Die Bundesregierung bewertet die Biotechnologie, deren Aufgabengebiet der Einsatz biologischer Prozesse im Rahmen der industriellen Produktion ist, als eine zukunftsorientierte Schlüsseltechnologie, deren Anwendung wichtige Beiträge zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Bürger und zur Steigerung des Wirtschaftswachstums verspricht.
Die Biotechnologie hat sich neben der klassischen und seit langem etablierten Gärungstechnologie, die in diesem Zusammenhang unberücksichtigt bleiben soll, nach dem zweiten Weltkrieg als wichtiger interdisziplinärer Forschungszweig im Grenzbereich zwischen mehreren biologisch-biochemischen und technisch-verfahrenstechnischen Disziplinen angesiedelt, deren Forschungsergebnisse für die Entwicklung technischer Verfahren zur Herstellung eines breiten Spektrums vielseitig verwendbarer Biosyntheseprodukte, außerhalb der in bestimmten Wirtschaftsbereichen, wie etwa im Brauerei- und Brennereigewerbe oder in der Milchwirtschaft eingeführten traditionellen Fermentationsverfahren, genutzt werden kann. Die Erschließung neuer Anwendungsgebiete wurde ermöglicht durch die Nutzung der auf der zell- und molekularbiologischen Arbeitsebene in den letzten drei Jahrzehnten erzielten bahnbrechenden Forschungsergebnisse, namentlich über die Struktur genetischer Informationsträger, die Speicherung genetischer Informationen und die biochemische Regulation grundlegender Lebensvorgänge, die von der naturwissenschaftlichen Mikrobiologie, der Biochemie und der Genetik erzielt worden sind.
Die sich daraus ergebenden Möglichkeiten sind insbesondere in den Vereinigten Staaten von Amerika, z. B. für die Antibiotika-Herstellung und in Japan, z. B. für die Produktion von Aminosäuren, intensiv ausgeschöpft und teilweise auch frühzeitig staatlicherseits gefördert worden. In der Bundesrepublik Deutschland ist das biotechnologische Potential dagegen lange Zeit weitgehend unerschlossen geblieben. Ursachen hierfür waren, daß
- sowohl die genannten Basiswissenschaften der Biotechnologie als auch diese selbst als interdisziplinäres Fachgebiet erst ab Mitte der 60er Jahre Eingang in das Forschungsspektrum der Hochschulen und der öffentlich getragenen außeruniversitären Forschungseinrichtungen gefunden haben
- die Möglichkeiten der interdisziplinären Forschung nur be grenzt ausgeschöpft wurden und qualifizierter wissenschaftlicher Nachwuchs erst sehr spät ausgebildet werden konnte
- die Bedeutung neuer biotechnischer Verfahren noch bis vor wenigen Jahren in der Industrie unterbewertet worden ist oder angesichts kaum abschätzbarer künftiger Marktentwicklungen das Risiko der Aufwendungen für die Erarbeitung der fehlenden anwendungsorientierten wissenschaftlichen Basisdaten als zu hoch veranschlagt wurde und
- ein beiderseitig befruchtender Informationsfluß zwischen Grundlagen- und Industrieforschung weitgehend unterblieben war.
Die Bundesregierung hat deshalb seit 1972 gezielte Maßnahmen der institutionellen und der Projektförderung durchgeführt, um ein leistungsfähiges Forschungspotential im öffentlichen und industriellen Bereich zu schaffen und Anschluß an die internationale Entwicklung zu finden. In diesem Zusammenhang ist insbesondere der Aufbau der Gesellschaft für Biotechnologische Forschung mbH als Großforschungseinrichtung zu erwähnen. Bei der Projektförderung wurden schwerpunktmäßig Vorhaben der biologischen Verfahrenstechnik, der produktorientierten Technischen Mikrobiologie und Zellkulturtechnik, der Enzymtechnologie und Bioreaktorentwicklung bezuschußt. Gleichzeitig wurde auch durch gezielte Maßnahmen seitens der Bundesländer, der Organisationen der Forschungsförderung und weitere flankierende Maßnahmen des Bundes die wissenschaftliche Basis in der biologischen Grundlagenforschung an Hochschulen und bei den vom Bund finanzierten oder mitfinanzierten Einrichtungen beträchtlich verbreitert. Auch die Industrie hat verstärkt Anstrengungen unternommen, um geeignete Forschungskapazitäten zu schaffen. Von 1972 bis 1978 hat die Bundesregierung insgesamt etwa 150 Mio DM für Forschungs- und Entwicklungsvorhaben investiert.
Nimmt man die wissenschaftlichen Veröffentlichungen und die Patentanmeldungen der letzten drei Jahre als Vergleichsmaßstab, dann ist als Zwischenergebnis dieser Maßnahmen festzustellen, daß die in Deutschland betriebene biotechnologische Forschung und Entwicklung zur Zeit in der Welt eine mittlere Position in sehr deutlichem Abstand zu den Vereinigten Staaten von Amerika und zu Japan einnimmt und der Umfang der Forschungsaktivitäten mit denen anderer europäischer Nationen, wie etwa Frankreich oder Großbritannien annähernd vergleichbar ist. Auf einigen Gebieten, wie etwa der Herstellung von Mikroorganismeneiweiß auf Methanolbasis, der Zellkulturtechnik, der bioverfahrenstechnischen Grundlagen für die Bioreaktorentwicklung und der enzymatischen Trennung von Stoffgemischen dürfte inzwischen der Anschluß an die internationale Entwicklung gefunden worden sein.
Seit der Gründung der Europäischen Föderation für Biotechnologie 1978 sind insbesondere in Großbritannien und Frankreich umfangreiche Vorbereitungen getroffen worden, um die Möglichkeiten gezielter staatlicher Förderungsmaßnahmen zu verbessern. Auch die Europäischen Gemeinschaften erörtern zur Zeit die Frage der Notwendigkeit und Zweckmäßigkeit eines Forschungsprogramms „Angewandte Biologie", das sich im wesentlichen auf biotechnologische Schwerpunktthemen konzentrieren soll.
Die Bundesregierung beabsichtigt, angesichts der durch die bisherigen Förderungsmaßnahmen auf den genannten Gebieten erzielten guten Zwischenergebnisse den gegenwärtigen wissenschaftlich-technischen Leistungsstand zu verbessern und die Umsetzung der Forschungsergebnisse bis zur Vorstufe industrieller Produktionsverfahren zu ermöglichen. Auf anderen Gebieten, wie etwa der Konstruktion und Auslegung neuer Bioreaktorsysteme und deren Einführung in die Abwassertechnik oder bei Biosyntheseverfahren, der Gewinnung von umweltfreundlichen Substanzen, der Trägerfixierung von Biokatalysatoren, der Gentechnologie und der Plasmidforschung, der biologischen Stickstoffixierung, der Bioenergetik und der nachwachsenden Rohstoffe, sind verstärkte Anstrengungen notwendig, um Rückstände im Vergleich zu anderen Industrienationen aufzuholen und gleichzeitig auch Verfahren und Produkte zu entwickeln, deren praktischer Einsatz aus den Gesichtspunkten der staatlichen Daseinsfürsorge für den Bürger wünschenswert ist und der deutschen Volkswirtschaft insgesamt zugute kommt.