Volltext (unformatiert)
[Drucksache 9/1 487
22.03.82
Deutscher Bundestag
9. Wahlperiode
Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Dregger, Spranger, Vogel (Ennepetal),
Dr. Miltner, Dr. Jentsch (Wiesbaden), Broil, Fellner, Dr. von Geldern, Krey, Dr. Laufs,
Regenspurger, Dr. Riedl (München), Volmer, Dr. Kunz (Weiden) und der Fraktion
der CDU/CSU
- Drucksache 9/1429 -
Ostermarsch 1982
Der Bundesminister des Innern — I S 2 — 616 020/3 — hat mit
Schreiben vom 22. März 1982 namens der Bundesregierung die
Kleine Anfrage wie folgt beantwortet:
Die Kleine Anfrage zielt erneut (s. 9.) an der Problematik des
Zusammenwirkens zwischen Nichtkommunisten und orthodoxen
Kommunisten vorbei, indem sie sich darauf beschränkt, dieses
Zusammenwirken als Erfolg orthodox-kommunistischer
Bündnispolitik auf der Basis einer teils bis auf Lenin zurückgeführten
Kontinuität politisch-ideologischer Inhalte sowie aktionsförmiger
und personeller Strukturen (s. 1. u. 6.) zu interpretieren. Bei dieser
Betrachtungsweise wird übergangen, daß für gemeinsame
Aktionen von Nichtkommunisten und orthodoxen Kommunisten den
genannten Faktoren im Vergleich zu den von
nichtkommunistischen Teilnehmern hierbei verfolgten Interessen keine
überwiegende Bedeutung zukommt (s. 8.u. 9.). Infolgedessen ist auch der
— im übrigen unzutreffende — an die Bundesregierung gerichtete
Vorwurf verfehlt, sie habe durch mangelhafte Aufklärung der mit
orthodoxen Kommunisten zusammenwirkenden
Nichtkommunisten zu den bisherigen Erfolgen der orthodox-kommunistischen
Bündnispolitik beigetragen (s. 9.).
1. Ist es richtig, daß in der Ostermarsch-Bewegung der 60er Jahre
— die von Lenin entwickelte „friedliche Koexistenz", also die
Schaffung günstiger Bedingungen für die Ausbreitung des
realen Sozialismus, eine übergreifende, kontinuierliche
Zielsetzung, ein „Hauptprinzip" war;
— Kommunisten und von ihnen beeinflußte Gruppen erheblichen
Einfluß ausübten;
— schon 1968 bei der „Kampagne für Demokratie und Abrüstung –
Ostermarsch" der heutige stellvertretende Geschäftsführer des
Kölner Pahl-Rugenstein-Verlags und Quasi-Generalsekretär des
Kölner Komitees für Frieden, Abrüstung und Zusammenarbeit,
Gunnar Matthiessen, eine führende Rolle spielte?
„Ostermärsche" wurden in der Bundesrepublik Deutschland
erstmals 1960 unter dem Namen „Ostermarsch der
Atomwaffengegner" nach dem britischen Vorbild der „Campaign for Nuclear
Disarmament" (CND) in Norddeutschland organisiert. Die
Bewegung zerfiel 1970 mit dem Austritt führender Mitglieder, u. a.
wegen sich in der Haltung der DKP zur Intervention in die CSSR
manifestierender, unüberbrückbarer politischer Differenzen. 1962
hatte sich die „Ostermarsch"-Bewegung umbenannt in
„Ostermarsch der Atomwaffengegner — Kampagne für Abrüstung", 1963
in „Kampagne für Abrüstung — Ostermarsch der
Atomwaffengegner" und 1968 in „Kampagne für Demokratie und Abrüstung".
Seit 1961 verfügte sie über zentrale, regionale und örtliche
Gliederungen, die sich schließlich nahezu über das gesamte
Bundesgebiet ausdehnten. Die Bewegung rekrutierte sich anfänglich fast
ausschließlich aus Anhängern eines ethisch-religiösen Pazifismus,
entwickelte sich jedoch zunehmend zu einer
außerparlamentarischen Sammelbewegung mit Anhängern unterschiedlichster (z. B.
pazifistischer, christlicher, sozialistischer, kommunistischer)
weltanschaulich-politischer Richtungen. Auch die zunächst gegen den
Krieg, Bau und Einsatz von Atomwaffen schlechthin gerichtete
Thematik der Bewegung wandelte sich über Vorschläge zu einer
alternativen Abrüstungspolitik nicht zuletzt unter dem Einfluß des
SDS zur grundsätzlichen Kritik aus vornehmlich
„antikapitalistischer" Perspektive am politischen und gesellschaftlichen System
der Bundesrepublik Deutschland.
