Volltext (unformatiert)
[Drucksache 9/1896
04.08.82
Deutscher Bundestag
9. Wahlperiode
Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Auch, Dr. Steger, Berschkeit, Börnsen,
Catenhusen, Fischer (Homburg), Grunenberg, Ibrügger, Reuter, Frau Terborg,
Vosen, Wieczorek (Duisburg), Dr.-Ing. Laermann, Frau von Braun-Stützer,
Neuhausen, Frau Dr. Engel, Timm, Zywietz, Popp und der Fraktionen
der SPD und FDP
— Drucksache 9/1798 —
Stand und zukünftige Zielsetzung der Förderung von Information
und Dokumentation
Der Bundesminister für Forschung und Technologie hat mit
Schreiben vom 3. August 1982 die Kleine Anfrage namens der
Bundesregierung wie folgt beantwortet:'
1. Wie sind die bisherigen Erfahrungen, die die Bundesregierung aus
dem Aufbau und Betrieb der bisher eingerichteten
Informationszentren gewonnen hat, und lassen sich hieraus Maßnahmen
struktureller oder organisatorischer Art ableiten unter
Berücksichtigung des Kabinettsbeschlusses von 1980, die das bisherige
Strukturkonzept der Fachinformationszentren verändern?
Aufgrund vielfältiger Bemühungen der letzten Jahre stehen dem
Benutzer in der Mehrzahl der Fachgebiete zentrale
Informationseinrichtungen zur Verfügung. Die Erfahrung mit diesen
Einrichtungen hat gezeigt, daß überall dort, wo die Gründung bzw. der
Aufbau leistungsfähiger Einrichtungen durchgesetzt werden
konnte, es zu wesentlichen Verbesserungen im Hinblick auf die
Deckung des Informationsbedarfs der Benutzer aus Wissenschaft,
Wirtschaft und Verwaltung gekommen ist. Zwar ist die Lage in
den einzelnen Fachgebieten unterschiedlich, allgemein läßt sich
jedoch feststellen, daß in den Bereichen Naturwissenschaften,
Technik, Medizin und Biologie die Versorgung mit
Literaturinformation einen qualitativ guten Stand erreicht hat. Dies findet
seinen Ausdruck in steigenden Benutzungszahlen der
Einrichtungen und der stark ansteigenden Inanspruchnahme der für diese
Fachgebiete zuständigen Zentralbibliotheken. Maßgeblich
bedingt ist dieser Erfolg durch die Gründung der
Fachinformationszentren für Chemie; Energie, Physik, Mathematik; Technik sowie
Technische Regeln und im Jahr 1969 des Deutschen Instituts für
Medizinische Dokumentation und Information. In den
Fachgebieten Werkstoffe; Rohstoffgewinnung und Geowissenschaften;
Recht; Landwirtschaft sowie Umwelt wird die Gründung von
Fachinformationszentren von den Fachressorts vorbereitet, sie ist
aber noch offen.
In anderen Fachgebieten wie z. B. Sozialwissenschaften, Bildung,
Geisteswissenschaften, sind die Gründungen durch die geltenden
Rahmenbedingungen [Zahl und Art der bereits existierenden
kleinen Informations- und Dokumentations(-IuD)-Stellen,
Finanzausstattung, Bund-/Länder-Zuständigkeiten] erschwert.
Die organisatorische Form der Fachinformationszentren ist den
Gegebenheiten jedes Bereiches anzupassen. Der technische
Fortschritt auf dem Gebiet der Datenverarbeitung und der
Technischen Kommunikation in den letzten Jahren hat dafür neue
Spielräume eröffnet, z. B. für stärker dezentrale Lösungen. Sie haben
zudem gezeigt, daß nicht jedes Fachgebiet ein eigenständiges
Servicerechenzentrum für Informationsdienstleistungen (Host)
braucht. Vielmehr hat sich — auch unter Berücksichtigung der
Entwicklung ausländischer kommerzieller Informationsanbieter —
gezeigt, daß ein Direktzugriff auf nur wenige Hosts für den
Benutzer von Vorteil ist, auch im Hinblick auf einen vereinfachten
Zugang zu verschiedenen Datenbanken und Kostensenkungen.
Diese Hosts (z. B. INKA 1) u. a. für die Bereiche
Naturwissenschaften und Technik, DIMDI 2) u. a. für Gesundheitswesen, Medizin,
Biowissenschaften) bieten fachübergreifend die
Informationsdienste an.
2. Hat sich die Förderung von Information und Dokumentation gemäß
Artikel 91 b des Grundgesetzes aus der Sicht der Bundesregierung
bewährt, und sollte diese Förderung zukünftig noch ausgebaut
werden?
