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Kleine AnfrageWahlperiode 19Beantwortet

MINT-Herbstreport des IW Köln: MINT-Kompetenz für den Technologie- und Innovationsstandort Deutschland

Fraktion

FDP

Ressort

Bundesministerium für Bildung und Forschung

Datum

07.02.2019

Aktualisiert

26.07.2022

Deutscher BundestagDrucksache 19/729623.01.2019

MINT-Herbstreport des IW Köln: MINT-Kompetenz für den Technologie- und Innovationsstandort Deutschland

der Abgeordneten Dr. h. c. Thoams Sattelberger, Katja Suding, Nicola Beer, Dr. Jens Brandenburg (Rhein-Neckar), Mario Brandenburg (Südpfalz), Britta Katharina Dassler, Grigorios Aggelidis, Renata Alt, Christine Aschenberg-Dugnus, Nicole Bauer, Jens Beeck, Dr. Marco Buschmann, Carl-Julius Cronenberg, Dr. Marcus Faber, Daniel Föst, Otto Fricke, Thomas Hacker, Katrin Helling-Plahr, Markus Herbrand, Torsten Herbst, Katja Hessel, Manuel Höferlin, Reinhard Houben, Ulla Ihnen, Olaf in der Beek, Gyde Jensen, Dr. Christian Jung, Thomas L. Kemmerich, Dr. Marcel Klinge, Pascal Kober, Carina Konrad, Alexander Graf Lambsdorff, Ulrich Lechte, Till Mansmann, Prof. Dr. Martin Neumann, Frank Schäffler, Dr. Wieland Schinnenburg, Frank Sitta, Judith Skudelny, Bettina Stark-Watzinger, Dr. Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Benjamin Strasser, Katja Suding, Michael Theurer, Stephan Thomae, Manfred Todtenhausen, Prof. Dr. Andrew Ullmann, Sandra Weeser, Nicole Westig, Katharina Willkomm und der Fraktion der FDP

Vorbemerkung

Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln schreibt in seinem MINT-Herbstreport, dass in den Fachrichtungen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT) die Zahl der nicht besetzten Stellen weitergewachsen ist. Im Oktober 2018 waren in Deutschland fast eine halbe Million MINT-Stellen unbesetzt. Laut IW Köln wären die Engpässe in allen MINT-Berufsgruppen noch größer, wenn nicht immer mehr ausländische Fachkräfte für Entlastung sorgen würden. Doch das allein reiche nicht. Um für die Zukunft gewappnet zu sein, müssten sich mehr junge Leute für einen MINT-Beruf begeistern (www.iwd.de/artikel/die-mint-luecke-wird-groesser-411427/). Deshalb ist es wichtig zu erfahren, wie die Bundesregierung diesem Umstand begegnen will.

Wir fragen die Bundesregierung:

Fragen18

1

Wie, und anhand welcher Parameter bewertet die Bundesregierung das vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales erarbeitete Maßnahmenpaket von 2011 „Fachkräftesicherung: Ziele und Maßnahmen“ und dessen Fortschreibung von 2017 mit Blick auf die konstant wachsende MINT-Fachkräftelücke?

2

Was plant die Bundesregierung vor dem Hintergrund der seit 2011 immer weiter steigenden Fachkräftelücke in MINT-Berufen auf nunmehr 337 900 fehlende MINT-Arbeitskräfte, laut „MINT-Herbstreport 2018“ vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW), zu unternehmen?

Wie bewertet die Bundesregierung diesbezüglich die Wirksamkeit ihrer Maßnahmen?

In welchem Umfang sollen die vom Bundeskabinett am 2. Oktober 2018 beschlossenen Eckpunkte zur Fachkräfteeinwanderung aus Drittstaaten zur Bedarfsdeckung beitragen?

Auf welcher Grundlage berechnet die Bundesregierung diese erwarteten Auswirkungen?

Welche Maßnahmen wird die Bundesregierung in diesem Zusammenhang zusätzlich ergreifen?

3

Welche Maßnahmen wird die Bundesregierung ergreifen, um den wachsenden Bedarf an MINT-Fachkräften im Bereich der Ausbildungsberufe zu decken, da dort, wie vom IW Köln im „MINT-Herbstreport 2018“ festgestellt, ca. 68,6 Prozent der insgesamt 337 900 MINT-Kräfte fehlen?

