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Kleine AnfrageWahlperiode 19Beantwortet
Administrative Maßnahmen gegen die Chagossianer (Îlois) in Großbritannien und die allgemeine Lage der Menschenrechte der Chagossianer (Îlois)
(insgesamt 14 Einzelfragen)
Fraktion
DIE LINKE
Ressort
Auswärtiges Amt
Datum
25.10.2019
Aktualisiert
26.07.2022
BT19/1353625.09.2019
Administrative Maßnahmen gegen die Chagossianer (Îlois) in Großbritannien und die allgemeine Lage der Menschenrechte der Chagossianer (Îlois)
Kleine Anfrage
Volltext (unformatiert)
[Kleine Anfrage
der Abgeordneten Zaklin Nastic, Sevim Dağdelen, Dr. Dieter Dehm,
Andrej Hunko, Dr. Alexander S. Neu und der Fraktion DIE LINKE.
Administrative Maßnahmen gegen die Chagossianer (Îlois) in Großbritannien und
die allgemeine Lage der Menschenrechte der Chagossianer (Îlois)
Seit dem EU-Mitgliedschaftsreferendum im Vereinigten Königreich im Jahr
2016 („Brexit-Abstimmung“) haben nach Studien rassistische
Diskriminierungen in Großbritannien zugenommen. Laut einer Studie der
Meinungsforschungsorganisation Opinium sahen sich über 70 Prozent der Angehörigen
ethnischer Minderheiten Großbritanniens mit rassistischer Diskriminierung nach
der „Brexit-Abstimmung“ konfrontiert (theguardian.com/world/2019/may/20/
racism-on-the-rise-since-brexit-vote-nationwide-study-reveals). Eine Gruppe,
die von rassistischen administrativen Maßnahmen besonders betroffen ist, ist
die Volksgruppe der Chagossianer (Îlois).
Im Zuge der Kolonialisierung kamen sowohl die Seychellen als auch Mauritius
im Jahr 1810 unter britische Kolonialherrschaft. Bevor im Zuge der
Entkolonialisierung sowohl die Seychellen als auch Mauritius unabhängig wurden,
trennte die britische Regierung die Verwaltung des Chagos-Archipels von beiden
damaligen Kolonien ab und etablierte 1965 das Britische Territorium im
Indischen Ozean (British Indian Ocean Territory, BIOT). In den Jahren 1968 bis
1973 deportierte die britische Kolonialregierung daraufhin die gesamte
Bevölkerung des Chagos-Archipels auf „brutale Weise“. Die Häuser der früheren
Inselbewohner wurden abgebrannt und ihre Haustiere umgebracht (insidehou
sing.co.uk/insight/insight/injustice-upon-injustice-the-story-of-the-
chagosislanders-52181). 1968 erlangten Mauritius und erst 1976 die Seychellen die
Unabhängigkeit.
Die britische Regierung verpachtete 1966 zunächst für 50 Jahre das Gebiet an
die US-Regierung und erhielt daraufhin Rabatte beim Erwerb von Polaris-
Atomraketen (aljazeera.com/indepth/opinion/britain-forcefully-depopulated-
archipelago-190225082624527.html). Das US-Militär errichtete auf Diego
Garcia eine Marine- und Luftwaffenbasis, die seitdem eine zentrale Rolle in
allen US-Militäroperationen im Mittleren Osten, u.a. dem völkerrechtswidrigen
Überfall auf den Irak, gespielt hat. In den frühen 2000er-Jahren diente Diego
Garcia wahrscheinlich auch als ein Standort der weltweiten Folterung von
Terrorverdächtigen durch US-Behörden (theguardian.com/world/2014/dec/13/
diego-garcia-cia-us-torture-rendition). Im Jahr 2016 verlängerte die britische
Regierung die Verpachtung an die USA und versprach, 40 Mio. britische Pfund
an Reparationen an die Chagossianer (Îlois) zahlen zu wollen (ft.com/content/
abbc879a-ac1d-11e6-ba7d-76378e4fef24).
