Volltext (unformatiert)
[Deutscher Bundestag
8. Wahlperiode
Drucksache 8/481
26.05.77
Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Marx, Windelen, Graf Huyn,
Dr. Hupka, Dr. Gradl, Sauer (Salzgitter), Frau Berger (Berlin), Würzbach
und der Fraktion der CDU/CSU
- Drucksache 8/343 -
Drosselung von Touristenreisen in die Baltischen Staaten seitens der sowjetischen
Behörden und Verbot einer deutschen Ausstellung in Litauen
Der Staatsminister im Auswärtigen Amt hat mit Schreiben vom
25. Mai 1977 — 011 — 300.14 — die Kleine Anfrage wie folgt
beantwortet:
1. Besitzt die Bundesregierung Informationen über die in der
deutschen Presse (u. a. Goslarsche Zeitung vom 21. März 1977,
Hamburger Abendblatt vom 22. März 1977) gemeldete drastische
Drosselung der diesjährigen Aufenthaltsbestätigungen auf ein
Viertel der Vorjahreskontingente für deutsche Touristenreisen
in die Baltischen Staaten sowie über die von den sowjetischen
Touristenbehörden gegebenen Begründungen?
Die Bundesregierung besitzt keine Informationen, aus denen
sich eine Kürzung des deutschen Kontingents für
Touristenreisen aus der Bundesrepublik Deutschland in die baltischen
Republiken ableiten ließe. Die von deutschen
Reiseveranstaltern gemachten Angaben ergeben zwar in einem Fall einen
nicht unerheblichen Rückgang der für dieses Jahr bestätigten
Anmeldungen, andere Informationen berichten jedoch von
einem unveränderten Reiseangebot und von Stornierungen
mangels hinreichender Nachfrage.
2. Sieht die Bundesregierung in dieser restriktiven Zuteilung von
Hotelplätzen in Riga und Tallin eine Diskriminierung deutscher
Reisewilliger und deutscher Reisebüros?
Für die Bundesregierung sind keine sicheren Anzeichen für
eine Diskriminierung deutscher Touristen bzw. deutscher
Reiseveranstalter erkennbar.
3. Ist die Bundesregierung bereit, wegen der sowjetischen Haltung
bei der sowjetischen Regierung vorstellig zu werden und in
diesem Zusammenhang auf den Widerspruch zu der
Absichtserklärung in der KSZE-Schlußakte von Helsinki (Korb III,
Ziffer 1 e) aufmerksam zu machen, in der die Verbesserung der
Bedingungen für den Tourismus auf individueller und
gemeinschaftlicher Grundlage vereinbart ist?
Aus dem Vorgesagten beantwortet sich diese Frage.
Die Bundesregierung - und dies allgemein zu diesem
Problemkreis - hat und wird auch in Zukunft auf die Bedeutung des
Tourismus für die Kontakte zwischen Ländern und Völkern
hinweisen und sich um seine Förderung in Erfüllung der
einschlägigen Bestimmungen der Schlußakte von Helsinki
bemühen. Die bisher erfolgte Steigerung der Touristenzahlen
bestätigt die Richtigkeit ihrer bisherigen Politik.
4. Wie viele Touristen aus der Bundesrepublik Deutschland haben
insgesamt 1976 die Sowjetunion besucht?
Mangels hinreichender Erfassung sieht sich die
Bundesregierung nicht in der Lage, aus eigener Erkenntnis hierzu
verläßliche Angaben zu machen. Nach sowjetischen Angaben belief
sich die Gesamtzahl der Touristen aus der Bundesrepublik
Deutschland für 1974 auf über 100 000, für 1975 auf 117 000 und
für das Jahr 1976 auf 129 000. Die ansteigende Tendenz des
deutschen Tourismus in die Sowjetunion ergibt sich auch aus
den wachsenden von deutschen Reisenden hierfür verwandten
Devisenausgaben, die von 1974 bis 1976 von jährlich 39 Mio
DM auf 53 Mio DM angestiegen sind.
5. Welche Gegenden wurden bevorzugt?
Angaben darüber, welche Gegenden in der Sowjetunion von
deutschen Touristen bevorzugt werden, liegen nicht vor;
erfahrungsgemäß dürften jedoch die Städte Moskau und Leningrad
häufigste Reiseziele sein. Was Leningrad anbetrifft, so hat sich
lt. amtlicher Leningrader Seite die Einreise von Touristen aus
der Bundesrepublik Deutschland in den Raum Leningrad in den
letzten Jahren wie folgt entwickelt: 1973 ca. 24 000, 1974 ca.
25 000, 1976 rund 35 500. Für 1975 wurden keine Angaben
gemacht. Wie schon 1973 und 1974, steht die Bundesrepublik
Deutschland auch 1976 an dritter Stelle unter den westlichen
Ländern und an fünfter Stelle insgesamt.
6. Wie viele sowjetische Touristen haben 1976 die Bundesrepublik
Deutschland besucht?
Nach Angaben des statistischen Bundesamtes wurden 1976 ca.
38 000 Einreisen sowjetischer Staatsangehöriger in das
Bundesgebiet und ca. 24 100 Hotelankünfte (bei ca. 71 000
Hotelübernachtungen) verzeichnet. Hiervon entfallen ca. 5000 erteilte
Visa auf Touristen bzw. Verwandtenbesuche, ca. 3500 auf
Reisen aus sonstigen persönlichen oder beruflichen Gründen und
ca. 2550 auf Reisen aus kulturellen und sportlichen Anlässen.
