Volltext (unformatiert)
[Deutscher Bundestag
10. Wahlperiode
Drucksache 10/3533
20.06.85
Sachgebiet 212
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Frau Hönes und der Fraktion DIE GRÜNEN
Trinkwasserfluoridierung (II)
Mit Drucksache 10/1528 (neu) hat die Fraktion DIE GRÜNEN
beantragt, die Ausnahmegenehmigung zur
Trinkwasserfluoridierung (TWF) im Lebensmittel- und Bedarfsgegenständegesetz
(LMBG) zu streichen. Der Bundesgesundheitsrat, dem es seit 1976
nicht gelungen war, ein Votum zur TWF abzugeben, wurde nun
noch einmal vom Gesundheitsministerium aufgefordert, ein
Votum zu erstellen.
Dieses Votum wurde vom zuständigen Ausschuß des
Bundesgesundheitsrates an alle Mitglieder verteilt, die Mitglieder
konnten mit Frist zum 13. Mai 1985 Widerspruch einlegen. Die
Abwicklung des Verfahrens obliegt der Verwaltung des BMJFG.
Auf telefonische Anfrage teilte das BMJFG mit, daß sich das
Votum des Bundesgesundheitsrates noch hausintern in der
Abstimmung befände. Eine Auskunft über die Stoßrichtung des
Votums wurde nicht gegeben.
Dieses Votum liegt der Fraktion DIE GRÜNEN nun vor. Wenn
auch der Gesundheitsrat die Wirksamkeit der Fluoridgabe bei der
Kariesprophylaxe für gegeben sieht — eine Einschätzung, die nach
Ansicht der GRÜNEN wissenschaftlich nicht begründet ist —, so
kommt er doch aufgrund wesentlicher anderer Kritikpunkte, die
die GRÜNEN ebenfalls teilen — zu einem ablehnenden Votum
bezüglich der TWF. Entscheidungsgründe hierfür waren:
1. die zunehmend deutliche Ablehnung innerhalb der
Bevölkerung jeglicher Zugaben von Chemikalien zu Lebensmitteln,
auch zu Trinkwasser,
2. der notwendige technische Aufwand kann nur von
Großwasserwerken erbracht werden, womit aber nur 20 % der
Bevölkerung erreicht werden,
3. es kann nicht mit Sicherheit ausgeschlossen werden, daß von
der Fluoridbelastung des Abwassers neue Umweltbelastungen
ausgehen,
4. das Erreichen einer genauen Dosierung zwischen noch
wirksam und noch nicht schädlich ist zweifelhaft, sowohl was
Unter- wie Überdosierungen anbelangt (z. B. bei fluo ridierter
Zahnpasta).
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Ist der Bundesgesundheitsrat ein unabhängiges
Expertengremium?
2. Wenn ja, wieso bedarf das Votum dieser
Expertenkommission einer hausinternen Abstimmung im BMJFG?
3. Plant die Bundesregierung — anläßlich des die TWF
ablehnenden Votums des Bundesgesundheitsrates — unserem
Antrag auf Streichung der Ausnahmeklausel im LMBG
zuzustimmen, und wenn nein, warum nicht?
4. Wenn nein, wie gedenkt sie das Votum des
Bundesgesundheitsrates sonst umzusetzen?
5. Hat es in der Vergangenheit Fälle gegeben, wo die
Bundesregierung eine Entscheidung gegen das Votum des
Bundesgesundheitsrates gefällt hat, und wenn ja, in welchem Fall/
in welchen Fällen?
6. Ist ihr das Zitat von Dr.-Ing. Heinz Tessendorf, Präsident des
DVGW (Deutscher Verein von Gas- und
Wasserfachmännern e. V.), bekannt, das er in seiner Eröffnungsrede beim
Berliner Wasserkongreß kundtat (siehe auch ZfK Mai 1985,
S. 14): „Die Fraktion der GRÜNEN im Bundestag hat den
Antrag gestellt, den Ausnahmeartikel, der die Fluoridierung
des Trinkwassers gestattet, aus dem Lebensmittelrecht zu
streichen. Es ist bedauerlich, daß solche Anträge kaum
Chancen haben, Mehrheiten zu finden, weil sie eben von
den GRÜNEN kommen — und seien sie auch noch so
vernünftig. "
Fühlt sich die Bundesregierung mit dieser Äußerung
angesprochen?