Weitgehend ohne jegliche staatliche Hilfe landete die Mehrheit der
Chagossianer (Îlois) in der Armut (reuters.com/article/us-britain-chagos/the-coral-sea-
Deutscher Bundestag Drucksache 19/13536
19. Wahlperiode 25.09.2019
vista-opened-up-by-british-judges-idUSL2524531120070525). Der größte Teil
der Chagossianer (Îlois) lebt heute „in der heruntergekommenen südenglischen
Stadt Crawley, etwa 9.500 Kilometer von ihrer Heimat entfernt“ (junge Welt,
15. November 2018). Erst seit dem Jahr 2002 steht den Chagossianern (Îlois)
die britische Staatsbürgerschaft zu und seit einigen Jahren ist die Community
einer rassistischen Kampagne ausgesetzt, die das Ziel hat, die in Großbritannien
ansässigen Chagossianer (Îlois) aus dem Land zu drängen (theguardian.com/
world/2019/jul/28/windrush-scandal-continues-in-crawley-as-chagos-
islanderstold-go-back). Viele der in Großbritannien insgesamt circa 3.000 Chagossianer
(Îlois) leben in Unterkünften, welche die britischen Sozialdienste als
„unangemessen für kleine Kinder“ einstufen (theguardian.com/world/2019/aug/10/
chagos-children-stuck-years-unsafe-lodgings).
In den 1980er-Jahren erhob die Regierung von Mauritius erstmals Anspruch
auf das Britische Territorium im Indischen Ozean und erklärte das Seegebiet
um den Chagos-Archipel zur mauritischen ausschließlichen Wirtschaftszone
(books.google.de/books?id=mqNyDwAAQBAJ&pg=PA537#v=onepa
ge&q&f=false). Die Afrikanische Union und die Bewegung der Blockfreien
unterstützen den mauritischen Anspruch auf den Chagos-Archipel (realclear
world.com/articles/2012/04/06/mauritius_chagos_archipelago_diego_gar
cia_99999.html).
Wie von der Enthüllungsplattform WikiLeaks veröffentlichte interne
Depeschen der US-Botschaft offenbarten, hatten sich im Jahr 2010 Vertreter der
britischen und der US-amerikanischen Regierung darüber ausgetauscht, dass aus
dem BIOT-Gebiet ein Meeresschutzgebiet gemacht werden sollte. Das würde
eine Rückkehr der Chagossianer (Îlois) „verkomplizieren oder unmöglich
machen“ (wikileaks.org/plusd/cables/09LONDON1156_a.html). Im selben Jahr
erklärte die britische Regierung das weltweit größte Meeresschutzgebiet um
den Archipel (ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4260629/).
Nach jahrelangen rechtlichen Auseinandersetzungen fällte der Internationale
Gerichtshof (IGH) im Februar 2019 die Entscheidung, dass Großbritannien
unrechtmäßig Territorium von Mauritius abgespalten hat, das
Selbstbestimmungsrecht der Chagossianer (Îlois) verletzt hat und die Kontrolle über das Britische
Territorium im Indischen Ozean so „schnell wie möglich“ aufgeben solle
(bbc.com/news/uk-47358602). Die Regierung von Theresa May lehnte die
IGH-Entscheidung ab, während der Oppositionsführer Jeremy Corbin die May-
Regierung dafür scharf kritisierte (theguardian.com/world/2019/may/21/cha
gos-islands-un-expected-to-call-for-end-of-british-control).
Im Mai stimmten insgesamt 116 Staaten in der UN-Vollversammlung dafür,
dass Großbritannien binnen sechs Monaten die Kolonialverwaltung der Inseln
aufgeben solle (un.org/press/en/2019/ga12146.doc.htm). Die Bundesregierung
enthielt sich als einer von wenigen europäischen Staaten überhaupt bei dem
Votum (youtube.com/watch?v=6_SiQPYRRNE&t=2049s).
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung über den Verbleib der damals
circa 2.000 Chagossianer (Îlois)?
a) Welche sozioökonomischen Indikatoren der Chagossianer (Îlois) sind
der Bundesregierung bekannt?
b) Wie viele Chagossianer (Îlois) sind nach Kenntnis der Bundesregierung
staatenlos (theguardian.com/world/2019/feb/26/its-heartbreaking-
thechagos-islanders-forced-into-exile)?
c) Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung über die Entschädigung,
welche die britische Regierung in den 1970er- und 1980er-Jahren an die
Chagossianer (Îlois) auszahlte?
d) Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung über die 2016
beschlossenen britischen Entschädigungszahlungen (ft.com/content/abbc879
aac1d-11e6-ba7d-76378e4fef24)?
2. Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung über eine „lange
Kampagne“, die das Ziel hatte, die in Großbritannien ansässige Community der
Chagossianer (Îlois) aus dem Land zu drängen (theguardian.com/world/
2019/jul/28/windrush-scandal-continues-in-crawley-as-chagos-
islanderstold-go-back)?
a) Wie viele Chagossianer (Îlois) haben nach Erkenntnis der
Bundesregierung infolge dieser Kampagne Großbritannien verlassen?
b) Mit welchem Ausreiseziel haben nach Erkenntnis der Bundesregierung
die Chagossianer (Îlois) Großbritannien verlassen?