Von der Vielzahl der Einrichtungen im IuD-Bereich werden z. Z.
auf der Grundlage von Artikel 91 b GG folgende gefördert:
— Gesellschaft für Information und Dokumentation (GID),
— Technische Informationsbibliothek (TIB),
— Fachinformationszentrum Chemie (FIZ 3),
— Fachinformationszentrum Energie, Physik, Mathematik (FIZ 4),
— Deutsches Bibliotheksinstitut (DBI),
— Zentralbibliothek der Wirtschaftswissenschaften (ZBW),
— Zentralbibliothek der Medizin (ZBM).
Diese gemeinsame Förderung der Serviceeinrichtungen ist seiner
-
zeit als integraler Bestandteil des mit der Rahmenvereinbarung
Forschungsförderung erreichten Gesamtkompromisses auf Län-
1) INKA = Informationszentrum Karlsruhe
2) DIMDI = Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information
derwunsch verabredet worden, um für diesen als gesamtstaatlich
besonders wichtig erachteten Bereich ebenso wie für die DFG und
die MPG eine Gesamtplanung sicherzustellen und gleichzeitig die
Lasten auf Länderseite breiter zu verteilen.
Das gemeinsame Planungs- und Finanzierungsverfahren hat Vor-
und Nachteile, die nur schwer gegeneinander abgewogen werden
können. Für die laufende Förderung der o. a. Einrichtungen ist
festzustellen, daß die gemeinsame Förderung bisher zu
akzeptablen Ergebnissen geführt hat, auch wenn das Erfordernis
allseitigen Konsenses naturgemäß einen höheren Zeit- und
Arbeitsaufwand bedingt als bilaterale Lösungen. Die Beteiligten haben hier
im Laufe der Zeit im Interesse der Sache zu einer vernünftigen
Kooperation gefunden.
Große Schwierigkeiten bereitet die Notwendigkeit allseitigen
Konsenses dagegen — vor allem in finanzknappen Zeiten — bei
Bestrebungen, neue Einrichtungen in die gemeinsame Förderung
aufzunehmen. Der Zwang dieser Regelung, alle Länder für eine
Mitfinanzierung der Einrichtung zu gewinnen, ist für die
aktuellen Schwierigkeiten bei der Gründung der
Fachinformationszentren Sozialwissenschaften und Arbeit (FIZ 13) und
Geisteswissenschaften (FIZ 14) maßgeblich verantwortlich.
3. Wie stellt sich die Zusammenarbeit der einzelnen Bundesministerien
bei der Förderung von Information und Dokumentation dar, und
ergeben sich aus der bisherigen Forschungs- und
Entwicklungsarbeit verwertbare Ergebnisse für die Bundesregierung?
Die Zusammenarbeit der Bundesressorts bei der Förderung der
Fachinformation erfolgt im wesentlichen durch
— die Interministerielle Kommission „Information und
Dokumentation" ;
— Ressortbeteiligung an Beratungsgremien des BMFT;
— Ressortbeteiligung in den Aufsichtsorganen der
Fachinformationseinrichtungen;
— Vereinbarungen über:
• den gemeinsamen Aufbau von
Fachinformationseinrichtungen,
• die gemeinsame Nutzung von Ressourcen,
• die Zusammenarbeit nachgeordneter Stellen;
— Informationsaustausch im Rahmen des allgemeinen
Koordinierungskonzeptes der Bundesregierung (z. B. Leistungspläne,
Frühkoordinierung, DAKOR 3) ;
— direkte Kontakte.
Die Forschungs- und Entwicklungsvorhaben der Fachinformation
haben bis jetzt im Hinblick auf die Verwirklichung des
Regierungsprogramms zur Förderung von IuD zu wesentlichen
Ergebnissen geführt bei:
3) DAKOR = Datenbank für die Koordinierung der FuE-Vorhaben der
Bundesressorts
— der Realisierung eines Informationsverbundes (z. B.
DIMDINET 4) , nationaler Anschluß an EURONET/DIANE 5) ),
— der wirtschaftlichen Ausrichtung der
Fachinformationseinrichtungen und ihrem Marketing,
— der Analyse des Informationsbedarfs von Benutzern,
— der Verabredung einheitlicher Normen und Standards bei der
Informationsverarbeitung und -weitergabe.
Die Ergebnisse der Forschungs- und Entwicklungsvorhaben sind
in den Aufbau und den Betrieb von Diensten und Einrichtungen
eingeflossen, die von Ressorts betreut werden.