Daß die — von Chruschtschow propagierte — Doktrin von der
„friedlichen Koexistenz" Hauptprinzip der Ostermarsch-
Bewegung war, wird von Gerd Melzer (s. Antwort zu 6.) zwar in einem
Interview mit dem DKP-Zentralorgan „Unsere Zeit" (UZ)
behauptet (UZ vom 26. Februar 1982).
Unzutreffend erschiene freilich die Schlußfolgerung, daß diese
Doktrin in der von ihren Vertretern gewollten Bedeutung als
bessere Ausgangslage für die weltweite Durchsetzung eines
Kommunismus nach sowjetischem Vorbild auch von den nicht dem
orthodoxen Kommunismus zuzurechnenden Teilnehmern als
„Hauptprinzip" der Ostermarsch-Bewegung bejaht worden wäre.
Die 1956 verbotene KPD bemühte sich seit 1965 verstärkt,
Mitglieder oder Anhänger nach Möglichkeit in Führungsfunktionen der
einzelnen Gliederungen der Ostermarsch-Bewegung zu bringen,
was ihr in den folgenden Jahren mit unterschiedlichem Erfolg
gelang. Inwieweit von einem erheblichen Einfluß der KPD oder
ihrer Anhänger auf die Ostermarsch-Bewegung gesprochen
werden kann, ist wegen der vordergründig weitgehend
übereinstimmenden Ziele der orthodoxen Kommunisten mit denen der
anderen an der Ostermarsch-Bewegung beteiligten Richtungen kaum
feststellbar.
Gunnar Matthiessen, 1968 Mitglied des SDS, war 1968
Geschäftsführer des Regionalausschusses West der Ostermarsch-
Bewegung.
2. Ist es richtig, daß die „Veteranen der Ostermärsche" bei der Anti-
Raketen-Demonstration in Bonn am 10. Oktober 1981 in Bonn
demonstrativ vor der Tribüne plaziert und von den Veranstaltern
besonders begrüßt wurden?
Das DKP-Zentralorgan „Unsere Zeit" (UZ) berichtet in seiner
Ausgabe vom 12./13. Oktober 1981 über die Demonstration am
10. Oktober 1981 in Bonn, an der Spitze des Zuges seien die
„,Veteranen' der Ostermarsch-Bewegung mit alten, noch immer
aktuellen Plakaten" marschiert. Bilder von der
Abschlußkundgebung der Demonstration (z. B. „Marxistische Blätter", Nr. 2/1982)
deuten darauf hin, daß zumindest ein Teil der von UZ als
„Veteranen" bezeichneten Personen vor der Tribüne Platz genommen
hatte. Auch Willi Gerns, Mitglied des Präsidiums des Sekretariats
des Parteivorstandes der DKP, behauptet, „den
Ostermarschierern" sei „ein besonderer Platz bei dieser Kundgebung und
Demonstration" eingeräumt worden (a.a.O. S. 14 f.). Ob diese
Personen von den Veranstaltern besonders begrüßt wurden, ist
der Bundesregierung nicht bekannt.
3. Ist es richtig, daß gegen Ende Januar 1982 das Komitee für Frieden,
Abrüstung und Zusammenarbeit mit der Forderung zu einem neuen
Ostermarsch aufrief, es komme darauf an, durch neue gemeinsame
Aktionen der Friedensbewegung die Stationierung dieser (d. h. der
von der NATO beschlossenen) Raketen in unserem Land politisch
unmöglich zu machen?
Das „Komitee für Frieden, Abrüstung und Zusammenarbeit"
(KFAZ) hat in einer Ende Januar 1982 herausgegebenen
Erklärung „die Beratungen und Beschlüsse in zahlreichen
Bundesländern zu Ostern '82 wieder Ostermärsche gegen die atomare
Bedrohung, gegen neue Atomraketen und für Frieden, Abrüstung
und Entspannung in Europa durchzuführen", begrüßt.
