Schädigung von Ökosystemen durch Arzneimittelrückstände
der Abgeordneten Judith Skudelny, Frank Sitta, Grigorios Aggelidis, Renata Alt, Jens Beeck, Dr. Jens Brandenburg (Rhein-Neckar), Mario Brandenburg (Südpfalz), Britta Katharina Dassler, Dr. Marcus Faber, Katrin Helling-Plahr, Markus Herbrand, Katja Hessel, Dr. Christoph Hoffmann, Reinhard Houben, Ulla Ihnen, Olaf in der Beek, Dr. Lukas Köhler, Carina Konrad, Ulrich Lechte, Hagen Reinhold, Dr. Wieland Schinnenburg, Matthias Seestern-Pauly, Dr. Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Benjamin Strasser, Katja Suding, Stephan Thomae und der Fraktion der FDP
Vorbemerkung
Der Arzneimittelkonsum ist eng mit dem Lebensstandard in Deutschland verknüpft. Jedoch sind Medikamente nach der Einnahme immer noch vorhanden. Je nach Medikament gelangen verstoffwechselte oder unveränderte Bestandteile in unser Abwasser. Nicht nur durch die Einnahme sondern auch durch die unsachgemäße Entsorgung von Medikamenten gelangen Arzneimittelstoffe ins Abwasser. Kläranlagen können nach derzeitiger Ausbaustufe Arzneimittelrückstände nicht vollständig entfernen (BDEW-Positionspapier „Spurenstoffe und Gewässerressourcen“ S. 12).
Aktuelle Studien zeigen, dass der menschliche Medikamentenverbrauch in den nächsten Jahren weiter ansteigen wird (Arzneimittelverbrauch im Spannungsfeld des demographischen Wandels; civity 2018). Dies liegt zum einem am demographischen Wandel, da ältere Menschen einen bis zu zwanzigfach höheren Verbrauch an Medikamenten haben als jüngere Menschen. Zum anderen daran, dass der Pro-Kopf-Verbrauch von Medikamenten weiter steigt. Die Arzneimittelrückstände in unseren Gewässern werden daher auch zukünftig weiter zunehmen (Arzneimittelverbrauch im Spannungsfeld des demographischen Wandels; civity 2018).
Arzneimittelrückstände gelangen über das gereinigte Wasser aus den Kläranlagen in unsere Wasserkörper. Die Folgen der Arzneimitteleinträge zeigen sich beispielsweise an dem Erscheinungsbild männlicher Fische und Frösche. Fische bilden durch das Hormon Ethinylestradiol weibliche Sekundärorgane aus, Frösche sind ebenso in der Reproduktion und der Arterhaltung bedroht. Bei verschiedenen Fischarten, sowie dem mexikanischen Flohkrebs, kommt es zu einer Hemmung des Wachstums und einer Schädigung innerer Organe durch beispielsweise Oxazepam, Propranolol und Diclofenac (Arzneimittel in der Umwelt, Umweltbundesamt April 2014, Dagmar Dehmer, Tagesspiegel Online 17. März 2015).
Die EU-Kommission entwickelt aktuell eine gemeinsame Arzneimittelstrategie zum Schutz der Gewässer. Diese kann für den Schutz der deutschen Gewässer wegweisend sein.
Wir fragen die Bundesregierung:
Fragen16
Gibt es nach Kenntnis der Bundesregierung Daten darüber, welche Wirkstoffe in Gewässern nachgewiesen werden konnten? Wenn nicht, sind Datenerhebungen dafür geplant? Wird dabei nach hormonell wirkenden Wirkstoffen und Antibiotika unterschieden?
Wie groß ist die der Bundesregierung bekannte Rückstandsmenge an Arzneimittelwirkstoffen insgesamt, und gibt es dabei eine Unterscheidung nach Hormonen und Antibiotika?
Hat die Bundesregierung Erkenntnisse darüber, welche der Arzneimittelwirkstoffe in Gewässern für das Ökosystem schädigende Wirkungen zeigen? Wenn nicht, sind Forschungsaufträge auf diesem Gebiet geplant?
Welche Eintragsquellen von Arzneimitteln in Ökosysteme sind der Bundesregierung bekannt, die eine Wirkung, wie bspw. die Verweiblichung männlicher Fische, hervorrufen? Was hat die Bundesregierung seither dagegen unternommen?
Welche Kenntnisse liegen der Bundesregierung über Arzneimitteleinträge in Gewässer durch Krankenhäuser vor?
Welche Maßnahmen gegen hohe Arzneimittelrückstände in Gewässern können nach Einschätzung der Bundesregierung ergriffen werden? Gibt es Maßnahmenkataloge für Verbraucher, Wasserwirtschaft und Arzneimittelindustrie?
Wie schützt die Bundesregierung Tierarten, deren Lebensweise durch die Arzneimittelrückstände in Gewässern bedroht sind?
Was plant die Bundesregierung zur Schaffung eines Bewusstseins für die fach- und sachgerechte Entsorgung von Medikamenten bei der Bevölkerung?
Was war, nach Information der Bundesregierung, der Grund für die Abschaffung des Arzneimittelrücknahmesystems durch Apotheken?
Ist die Wiedereinrichtung eines Arzneimittelrücknahmesystems durch Apotheken von der Bundesregierung angestrebt? Wie erfolgreich wird ein solches System von der Bundesregierung bewertet?
Wie kann nach Meinung der Bundesregierung eine Förderung von nachhaltigeren Arzneimitteln wie z. B. eine gezieltere und sparsamere Dosierung der Wirkstoffe und der Einsatz von biologisch besser abbaubaren Wirkstoffen erreicht werden?
Welche anderen, biologisch besser abbaubaren Wirkstoffe könnten nach Wissen der Bundesregierung in Medikamenten alternativ zu den für die Tiere schädlichen Wirkstoffen (bspw. Ethinylestradiol, Propranolol, Oxazepam, Diclofenac) verwendet werden, um diese zu schützen?
Wie steht die Bundesregierung dazu, ein Kriterium der Umweltverträglichkeit bei der Herstellung von Medikamenten einzuführen?
Wie steht die Bundesregierung zur gemeinsamen EU-Arzneimittelstrategie zum Schutz von Gewässern?
Mit welcher Position bzw. welchen Positionen bringt sich die Bundesregierung in die EU-Arzneimittelstrategie zum Schutz von Gewässern ein?
Sind weitere Wirkstoffe mit hormoneller oder antibiotischer Wirkung auf die Umwelt bekannt, und wenn ja, welche?