Die Forschungsergebnisse werden in der Regel in einer eigenen
Forschungsberichtsreihe 6) veröffentlicht und stehen damit
Fachwelt und breiterer Öffentlichkeit zur Verfügung.
4. Welche Bedeutung ist nach Auffassung der Bundesregierung einer
verstärkten internationalen Zusammenarbeit, insbesondere im
europäischen Bereich, beim Aufbau und Betrieb sowie Nutzung von
Fachinformationszentren zuzumessen?
Eine internationale Zusammenarbeit wird von der
Bundesregierung ausdrücklich angestrebt und von den in der Antwort zu 1.
genannten Einrichtungen bereits seit langem praktiziert. Für sie
sprechen folgende gewichtige Gründe:
— Ausreichende Kapazitäten, um das weltweite Aufkommen an
Informationen zu erfassen und zu erschließen, sind national
nicht verfügbar;
— Kostensenkungen und damit höhere Wirtschaftlichkeit werden
in den Fällen gemeinsam produzierter Informationsdienste
erreicht;
— die Zusammenarbeit ermöglicht sowohl die Nutzung
ausländischer Erkenntnisse (Wissensimport) als auch die Verbreitung
von in der Bundesrepublik Deutschland gewonnenen
Erkenntnissen (Wissensexport);
— nur durch anteilige nationale Beiträge zu inter- und
supranationalen Informationsdiensten läßt sich sicherstellen, daß
fortgeschrittene, in der Bundesrepublik Deutschland entwickelte
Technologien und Produkte in diesen weltweit angebotenen
Diensten angemessen vertreten sind und bekanntwerden.
Das Ausmaß der internationalen Zusammenarbeit hängt im
einzelnen von den Gegebenheiten der jeweiligen Fachgebiete ab.
Besonders stark ausgeprägt ist sie auf den Gebieten
Naturwissenschaften, Technik, Landwirtschaft und Medizin, was sich in den
„Aktionsprogrammen" der Kommission der Europäischen
Gemeinschaften (KEG) und funktionierenden internationalen
Informationssystemen (z. B. International Nuclear Information System,
4) DIMDINET = Sondernetz für die Benutzer des DIMDI-Hosts
5) EURONET = Europäisches Netz, das einen Zugang zu
Informationsdatenbanken ermöglicht
DIANE = Direct Information Access Network for Europe ist eine Gruppe von
Informationsanbietern
6) Die Forschungsberichte IuD werden vom Fachinformationszentrum Energie,
Physik, Mathematik GmbH in 7514 Eggenstein-Leopoldshafen 2 vertrieben.
INIS; Medical Literature Retrieval System, MEDLARS)
widerspiegelt.
Inhaltlich steht die gemeinsame Sammlung, Aufbereitung und
Verbreitung von Informationen sowie die Produktion von
Datenbasen im Vordergrund. Von Bedeutung sind zudem
— der Austausch von Experten und Informationen;
— die Mithilfe beim Aufbau von Einrichtungen des
Dokumentations-, Bibliotheks- und Archivwesens, besonders im Rahmen
der UNESCO für Länder der Dritten Welt;
— der freie Informationsfluß über Ländergrenzen hinweg durch
grenzüberschreitenden Zugriff auf Datenbanken;
— die Vereinheitlichung und Standardisierung;
— die Durchführung gemeinsamer FuE-Vorhaben.
Die Zusammenarbeit im Rahmen der EG ist besonders
ausgeprägt. Neben der Abstimmung und Harmonisierung der jeweils
nationalen Politik mit den Maßnahmen der KEG werden die
Aktivitäten der KEG von deutscher Seite aus aktiv unterstützt,
soweit sie den Zielen praxisorientierter Zusammenarbeit
entsprechen. Diese Aktivitäten finden ihren Niederschlag unter anderem
in
— dem laufenden 3. Aktionsprogramm für Information und
Dokumentation;
— dem Aktionsplan zur Verbesserung der
Informationsübertragung zwischen den europäischen Sprachen;
— dem Programm zur Schaffung des computergestützten
Übersetzungssystems EUROTRA;
— dem Betrieb des europäischen Informationsverbundnetzes
EURONET/DIANE.
5. Hält die Bundesregierung die Finanzausstattung der
Fachinformationszentren für angemessen, wie ist die mittelfristige
Finanzplanung, und welche Möglichkeiten ergeben sich ggf. zur
Kostensenkung bei den Unterhalts- und Betriebskosten der Zentren unter
Berücksichtigung der Notwendigkeit, die Qualität der angebotenen
I + D-Dienstleistungen auch zukünftig aufrechtzuerhalten und
weiter zu verbessern?