7. Wie beurteilt die Bundesregierung im einzelnen die
Entscheidungsgründe des Bundesgesundheitsrates für sein
ablehnendes Votum?
7.1 Wie beurteilt sie insbesondere die zunehmende, deutliche
Ablehnung innerhalb der Bevölkerung gegen jegliche
Zugabe von Chemikalien zu Lebensmitteln?
7.2 Wie beurteilt sie die Aussage, daß der für eine „sichere"
Dosierung erforderliche technische Aufwand nur von
Großwasserwerken erbracht werden kann und daß damit nur
etwa 20 % der Bevölkerung erreicht werden?
7.3 In ihrer Kleinen Anfrage zur Trinkwasserfluoridierung
(Drucksache 10/2240) haben die GRÜNEN bereits nach den
ökologischen Konsequenzen der TWF gefragt. In Ihrer
Antwort (Drucksache 10/2403) sah sich die Bundesregierung
nicht in der Lage, auf die detaillierten Fragen einzugehen.
Mit seinem Votum hat der Bundesgesundheitsrat nun
deutlich gemacht, daß die Frage der Umweltbelastungen durch
die TWF nicht mit Sicherheit ausgeschlossen werden kann.
7.3.1 Ist die Bundesregierung der Meinung, daß sie bei Vorlage,
Änderung oder auch Ablehnung der Änderung eines
Gesetzes alle relevanten Fragen prüfen sollte?
7.3.2 Ist sie insbesondere der Meinung, daß sie - als
Verantwortungsträger für die Beibehaltung der Ausnahmeklausel für
die TWF - auch die Fragen der Umweltrelevanz dieser
Maßnahme - unabhängig von der Frage, ob derzeit eine
Inanspruchnahme der Ausnahmeklausel beabsichtigt ist
oder nicht - prüfen muß?
7.3.3 Wenn ja, wie beurteilt sie hier den Mangel an Informationen
über mögliche nega tive Umweltauswirkungen der TWF?
7.4 Wie beurteilt die Bundesregierung den vom
Bundesgesundheitsrat geäußerten Zweifel an der Einhaltung der
erforderlichen Dosierung?
7.5 Teilt sie die Befürchtung des Bundesgesundheitsrates, daß
bei gleichzeitiger Verwendung einer fluo ridierten
Zahnpasta die erforderliche Dosis erheblich überschritten werden
kann, und welche Konsequenzen zieht sie hieraus?
8. Hat die Bundesregierung Informationen darüber, warum die
Schweiz und die DDR, die seit vielen Jahren in wenigen
Städten eine TWF durchführen, deren Anwendung nicht
erweitert haben?
9. Ist der Bundesregierung bekannt, daß die TWF in
Amsterdam aufgrund einer Verfassungsklage rückgängig gemacht
werden mußte?
10. Wie beurteilt sie die Verfassungskonformität der TWF in der
Bundesrepublik Deutschland?
11. Unabhängig von der Frage der Zustimmung zur bzw.
Ablehnung der TWF:
Wird sie sich bemühen, den aktuellen wissenschaftlichen
Stand der Erkenntnis (inländische und ausländische
Literatur, Messungen des BGA etc.) zu erfahren, um sich über die
ökologischen Auswirkungen der Fluoridanreicherung von
Wässern ein Bild zu machen?
12. Wie beantwortet sie - vor dem Hintergrund dieses neu
erworbenen Wissens - die Fragen II 1 bis 13 aus der Kleinen
Anfrage der GRÜNEN zur TWF (Drucksache 10/2240)?
13. Sowohl zur Frage der Schädlichkeit von Fluorverbindungen
wie zur Unwirksamkeit derselben in bezug auf
Kariesprophylaxe gibt es umfangreiches Datenmaterial (siehe
Publikationslisten von Ziegelbecker 1 ), New Scientist 2) oder
DVGW3).
