Volltext (unformatiert)
[Deutscher Bundestag
8. Wahlperiode
Drucksache 8/2107
19.09.78
Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Ueberhorst, Daubertshäuser, Frau Erler,
Grunenberg, Scheffler, Dr. Steger, Stockleben, Wendt, Dr.-Ing. Laermann,
Frau Schuchardt, Schäfer (Mainz), Zywietz, Dr. Haussmann, Angermeyer
und der Fraktionen der SPD, FDP
- Drucksache 8/2071 -
Forschung und Entwicklung auf dem Gebiet der Datenverarbeitung
und der elektronischen Bauelemente
Der Bundesminister für Forschung und Technologie hat mit
Schreiben vom 18. September 1978 die Kleine Anfrage im
Einvernehmen mit dem Bundesminister für Wirtschaft und dem
Bundesminister für das Post- und Fernmeldewesen wie folgt
beantwortet:
1. Was hat die Bundesregierung bisher unternommen, um den
Zusammenhang der Entwicklung der Elektronik, der Produktivität
der Volkswirtschaft und der qualitativen und quantitativen
Arbeitsmarkentwicklung zu klären?
Die Elektronik ist eine Schlüsseltechnologie für große Bereiche
der Volkswirtschaft. Das haben auch im Auftrag des
Bundesministers für Forschung und Technologie angestellte
Untersuchungen deutlich gemacht; im Auftrag des Bundeskabinetts
vom 22. März 1978 werden zudem zwei konkurrierende Studien
zum Thema „Technischer Fortschritt, Auswirkungen auf
Wirtschaft und Arbeitsmarkt" erstellt, die 1979 vorliegen werden.
Ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen der Anwendung
moderner Elektronik und positiven oder negativen Wirkungen
auf Arbeitsplätze ist wegen der Vielzahl konjunktureller und
struktureller Faktoren nur in wenigen Bereichen der
Produktion von Gütern und Dienstleistungen nachweisbar. Eine Liste
relevanter Studien des BMFT ist als Anlage beigefügt. Auch
eine gerade abgeschlossene sozialwissenschaftliche
Untersuchung der Uhrenindustrie zeigt, daß Arbeitsplätze bisher in
erster Linie in Unternehmen verloren gehen, die einen Verlust
an Marktanteilen infolge eines verzögerten Einstiegs in die
Anwendung der Elektronik zu verzeichnen hatten, während
Unternehmen, die rechtzeitig Elektronik in ihren Produkten auf den
Markt gebracht haben, die Zahl ihrer Arbeitsplätze eher
vermehrt haben.
Fachleute gehen davon aus, daß in den nächsten fünf Jahren
insgesamt bis zu drei Prozent aller Arbeitsplätze durch die
Elektronik substantielle Veränderungen erfahren.
Ein Teil dieser Arbeitsplätze wird infolge des technisch
bedingten Produktivitätsfortschritts wegfallen. Gleichzeitig wird allein
in der Elektronikindustrie bis 1982 mit Produktinnovationen
für einen Jahresproduktionswert von 10 Mrd. DM gerechnet.
Ohne die breite Anwendung der Elektronik und den dadurch
zu erwartenden Produktivitätsfortschritt würden infolge der
weltweit verflochtenen Volkswirtschaft der Bundesrepublik
Deutschland eine größere Zahl von Arbeitsplätzen gefährdet
sein und ganze Branchen längerfristig ihre
Wettbewerbsfähigkeit verlieren.
2. Welche Maßnahmen sind vorgesehen, um die mehrfach
öffentlich bekundete Absicht der Bundesregierung zu realisieren,
Berlin zu einem Zentrum der Nachrichtentechnik zu machen?
Die Bundesregierung hat gemeinsam mit dem Berliner Senat
im Frühjahr dieses Jahres einen Maßnahmenkatalog zur
Förderung von Forschung und Entwicklung in Berlin vorgelegt, der
bis Ende des Jahres fortgeschrieben wird. Darin wurde die
Absicht erklärt, Berlin wieder zu einem Zentrum der
nachrichtentechnischen Forschung auszubauen.
Hierzu wurden 1978 ca. 21 Mio DM vom BMFT zur Verfügung
gestellt, und zwar für
— zukunftsweisende, grundlegende Forschungsarbeiten des
Heinrich-Hertz-Instituts auf den Gebieten der optischen
Nachrichtentechnik, der digitalen Vermittlungstechnik und
der Breitbandkommunikation,
— industrielle Forschungs- und Entwicklungsvorhaben,
— die Errichtung einer Glasfaser-Versuchsstrecke im Ortsnetz
Berlin zusammen mit der Deutschen Bundespost.