Die für eine optimale Informationsversorgung erforderlichen
Aktivitäten der Fachinformationszentren können aufgrund der
gegenwärtigen Finanzausstattung, u. a. bedingt durch die
Haushaltslage der öffentlichen Hände, nur mit Abstrichen durchgeführt
werden. Ein weiterer Auf- und Ausbau allein aus Mitteln des
Bundes — ohne deutlich höhere Einnahmen von Benutzern oder
Zuschüssen/Beteiligungen sonstiger Dritter (z. B. der Länder oder
der Wirtschaft) — ist nur begrenzt möglich. Hiervon sind
kostenintensive Anpassungen an den technologischen Fortschritt,
Investitionen in spezielle Informationsdienste für neue Benutzergruppen
sowie Baumaßnahmen betroffen.
Kostensenkungen und Mehreinnahmen werden sich auf längere
Sicht ergeben durch
— weitere Verstärkung der bereits praktizierten Koproduktion
von Datenbasen mit in- und vor allem ausländischen Partnern;
— Abrundung des Spektrums angebotener Informationsdienste
durch wirtschaftsnahe Daten;
— Steigerung der Benutzerzahlen durch Angebot neuartiger
Dienste (z. B. über Bildschirmtext) bei marktgerechten Preisen;
— verstärkten Einsatz technischer Hilfsmittel zur
Rationalisierung.
Diese Maßnahmen tragen dazu bei, angestrebte Verbesserung
des Kostendeckungsgrades — je nach Fachgebiet — zu erreichen.
6. Ist die Überführung einzelner Fachinformationszentren in den
privaten Bereich sinnvoll, und welche Vorstellungen hat die
Bundesregierung hierzu konkret entwickelt?
Zur Problematik der Überführung einzelner
Fachinformationszentren in den privaten Bereich ist von der Bundesregierung
wiederholt betont worden, daß eine Beteiligung privater Dritter
angestrebt wird, soweit dies den Gegebenheiten eines
Fachgebietes entspricht (vgl. dazu auch die Antwort auf die Kleine Anfrage
der CDU/CSU-Fraktion vom November 1981 — Drucksache
9/973). Die Bundesregierung geht davon aus, daß die
informationspolitischen Grundsätze der Meinungspluralität und -
neutralität, der Öffnung der Informationsangebote für die Allgemeinheit
und der Bedienung der Informationsbedürfnisse unterschiedlicher
Benutzergruppen eingehalten werden müssen. Wenn bisherige
Gespräche noch zu keiner Überführung oder Beteiligung geführt
haben, dann deshalb, weil sich generell in Frage kommende
Verlage wegen ihrer geringen Kapitalausstattung nicht zur
langfristigen Übernahme anteiliger Finanzierungsbeiträge in der Lage
sehen oder vornehmlich auf die Erfüllung der
Informationswünsche ausgewählter kaufkräftiger Benutzergruppen spezialisiert
sind. Hiervon zu unterscheiden ist die Beteiligung der Wirtschaft
im eigenen Interesse — in der Regel über ihre
wissenschaftlichtechnischen Verbände — an verschiedenen, vor allem
wirtschaftsbezogenen Fachinformationseinrichtungen. Dieses
Zusammenwirken zwischen Staat und Wirtschaft hat sich bewährt (z. B. FIZ
Technik, DITR 7 ) und soll weiter ausgedehnt werden.
7. Entspricht das durch die Fachinformationszentren angesprochene
Nutzerprofil den Vorstellungen der Bundesregierung und sollte
hierbei ggf. eine Ausweitung erfolgen?
Das derzeitige Nutzerprofil entspricht noch nicht voll den
Vorstellungen der Bundesregierung. In Abhängigkeit von den
spezifischen Gegebenheiten jedes Bereiches ist eine Verbreiterung des
Profils der durch die Fachinformationszentren angesprochenen
Benutzergruppen möglich und notwendig. Denn es ist davon
auszugehen, daß auf der Grundlage bestehender
Informationssammlungen sich noch viele Dienste ableiten lassen, die für bisher
kaum bediente Benutzergruppen von Interesse sind. Dies
erfordert speziell aufbereitete und verdichtete Dienste, z. B. für die
7 ) Deutsches Informationszentrum für technische Regeln
Zielgruppen der Multiplikatoren, u. a. Journalisten, Lehrer,
Berater von kleineren und mittleren Unternehmen (KMU). Intensive
Entwicklungsarbeiten und andauernde Bemühungen, die
Bedürfnisse des Marktes und der neuen Benutzer zu erkunden, sind
dafür unabdingbare Voraussetzungen.]