Gleichzeitig heißt es in dieser Erklärung, in der die Verhandlungsposition
der USA bei den Abrüstungsverhandlungen mit der UdSSR in
Genf kritisiert wird, weil sie „einen schnellen Erfolg dieser
Verhandlungen ... nicht sehr wahrscheinlich" mache:
„Deshalb kommt es darauf an, durch neue gemeinsame
Aktionen der Friedensbewegung die Stationierung dieser Raketen in
unserem Land politisch unmöglich zu machen. "
4. Ist es richtig, daß der DKP-Vorsitzende Mies Anfang Februar 1982
bei einer Parteivorstandstagung es ebenfa lls als „Hauptaufgabe"
bezeichnete „zu verhindern, daß das Jahr 1983 zum Jahr der
Stationierung der Atomraketen wird", sowie die aktive Teilhabe der DKP
an den „Initiativen und Bemühungen des Komitees für Frieden,
Abrüstung und Zusammenarbeit" und die Absicht ankündigte „in
der vordersten Reihe derer (zu) stehen, die jetzt mit a ller Kraft die
diesjährigen Ostermärsche vorbereiten" ?
Ja.
5. Ist es richtig, daß zur gleichen Zeit der DKP-Funktionär Gregor Witt,
der bei der DFG/VK tätig ist, bei der von der Aktion Sühnezeichen
und der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden organisierten
„Aktionskonferenz der Friedenskräfte" in Bonn über die
Vorbereitung der Ostermärsche berichtete?
Gregor Witt, Mitglied der DKP und des Bundesvorstandes der
„Deutschen Friedensgesellschaft — Vereinigte
Kriegsdienstgegner" (DFG/VK), war „Berichterstatter" des Arbeitskreises
„Osteraktivitäten" der „Aktionskonferenz gegen Atomwaffen in
Europa".
6. Ist es richtig, daß einer der Sprecher der diesjährigen
Ostermarschierer, Gerd Melzer, schon bei Ostermärschen der 60er Jahre eine
leitende Funktion hatte und inzwischen laut Pressemeldungen
wegen einer höheren Geldspende für die Zeitung der DKP aus der
SPD ausgeschlossen worden ist?
Nach dem redaktionellen Vorspann eines in UZ vom 26. Februar
1982 abgedruckten Interviews mit Gerd Melzer ist dieser „einer
der Sprecher des Vorbereitungskomitees ,Ostermarsch Ruhr '82'' .
In dem Sammelband „Die DKP-Gründung, Entwicklung,
Bedeutung", 1978, heißt es zur Person von Gerd Melzer u. a.: „Bis 1963
aktiv in der ,Aktionsgemeinschaft gegen die atomare Aufrüstung
in der Bundesrepublik Deutschland'. Ab 1965 Leiter des
Ostermarsches West, ab 1966 Sprecher des Regionalausschusses
Nordrhein-Westfalen der Kampagne für Abrüstung — Ostermarsch.
Von 1970-1977 Mitglied der SPD." (S. 324).
Laut UZ vom 19. August 1977 wurde Gerd Melzer aufgrund einer
Spende von 500 DM an die UZ wegen Tätigkeit für die DKP aus
der SPD ausgeschlossen.
7. Ist es richtig, daß die Sammlung von Unterschriften für den
kommunistisch initiierten und gesteuerten „Krefelder Appell" ein
„Schwerpunkt des Ostermarsches 1982" sein soll?
In dem bereits erwähnten Interview von Gerd Melzer mit der UZ
(s. Antwort zu 6.) äußert Melzer: „Entsprechend ist die Sammlung
von Unterschriften unter den Krefelder Appell ein Schwerpunkt
des Ostermarsches 1982. Darauf haben sich die politischen Kräfte
geeinigt, die den Ostermarsch Ruhr '82 durchführen."
8. Ist es richtig, daß die bisher bekannten politischen Zielsetzungen
des Ostermarsches 1982 allesamt den Vorstellungen der von der
DKP vertretenen sowjetischen Politik entsprechen und daß die DKP,
ihre Nebenorganisationen und von ihr beeinflußte Organisationen
Initiatoren und zentrale organisierende und steuernde Kraft des
Ostermarsches sind?
Die im „Aufruf zum Ostermarsch Ruhr '82" enthaltenen
Forderungen
— Keine neuen Atomraketen in unserem Land
— Keine Stationierung der Neutronenwaffe in der
Bundesrepublik
— Für ein atomwaffenfreies Europa
— Für die Vernichtung aller Atomwaffen und aller anderen
Massenvernichtungswaffen in Ost und West
können in etwa als repräsentativ für die Aufrufe zu
„Ostermärschen" 1982 gelten. Nicht alle Aufrufe enthalten alle vier
Forderungen, gelegentlich wird die „Beendigung des Wettrüstens"
gefordert oder eine „atomwaffenfreie Zone" in Europa oder die
Wendung „keine neuen Atomraketen" ersetzt durch die
Forderung an die Bundesregierung, die Zustimmung zur Stationierung
der Pershing-II-Raketen und Marschflugkörper zurückzuziehen.