4

Wie beantwortet die Bundesregierung die im „MINT-Herbstreport 2018“ gestellte Frage, wie die Zahl der dringend benötigten beruflich Qualifizierten im MINT-Bereich gesteigert werden kann, wenn gleichzeitig nicht genügend Lehrer an beruflichen Schulen vorhanden sind?

5

Was wird die Bundesregierung gegen das Phänomen des Studienabbruchs im MINT-Bereich unternehmen, nachdem das DZHW (= Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung) 2017 darauf hingewiesen hat, dass die Abbruchquote an Universitäten in Ingenieurswissenschaften zwar rückläufig (32 Prozent), in Mathematik und Naturwissenschaften jedoch gleichbleibend hoch ist (39 Prozent) und die Abbruchquote an Fachhochschulen in beiden Bereichen drastisch gestiegen ist (auf 32 Prozent in Ingenieurswissenschaften bzw. 42 Prozent in Mathematik bzw. Naturwissenschaften)?

Falls sich die Bundesregierung dafür nicht zuständig sieht, wie beurteilt sie dies?

Welche Konsequenzen zieht die Bundesregierung darüber hinaus aus der acatech-Studie „Studienabbruch in den Ingenieurswissenschaften“ (www.acatech.de/wp-content/uploads/2018/03/acatech_STUDIE_Studienabbruch_Web-1.pdf)?

Wie bewertet sie vor diesem Hintergrund die Notwendigkeit von Brückenkursen sowie Studienberatung, und wie stark sind diese ausgeprägt?

Welche weiteren Steuerungsmechanismen erkennt sie, und wie prognostiziert sie deren Wirksamkeit, wie beispielsweise die teilweise Koppelung der Hochschulfinanzierung an die Absolventenzahlen und die womöglich damit verbundene Verringerung des Studienabbruchs?

6

Nachdem die Bundesministerin für Bildung und Forschung Anja Karliczek in einem Interview im DSW Journal des Deutschen Studentenwerks jüngst verlauten ließ, den Lehrermangel „gemeinsam mit den Ländern zum Thema“ machen zu wollen, teilt die Bundesregierung diesen Wunsch? Wenn nein, warum nicht? Wenn ja, in welcher Form?

7

Welches Vorgehen plant die Bundesregierung angesichts des Wunsches der Bundesministerin für Bildung und Forschung Anja Karliczek, den Lehrermangel „gemeinsam mit den Ländern zum Thema zu machen“ (www.studentenwerke.de/sites/default/files/dsw_journal_4-2018_final.pdf, S. 17)?

8

Hält die Bundesregierung es für notwendig, die Zahl von etwa 44 200 fehlenden MINT-Lehrkräften für ganz Deutschland bis 2025 empirisch zu validieren, die aus der maßgeblichen Studie von Professor Dr. Klaus Klemm im Auftrag der Telekom-Stiftung zu „Lehrerinnen und Lehrern im Bereich MINT am Beispiel von Nordrhein-Westfalen“ von 2014 hervorgeht, aus welcher sich von Nordrhein-Westfalen auf ganz Deutschland übertragen im Zeitraum von 2013 bis 2025 ein Mangel von etwa 44 200 MINT-Lehrkräften in der allgemeinen Bildung berechnet, was der Autor ausdrücklich für zulässig erklärt, wenn man gleichzeitig berücksichtigt, dass diese Zahl niedriger ausfällt, wenn ein Lehrer zwei MINT-Fächer unterrichtet bzw. höher ausfällt, wenn die Zahl der unterrichteten MINT-Unterrichtsstunden (zum Beispiel im Fach Informatik) erhöht wird?

Wie bewertet die Bundesregierung diese Zahlen auch angesichts des jüngst erschienenen Interviews (siehe Frage 6) mit der Bundesministerin für Bildung und Forschung Anja Karliczek, in dem sie die Bedeutung solider Zahlen als Bewertungsgrundlage für den Lehrermangel betont hat?

Wie bewertet sie die bisherige Wirkung ihrer eigenen Maßnahmen angesichts der 44 200 fehlenden MINT-Lehrkräfte? Falls sich die Bundesregierung hierbei für nicht zuständig ansieht, wie würde dies damit zusammenpassen, dass die Bundesministerin für Bildung und Forschung Anja Karliczek in genanntem Interview den Wunsch geäußert hat, an der Seite der Länder gemeinsam den Lehrermangel zu thematisieren?

Auch wenn die Verantwortung letzten Endes bei den Ländern liegt, wie beurteilt die Bundesregierung die Zertifikationskurse für Quereinsteiger im Umfang von lediglich 100 Stunden (zweieinhalb Wochen)?