Diese Maßnahmen sollen insbesondere im Bereich der
industriellen Forschung und Entwicklung verstärkt werden, um den
in der Bundesrepublik Deutschland ansässigen Firmen Anreize
zu geben, Forschungs- und Entwicklungs-Projekte wieder nach
Berlin zu verlagern. Die Berlin-Maßnahmen auf dem Gebiet der
Nachrichtentechnik sollen abgerundet werden durch die
Errichtung von Referenzsystemen zur Demonstration künftiger
innerbetrieblicher Kommunikationsanwendungen.
Die Deutsche Bundespost wird weitere Versuchsanlagen in
Berlin errichten, um neue Entwicklungen in der digitalen und in der
optischen Nachrichtentechnik voranzutreiben.
3. In welchen Bereichen soll das VDI-Technologiezentrum in
Berlin seine Beratungs- und Förderungsaktivitäten ausbauen?
Das VDI-Technologiezentrum soll kleinen und mittleren
Unternehmen bei der Bewältigung struktureller
Anpassungsschwierigkeiten helfen, wie sie besonders durch den raschen
Entwicklungsfortschritt der Mikroelektronik in Erscheinung treten. Die
Tätigkeit des Technologiezentrums besteht dabei in
— Beratung von Unternehmen über den mittel- und langfristig
eintretenden technologischen Wandel,
— Beitrag zur Schulung von Anwendern durch Seminare und
Experimentalkurse,
— Hilfe für kleinere Unternehmen bei der Ausarbeitung von
Förderungsanträgen.
Die Technologien und Bereiche, die in der nächsten Zeit eine
besondere Bedeutung in der Tätigkeit des Technologiezentrums
haben werden, sind
— Anwendung von Mikroprozessoren und Koordinierung der
Entwicklung von kundenspezifischen Schaltkreisen für neue
Anwendungsbereiche,
— Anzeige-, Meß- und Regelungstechnik für neue Produkte,
— Integration von Feinwerktechnik und Elektronik,
— neue Anwendungen der technischen Optik.
4. Welche Ansatzpunkte sieht die Bundesregierung, durch
Forschungs- und Entwicklungsprojekte die sich anbahnende
Durchdringung des Bürobereichs mit moderner Informationstechnik
so zu gestalten, daß keine schwerwiegenden Nachteile für die
dort Beschäftigten entstehen?
In den Maßnahmen des Bundesministers für Forschung und
Technologie ist die Analyse der sozialen und wirtschaftlichen
Grundlagen der Technologieförderung ein besonderer
Schwerpunkt. Grund dafür ist u. a., daß das rasche Eindringen der
Informationstechnik im Bereich Büro und Verwaltung nach
Auffassung der Bundesregierung zu erheblichen qualitativen und
quantitativen Veränderungen der Arbeitsplätze führt.
In engem Zusammenhang mit den technischen Entwicklungen in
den Bereichen der Daten- und Nachrichtentechnik sollen Pilot
-
projekte gefördert werden, in denen die mit der Einführung
neuer Techniken in Büro und Verwaltung verbundenen
Probleme unter praxisnahen Bedingungen erforscht werden sollen.
Dabei kann am ehesten realitätsnah versucht werden, eine
Rückkopplung zwischen Forderungen, Wünschen und
Fähigkeiten der Beschäftigten und Ausgestaltung der technischen
Einrichtungen und den damit verknüpften Arbeitsabläufen
herzustellen. Hierzu gehören Untersuchungen über mögliche
Produktivitätsentwicklungen in Büro und Verwaltung und über die
Belastung der Beschäftigten an Bildschirm-Arbeitsplätzen und
weitere Vorhaben im Rahmen des Programms Humanisierung
des Arbeitslebens.
5. Berücksichtigt die Bundesregierung bei der Förderung der
Informationstechniken neben anderen wirtschaftlichen und
gesellschaftlichen Zielen auch den immer gewichtiger werdenden
Bereich der persönlichen und kollektiven inneren Sicherheit?
Ja, denn der Einsatz von Informations- und
Kommunikationstechniken für den Bereich der persönlichen und kollektiven
inneren Sicherheit hat in den letzten Jahren zunehmend an
Bedeutung gewonnen. Auf dem Gebiet der persönlichen Sicherheit
ist beispielsweise die Entwicklung und Erprobung eines Haus
-
Notrufsystems für ältere Menschen geplant. Ferner sei in
diesem Zusammenhang auf elektronische und
datenverarbeitungstechnische Entwicklungen für das Verkehrswesen hingewiesen,
die nicht nur die Leistungsfähigkeit, sondern insbesondere auch
die Sicherheit erhöhen (z. B. Abstandswarngeräte, Leit- und
Zielführungssysteme, Auto-Notfunk) .