Alle diese Forderungen werden auch von der DKP vertreten,
wobei die Aufhebung des NATO-Doppelbeschlusses bzw. die
Verhinderung der Stationierung von Pershing-II-Raketen und
Marschflugkörpern für die DKP die wichtigste Forderung ist.
Diese Forderungen entsprechen den derzeitigen Zielen oder
Vorschlägen der sowjetischen Außenpolitik, können jedoch auch
ohne die Absicht der Förderung orthodox-kommunistischer Ziele
vertreten werden.
Nach den der Bundesregierung vorliegenden Informationen
scheinen die DKP, ihre Nebenorganisationen und von der DKP
beeinflußte Organisationen die initiierende, organisierende und
steuernde Kraft der „Ostermärsche" 1982 zu sein. Allerdings sind
die Versuche orthodoxer Kommunisten, Vorbereitung und Inhalt
der „Ostermärsche" zu bestimmen, auch auf die Kritik
nichtkommunistischer Teilnahmewilliger gestoßen. So kritisiert in einem
undatierten „Offenen Brief an die Friedensbewegung anläßlich
der Ostermärsche '82" der Landesverband Nordrhein-Westfalen
der „Grünen" beispielsweise das Vorbereitungstreffen für den
„Ostermarsch Ruhr '82" am 23. Januar 1982 in Dortmund: „Den
blockunabhängigen Kräften der Friedensbewegung wurde
lediglich eine Statistenrolle zuteil, wir sollten nur noch zu allem Ja und
Amen sagen. (...) Die Ostermarschbewegung war ... zu keiner
Zeit eine Bewegung, die sich nur gegen einen Teilaspekt der
Kriegspolitik wandte: Etwa nur gegen neue Waffensysteme oder
nur gegen den Rüstungswahnsinn im Westen. "
9. Warum hat es die Bundesregierung bis jetzt einmal mehr
unterlassen, die nicht-kommunistischen Organisationen und Personen über
die Ziele und Methoden kommunistischer Bündnispolitik
aufzuklären — insbesondere über die unehrliche Eigennützigkeit der
„Spaltungs"-Warnungen —, wie sie diesmal mit dem Ostermarsch
realisiert werden?
Die Bundesregierung hat in mehreren Antworten auf Kleine
Anfragen der CDU/CSU-Fraktion (vgl. Drucksachen 9/466,
9/1057, 9/1287) festgestellt, daß gemeinsame Aktionen von
Nichtkommunsten mit orthodoxen Kommunisten gegen den NATO-
Doppelbeschluß grundsätzlich nicht auf fehlende oder
unzureichende Informationsmöglichkeiten der beteiligten
Nichtkommunisten über die orthodox-kommunistische Bündnispolitik und ihre
Methoden zurückzuführen sind, sondern auf partiell identischen,
aber unterschiedlich motivierten Vorstellungen über Sinn und
Wirkung des NATO-Doppelbeschlusses und seiner Kritisierung
beruhen. Dementsprechend können gemeinsame Aktionen von
Nichtkommunisten und Kommunisten z. B. in Form der geplanten
„Ostermärsche" nicht dadurch verhindert werden, daß die
Bundesregierung über die von ihr beispielsweise im jährlichen
Verfassungsschutzbericht erfolgende ausführliche Darstellung dieser
Bündnispolitik und ihrer Ziele hinaus jede konkrete Aktion erneut
zum Anlaß nimmt, diese bereits bekannten Informationen (s.
Antwort zu 8.) zu wiederholen. Vielmehr kommt es darauf an,
nichtkommunistische Gegner des NATO-Doppelbeschlusses durch die
inhaltliche Auseinandersetzung mit ihrer Auffassung zu
überzeugen. Denn „unsere freiheitliche Demokratie muß das f riedliche
Engagement von Bürgern auch dann ernst nehmen, wenn
Kommunisten mitmarschieren oder mitorganisieren" (vgl. Drucksache
9/1287, S. 2).
10. Ist die Bundesregierung bereit, wenigstens jetzt noch jede
Gelegenheit wahrzunehmen, die bisher versäumte öffentliche Aufklärung
nachzuholen und zu diesem Zweck diese Anfrage innerhalb der von
der Geschäftsordnung des Deutschen Bundestages vorgesehenen
Zwei-Wochen-Frist zu beantworten?
Auf die Antwort zu 9. wird verwiesen.
Die Anfrage wird innerhalb der von der Geschäftsordnung des
Deutschen Bundestages vorgesehenen Zwei-Wochen-Frist
beantwortet.]