1) Ziegelbecker, R.: Literaturverzeichnis (67 Publikationen) in: Vorsicht
Fluor! von Dr. med. M. O. Bruker, Hopferau 1984
2) New Scientist, 28. Februar 1985, S. 20: How fluo ride might damage
your health
3) DVGW: Dokumentation zur Frage der Trinkwasserfluoridierung,
DVGW-SchrR 8, 1975
Ist der Bundesregierung dieses Mate rial bekannt?
Wenn ja, warum wird dieses Mate rial nicht ausgewertet?
14. Im Bundesgesundheitsamt 4/85 erschien eine Arbeit von
Prof. Bergmann (BGA), die durch die einseitige Auswertung
der Literatur zur Fehlinformation der Leser führen muß. Ist
die Bundesregierung gewillt, hier eine Korrektur zu
verlangen?
15. Mittlerweile verschickt das BGA mit seinem SozEp-Bericht
6/82 (Gesundheitlicher Einfluß von
Trinkwasserinhaltsstoffen) ein nicht nament lich gekennzeichnetes Erratum. Es
entsteht der Eindruck, daß die Autoren dieses Berichtes
auch das Erratum verfaßt haben.
15.1 Trifft es zu, daß dieses Erratum von Prof. Bergmann verfaßt
wurde?
15.2 Wenn nein, von wem dann?
15.3 Aus welchem Grund wurde auf eine namentliche
Kennzeichnung verzichtet?
15.4 Ist der Bundesregierung bekannt, daß von den
ursprünglichen Autoren nicht alle mit diesem Erratum einverstanden
sind und auch weiterhin ihre alte Einschätzung
aufrechterhalten und dies auch publizieren (z. B. Darimont4 )?
15.5 Auf wessen Betreiben hin wurde dieses Erratum angefertigt?
15.6 Wer wird diese Anfrage im BGA beantworten? Wird sie von
Prof. Bergmann beantwortet?
16. Welche Informationen besitzt die Bundesregierung zur
Frage der Fluoridierung von Schulmilch?
17. Wie läßt sich die Verordnung des Europarates
bezüglich Schulmilchfluoridierung mit dem Deutschen
Lebensmittel- und Bedarfsgegenständegesetz
vereinbaren?
18. Ist eine Anpassung des deutschen Lebensmittelrechtes
an die neuen Vorgaben der EG geplant?
19. Warum erfolgte auf EG-Ebene von seiten der
Bundesregierung kein Widerspruch gegen die Zulassung der
Schulmilchfluoridierung?
20. Wer waren die Mitglieder der Kommission des
Europaparlaments — vor allem die bundesdeutschen Vertreter
—, die über die Schulmilchfluoridierung entschieden
haben?
21. Ist der Bundesregierung bekannt, auf welche
Informationen sich die Kommission bei ihrer Entscheidung
gestützt hat?
4 ) Lahl U, Darimont T etal: Trinkwasserfluoridierung — Schutz einer
verantwortungsfähigen Person vor sich selbst. Mitteilungsdienst,
VZ-NRW 1, 1985; und: Darimont T: Informationsschrift zur
Trinkwasserfluoridierung, Berlin, 1985
22. Welches sind die wirtschaftlichen Hintergründe für die
— Trinkwasserfluoridierung,
— Schulmilchfluoridierung,
— Fluoridmedikation durch Tabletten?
23. Ist der Bundesregierung bekannt, in welcher Höhe
Wirtschaftsverbände und Firmen Gelder in die
Fluorwerbung investieren?
24. Sind der Bundesregierung Institutionen bekannt, die
für die Fluormedikation werben und die nicht in
finanzieller Verbundenheit mit der Zuckerindustrie (hier vor
allem Wirtschaftsvereinigung Zucker, IME) stehen,
und wer finanziert diese Institute?
Bonn, den 20. Juni 1985
Hönes, Schmidt (Hamburg-Neustadt) und Fraktion]