Gefördert werden auch moderne Datenfunksysteme zur
Verbrechensbekämpfung und andere gemeinsam mit dem
Bundeskriminalamt geplante Vorhaben; auch die Entwicklung von
Einsatzleitzentralen zur raschen Hilfeleistung bei Brand, im
Katastrophenschutzfall und im Rettungswesen wird unterstützt.
6. Wird die Bundesregierung nach dem Auslaufen des Dritten
Datenverarbeitungsprogramms Ende 1979 ein Viertes
Datenverarbeitungsprogramm aufstellen?
Nein, die Bundesregierung wird kein Viertes
Datenverarbeitungsprogramm aufstellen.
7. Wie beurteilt die Bundesregierung die Erfolge ihrer Programme
„Förderung der Datenverarbeitung" und „Elektronische
Bauelemente" untér dem Gesichtswinkel, die internationale
Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft und die Verbesserung
ihrer Exportchancen zu stärken?
Ein Teil der Maßnahmen des Dritten
Datenverarbeitungsprogramms sind darauf gerichtet, den Aufbau einer mit Beginn der
80er Jahre von staatlichen Zuschüssen unabhängigen
Datenverarbeitungsindustrie zu fördern. Die heutige Stellung der
deutschen Firmen auf dem Markt zeigt, daß im Bereich der
mittleren und großen DV-Systeme deutliche Fortschritte in Richtung
dieses Ziels erreicht wurden. Die mit Hilfe der Förderung
entwickelten Systeme sind technisch und wirtschaftlich
konkurrenzfähig.
Bei den Herstellern von Kleinrechnern und Endgeräten trug die
Förderung dazu bei, den Wandel von der Mechanik zur
Elektronik so frühzeitig einzuleiten und gleitend zu bewältigen, daß in
diesem Bereich insgesamt kein einschneidender Personalabbau
eintrat. Die Zahl der in der Bundesrepublik Deutschland
Beschäftigten bei geförderten Kleinrechnerherstellern ging von
1974 bis 1977 um etwa 10 Prozent zurück. Hingegen hat sich der
Umsatz um 40 Prozent erhöht und liegt knapp über zwei
Milliarden DM. Hiervon geht der überwiegende Teil in den Export.
Die Umstrukturierung ist in diesem Bereich noch nicht
abgeschlossen. Vor allem das rasche Vordringen der
Mikroelektronik und die zunehmende Komplexität der
Programmentwicklungen machen weiterhin hohe Entwicklungs- und
Umstellungsaufwendungen notwendig.
Die deutschen Hersteller von Kleinrechnern und Endgeräten
konnten aber bisher trotz der großen strukturellen Probleme
ihre Position am Markt halten.
Mit Beginn des Programms Elektronische Bauelemente 1974 bis
1978 wurden die Haushaltsmittel auf die Förderung von
Integrierten Schaltkreisen und Optoelektronik konzentriert, die
zukunftsträchtigsten Teilbereiche elektronischer Bauelemente.
Inzwischen ist die Entwicklung insoweit erfolgreich verlaufen,
als beispielsweise
- bei MOS-Schaltkreisen deutsche Hersteller ihren Umsatz in
der Bundesrepublik Deutschland von 1974 bis 1978 erheblich
steigern konnten;
— auf dem Gebiet der optischen Sensoren inzwischen ein
technisch international konkurrenzfähiger Stand erreicht wurde;
— bei bestimmten kundenspezifischen Schaltkreisen ein
deutscher Hersteller auch im US-Markt beachtliche Erfolge
erzielt.
Mit dem Übergang zu noch kleineren Strukturen findet derzeit
ein grundlegender Wandel in der Fertigungstechnik von
Halbleiterbauelementen statt. Diese Technik ist durch neue Geräte
und Verfahren, wie Röntgenlithografie,
Elektronenstrahlbelichtung und Trockenätzen gekennzeichnet, deren Entwicklung
außerordentlich aufwendig und kostspielig ist. Die Förderung
wird daher im Rahmen des Programms „Elektronische
Bauelemente" zunehmend auf die Entwicklung von neuen
Verfahren und Einrichtungen zur Produktion von größtintegrierten
Schaltkreisen konzentriert. Darüber hinaus soll als weiterer
Schwerpunkt dieses Programms die Entwicklung neuartiger
Schaltkreiskonzepte einschließlich der notwendigen
Softwaretechnologie gefördert werden, um durch verbessertes
Systemwissen eventuelle Nachteile im fertigungstechnischen Bereich
ausgleichen und die neuen Möglichkeiten der Größtintegration
voll ausschöpfen zu können.