Welchen Standpunkt nimmt die Bundesregierung hinsichtlich einer Erhöhung der Klassenstärken ein, zumal belegt ist, dass dies nicht mit Qualitätseinbußen verbunden ist (www.eenee.de/dms/EENEE/Policy_Briefs/German/PolicyBrief2-2011_deutsch.pdf)?

Wie positioniert sich die Bundesregierung bezüglich der Einstufung der MINT-Fächer als Pflichtfächer bis zum Abitur?

9

Wie bewertet die Bundesregierung den Umstand, dass die für die MINT-Lehrerbedarfsdeckung zuständigen staatlichen Stellen (Länder und Kultusministerkonferenz) über keine gemeinsame und valide Zahlenbasis zu diesem Thema verfügen?

10

Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung die Fachlehrerlücke im MINT-Bereich an berufsbildenden Schulen?

Welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung angesichts der Anzahl der zu erwartenden fehlenden MINT-Lehrer an berufsbildenden Schulen?

Falls solche Zahlen nicht vorliegen, warum nicht?

11

Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung aus ihren Konsultationen mit den Ländern über die Entwicklung des fachfremden Unterrichts, also durch nicht für MINT-Fächer ausgebildete Lehrkräfte erteilten Unterricht, in der MINT-Bildung? Was unternehmen die Länder nach Kenntnis der Bundesregierung zugunsten von vermehrtem MINT-Unterricht durch Fachlehrer (vgl. Bundestagsdrucksache 18/11164, IV., 3.)?

12

Hält die Bundesregierung vor dem Hintergrund, dass laut „Hochschul-Bildungs-Report 2020 – Jahresbericht 2017/18“ nur 1,6 Prozent der Lehramtsstudenten den Studiengang Informatik im ersten, zweiten oder dritten Studienfach belegen und die Anzahl der unterrichteten Stunden in diesem Fach im Rahmen einer Digitalisierungsstrategie womöglich steigen wird, das Ziel aufrecht, dass der Informatikunterricht an allgemeinen- und berufsbildenden Schulen durch Informatik-Fachlehrer erfolgen soll?

Wenn ja, wie will die Bundesregierung dies sicherstellen?

Wenn nein, sollen die Informatiklehrer, auch in der direkten Konkurrenz zu Lasten der Wirtschaft, gewonnen werden?

13

Wie sollen die dringend benötigten Informatikkompetenzen systematisch entwickelt werden, wenn hier der Mangel an Informatiklehrern die Qualität der Entwicklung dieser Skills im Wege steht?

14

Was unternimmt die Bundesregierung, um den heute absehbaren Mangel an Informatiklehrern bereits im Vorfeld zu dämpfen?

15

Wie schätzt die Bundesregierung angesichts von laut BDA (= Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände) 1,35 Millionen un- bzw. angelernten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern zwischen 20 und 29 Jahren (13,9 Prozent) die Möglichkeiten der gewerblich-technischen Berufsbildung in Modulen bzw. Teilzeit bzw. in Modulen und Teilzeit ein?

16

Wie schätzt die Bundesregierung den Effekt von Automatisierungs- bzw. Robotisierungspotentialen hinsichtlich der Schließung der MINT-Fachkräftelücke ein oder nimmt diese Lücke in den kommenden Jahren durch die Digitalisierung sogar eher zu, weil insbesondere MINT-Kräfte für diese Entwicklung benötigt werden?

17

Wie bewertet die Bundesregierung die sogenannte Teilqualifizierung, die in einigen Bundesländern, wie zum Beispiel Bayern und Baden-Württemberg, zur Weiterbildung und gegebenenfalls bis hin zum Berufsbildungsabschluss für angelernte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer führt?

18

Was wird die Bundesregierung angesichts der Studie von Bitkom (= Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e. V.) zum Arbeitsmarkt für IT-Fachkräfte vom November 2017, wonach die Zahl der offenen Stellen für IT-Spezialisten auf 55 000 angestiegen ist und gleichzeitig laut Bundesagentur für Arbeit die Zahl der Ausbildungsstellen in der Informatik viel niedriger als die Zahl der Bewerber ist, sodass 679 Bewerber keinen Ausbildungsplatz in Informatik und 644 Bewerber keinen in Softwareentwicklung bekamen, unternehmen?

Berlin, den 16. Januar 2019

Christian Lindner und Fraktion

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