Falls nein,
beabsichtigt die Bundesregierung, dies zu genehmigen?
5. Irak, Iran, Syrien
5.1 Ist der Bundesregierung bekannt, ob in Kooperation mit
Frankreich hergestellte Panzerabwehrraketen nach Syrien
und dem Irak geliefert wurden oder werden sollen? Ist die
Bundesregierung gegebenenfalls mit diesen Lieferungen
einverstanden?
5.2 Hat die Bundesregierung den Export von Näherungszündern
für die für den Irak bestimmten Exocet-Raketen genehmigt?
5.3 Besteht zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem
Irak ein Abkommen über die Ausbildung von Militärpersonal
in der Bundesrepublik Deutschland?
5.4 Befinden sich
a) derzeit irakische,
b) weiterhin iranische
Militärangehörige zur Ausbildung in der Bundesrepublik
Deutschland? Trifft es zu, daß zukünftig gleichzeitig
iranische und irakische Militärangehörige an den Hochschulen
der Bundeswehr in Neubiberg und Hamburg ausgebildet
werden?
5.5 Welche Kontrollmöglichkeiten hat die Bundesregierung über
eventuelle Exporte der in Lizenz im Iran in einer von der
bundeseigenen Firma Fritz Werner errichteten
Fertigungsanlage hergestellten G 3-Gewehre?
6. Libyen
6.1 Ist der Bundesregierung bekannt, daß die Firma Fritz Werner
in Libyen eine Niederlassung unterhält?
7. Libanon
7.1 Wie beurteilt die Bundesregierung ihren im Entwurf des
Bundeshaushalts für 1984 im Einzelplan 05 Kapitel 05 02 unter
dem Titel 686 26 ausgewiesenen Beitrag zur „logistischen
Unterstützung der internationalen Streitkräfte (MNF) im
Libanon" angesichts der Tatsache, daß es sich bei den MNF seit
der Beschießung von Stellungen der libanesischen Drusen im
Schuf-Gebirge durch US-Schiffe und französische Flugzeuge
keineswegs um „Friedenstruppen", sondern um im
innerlibanesischen Bürgerkrieg einseitig Partei ergreifende
Streitkräfte handelt?
7.2 Wird die im genannnten Haushaltstitel genannte „Logistische
Unterstützung der internationalen Streitkräfte (MNF) im
Libanon sowie Beratung der libanesischen Regierung beim
Aufbau einer Grenzschutztruppe" ein direktes personelles
Engagement im Libanon erfordern? Falls ja, wie steht die
Bundesregierung dann zu der Tatsache, daß erstmals seit Gründung
der Bundesrepublik Deutschland und der Bundeswehr die
Bundesrepublik Deutschland in einen kriegerischen Konflikt
personell verwickelt wird?
8. Sudan
8.1 Wie sieht die Zusammenarbeit zwischen der Bundesrepublik
Deutschland und dem Sudan auf dem Gebiet der
Sicherheitsdienste (Militär, Polizei) im Zeitraum der letzten zehn Jahre
aus?
8.2 Wie viele Soldaten bzw. Polizisten wurden in der
Bundesrepublik Deutschland ausgebildet? An welchen Institutionen
wurden sie ausgebildet?
8.3 Welche Kriegswaffen und sonstigen Rüstungsgüter wurden
an den Sudan geliefert?
Bonn, den 14. November 1983
Schwenninger
Beck-Oberdorf, Schily, Kelly und Fraktion]