Anlage
Marktstudie zur Ermittlung des Bedarfs an neuen kommunalen
Infrastrukturmaßnahmen und Technologien in der Bundesrepu
-
blik Deutschland
Institut für Systemtechnik
und Innovationsforschung (ISI)
der Fraunhofer Gesellschaft
Karlsruhe
1975
Untersuchung über den finanziellen Umfang des Marktes für
wissenschaftliche und technische Information
Infratest Forschung
GmbH & Co KG München
1975-1977
Vorstudie zur Studie über neue oder erweiterte Fernmelde
dienste für geschäftliche Kommunikation
A. D. Little Inc. u. a.
Wiesbaden
1974-1975
Der Einfluß neuer Techniken auf dem Arbeitsmarkt. Eine Ana
lyse ausgewählter Studien unter spezieller Berücksichtigung
der Informationstechniken
Institut für Systemtechnik
und Innovationsforschung (ISI)
der Fraunhofer Gesellschaft
Karlsruhe
1976
Untersuchung und Prognose über die Entwicklung des Wett
bewerbs im amerikanischen Markt der elektronischen Daten
verarbeitung
IDC-Deutschland GmbH
München
1977
Industrieeigene Vorausschau und Bewertung zukünftiger Ent
wicklungen und deren Einflüsse auf die Innovationspraxis aus
gewählter Industriebranchen; Kooperationsmöglichkeiten zwi
schen Staat und Wirtschaft
Ifo-Institut für
Wirtschaftsforschung e.V.
München
1974-1975
Battelle-Institut e.V.
Frankfurt/Main
1975
Analyse und Prognose des Forschungsbedarfs in der Bundes
republik Deutschland. Alternativen für eine staatliche Techno
logiepolitik, Modernisierung der Volkswirtschaft
Professor Dr. L. Hübl
Hannover
1975
Prognos AG Basel
1975
Ansatzpunkte für eine strukturpolitisch orientierte Forschungs-
und Technologiepolitik in der Bundesrepublik Deutschland
Prognos AG Basel
1975
Ansatzpunkte für eine staatliche Technologiepolitik zur Bewäl
tigung sektoraler Strukturprobleme in der Bundesrepublik
Deutschland
Ifo-Institut für
Wirtschaftsforschung e.V.
München
1975
Entwicklungstendenzen des Dienstleistungsbereichs; Beiträge
von Forschung und Technologie
Prognos AG Basel
1975-1976
Neue Technologien in der Bundesrepublik Deutschland und ihre
Bedeutung für den wirtschaftlichen Strukturwandel
Battelle-Institut e.V.
Frankfurt/Main
1975
Institut für Systemtechnik
und Innovationsforschung (ISI)
der Fraunhofer Gesellschaft
1975
Strukturelle Entwicklungstendenzen in Anwender- und Aus
-
rüstungsbereichen der Produktions- und Fertigungstechnik
(4 Bände)
Ifo-Institut für
Wirtschaftsforschung e.V.
München
1975-1976
Produktionspotential, Faktorproportionen und Technologie
wandel in den Wirtschaftsbereichen der Bundesrepublik
Deutschland
(2 Bände)
Deutsches Institut für
Wirtschaftsforschung
Berlin
1975-1976
Technischer Fortschritt und Beschäftigung
(2 Bände)
Friedrich-Ebert-Stiftung
Bonn-Bad Godesberg
1977
Auswirkungen der Technologieentwicklung auf Arbeitsplätze
und Unternehmen in der deutschen Uhrenindustrie
Peter Töpfer, Planung und
Beratung
1978 (erscheint in Kürze)
Technischer Fortschritt, Auswirkungen auf Wirtschaft und
Arbeitsmarkt (von BMWI, BMA und BMFT gemeinsam ver
geben)
Prognos AG Basel / Mackintosh
Consultants Company Ltd
Darmstadt
1979 (vorgesehenes
Ablieferungsdatum)
und konkurrierend
Ifo-Institut für
Wirtschaftsforschung e.V. München /
Institut für Systemtechnik und
Innovationsforschung (ISI)
der Fraunhofer Gesellschaft /
Infratest Forschung GmbH & Co
KG
München,
1979 (vorgesehenes
Ablieferungsdatum)]