3. Erkennt die Bundesregierung die Deportation der Chagossianer (Îlois) von
1968 bis 1973 als Unrecht und Verletzung der Menschenrechte der
Chagossianer (Îlois) an?
a) Wenn ja, welche Konsequenzen und Schlussfolgerungen zieht die
Bundesregierung aus diesem Unrecht?
b) Wann, und in welchem Rahmen haben Vertreter der Bundesregierung
Vertreter der britischen Regierung die Aufhebung des Kolonialstatus des
BIOT, die Rückführung der Chagossianer (Îlois) und Reparationen an
die Chagossianer (Îlois) diskutiert?
4. Wie viele Chagossianer (Îlois) kamen in den Jahren 2014, 2015, 2016,
2017 und 2018 nach Deutschland (bitte nach Geschlecht und Jahr getrennt
aufführen)
a) mit Asylantragstellung,
b) über Familienzusammenführung bzw.
c) mit anderem Aufenthalt?
5. Wie viele Chagossianer (Îlois) erhielten in den Jahren 2014, 2015, 2016,
2017 und 2018
a) eine Asylberechtigung nach Artikel 16a des Grundgesetzes,
b) einen Flüchtlingsschutz nach der Genfer Konvention,
c) einen subsidiären Schutzstatus?
6. Erkennt die Bundesregierung den mauritischen Anspruch auf den Chagos-
Archipel an?
7. Hat die Bundesregierung seit 2001 wissenschaftliche Expeditionen in den
Chagos-Archipel unterstützt (ncbi .n lm.nih .gov/pmc/ar t ic les /PMC
4260629/)?
8. Erkennt die Bundesregierung die Einrichtung des Meeresschutzgebietes
„Chagos Marine Protected Area“ durch britische Stellen als rechtmäßig an?
a) Welche Konsequenzen hat das nach Kenntnis der Bundesregierung für
das Rückkehrrecht der Chagossianer (Îlois)?
b) Welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung aus der
Einrichtung des Meeresschutzgebietes für das Rückkehrrecht der Chagossianer
(Îlois)?
c) Sieht die Bundesregierung die Rückkehr der Chagossianer (Îlois) durch
die Einrichtung des Meeresschutzgebietes als gefährdet an?
9. Hat das Auswärtige Amt bzw. die deutschen Botschaft in Großbritannien
bzw. die Honorarkonsuln auf den Seychellen und auf Mauritius Kontakte
zu chagossischen Organisationen (wenn ja, bitte benennen)?
10. Welche Konsequenzen und Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung
aus der Chagos-Archipel-Entscheidung des Internationalen Gerichtshofes
vom Februar 2019?
11. Welche Gründe hatte die Bundesregierung, sich bei dem Votum der UN-
Vollversammlung zur Entkolonialisierung des Britischen Territoriums im
Indischen Ozean im Mai dieses Jahres zu enthalten?
12. Haben sich nach Erkenntnissen der Bundesregierung seit 2001 deutsche
Konzerne für Aufträge auf dem Chagos-Archipel beworben (defenseindust
rydaily.com/diego-garcia-03556/)?
13. Halten sich oder hielten sich seit 2001 Angehörige der Bundeswehr auf
dem Chagos-Archipel auf (wenn ja, bitte nach Jahren und Anzahl der
Soldatinnen und Soldaten auflisten)?
a) Halten sich oder hielten sich seit 2001 Angehörige anderer
Bundesorgane (Bundesamt für Verfassungsschutz – BfV, Bundeskriminalamt –
BKA, Bundesnachrichtendienst – BND) auf dem Chagos-Archipel auf
(wenn ja, bitte nach Jahren und Anzahl der Angestellten sowie
Beamtinnen und Beamten auflisten)?
b) Halten sich oder hielten sich seit 2001 deutsche Zivilisten auf dem
Chagos-Archipel auf?
14. Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung über die Präsenz anderer
Streitkräfte als der britischen und US-amerikanischen seit 2001 auf dem
Chagos-Archipel (german-foreign-policy.com/news/detail/4411/)?
Berlin, den 9. September 2019
Dr. Sahra Wagenknecht, Dr. Dietmar Bartsch und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.betrifft-gesetze.de
ISSN 0722-8333]
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