7. Wie beurteilt die Bundesregierung die Tatsache, daß laut einem
Bericht des Hamburger Abendblattes vom 23. März 1977
(„Helsinki-Bazillus" geht um) die deutsche Ausstellung „Ruhrgebiet
— heute schon Zukunft", die nach erfolgreichem Verlauf in
Rostow am Don und Donezk im Herbst 1976 nunmehr im März
1977 in Wilna gezeigt werden sollte, drei Tage vor Beginn der
Aufbauarbeiten verboten und die zur Eröffnung angemeldete
Delegation von 42 Kommunalpolitikern, Experten und
Journalisten unter Führung des Oberbürgermeisters von Essen
ausgeladen wurden?
Wegen der nicht zustandegekommenen Ausstellung in Wilna
„Ruhrgebiet - heute schon Zukunft" wird auf die Drucksache
8/285 Frage A 150 und meine Antwort vom 21. April 1977
verwiesen. Das Auswärtige Amt war in die Vorbereitungen für
die Ausstellung nicht eingeschaltet. Es wäre wünschenswert,
wenn diese Ausstellung in Wilna hätte gezeigt werden können.
Jedoch sollte die Bereitschaft der Sowjets, diese Ausstellung
in Kürze in Nowgorod zu veranstalten, als ausreichende
Kompensation gewertet werden.
8. Welche deutschen bzw. sowjetischen Ausstellungen wurden 1976
in der Sowjetunion bzw. in der Bundesrepublik Deutschland
gezeigt? Wie hoch waren die jeweiligen Besucherzahlen?
Es muß zwischen informationspolitischen und gewerblichen
Ausstellungen unterschieden werden. Die wichtigsten
deutschen Veranstaltungen informationspolitischer Natur fanden in
Rostow und Donezk statt, wo die unter Punkt 7 genannte
Ausstellung gezeigt wurde. Abgesehen von kleineren Vorhaben ist
ferner die Fotoausstellung „Städte und Menschen in der
Bundesrepublik Deutschland" zu nennen, die im Auftrage des
Bundespresseamtes seit drei Jahren als Wanderausstellung in der
Sowjetunion umläuft. Ihrerseits haben die Sowjets in der
Bundesrepublik Deutschland mehrere „Russische Wochen" und
ähnliche Veranstaltungen durchgeführt. Das Auswärtige Amt
kann die genaue Zahl der Ausstellungen nicht angeben, da die
deutschen Träger dieser Veranstaltungen in der Regel
Kommunen und deutsch-sowjetische Gesellschaften sind.
In der Sowjetunion fanden 1976 folgende Messen statt:
a) „Metallbearbeitungstechnik der Bundesrepublik
Deutschland"
in Moskau (30. März bis 8. April 1976)
Bisher größte im Ausland veranstaltete deutsche
Fachausstellung.
Veranstalter:
Verein Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken (VWD) in
Zusammenarbeit mit AUMA, BMWi und Kammer für
Handel und Industrie der UdSSR.
Auf ca. 10 000 qm Ausstellungsfläche haben 169 deutsche
Firmen ca. 400 Exponate im Wert von rund 100 Mio DM
gezeigt. Für rund 70 Mio DM wurden Exponate verkauft.
Weitere Bestellungen für die Jahre 1977/1978 wurden
aufgegeben, darunter Schleifmaschinen im Wert von 6 Mio DM.
Besucher: ca. 200 000, davon 2/3 Fachleute.
Drucksache 8/ 481 Deutscher Bundestag — 8. Wahlperiode
b) Ausstellung „Hotel- und Restaurant-Ausrüstung"
in Moskau (13. bis 17. Dezember 1976)
Ausstellung von 25 deutschen Firmen im Gebäude der
Kammer für Handel und Industrie der UdSSR.
Veranstalter:
Fa. Keramexport (Exportorganisation des Verbandes der
Keramischen Industrie).
Die Veranstaltung war keine Verkaufsausstellung; sie sollte
vielmehr der Anbahnung von Geschäftskontakten dienen.
Von den Veranstaltern ist die Ausstellung als erfolgreich
bezeichnet worden.
Die Sowjets haben ihrerseits auf dem gewerblichen Sektor
keine größeren Ausstellungen durchgeführt, wenn man von der
„Exportausstellung der UdSSR" absieht, die vom 26. November
bis 5. Dezember 1976 in Berlin (West) stattfand.
9. Wie beurteilt die Bundesregierung die wirtschaftlichen Ergeb
-
nisse und die politischen Folgen dieser Ausstellungen?
Eine Beurteiung ist lediglich für die größere Ausstellung
„Metallbearbeitungstechnik der Bundesrepublik Deutschland"
(vgl. Punkt 8 a) möglich:
Die meisten Aussteller waren mit dem Verlauf der Ausstellung
zufrieden und erwarten langfristig günstige
Geschäftsaussichten. Als wichtigstes Hindernis für die erwartete
Absatzsteigerung werden die geringen Aussichten der UdSSR auf
Gegengeschäfte zur Verringerung des Handelsbilanzdefizits sowie die
im Vergleich zu anderen Ländern ungünstigen
Kreditkonditionen angesehen.
Die von Bundesminister Dr. Friderichs eröffnete Ausstellung
wurde u. a. auch eingehend von Ministerpräsident Kossygin in
Begleitung verschiedener Fachminister besucht, der in
Gesprächen wiederholt auf Interesse und Möglichkeiten vertiefter
wirtschaftlicher Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern
hingewiesen hat. Dieser ausführliche Besuch wird auch als
politischer Erfolg für die Bundesrepublik Deutschland gewertet.
Der informationspolitische Wert der nicht-gewerblichen
deutschen Ausstellungen in der Sowjetunion muß als sehr hoch
veranschlagt werden.]